Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1924)
- Date
- 1924-01-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Wegzeichen! Von Dr. Ed. Biberseld in Berlin. „Erstelle dir Wegzeichen! . . Erfüllt war Wort um Wort das ganze leidvolle Kapitel der Fluchdrohungen des Eottesbuchs: niederge- Srochen die stolze Heeresmacht, auf die pochend der sündige Uebermut der Könige Judas dem Zorn Gottes trotzen zu können geglaubt hatte: m ihren Sturz hatte sie nicht nur Land und Volk, sondern auch das Heiligtum, das Lebenszentrum der Nation mit hineingerissen: als Sklaven unter Sklaven atz, was dem Schwert und der Pest entronnen war. das Brot des Exils im Banne seiner Feinde: und an den Bächen Babylons saßen sie und weinten, da sie Zions und seiner entschwundenen Pracht gedachten. Aber der Prophet des Unheils, der damals, als rings um ihn alles in hoffärtiger Selbstvergötterung die Grenzen seiner Machlfülle ins Ungemessene sich weiten sah, nicht müde ward, die kommenden Schrecken in immer heftigerer und härterer Rede zu künden: nun, da seine Vorhersage sich bewahrheitet und von der Wirklichkeit an Furchtbarkeit noch übertroffen wurde, jetzt fand er das Wort des Trostes und der Aufrichtung für die Niedergebrochenen: das Wort, das wohl geeignet war in seiner kraftvollen Sicherheit, aus dem Drang und Zwang des Tages die Gemüter zu lichteren Höhen emporzugeleiten. „Erstelle dir Wegzeichen!" Mächtigem Hammerschlag gleich. Widerstände ausräumend, so tönen und dröhnen die scharfen Atzente dieses Mahn- und Befehlsworts an Ohr 8 und Herz des Hörers: nicht fürchtet es. durch die Kontrastwirkung der allzu trostlosen Gegenwart in feiner berechneten Wirkung in die Zukunft ausgelöscht zu werden: die dichten Dunstnebel der babylonischen Niederung, die atemraubend, herzlähmend alles Leben in den Bann ihrer Trostlosigkeit einspinnen, zerreißt und zerstreut seine Sonnenwärme: denn in iym, aus ihm spricht die Stimme des Gottes, der erniedrigt aber auch erhöht, tötet und belebt, zum Schaol hinab- und wieder heraufführt! Noch lange über die Stunde hinaus, in der es gesprochen wurde, war das Jirmijahuwort nicht verhallt. Jahrhunderte und Jahrtausende unsäglichster Leiden gingen über Israels Vo.kskörper, ihn zerfleischend, dahin. Aber immer wieder, wenn die Golusgeschlechter unter der Nor des Tages in Ermattung zu erliegen drohten, dann regte sich mahnend und beschwörend in den Herzen die Erinnerung des unvergeßlichen Trostesworts und rief zur seelenbefreienden Tat der Ermannung, zum Kampf gegen Wehleid und Hoffnungslosigkeit, zum Glauben und Vertrauen auf Gott und die verheißene Erlösung. Und sie schätzten und schützten nicht nur die alten Wegzeichen, die von der Väter Herzensstärke Kunde gaben, sondern sie pflanzten neben die alten, knorrigen Stämme junge, ranke Schonung, und nie regte s.ch die bange Zweifelsfrage in ihrem Herzen, ob ihr Tun denn nicht zwecklos sei, ob diese Ze chen am Wege je Sprache und Leben gewinnen würden! So hielten es die einander folgenden Geschlechter -bis an die Schwelle unserer Tage. Und unsere Zeit? Vernimmt auch sie die Stimme jenes Rufs, harrt auch sie hoffnungssicher des Tags, der kommen wird, da der Alleine zurückkehren wird mit den Exilierten Zions? E stellt auch sie noch frische Wegzeichen? . . . Törchte Fragen fürwah! Des Wegzeichens bedarf doch nur, wen des Schicksals Widrigkeit für den nächsten Augenblick von dem Ziel seiner Wünsche fernhält, damit in der Länge der Zeit die Vertrautheit des Pfades seiner Erinnerung nicht engleite! Aber unsere Zeit hat ihr Ziel ja schon erreicht und gefunden: den Heimweg zur „gesicherten He'mstätte" des jüdischen Volkes bereits zurückgelegt: im Lande der Fürsten aus den Stämmen Judas blühen, wachsen und gedeihen heute bereits in üppiger Pracht jüdische Behörden und Machtträger jeden Ncmens und Titels: für die Ertüchtigung der Rasse ward Unsterbl.ches getan — welchem Sinn in aller Weit vermöchten also Wegzeichen zu dienen, die zu Vergangenem führen und bereits vor ihrem Erstehen von der geschichtlichen Entwicklung überholt, überaltert sind? Freilich: in dem Wunderwerk dieser neuesten Rena ssance des .üd.fchen Volks ist eines draußen geblieben, das beschränkter Laienverstand darin sogar an erster Stelle suchen und verm ssen mag: für Thorawort und Thoratat war in diesem System sozialer Volksgemeinschaft auch nicht das kleinste Plätzchen übrig. Wä?s nicht angebracht, wenn. Versäumtes nachzuholen, jetzt alle Mittel angewandt würden, um die verschütteten Pfade der Thora wieder nufzudecken und den unkundigen Schritt der Allzuvielen durch das Geröll der Tageswirrnis zu ihrem frischquellenden Born zu geleiten? Torheit der Torheit? Wegze.chen, wo man eben erst Schlagbäume erstellte?! Jsaac Breuer hat ein neues Buch erscheinen lassen, das so reich an schönen, guten und scharfgeistigen Gedanken ist, daß man darob geneigt ist, ihm manche Unzulänglichkeit seiner Romane zu verzechen. Das heißt: eigentl'ch ist es kein neues Werk des Verfassers, sondern ein Wiederabdruck früher veröffentlichter Aufsätze, die seit langer Zeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich, und daher dem Leser kaum noch zugänglich sind. Zweitens ist es auch kein Buch im gewohnten Sinn des Wortes, der darunter ein mit abgrundtiefer Gelehrsamkeit in ein Thema sich versenkendes und das Problem erschöpfendes Werk, dem man das Lampenlicht auf Meilenweite absieht, versteht: sondern es ist die freie Vereinigung dreier, gedanklich mit einander nicht verbundener Essays, die aus dem Tagesleben geboren, es dem Besonderen, das der Verfasser zu sagen weiß, verdanken, daß sie nicht mir dem Tage vergingen. Gerade diese Tatsache sei hier besonders unterstrichen, weil sie einen Ruhmestitel für das Buch, bedeutet: denn nicht eben allzu zahlreich sind die literarischen Erzeugnisse unserer Tage, deren Aktuali.ät den Tag ihres Erscheinens überdauert, und deren Verfasser es noch nach Jahr und Tagen wagen dürsten, ihre Produkte den Gefahren einer Wiedergeburt auszusetzen. Das einigende Band, das die Disparität der Themata umschlingt und zusammenfaßt, ist i« dem Titel*) gegeben, der hier mehr als eine Inhaltsangabe, mehr 'als ein literarischer Begriff, der ein Bekenntnis ist. Der Verfasser dieser Aufsätze, trotzdem sonst Weltsremdheit sein kleinster Fehler ist, weiß nichts davon, daß, was immer man sagen mag, die Zeit der Erfüllung bereits gekomnren sei: die Schaumgebilde, welche die Welle emportrug, imponieren ihm höchstens als Exponenten der Hohlheit und Scheingröße unserer Zeit: und eine Heimstätte Israels, in der nicht Thorawort und Thorageist, sondery. Menschenwille und Menschenwitz die Geschicke bestimmen, deucht ihm alles andere eher, denv gefestet und „gesichert". Und darum ist für ih» die Zeit noch nicht gekommen für den Abbau der Wegzeichen, die die früheren Geschlechter zur Führung und Weisung nach Zion erstellten und pflanzten: neue Wegzeichen, ganz im Gegenteil, zu den alten zu fügen, fordert von ihm der Aberwitz einer Zeit, die in Irrwegen des Geistes und der Sinne sich verlor und die den blendenden Schein des Truggolds der Phrase, der Wertbeständigkeit des heiligen Schekels der Thora vorzog. „Als Wegzeichen zum Judentum", so äußert sich in dem kurzen Vorwort der Verfasser, „stelle ich hier drei Arbeiten zusammen". „Sie behandeln drei Grundprobleme an der Peripherie des Judentums und wollen allen denen Wege zum Judentum weisen, die des unendlichen Glücks nicht teilhaftig geworden sind, im Zentrum des Judentums als Persönlichkeiten zu erstarken." . . . Man sieht — die Wahl'des Titels beweist's: — auch in seinem Herzen klingt und singt das alte Jirmijahuwort fort, mit seiner Mahnung und Beschwörung an die Berufenen, durch Wort und Tat allzeit die müden und matten Herzen der Hoffnung zu erschließen, die Saumseligen zum Werk zu rufen, den Jrrwegigen die Pfade zu weisen, die zur Eeulas hanefesch, zum Zion der Thora führen. II. Und Jsaac Breuer ist ein Berufener: dassagen dem, der ihn nicht ohnehin kennt, die hier angezeigten Arbeiten. Man braucht, zu diesem Urteil zu gelangen, keineswegs allen seinen Ausführungen beizupflichten, darf sogar, wie Referent, selbst in essentiellen Punkten einer anderen Auffassung als der seinigen den Vorzug geben. Und man begeht ebensowenig mit der Feststellung ein Unrecht an dem Verfasser, daß seine *) Wegzeichen von Jsaac Breuer, Franksurt a. M. I. Kaussmaun. 1923. 101 S. 8°.