Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1924)
- Date
- 1924-01-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 5 Der Israelit 31. Januar 1924 über das Schweigen . . . Zwischendurch tanzt „Kadimoh", turnt „Makkabi", singt „Hasomir" und spielt der „Hachober" ... Und jeder Vortrag ist begleitet von Vorbericht (mit Bild und Verdiensten des Referenten), in beiden Wochenzeitungen, von Nachbericht, Gegenbericht, Replik und Duplik und „letztem Worte an die Redaktion" im „Wochenblättle" ... Vis ein neuer. Stern am Himmel aufleuchtel und den ersten, verblaßt und erloschen, ins Nebelreich verdrängt ... Daß man in Sternenregionen anr Ende selbst zu einem Sternlein wird, erfuhr ich aus der Voranzeigs in den Blättern, die mich am ersten Freitagmorgen in der Schweiz überraschte. Mithin erübrigt sich ein Wort über den Ausgang des Vortrags. in Zürich und kann auf besagte Berichte und Nachberichte verwiesen werden ... Insofern war für den Referenten der Züricher Abend ein tiefes Erleben, als er ihm zeigte, wie stark und tief der Gedanke der Aguda in dieser größten Schweizerstadt Wurzel geschlagen hat. Zurück. Selbst dem D-Zug Zürich—Berlin „pressiert" — ein beliebtes Wort in der Schweiz — es nicht, den schönen Schweizerboden zu verlassen. Er hält auf dem Zentralbahnhofe in Basel volle zwei stunden und noch eine Stunde hinter der Zollschranke aus dem Badischen Bahnhofe. Und noch eine halbe Stunde länger, weil aus einem Liebespaket ein Päckchen Tabak. und ein halbes Pfund Kakao herausgefischt wurden, die der Beschenkte verzollen muß. Den Grünen ,,pressiert" es auch nicht ... „ . . Endlich ist der Zug im Rollen und ich nicke auf meinem Eckplatze ein, um den zehntägigen schönen Schweizertraum zu Ende zu träumen. Wie lange ich so dahindöste, weiß ich nicht. Ein Geräusch riß mich jäh aus allen Träumen. Auf dem langen Gange gröhlte jemand: „Wenn Sie mit Ihrem Rucksack nicht Weggehen, Sie Dr.!" (Das letzte Morr klang ebenfalls in „Sack" aus und es reimte sich gut). Und im Nebenabteil dozierte einer und wies nacy, warum er justament „deutschnational" wählen muß. Nämlich: die Juden . Wir waren wieder in Deutschland! . . . Uinderecke. Wintertraumi Erzählung für die kleinen, erlebt von einer Kleinen! Von Schwester Jenny Kkieöer, z. Zt Warönrg a. d. ^ahu. Und so schrill ich fürbaß. Ringsherum weile, weiße Flächen, so weit das Auge reicht. Tiefe, feierliche Stille über der unermeßlichen Welt. Das Auge schmerzt fast von der blendenden Weiße. O. wie schön, kein Baum, kein Strauch, nur dieses wundervolle glänzende, glitzernde, endlose Schneemeer. Leichtbeschwingt gleite ich durch den tiefen Schnee, fühle weder Kälte noch Nässe. Gleiten, gleiten durch die herzerfrischende, kalte Luft. Plötzlich ein Erinnern, wie weit mag es wohl noch bis Schalkow sein? Ich wollte doch nach Schalkow zu meiner Freundin Baschka Levkowitz. Ob sie mich wohl erwartet? Jetzt wird mir mit einemmal die Zeit zu lange, und im forschen Weiterschreiten singe ich mir ein Lied. Ich habe es erst vor kurzem von Baschka Levkowitz gelernt. Es läßt sich so fein im Takte marschieren beim Singen!... Als ich bin a klein Jüngele gewesen, hob ech mech gespielt a Sach! Als ech bin a klein Jüngele gewesen, Gebodet hob ech mech em Tach, (Teich), Gewaschen, geplusket, (geplätschert), Gebodet a Sach, bis mech der Tate Hot gesehen, hot er mech mechabed (beehrt) gewen! Frog ich em woes, Für wos kimmt mir does? Weil in Cheder, Kiseder (ytöd) A Jüngele darf (muß) sitzen dort, Werl im Cheder Kiseder, Schah, und red nischt kein Wort! Den Kehrreim singe ich schon nicht mehr, denn ich merke mit Schrecken, daß es zu dunklen anfängt, und ich bm noch unterwegs, und es ist so kurz vor Schabbos und von Schalkow noch kerne Spur. E ne heiße, namenlose Angst überfällt mich. Ich strenge meine Augen an, um besser sehen zu können, und plötzlich gewahre ich dicht neben mir eine riesengroße Strohmiete, wie solche die Bauern für den Winter errichten. Nun ist aber auch schon die volle Dämmerung hereingebrochen. Ganz verzweifelt lege ich mir die Frage vor, was nun beginnen? Wie finde ich in der Dunkelheit den Weg nach Schalkow. Ich setze mich nieder. Es fällt mir plötzlich ein, daß ich jetzt überhaupt nicht Weitermarschieren kann: denn es ist ja längst Sabbath, und das Gehen außerhalb der Stadt verboten. Also setze ich m'ch nieder, an den Strohhaufen gelehnt, und denke jetzt ganz ruhig: die „Malachai Hascholaum" von Gott gesandt, werden auch mir Hilfe bringen müssen, denn Gott verläßt kein braves Kind in der Not. Sicher wohnen hier Bauern in der Nähe, die mich vielleicht finden werden. Aber nun steigt mir wieder brennende Röte der Angst ins Gesicht. Ich kann ja weder ein Wort polnisch, noch ruthenisch sprechen. Während derartig traurige Gedanken mich beschäftigen. raschelt es hmter dem Sttohhaufen und hervor tritt, ein riesiger alter Mann. So groß und so greis, daß ich schreckensbleich „lischuoscho kiwithi adonai" hervorstoße! Er kommt näher, und ich fühle das Herzklopfen bis zum Halse hinauf. O, wie lang sein Bart herabwallt, so muß der Riese Goliath ausgesehen haben, als er den kleinen zarten David zum Kampf reizte. Aber ich bin nicht so mutig wie mein Urahn, denn ich zittere am ganzen Körper, als der Alte jetzt zu sprechen anfängt. Aber wie groß ist mein Erstaunen, der Bauer spricht jüdisch, so wie die Juden in Galizien alle sprechen. Nun fasse ich Mut und frage den Alten, ob es noch weit nach Schalkow sei. Da lacht der Titan aus vollem Halse: „Aber Kleine, du bist ja in Schalkow, und ich bin Baschkas Vater. Hast du es denn ganz vergessen, daß ich erst jüngst bei deinen Eltern in der Stadt war?" Ich erinnere mich an nichts und werde wieder ängstlich. Er aber unbekümmert, nimmt mich bei der Hand und sagt freundlich: „Komm nur mtt nt. die Sabbatstube. Es ist hell und warm dort." Ich staune noch immer, ich hatte die paar Dorfhütten, die jetzt aus dem Schnee Hervorschauen, vorhin gar nicht bemerkt. Der Langbärtige fragt nun nicht mehr viel, sondern er zieht mich mit sich fort und bald stehe ich auch vor dem sabbatlich erleuchteten Häuschen, und gleich darauf in einer hellerleuchteten, großen, sehr warmen Küche. In einem jener Räume, wie sie in Galizien nicht selten sind, und in denen gekocht und gegessen wird, und in denen auch immer noch ein Bett steht, in dem das Dienstmädchen oder eines der vielen Kinder schlafen. Und da ertönt mir auch schon das traute entgegen, so wie Freitag Abend zuhause. Aber eigentümlich, meine Freundin Baschka sehe ich nicht. Und während, wenn ich sonst zuhause den Vegrüßungsgesang mitsinge, ich immer eine heiße Andacht und Freude empfinde, ist mein Herz heute beklommen. Auch fällt es mir plötzlich auf, daß ich gar kein Sabbatgewand trage. Wie sehe ich aus? An mir können die Friedensengel gewiß keine Freude haben. Am liebsten möchte ich weinen, wenn es nicht verboten wäre, das Weinen am Sabbat. Ein tiefer Seufzer nur, und — ich bin erwacht! — Geträumt hatte ich nur! Durch die mullverhangenen Scheiben flutet Helles Morgenlicht in mein behagliches Kinderzimmer. Draußen höre ich Vater schon vom.MVN-Gebet heimkommen und Mutter ruft so sabbatlich: „Komm, steh' auf, du Faulpelz, Vater will K'.ddusch machen." „Gleich, gleich, Mutti," rufe ich, ganz glück.ich, daß ich das wirre Zeug nur geträumt hatte, und bin noch mehr beglückt, daß der Sabbat der Elternstube Wirklichkeit und kein Traum ist! Vermischtes. Berlin, 10. Jan. Vom Arbeitersürsorgeamt der jüdischen Organisation Deutschlands wird uns gesch reden: Gesucht wird der ehemalige Kriegsgefangene Manasie B a d a n e s , ungefähr 35 Jahre alt, geb. zu Smargon tn Rußland. Nachrichten über seinen Verbleib sind an das Arbeiterfürsorgeamt, Berlin, Auguststr. 17, zu richten. Cöthen, 15. Dez. Die „Cöth. Ztg." meldet aus E r ö b z i g: Vorgestern fand im Rektoratszimmer der hiesigen Schule die Vernehmung der Schüler statt, die Sonntag, 14. Oktober, die Verwüstung auf dem jüdischen Fried Hofe an gerichtet haben. Bei dem Verhör stellte es sich heraus, daß fünf Schüler bei dem Unfug beteiligt gewesen sind. Hinsichtlich der Wredergutniachung des Schadens kam man dahin überein, den Eltern der fünf Kinder bis Sonntag Gelegenheit zu geben, bei der jüdischen „Reparationskommission" grundsätzlich ihre Zustimmung zu anteiliger Schadenersatzleistung zu geben, andernfalls soll — wie verlautet — von jüdischer Seite das gerichtliche Verfahren eingeleitet werden. — Ob der Herr Rektor seiner lieben Jugend sonst noch was zu sagen hat? Köln, 28. Dez. Es dürfte weite Kreise interessieren, daß hier seit einiger Zeit eine oft jüdische Relrgr'onsschule „Talmud Thora" besteht, die von etwa 100 Kindern besucht wird. Die tägliche Unterrichtszeit erstreckt sich auf fünf Stunden von 2—7 Uhr nachmittags. Der Unterricht umfaßt vom vs mm P11PN »no: >v"v -,18p ,-y'i .->-723 ->"vn em-s a? sowie jüdische Geschichte. Newyork, 3. Januar, Aus Chicago wird berichtet: Der bekannte jüdische Philanthrop Julius Rosenwald hat als erster eine Spende von 100 000 Dollar zugunsten einer Sammlung für das notleidende Deutschland gegeben, die unter Führung des ehemaligen Kommandeurs der amerikanischen Besatzungstruppen in Koblenz, des Generals Allan, in Amerika durchgesührt wird und die man auf über eine Million Dollar zu bringen hofft. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß Mr. Rosenwald im Jahre 1917, als das „Joint Distribution Committee for Jewish War-Sufferers" eine Zehn-Millionen-Dollar-Kampagne durchführte, allein eine Million Dollar spendete. Danzig, 3. Jan. Dem fortgesetzten Bemühen des Vereins Tiferes Jisroel hat der hiesige Gemeindevorstand nachgegeöen und Herrn Rabbiner I. M. Sagolowitsch aus Tver in Rußland als D a j e n angestellt. Herr S. hat den Namen eines großen n"v und ist damit die Hoffnung gegeben, daß das orthodoxe Leben, das zur Zeit in Danzig sehr darniederliegt, dabei viel gewinnen wird. Heilbronn, 20. Jan. In dem benachbarten Ort Ort Flein hat der evangel. Pfarrer letzten Sonntag im Verlause seiner Predigt folgendes ausgeführt: „Ich habe während des Herbstgeschästes (Weinlese) leioer wahrnehmen müssen, daß viele Eemeindegenossen den Sonntag entweiht haben. Diese mögen sich ein Beispiel nehmen an der Firma I. B. R. in Heilbronn (der Herr Pfarrer nannte die jüdische Firma bei vollem Namen), diese Firma hält ihr Geschäft Samstags geschlossen und ist noch dazu gezwungen von Geseheswegen auch Sonntags die Arbeit ruhen zu lassen und ist dabei auch noch nicht zurückgekommen. Der eine von den Herren kommt ja viel hierher, Ihr kennt ihn ja Alle." D. E. Baltimore. Betrag mit bestem Danke erhalten. Voremberg, Reinheim. Ihr Abonnement ist bis 1. Juli 1924 bezahlt. Dr. Zivi, Witzenheim. Betrag eingegangen. Obberkrantor S. S. In M. Die Erzählung stammt ausder Feder des Dr. Markus Lehmann Fraglicher Herr ist Lehrer in Köln a. Rh. A. H., Messingwerk. Der zweite Teil des Kaatz'chen Buches ist leider bis heute nicht erschienen. Sprechsaal. Garmisch-Partenkirchen, 26. Jan. Ich bin seit 14 Tagen zu meiner Erholung hier in voller Pension bei dem Landhaus Wolfs. Wenn man wirklich Erholung genießen will oder nur Ruhe sucht, so kann man das hier. Alles Schöne und Gute ist hier vereint. Die Bescher sind zu jedem außerordentlich zuvorkommend. Sofort bei Ankunft wird man auf Wunsch in der Dependance des Wolffschen Landhauses untergebracht. Vorzügliche Betten in herrlichen Balkonzimmern tragen zur Bequemlichkeit bei. Das Essen ist erstklassig und außergewöhnlich reichlich. Von Rischeß kann hier wirklich keine Rede sein, sondern es find alle Leute höflich und zuvorkommend.. Ich kann nur jedem empfehlen, von der schönen Einrichtung der ivv-Pension, bevor es zu spät ist, ausgiebigen Gebrauch zu machen. Die herrliche Umgegend trägt zu allem Schönen bei und bietet reichliche Abwechslung selbst für denjenigen, der schon durch viel Gebirge verwöhnt ist. Ernst Joseph, Berlin.