Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1924)
- Date
- 1924-01-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Tculllcton Das Fener der Liebe. t Von Heinrich Einstädter. (Schluß.) Der zweite Funke fiel nach Amerika, wo es fo hohe Häuser gibt, daß man gar nicht von der Straße bis zum Dache schauen kann. Er gelangte aber, ohne zu erlöschen, durch all die vielen Stockwerke, bis in die Brust eines Kaufmannes, dem er so warm machte, daß er schon nach wenigen M'nuten die Feder weglegte, chit der er gerade in sein Hauptbuch geschrieben hatte, und zur Stadt hinaus in seine Privatwohnung fuhr. „Frau", sprach er dort zu seiner gleichgesinnten Gattin, „ich möchte gern mit dir in meine Heimat nach Deutschland re'sen. Dort haben wir v'ele Verwandle, unter denen gewiß manche durch den Krieg in Not gekommen sind. Laß uns Umschau halten und überall helfen, wo wir können." Die Dame war sogleich einverstanden, und so fuhren sie übers Meer und kamen plötzlich ganz unerwartet in einem kleinen Dörfchen an, wo man sie mit großer Freude aufnahm. In wenigen Wochen schon wußte man in allen Häusern, wo infolge des Krieges eine Lücke en standen war, von ihnen zu rühmen. Da erhiel'en Bräute ihre Ausstattung, Geweibetretende das fehlende Betriebskapital und Arme reichliche Unterstützung. Ueberall, wohin die Amerikaner kamen, stifteten sie Segen. Doch nicht nur auf dem Lande hat der schlimme Krieg Verwünstungen angerich'et, noch mehr in der Stadt. Da geht nur in das prächtige Gebäude dort mit den vielen bolzen Fenstern. „Siechenhaus" steht in großen Buchstaben über dem hohen Portale. Reiche und wohltätige Leute haben es gegründet und bedeutende Zuwendungen dafür gestiftet. Aber die Gelder sind heute entwertet, und die Unterhaltung erfordert unerschwingliche Summen. Nicht einmal die Heizung konnte man in diesem Winter in Betrieb nehmen. So sind denn die Kranken zum Teile wieder in ihre Heimat zurückgebracht worden, und die übrigen sind in einige Säle zusammengepfercht, die durch Oefen geheizt werden. Dort erzählen sie sich von früheren besseren Tagen und murren ob des traurigen Geschickes, das sie siech und hilflos werden ließ. Da öffnet sich die Tür, der Verwalter tritt ein. Sein Erscheinen ist stets für die Kranken eine Freude; denn nie kommt er ohne eine erfreuliche Tat oder ein gutes Wort. Auch diesmal glänzt sein Gesicht. Er schwingt ein Schriftstück in der Rechten und ruft fast jauchzend: „Ratet, was ich hier in der Hand halte.' Oder ratet nicht, es ist ja doch vergebens. Ein solches Glück! Ein solch edler Mensch! Er hat unserer Anstalt die Kosten für die Heizung und für sämtliche Medikamente und Verbandsstoffe gestiftet. Dem mutz ein Feuer der Liebe im Herzen brennen!" Und so war es auch; denn alle, die im Saale waren, fühlten seine Wärme, die Glut des Feuers der Liebe. Eine Schweizerreise nach Jahren. HI. Auf Schweizer Bahnen. Wenn man von Baden über Zürich und Zug nach Luzern durch Teils Lande fährt, kann man herrliche Winterlandschaften an drei Seen genießen. Wie jedesmal so ganz unvermittelt hinter den verschneiten Gärten und Obsthainen das breite Bett des Sees kristallscharf aufglihert, sich dann hinter den weißen Hängen versteckt, um bald wieder lieblich und blau aufzuleuchten, ist es ein Erleben erlesener Art. Der Kranz der Hochgebirge im Hintergründe ruht im leichten Nebel wie im Seidenflor. Ein überwältigendes Zusammenspiel von gigantischen Formen und Farben! Wie mag es hier erst aussehen, wenn der Lenz das Ganze vergoldet, der Sommer seine satten Farben über Wald. und Wasser streut, der Herbst sich gelb- und braunschillernd hier niederläßt! Hier beginnt die eigentliche Schweiz, die man aus der Fahrt durch den nordöstlichen Aargau vergebens gesucht. Aber auch im Wagen selbst ist es schön. Eine Fahrt mit Schweizerbahnen hat für den aus Deutschland Kommenden etwas ungemein Nervenberuhigendes. Man sieht keine verärgerten Gesichter und die Menschen sprechen wenig von Politik und garnicht von den Juden ... Man hilft, 'nicht nur ganz jungen und ganz alten Damen, beim Aus- und Einsteigen und Gepäckoerstauen, und wenn inan ei-.:em unversehens auf den Fuß tritt, sagt man „Er° kusezl" Der gutgenährte, rotwangige Schaffner mit den blankgeputzten Knöpfen und gutgemachtem Schnurrbarte, eitel Würde und Zuvorkommenheit, sagt höflich: „Märci!", wenn man ihm die Fahrkarte vorzeigt. Ja, es kommt sogar vor — für deutsche Ohren ganz unglaublich — daß, wenn jemand in letzter Minute noch in den Wagen springt und spähend in ein Abteil hineinsieht, es ihm nicht aus einem halben Dutzend Kehlen entgegenbrüllt: „Beseht!", sondern es wird gesagt: „Goht scho! Wir werde e chli bisle annerücke". — — So sieht ein. gesundes Volk aus, das nicht durch furchtbare Verhältnisse aus dem Geleise geworfen wurde . . Oder habe ich zu früh geurteilt,' zu früh gelobt? In meinem Abteil liest ein älterer Herr die „Züricher Post", legt das Blatt aus der Hand und sagt: „Na fa, recht hat die Zeitung schon. Hier sollen wir für Deutschlandhilfe sammeln und dort in St. Moritz, in Engadin und anderswo prassen und schlemmen die Deutschen und fahren Ski. Die haben keine Not." „Die nicht," sage ich, „aber in Berlin und Frankfurt und überall in Deutschland gibt es hunderte von Kindern, die ohne Frühstück in die Schule kommen, tausende, die überhaupt nicht in die Schule können, weil sie nichts anzuziehen haben ..." Ein anderer Herr packt die Sache von anderer Seite an: „Warum sollen die Deutschen, die soviel, durchgemacht haben, nicht auch ein Recht auf Lust und Erholung haben? Uebrigens, erst jammerten wir über die Abnahme des Fremdenverkehrs und jetzt klagen wir über die, die kommen . . Der Mann konnte seinem Aussehen und seiner Rede nach ein Hotelier sein ... Der mit der Zeitung sagte ruhig, schon halbversöhnt: „Dann sollten sie wenigstens die Perlen und Brillanten und schweren Pelze daheim lassen. Oder sie dort für die Kindernot verwenden." Dagegen hatte keiner was einzuwenden. Solche Gespräche, die sich in deutschen Eisenbahnwagen zu . einem Rassenstreit auf Tod und Leben auswachsen, werden hier ohne Haß und Leidenschaft und ohne Spur von persönlicher Anzüglichkeit zu Ende geführt. - Mein Nebenmann, ein in Bern wohnender Glaubensgenosse, flüstert mir aber ins Ohr: >,Glauben Sie mir, das mit den Perlen und Brillante ist wahr und es sind lauter „unsere Leute". . Ich erlaube mir, es zu bezweifeln. Mindestens scheint es mir stark übertrieben. Sollten sich aber deutsche Glaubensgenossen unter den Wintersportlern befinden, die über die Erholungszwecke hinaus mit ihrem Ueberfluß funkeln und flunkern, so möchte ich ihnen das alte, ewiggiltige Jakobswort in Erinnerung bringen: „Lomo tithrou!" „Laßt Euch nicht überall blicken!" Midrasch interpretiert: „Al tasssiu pessioh gasso!" „Macht keine großen Schritte!" Ich würde in diesem Falle übersetzen: „Ihr sollt nicht Ski laufen! . . ." In Luzern. Am Ausflusse der Reuß aus dem Vierwaldstättersee liegt Luzern, ein Wort, das nur Vorstellungen von Schönheit und Lieblichkeit erweckt. Das jüdische Luzern lebte in meiner Erinnerung als Inbegriff patriachaltscher Gemütlichkeit im besten Sinne. Das heutige Luzern ist aus diesen engen Verhältnissen weit hinausgewachsen. Tine wundervolle Synagoge, deren Baumeister vieles 4. nt. $ l im Anlage zu Frankfurt abgeguckt hat, blitzsauber in Marmor und Bronze prangend, hat das kleine Bethaus von damals abgelöst. Die Gemeinde hat sich numerisch wie geistig vergrößert, und hat in einem jungen, tatsrohen und kenntnisreichen Rabbiner eine Spitze, die ihre weitere Entwicklung verbürgt. Indes bk abrahamitifche Gastfreundschaft hat sich hier von Vätern auf Söhne vererbt, und wenn man morgens M der schönen Synagoge beim Gottesdienste dabei ist, öüHttE böfur fünf Einladungen zum Kaffee erhalten. Der Rütlisaal, in dem abends Vortrag ist, ist gut Opposition ist auf dem Platz. Der Führer des „Misrachi" ist ein alter, lieber Freund aus der Endinger Zeit. Die fressen uns nicht! . . . Eme Diskussion kommt in Fluß und dehnt sich bis zur Mitternachtsstunde. Es ist aber keine E.rpkoslon. Es fehlt hier die selbstsichere Draufgängerei. Luzern hat keine Studenten ... Die Redner befleißigen sich mäßiger Sachlichkeit. Aber immer die alte Leier. Jemand soll den Streit entfacht und die Einigkeit gestört haben. Wer? Ihr! Nein Ihr! . . Es ist doch gar zu komisch für die, die von aktersher den von den Vätern gewiesenen geraden Weg gegangen sind, erst Nachweisen zu müssen, daß nicht sie, sondern die andern, die dahin und dorthin abgeschwenkt sind, den Zusammenhalt gestört haben. Aber man streitet bis Mitternacht darüber, wer streitet, und man kommt zu keiner Einigkeit, wer die Einigkeit gestört hat?! Ich sah einmal eine lustige Posse, in der einer den andern an sch reit: „Wer schreit? Ich schreie? Sie schreien! . . ." Zürich. »Zu Frankfurt kam ich am Schabbos an Und aß dort Schalet und Klöße . . So läßt Heinrich Heine seinen Ritter Tann- Häuser erzählen. Ich kam in Zürich zu Schabbos an, denn Zürich sollte der Sabbat der Tournee, Abschluß und Krönung des Ganzen sein. Und hätte der edle Tannhäuser mit mir am gleichen gastlichen Tische in Zürich gesessen und in Sang und Weihe und stetem Aufleuchten jüdischer Worte und jüdischer Gedanken es von Abend bis Abend erlebt, was sich hinter dem jüdischen Sabbat verbirgt — er und sein Dichter hätten ihr Wort von der „besten Religion" weniger spöttW fahren lassen . . . Doch nicht davon wollen wir sprechen. Wer das Bild der Frankfurter „Friedbergeranlage" im Geiste trägt, den mutet in der Synagoge der Züricher Religionsgesellschaft alles klein, unfertig, unzulänglich an. Die Gemeinde ist in den letzten Jahren wiederholt gewandert und hat jetzt ihr Domizil in einem schmalen, länglichen, unförmigen Bau, in dem sich die zwei Rabbinersitze rechts und links der heiligen Lade — sie sind beide besetzt — fast grotesk ausnehmen. Doch ist bekanntlich in „der kleinsten Hütte Raum . . ." Der lebenswarme Puls des jüdischen Herzens schlägt auch ber dieser armseligen Aufmachung kräftig, und der blutjunge Vorbeter mit dem für sein Alter und Aussehen ganz unwahrscheinlich massiven Baß hat eine volle andächlig mitgehende Gemeinde, nicht minder die Herren Rabbiner, wenn sie am Sabbat nach Mincho von rechts oder von links — je nachdem „wessen Sabbat" es ist —I das Wort der religiösen Belehrung ergreifen. Es wirl) auch in und außerhalb der Schule „gelernt". Und dort in der -Gerechtig keits g a sse ist etzl Bau im Werden begriffen, mit dem die Hoffnung einer Gemeinde wächst: eine eigene neue Synagoge, in der die beiden Rabbiner in jedem Sinne ihren richtigen Platz - finden ...; Unterdessen sorgt die Aguda, die hier auch tatkräftige _ Führer hat und die gesetzestreue Jugend zusammenhält, dafür, daß das jüdische Leben nicht ins Stocken kommt. Prächtige Männer lernte ich hier kennen, von denen ich nur bedauern muß, daß sie von Gemeinde und Kelal nicht noch mehr ihrem Können entsprechend zu. aktiver Mitarbeit herangezogen werden. Zürich ist die Stadt der Vorträge und Veranstaltungen. Wenn man die zwei dort erscheinenden jüdischen Wochenzeitungen am Freitag durchblickt, mutz man des Glaubens sein, daß in Zürich überhaupt nichts anderes getan wird . . . Die Kriegs- und Nachkriegszustände haben viele — wirtschaftlich gefallene — Sterne als Kometen, die kommen und gehen, am Züricher Himmel auflsuchten lassen. Moissi und Reinhardt selbst waren da. Johann Strauß hatte seine Walzer gespielt und Henny Porten wandelte leiblich und als Lichtgestalt über die Bretter, die Welt und Kino bedeuten . . .. Selbstverständlich hat auch Marlin V u b e r über Chassidismus gelesen und Richard Beer- H o f m a n n aus seinem „Jakobs Traum", und erst in den jüngsten Tagen hat Elsa L a s k e r eigene Gedichte rezitiert und dabei viel Be)sall, Pfiffe und. einen Nervenschock eingeheimst . . . Vorträge wurden und werden gehalten von allen Größen, Halbgrößen und Viertelsgrößen der Welt über alle möglichen Themata des jüdischen, nichtjüdischen, unjüdischen und antijüdischen Geisteslebens. Simon referierte über die geistigen Probleme der Juden — und die f i n a n z i e l l e n „ d e s Juden", und I e l s k i sprach zwei Stunden lang —