Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1924)
- Date
- 1924-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 4 Der Israelit 24. Jamrar 1924 halten in jüdischer und polnischer Sprache. Während man die polnischen Reden ruhig anhörte, erhob sich ohrenbetäubender Protestlärm, als ein Herr Gordon im Namen des „Tarbuth" eine hebräische Rede begann. Die Iiddischisten wollten Hebräisch nicht hören; als Antwort darauf fingen die Hebraisten an, im Chore die „Hatilwa" zu fingen. Nach einer Unterbrechung der Festsitzung brach bei der Wiedereröffnung der Skandal von neuem los. Nach dieser „harmonischen" Aussprache setzte der gemütliche Teil mit einigen musikalischen Nummern ein, die, nach den Berichten, ungestört verliefen. Versorgungen und Pogrome In Russland. Riga , 18. Jan. Böse Nachrichten kommen aus Sowjetrußland. In Jellsawetgrad fand ein regelrechter Pogrom statt mit Mord, Plünderung und Brandstiftungen, dem Polizei und rote Armee machtlos gegenüberstanden. Nach anderen Versionen hätten die Rotgardisten entgegen den Weisungen der Vorgesetzten, einzuschreiten, sogar mitgemacht. Es soll hunderte von jüdischen Opfern gekostet haben. Inzwischen gehen die Verfolgungen in Moskau weiter. Eine große Anzahl jüdischer Kaufleute wurde einfach aus Moskau ausgewiesen, angeblich wegen unlauterer geschäftlicher Manipulationen. In Wahrheit handelt es sich um der Regierung unbequeme Bürger, die man sich aus diese Weise ohne Untersuchung und Gerichtsverhandlung vom Halse zu schaffen sucht. Sehrvei; vom Bllfmrcin für ISdiscbe Lungen«»»»«. Zürich, 18. Jan. Der Hilfsverein für jüdische Lungenkranke, der die Lungenheilstätte „Gtania" in Davos unterhält, ein Institut, dem hunderte schwer leidender Glaubensgenossen HeNung und Rettung verdanken, veröffentlicht folgenden zunächst für die Schweiz bestimmten, aber auch für alle anderen Länder der Welt beachtenswerten Aufruf: „Am 6. Dez. waren es sieben Jahre, da der Hilfsverein für jüd. Lungenkranke in der Schweiz sich konstituierte und ein Werk ins Leben rief, das heute wohl zu den wichügsten Schöpfungen der ganzen Iudenheit zählt. Es ist dieses die Heilstätte Etania, Davos, in der bis Heute über 800 Patienten die ersehnte Erholung oder Genesung fanden. Wir verpflegten im Jahre 1917 27 Pattenten „ .. 1916 50 ,. „ „ 1919 105 „ „ „ 1910 133 „ „ „ 1921 216 .. „ „ 1922 101 „ .. .. 1923 120 .. Gegenwärtig befinden sich in der Etania 57 Patienten. Im Durchschnitt ist die Dauer eines Kuraufenthaltes auf 6 Monate berechnet; aber wir haben eine ganze Anzahl Kranke, die sich 8 bis 10 Monate in der Etania aufhalten müssen und dürfen. Um dieses Hilfswerk richtig würdigen zu können, möge man bedenken, daß kurz nach der Gründung der Etania eine wirtschaftliche Krise ausbrach, welche die Hoffnung auf eine tatkräftige Mithilfe nahezu ausschaltete, sodatz wir allein aus die Unterstützung der wenigen Juden der Schweiz angewiesen waren. Aber trotz der Ungunst der Zeiten und ungeachtet der vielfachen Bestrebungen, den Betrieb der Etania einzustellen, gelang es uns durch Aufbietung aller Kräfte, sie zu erhalten und allen unseren Patienten in qualitativer Hinsicht immer nur das Beste ju bieten. Im Sommer 1921 fanden sogar über 100 tuberkulöse Kinder aus Deutschland Aufnahine in der Etania, obwohl dabei ein großes Defizit vorauszusehen war. Wohl gab und gibt es Kreise, welche der Verwaltung der Etania die Einführung von Sparmaßnahmen empfehlen. Sie seien aus die in der Presse wiederholt gemachte Mitteilung verwiesen, daß bereits seit Mai 1922 der rationelle Abbau intensiv eingesetzt hat und planmäßig in allen Zweigen fortgesetzt wird. Günstig für die Entwicklung unseres Hilfswerkes ist die Tatsache, daß wir jetzt, infolge der Stabilisierung der Valuta auch wieder zahlende Patienten bekommen. Hierdurch verbilligt sich der Betrieb bedeutend, und es besteht wohlbegründete Aussicht, daß wir dauernd ein gut besetztes Haus haben werden. Die Generalversammlung vom 6. Mai wählte einen Geschäftsausschuß, in dem alle jüdischen Kreise vertreten sind. Dank einer Privatinitiative ist es gelungen, eine Hilfsaktion zur Deckung des laufenden Defizits durchzuführen, die einen ansehnlichen Betrag erzielte. Ebenso ist der Geschästsausschuß auch weiterhin bemüht,' die Finanzen der Etania zu sanieren. Dies wird auch in nicht ferner Zukunft gelingen, wenn unsere Hoffnung, daß alle jüdische» Kreise. uns in unseren Bemühungen tatkräftig unterstützen, sich erfüllt. Der Vorstand des Hilfsoereins veranstaltet am 24. Februar 1924 einen Wohltätigkeits-Anlaß zu Gunsten der Verwirklichung unserer hohen Ziele und heiligen Aufgabe. Wir hoffen bestimmt, daß alle unsere jüdischen Mitbürger in. ihrem altbewährten Opfersinn diese Gelegenheit benützen werden, um ihr humanes Pflichtbewußtsein zu bekunden." Die Lungenheilstätte in Davos müßte durch ein internationales Komitee derart erweitert werden, daß sie ihre einzig dastehenden Heilfaktoren den Juden aller Länder zugute kommen lassen könnte. ILtrlrsn. Der Rsniyf gegen Juden und Rältzorilren. Rom, 15. Jan. Der „Ofservatore Romano", das offizielle päpstliche Blatt, bringt einen Aufsehen erregenden Bericht. über die nationalistische Hetzkampagne gegen Juden und Katholiken in Bayern. Interessant ist dabei die Gegenüberstellung dessen, was Kardinal Faulhaber gesagt und was die antifemilische Wahrheitsliebe daraus gemacht hat. In der Rede hieß es am Schluffe wörtlich: „Jedes menschliche Leben ist kostbar, auch das eines Juden". Daraus machte der Bericht eines Blattes: „Kein Jude darf vor Hunger oder Kälte sterben" — und schließlich lautete die Phrase im Munde der Hetzer: „Die Christen können vor Hunger sterben, nur die Juden sollen es nicht." Und mit diesem Blödsinn wagt man im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts hausieren zu gehen! Liegen den numertis clausus in Polen und Ungarn. Paris, 1. Jan. Die „Alliance Israelite Universelle" hat ein Memorial an das Kulturkomitee des Völkerbundes gerichtet, worin gegen den Numerus clausus an den Universitäten in Polen und Ungarn Stellung genommen und eine freundschaftliche Intervention des Völkerbundes erbeten wird. Vorsitzender des zuständigen Dölkerbundkomitees ist der bekannte französisch-jüdische Philosoph Henri B e r g s o n. rNasoees. vir linden im Ganger Statu«. Paris, 1. Jan. Das Tangerstatut, das vor kurzem unterzeichnet worden ist, bringt der jüdischen Bevölkerung Tangers die Gleichberechttgung mit den Muselmanen. In der gesetzgebenden Versammlung sind die letzteren durch 6, die Juden durch 3 vom Sultan ernannte Repräsentanten vertreten. Der Sultan von Marokko ernennt einen obersten Beamten, der auch für die Angelegenheiten der jüdischen Verwaltung mit verantwortlich ist. Das neue Linwanderimgsgeselr von der Kommission angenommen. — €me rwelprorertt. (Rtnwandemngsquote aut der Basis von is-o. Washington, 12. Jan. Die Einwanderungskommission des Repräsentantenhauses hat nach längeren Diskussionen und nach Anhörung einer Reihe Delegationen, unter ihnen auch jüdischer, das neue Ernwanderungsgesetz endgültig angenommen. Die Kommission beschloß, dem Kongreß vorzuschlagen, daß die Einwanderungsquote auf zwei Prozent herabgesetzt werden nnd auf die Volkszählung des Jahres 1890 basieren soll. Alle Proteste gegen die neuen Beschränkungen haben die einzige Wirkung gehabt, daß nahe Verwandte amerikanischer Bürger außerhalb der Quote einwandern dürfen. Als solche Verwandte werden angesehen: Frauen amerikanischer Bürger, sowie deren Kinder unter 13 Jahren und deren Eltern über 55 Jahren. Man rechnet nun damit, daß die Naturalisationsbewegung unter den Juden in Amerika breite Formen annehmen wird. Auf diese Weise werden Zehntausende jüdischer Emigranten als nahe Verwandte der Naturalisierten .ungeachtet der Quote einwandern dürfen. Die Verbesferungsvorschläge der jüdischen Deputterten Dickstein und Celler wurden mit großer Majorität abgelehnt. Das Gesetz wird dieser Tage vom Plenum des Kongresses behandelt nnd wahrscheinlich endgültig angenommen werden, sodaß es im Verlauf des Februar Gültigkeit erlangen wird. (I. T. A.) Personalien. Köln, 27. Dez. Immer mehr lichten sich die Reihen der idealen Frauengestalten, die gleichsam aus den Tagen der klassischen n i' i p i s v'va in unsre Zeit hineinragen. Eine solche, die jüdische Frauenwürde verkörpernde Persönlichkeit ist mit dem am »n'i r>3V3is erfolgten Ableben von Frau Bella Wolssing n "» dahingegangen. Als die Kunde ihres Heimgangs in den Kreis ihrer Gesinnungsgenossen drang, kam sie jedem unerwartet. Hatte man doch die teure Verblichene noch wenige Tage zuvor trotz ihrer 74 Jahre in gewohnter Rüstigkeit auf ihren Mizwohwegen geschaut, die sie — im wahren Sinne des Wortes — täglich im Verein mit ihrer gleichgesinnten, edlen Tochter, mit der sie in inniger Liebe und Freundschaft verbunden war, unternahm. -Nur wenige Tage war sie ans Krankenlager gefesselt. So lange hatte der Allgütige ihr Gesundheit und Kraft geschenkt, sodaß sie die edlen Regungen ihres Herzens vielgestaltig in die Tat umzusetzen vermochte. Deil Kern ihres Wesens bildete eine tiefgründige Frömmigkeit, ans welcher alle ihre vortrefflichen Eigenschaften hervorgingen. Sie war im Prinzips überall und stets die Gleiche! Ein braves, frommes Kind, das kein anderes Anliegen kannte als die vollkommenste. Erfüllung von d s i 3X1123 n i s »• Eine treue Gefährtin ihres Gatten, an dessen Seite sie in seltener Weise flirn übte und dessen echt jüdischen Geist sie nach seinem frühen Heimgange mit ganzer Kraft in das Herz ihrer Kinder pflanzte. Eine gute Mutter, welche die Nacht zum Tage gestaltete, um für das körperliche und geistige Wohl ihrer Kinder in aufopferungsvoller Weise zu sorgen und darüber hinaus die ebenso hingebungsvolle Erzieherin ihrer Enkellinder, die sie mit jugendlicher Frische anzuleiten und zu fördern verstand. Line treue Beraterin ihres Schwiegersohnes, bei welchem sie seit 13 Jahren wohnte und mit welchem sie Freud und Leid stets teilte. War sie ja auch änst einem Bruder ihres- Gatten, dem so früh verstorbenen Chaim Wolffing b' 2 r aus Kempen, der vor seiner Verheiratung in ihrem Hause lebte, eine mütterliche Freundin gewesen. Eine Gönnerin der Armen und Bedrückten, die sie mit reichen Gaben versorgte und durch die feine Art ihres Wesens ausrichtete. Es läßt sich wahrlich in Worten nicht schildern, was sie auf dem Gebiete des ion in den vielen Jahrzehnten ihres Lebens und was sie insbesondere für die Armen des heiligen Landes leistete. Ein großes Verdienst erroarb sie sich während des Krieges, indem sie unaufhörlich Liebesgaben ins Feld hinaussandle und jeder köstlichen Sendung schöne, ihrem edlen Herzen entstammende Worte beifügte.- Zu all diesen herrlichen Eigenschaften nnd Taten, die nur eine Auslese ihrer so jüdisch verbrachten Lebenszeit darstellen und die sie abseits der Oeffentlichkeit in bescheidener Stille entfaltete, gesellt sich ihre peinliche Genauigkeit in der Beobachtung der Mizwöth und ihre grenzenlose persönliche Anspruchslosigkeit, die.. darin gipfelte daß sie für sich nichts, für andere alles erstrebte. Die '»iV fand Sonntag, 23. Dezember, unter zahlreicher Beteiligung statt. An der Bahre entwarf in Vertretung des abwesenden Herrn Rabbiners Dr. Carlebach das Vorstandsmitglied, Herr Jonas Wokf, ein Lebens- und Charakterbild der teuren Entschlafenen und schilderte in treffenden Worten, wie das Leben der herrlichen Frau einen ununterbrochenen Gottesdienst bildete. Im Hause hielten dann während der nv3v Hespedim: ihr Schwiegersohn, Herr Jacob Seligmann, sowie die Herren Lev Munk und Willy Wolf. Am Rüsttage des n 3 v ist sie in die Welt abberusen worden, in welcher der mvm» na » ovherrscht, und wie sie selbst dort den Lohn ihres gottgefälligen Lebenswandels genießt, so möge ihr reiches nisr ihrer ganzen Familie zuteil werden! «rrasan Sabbat-Anfang und -Ausgang. *nrYt rot? Ort: Anfang Datum 5fJ- Uhr Min. 1924 5684 Uhr Min. Frankfurt a. M. 4 45 26. 20. 6 — Berlin .... 4 40 Jan. Schebat 5 25 München . . . 4 50 5 47 Köln. 5 — 6 — Stuttgart . . . 5 — 5 55 Breslau.... 4 45 5 15 Nürnberg . . . 4 45 5 45 Hamburg . . . 4 45 5 40 Wochenkalender. 26. Januar bis 2. Februar 1924 / 20.—27. Schewath 6684 Samstag Jan. 26 iim 20 V2V Sonntag 27 21 Montag 28 22| Dienstag 29 23 Mittwoch 20 24 I . Donnerstag 31 25 J Freitag Fe.b. 1 261 Samstag 2 0 27 ^a«sch-Lha«desch-Bcnjcho*