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Der Israelit · 1924-01-24 · Heft 4 (24.1.1924) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 4 (24.1.1924)
Date
1924-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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24. Januar 1924 Nr. 4 Seite 3 Nach alldem kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, datz jüdische Kopfbedeckung keineswegs als untergeordneter Brauch, als freiwillige LMervanz angesprochen werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine ausgesprochene Mizwah, für welche auch die Brocho mit ma^»i av vorgeschrieben ist. Es handelt sich um tradierte Halacha, um b s i v ’ n i' m der umfassendsten Bedeutung dieses Begriffes. Der Vollständigkeit halber sei noch die Bestimmung einiger Poskim erwähnt, daß man auch beim Kaufen einer neuen Kopfbedeckung die Brocho ndnsnu tonv nvw zu sprechen habe. Nun ist aber die Entblößung des Hauptes - hauptsächlich in westeuropäischen Ländern — eine so liebgewonnene Gewohnheit geworden, datz man ganz daran vergißt, datz unsere heiligen Urkunden, die aus purer Bequemlichkeit verübte Entblößung des Hauptes auch noch als Leichtsinn und Ausgelassenheit stigmatisieren. 2n einzelnen Fällen, wie bei Rücksichten auf gesundheitliche, finanzielle oder andere zwingende Derl.ältnisse, haben ja unsere Poskim Erleichterungen als zulässig erklärt. Das sind jedoch notgedrungene Ausnahmen, aus denen man für das Alltagsleben keinen allgemeinen "MdI ableiten kann und darf. Ich gestatte mir deswegen, jenen unserer westeuropäischen Charedim, die bisher entgegengesetzter Meinung waren, inständigst zu empfehlen, ihr bisheriges Verhallen in dieser Frage einer Halachischen Revision unterziehen zu lassen. Ich bin überzeugt, datz jeder gesetzestreue nsrnnrni», der gewohnt ist, jeden Din laut o"ff und ll'pvis in herkömmlicher Weise zu erforschen, mwn 's bv zu folgender Entscheidung gelangen wird: 1. Bei Ausübung von wnpai? amn — hierzu gehören nicht nur Beten, Thorastudium, Religionsunterricht, Nennung des Gottesnamens in welcher Sprache immer — sondern auch die verschiedenartigen Kultussitzungen. allerlei irumffn msa bw a'^vi jüdische Zusammenkünfte in Vereinen und zu Vorträgen, jüdische Festlichkeiten und Mahlzeiten {bv unVtf nsa» ans,) ist Kopfbedeckung unerläßlich. S. Datz der gesetzestreue Jude nicht nur anläßlich von sogenannten religiösen Uebungen, sondern in allen seinen Lebensäutzerungen und im Sinne des -n '»'iw 'van zu jeder Zeit, von dem Bewußtsein der Allgegenwart Gottes erfüllt sein mutz. Um dieses hehre Bewußtsein auf sich wirken lassen zu können, ist die Bedeckung des Hauptes religionsgesetzlich geboten. 3. Unterm freien Himmel darf der Jude sein Haupt nie unbedeckt lassen. In dieser Hinsicht kann der Westen vom Osten lernen. Es wäre zu bedauern, wenn es umgekehrt wäre. Im Hinblick auf die jüdische Kopfbedeckung kündet das Prophetenwort (Jes. 62): „Und Du wirst sein eine Krone der Würde in der Hand des Ewigen und ein königlicher Hut in der Hand Deines Gottes." (Cr» "v *jov rra) ÖSn. : -^ Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutscher Reich. H«ld)*Kanzttr Dt. Wlarx iw«, »eine rieliung Ktir Judenfrage. Berlin, 19. Jan. Der Herr Reichskanzler hatte die Freundlichkeit, den Vertreter der Berliner jüdischen Telegraphen-Agentur Der Israelit zu empfangen und ihm einige an ihn gerichtete Fragen über feine Stellung zur Judenfrage in der folgenden Weife zu beantworten: Die Rechte der Juden find, soweit sie deutsche Staatsangehörige sind, durch die Verfassung gewährleistet. Dementsprechend hält auch die Reichsregierung an dem Grundsatz fest, datz niemand deshalb, weil er ein Jude ist, eine andere Behandlung erfahren dürfe wie ein Nichtjude. Wie der Genutz aller bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte sowie die Zulassung zu öffentlichen Aemtern unabhängig von dem religiösen Bekenntnis sind, so liegt die Reichsregierung auch daraus Gewicht, dah eine Differenzierung der Staatsbürger nach Rasse oder Religion nicht in sozialer und gesellschaftlicher Beziehung erfolge. Analog wird bei der Behandlung der Ausländer dahin gewirkt, datz dieses Prinzip durchgeführt wird, sodatz eine Sonderbehandlung von Juden nicht stattfindet und nicht geduldet werden würde. Wenn nun von gewisser Seite versucht wird, die grotze Not des deutschen Volkes zu antisemitischen Hetzen auszunutzen, so findet diese .Bewegung nicht nur keine Unterstützung von Seiten der Reichsregierung und der einzelnen Landesregierungen, sondern sie wird auch als für das allgemeine Interesse überaus schädlich auf das Entschiedenste bekämpft. Was meine persönliche Stellung zur Judenfrage betrifft, möchte ich auf meinen Brief an den Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem Jahre 1922 Hinweisen, der kürzlich von dem parlamentarischen Dienst der Zentrumspartei veröffentlicht wurde. Darin heißt es u. a.: Wir Katholiken lehnen bei aller Betonung des Deutschtums und der Eigenart der deutschen Volksstämme die durchaus verkehrten und zur Zersplitterung des Volksganzen führenden Bestrebungen der deutsch-völkischen Bewegung ab ... Ich glaube nicht, datz zu befürchten ist, daß weitere katholische Kreise der antisemitischen Agitation Folge geben werden. Sie würden damit m. E. dem Grundgebot des Christentums wenigstens durch die Tat entgegenhandeln. Die vaterländisch gesinnten Juden dürfen im Kamps gegen die antisemitische Hetze auf die Unterstützung des katholischen Volkes und auch der Zentrumspartei rechnen. (I. T. N.) Gsfesweitch. Luckgerverarung in der Kulfusgetneinde. Wien, 18. Jan. Die Ordnung im Staatsbudget wirkt sich wohltuend auf die- Gemeinde aus: neun Tage nach Beginn des neuen Jahres legt der Gemeindevorstand den Rechnungsabschluß für 1923 und den Voranschlag für das neue Jahr mit etwa 3 Milliarden Kronen Ausgaben vor, administrativ gewiß eine tüchtige Leistung. Leider ist die Gemeinde dabei nicht jüdischer geworden, und die Forderungen der Orthodoxie, die vor drei Monaten wie ein „Ultimatum" klangen, sind heute wie damals „Forderungen". Der orthodoxe Vertreter, Kommerzialrat Bondi, sagte wiederum: „Auch wir wollen die Einheit der Gemeinde, jedoch nur unter der Bedingung, datz unsre Forderungen, die unsrem religiösen Bedürfnis entsprechen, und die wir vor Monaten dem Präsidium vorlegten, erfüllt werden". Und wenn sie nicht erfüllt werden? ein grosser Sammeltag. Wien, 18. Jan. Am Sonntag und Montag veranstaltet das „Jüdische Hilfswerk der Agudas Jisroel" zusammen mit der Fürsorgekommission der Wiener Kultusgemeinde eine grotze Sammelaktion für die jüdischen Wohlfahrtsanstalten, die den genannten Organisationen unterstehen. Angesichts der durch die berüchtigten Kanzelreden des Oberrabbiners Chajes geschaffenen Kampf-Atmosphäre zwischen der Orthodoxie und der Kultusgemeinde hat dieses Zusammenwirken auf dem Gebiete des n"vr etwas versöhnendes. P»kn. Der dHlnatr Stadlrat und dir Santttagtarttit. Warschau, 17. Jan. Der Wilnaer Stadtrat hat den Beschluß gefaßt, den jüdischen Werkstätten die Arbeit am Sonntag zu gestatten, ungeachtet des vor kurzem auch für den Wilna- Distrikt in Kraft getretenen obligatorischen Sonnlagsruhegesetze«. vle SrlmtStlglrelt des orthodoxen Klubs. Warschau, 18. Jan. Auf einer großen Versammlung im „Central" berichteten die orthodoxen Deputierten und Senatoren über ihre parlamentarische Tätigkeit im abgelaufenen Jahre. Zunächst zeichnet Deputierter Kirschbraun in zweistündigem Referat die Richtlinien für das politische Programm der Orthodoxen innerhalb und außerhalb das Parlamentes. Die Orthodoxie sei ebenso entschieden dem offenen Antisemitismus von der Rechten wie dem versteckten von der linken Seite entgegengetreten. Gelegentliche Intervention, die von den Zionisten als „Stadtlones-Politi!" verschrieen wird, war unvermeidlich und führte zu guten Erfolgen. Jedenfalls kam man so besser ans Ziel als mit Hurraprotesten und Demonstrationen, selbst mit Interpellationen. Innerhalb der jüdischen Fraktion, d. h. des Blocks, gab es Reibungen. Sollten es die Herren von der anderen Seite zu west treiben, so wird eine Spaltung unvermeidlich sein und die Verantwortung dafür den Radikalen zufallen. Gin prinzipieller Meinungsunterschied besteht in der Frage des engeren Anschlusses au die nationalen Minderheiten. Jede über die Wahlzwecke hinausgehende engere Blockbildung mit den Minoritäten hält Redner für eine Gefahr, dazu angetan, eine scharfe Waffe in die Hand der Feinde gegen die Juden zu spielen. Kirschbraun polemisiert gegen die kleinliche Konkurrenzpolitik anderer Richtungen. Adelsberg hätte ganz allein ein Lehrprogramm für das von ihm projektierte Rabbinerseminar ausgearbeitet, ohne sich überhaupt mit den zuständigen Instanzen in Verbindung zu setzen. Während M i s r a ch i dieses Programm akzeptiert hat, bleibt die Orthodoxie bei den alten jüdischen Chinnuchmethoden, obwohl diese die Erlangung der staatlichen Konzessionen erschwerten. Damit ist der Kampf der Orthodoxie gegen die Bezeichnung „konzessionierte" Schulen statt „anerkannter" erklärlich. Mst der letzteren Bezeichnung würde es ein leichtes fein, die staatliche Anerkennung auch für die nicht konzessionierten Jeschiwaus zu erwirken. Kirschbraun schließt mit der Bitte, die bisherige Taktik zu genehmigen und sie f» zur Basis des weiteren politischen Programms zu machen. Löb M i n z b e r g beschränkt sich auf einige Ergänzungen des Referates Kkrfchbrauns. Gr sagt, die Sejmtätigkeil überhaupt litt im abgelaufenen Jahre unter einer gewissen Programmlosigkeit, entstanden durch andauernden Ministerwechsel. - Dem mutzte auch die jüdische Fraktion und nicht zuletzt der orthodoxe Klub Rechnung tragen. Die Politik des letzteren zeigt aber inlmer durchgehende Konsequenz. An der Abwendung des Numerus clausus haben die Orthodoxen großen Anteil. Wichtiger für uns ist aber der C h e d e r, der Lebensnerv des polnischen Judentums, ebenso die Existenz der Jeschiwaus, die man jetzt glücklicherweise durch die Krisis geführt hat. Auch er appelliert um Vertrauen und mehr Verständnis für die Tätigkeit der orthodoxen Deputierten und für die Aguda überhaupt. Senator Ascher Mendelsohn spricht sich noch einmal über die Notwendigkeit der gelegentlichen Intervention aus, die weit eher zum Ziele führe als Interpellationen, die oft jahrelang unerledigt liegen bleiben. In Ergänzung des Referates Kirschbraun erinnert Redner an den Bericht des Misrachi-Deputierten, der eine rein nationale Fraktion wünscht, auch auf die Gefahr hin, datz eine „gewisse Richtung" austreten würde. Diese „gewisse Richtung" ist die Orthodoxie, und das „rein nationale" soll natürlich ein Deckmantel für reine Nationalitätenpolitik sein auf der Grundlage einer engeren Blockbildung mit den anderen Minoritäten. Diese Politik würde in der Tat zum sofortigen Austritt der Orthodoxie führen. Alle Resolutionen werden einstimmig unter großer Begeisterung angenommen. Die Versammlung machte den besten Eindruck und zeigte den Wählern, datz die Männer ihres Vertrauens den richtigen Weg eingeschlagen haben. kine gestörte Jubiläumsfeier. Warschau, 20. Jan. Eine Feier aus Anlaß des 100 jährigen Bestehens 'der jüdischen Presse nahm einen eigenartigen Verlauf. Eine große Festversammlung war im Kaminski- Theater beisammen. Auch nichtjüdische Journalisten, Vertreter von Kunst und Literatur, wie auch von Behörden waren dabei. Die Begrüßungen wurden ge-

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