Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1924)
- Date
- 1924-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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f ette 4 Nr. 4 Der Israelit 24. Januar 1924 Jahre einen bzw. zwei Tage (den 31. Dez., Szw. auch 31. Juli) wochenlos zu machen, werden die Jahre 52 Wochen oder 364 Tagen aleichgesetzt, nur daß jedes sechste oder fünfte Jahr (mit den notwendigsten Abweichungen in gewissen Zeiträumen) eine monatliche Schaltwoche zugefügt, also eine Gesamtzahl von 371 Tagen erhält. Dann bliebe die alte Woche, und die Reform: Jedes Datum in jedem Jahre am selben Wochentage — wäre trotzdem möglich. Gegenüber diesen Vorteilen hätte die Notwendigkeit sich im Wertschaftsleben auch auf die Schaltwoche in jedem sechsten oder fünften Jahre einzustellen — eine leicht zu regelnde Sache — nichts zu bedeuten. — Im übrigen möchte ich noch empfehlen, daß eine Kooperation mit dem Islam, der durch die geplante Reform in vielen Ländern in feinem Freitag wie wir in unserem Sabbat, bedrohtst, angestrebt werde. Hundert Jahre jüdische Presse. In Warschau feiert die jüdische Presse ihr hundertjähriges Jubiläum. Im Januar 1824 erschien in Polen die erste jüdische Zeitung unter dem Titel „Der Beobachter an der Weichsel", herausgegeben und redigiert von Antonio Eisen bäum. Eisenbaum war ein Verfechter der über die Weichsel nach dem Osten dringenden Kulturwelle aus der Mendelsohnschen Aufklärungszeit. Die erste jüdische Zeitung diente neulich dieser Tendenz, und die Orthodoxie hätte wahrlich keinen Grund, ihrer und ihres Herausgebers freundlich und dankbar zu gedenken. Aber immerhin hatte Eisenbaum den Damm gebrochen und den Weg gebahnt für andere, die es besser verstanden, mehr verbunden waren mit den Leiden und Hoffnungen des Volkes und ihre Aufgabe zur Linderung politischer, materieller und geistiger Rot besser erfaßt hatten. Es hat einer Entwicklung von 100 Jahren für die jüdische Presse Polens bedurft, eine Entwicklung über Assimilation, Marxismus und Zionismus aller Schattierungen, bis sie von kraftvollen Männern auch der echten jüdischen Sache dienstbar gemacht werden konnte. Nur mählich konnte der Feind in einen Freund verwandelt werden. Zur Zeit hat Warschau im „Jud" eine tägliche Zeitung, die ausschließlich den jüdischen Massen und den jüdischen Interessen dient und literarisch wie publizistisch auf einem von der linksstehenden und nationalistischen Presse nie exreichten Niveau steht. Heute, da die polnische Orthodoxie nachgerade dazu gezwungen ist, eigene zielbewußle Politik zur Verteidigung ihrer vitalsten Interessen nach innen und außen zu führen, kann sie eines großen Organes so wenig entbehren, wie ein mitten im Existenzkämpfe stehender Mann etwa seines Armes entbehren könnte. Möge die orthodoxe Judenheit Polens am Jubiläumstage der jüdischen Presse darüber Nachdenken, welcher Leidensweg zwischen dem „Beobachter" und dem „Jud" liegt und den festen Entschluß fassen, die nun unter großen Opfern geschaffene eigene Presse so zu unterstützen. daß sie auf der Höhe ihrer Aufgabe bleiben und sich immer höhere Ziele setzen kann. Ueber Kopfbedeckung. Halachische Klarstellung. Von Rabbiner I. Korsvicz (Jerusalem in Frankfurt a. M. (Schluß.) Nach dieser klaren, prägnanten und autoritativen Feststellung erübrigte sich eigentlich jede weitere Erörterung und Beweisführung, daß unsere Vorfahren — ganz gleich ob Laien oder Schristgelehrte — von einer erlaubten Vloßtöpfigkeit noch lerne Ahnung hatten. Es 'jteht fest, daß unter „Sudra" nicht schlechterdings Kopfbedeckung, sondern der Oberhut bezw. die offizielle Kopfbedeckung der Schriftgelehrten zu verstehen ist. Im Traktat Sabbat 77 tradieren auch die Weisen: „die Sudra (Umhülle) am Kopfe des Talmid Chacham versinnbildlicht das Verständnis der Gottesfürchtigen für die verborgenen Ziele des Ewigen. "7 tiü l’xn'V.“ In diesem Zusammenhänge sei noch kurz darauf hingewiesen, daß die einschlägigen Talmudstellen auch von den anderen Gesetzeslehrern wie Raschi Maharscha, Pri megodim etc. in diesem Sinne kommentiert werden. Ob aber die Kopfbedeckung auch mit dem kategorischen Imperativ in den rituellen Urkunden geboten erscheint? Man sollte eigentlich meinen, sie brauchte garnicht expresis verbis geboten zu werden. Sie versteht sich aus dem Wesen des Judentums selbst. Zu wiederholten Malen tradieren die Weisen mit größtem Nachdruck, daß Kopfbedeckung ein Zeichen der Gottesfurcht fei. „Wir sollen nicht bloßköpfig gehen, denn unmittelbar über unserm Kopf" — so lehrt ein Talmudwort — „waltet die Schechina." Durch Bloßköpfigkcit verscherzen wir das Bewußtsein der Gottesgegenwart, verursachen wir Siluck Schechina. Im Traktat Kallah wird erzählt: Ein Knabe sei unbedeckten Hauptes vor den Weisen vorübergegangen. Die Gesetzeslehrer erblickten darin eine ungewöhnliche Frechheit und stellten fest, daß dieser Junge ein Mamser sei. Ganz besondere Beachtung verdient aber eine Stelle im Ture Sahab zu Orach Chaim 8, 2. Dieser große Interpret des Schulchan Aruch motiviert das Verbot der Hauptentblößung mit der Thorasatzung xb a.Trviprm „in ihren Gesetzen sollst du nicht wandeln". Unter diesem generellen Verbot werden bekanntlich nicht nur die aus dem ganzen Rechtsleben eines Volkes herausgewachsenen Gesetze verstanden, sondern auch alle, nach Zeit und Umständen mit einer gewissen konfessionellen Weihe bekleideten Erscheinungsformen. Das nationale Gottesrecht will Israel von jeder Nachahmung fremder Kultformen auch in der äußeren Erscheinung fernhalten. „Daß du nicht forschest und sagest: wie diese Völker ihren Göttern dienen, also will ich auch meinem Gotte tun." Auch deinem Gott, dem Einzigen, darfst du Verehrung in unjüdischer Art nicht bezeugen. (Hirsch.) Offenbar will Ture Sahab darauf Hinweisen, daß der Sitte der Entblößung des Hauptes auch ein eminent kirchlicher Charakter innewohnt und dadurch sogar ein xn''*r?x*r yidx in Frage käme. Daß dieser Konstatierung des Ture Sahab positive Bedeutung zugrunde liegt, beweist eine Stelle im Neuen Testament 1. Kor. 11: „ ... der Mann soll das Haupt nicht bedecken, er ist Gottes Bild und Ehre." Im Sinne und im Geiste jüdischer- Gesetzes lehre geht uns auch über die ganze historische Entwickelung dieser Sitte ein neues Licht auf. Noch heutzutage vermeiden es viele Rabbiner und Schristgelehrte des Ostens — auf der „Kenessio Gedaulo" konnte man es wahrnehmen — auch im Orient, insbesondere auch in Palästina, das Käppchen allein als genügende Kopfbedeckung zu betrachten. Mit geringen Ausnahmen, wie etwa im Bad oder bei einer sonstigen gemeinen menschlichen Verrichtung, sitzen und stehen, lernen, beten, speisen (insbesondere an Sabbat und Festtagen) und gehen diese frommen Männer konsequent in ihren Sammethüten, Kalpaks, Streimel oder Turban. Auch minder Rigorose achten übrigens darauf, beim Gebet oder Zitieren eines Segenspruches und dergl., einen Oberhut oder offizielle bezw. ordnungsmäßige Kopfbedeckung anzulegen. In früheren Zeiten gab es auch Gemeinden, in denen jeder Tempelbesucher eine offizielle Kopfbedeckung in der Synagoge hatte, weil man in gewöhnlichem Hut als Vorbeier nicht fungieren durfte und zur Tchvra nicht anfsrrnfen werden tcwite. In Frankfurt a. M„ Mainz etc. darf man auch heute in den Hauptfynagogen nur in der offiziellen Kopfbedeckung vorbeten. Auch zu Ehren des Sabbats gab es in vielen Gemeinden eine spezielle Kopfbedeckung, und der bekannte Grundsatz „Minhag. Jisroel Thora" läßt vermuten, daß alle diese Normen auf herkömmlicher Tradition beruhen. Im faix ^vi' wird nachdrücklichste betont, wenn man auch zuhause das Gebet verrichtet, soll dies keineswegs in der gewöhnlichen lleinen Kopfbedeckung geschehen, die man sonst im Hause trägt. faix *]0T> weist auch hin auf den „guten, schönen, alten, deutschen Minhag", insbesondere in Frankfurt und Worms, daß dem fnn zur Chupah eine Mitra (Kappa oder Kappe genannt) als besondere Kopfbedeckung mitgegeben wurde. Wie sehr aber jüdische Gesetzeslehre die Pflicht des Kopfbedeckens als hervorragende Mizwah, als vorgeschriebene Satzung, als. m ^xiv. behandelte, erhellt aus folgendem: Die Morgengebete, 1NVN N1212' sind hekcmirtlich gottgebotene Treugelöbnisfe für bestimmte Mizwaus oder Segnungen, für die mit-jedem morgenden Tage uns neugewährten Lebensgaben. Unter diesen befinden sich zwei Brochaus, deren Inhalt Belebung und Ausdruck ist für. zwei nur das jüdische Volk auszeichnende Mizwaus. Doch lassen wir die Halacha sprechen. In Verachot 60 tradieren die Weisen: a^§n -bn '•> rmx -paa xa’V ‘':"an mm rs rw'h.'vi bv kytid v'pp 'p •m'ma Vxav mm ♦mxsna ^xav avip D^ism up^x nnx Jiaa „Beim Gürtelanlegen bezw. Festanschließen des Kleides - wegennnN.n nx nxia nbxrrxbv-— bat man zu sprechen die Brocho: Gelobt usw., der Israel mit Stärke gürtet. Wenn er die Sudra auf sein Haupt setzt, spricht er: Gelobt usw., der Israel mit Wurde krönt." Tosaphot zur Stelle erklärt: 'i«ö VaVi yaia bob pan xm Nicht nur Sudra, sondern über jede Art Kopfbedeckung ist diese Brocho zu sprechen. Sowohl im Rambam als auch im Schulchan Aruch Orach Chaim wird diese Halacha laut Talmud bezw. Tosaphot festgestellt. Die Kommentare zu Ascheri, der auch diese Halacha adoptiert, fügen hinzu'im Vx-m 'losa j -m s a hxavV 's*? „weil für Israel die Kopfbedeckung Gesetzesvorschrift ist, soll dies auch im Segensspruch b x iv' aoiy mxsna zum Ausdrucke kommen". Ture Sahab bemerkt zur Stelle noch folgendes: „Alle übrigen Brochaus sind Dankessprüche für allgemein menschliche Genüsse, an denen alle Menschen gleichen Anteil haben. Diese zwei Handlungen allein — Gürtelanlegen und Kopfbedeckung — sind Mizwaus, die Israel allein angehen. Deswegen, bei vollständiger Formel der Brocho. auch noch die liturgische Betonung als Ausdruck für gottgeweihte jüdische Männlichkeit. Im vaV »aminx und rra finden sich ähnliche Erklärungen. Zur sachlichen Orientierung wird im Rambam noch betont, daß unsere allgemein verbreitete Gebetordnung die „Birchaus haschachar" bereits in das tägliche Pensum geordnet und eingereiht hat. Doch wird im Schulchan Aruch Orach Chaim 25, 3 darauf hingewiesen, daß Ascheri diese Segenssprüche bis ^>xav tcny «nxstia vor dem Anlegen der Tefilin rezitierte. An dieser Stelle angelangt, hat er vorerst die Tefilin angelegt und nachher die unterbrochene Serie, von mxsrn *?x*iv aviy angefangen, fortgesetzt. Der Ausdruck n a X s n erinnert nämlich an das Prophetenwort *px s van.womit nach der Tradition, die Tefilin gemeint sind. Wohl an diesen Ascheri lehnt sich auch der alte Brauch an, beim Rezitieren dieser Brocho die Tefilin zu berühren und zu küssen. Keineswegs bezieht sich jedoch diese Brocho auf die Tefilin selbst, weil man ja sonst — wie im mvNi D”rr mx zum Schulchan Aruch richtig bemerkt wird — am Sabbat und Jomtow, wo Tefilin nicht angelegt werden, diese Brocho ausschalten müßte. Im übrigen soll man nach R. Saadja Gaon nicht aaiy, sondern mxsna ^xav ^viy sagen. üpb '*73W hat die Lesart naxsm hxav nviy. In jedem Falle bezieht sich diese Brochoh lediglich auf die gebotene Kopfbedeckung.