Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1924)
- Date
- 1924-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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37. Januar 1924 Der Israelit ftr. 3 Seite 8 reichte. Es werden Sitzungen des Kultusvortzandes und der Ehewra-Kadischa, bezw. der verschiedenen, Thora und Mizwaus fördernden Vereine, auch in Hör- und Lehrsälen der „heiligen Gemeinde" abgehallen. Diele Teilnehmer sitzen dabei blotzköpfig. Es werden Festessen, Einweihungen von Schulen und Spitälern veranstaltet, mit mehr oder minder religiösem Charakter, wo nach und während der Veranstaltung Benediktionen, Thoraworte, Gebete rezitiert, mit Zitaten oder Schrifterklärungen gewürzte Reden gehalten werden. Viele Teilnehmer sitzen dabei blotzköpfig. Neumodische Orthodoxe von Wien, Krakau, Budapest etc. beneiden still ihre deutschen Gesinnungsgenossen, die in streng koscheren Restaurants in guter Iüdischkeit blotzköpfig speisen dürfen, in den Kaffeehäusern beim schwarzen Kaffee barhäuptig s tzen und nur beim Sprechen einer Vrochoh oder zum Benschen ihren Kopf bedecken. Andere bemängeln eine orthodoxe Gesinnung, die das Gebot der Kopfbedeckung von der leichten Seite nimmt. In jüngster Zeit machen junge Leute Ausflüge auf Fahrrädern, ohne einen Hut überhaupt mirzunehmen. Die moderne Sitte oder Unsitte, unterm freien Himmel mit dem Hut in der Hand zu spazieren, glauben auch sonst gutjüdische Baale Batim skrupellos mitmachen zu dürfen. Was „Blotzköpfigkeit" betrifft, hat trotz der alten nationalen Warnung „Wajisarwu bagojim wajilmedu m a a tz e h e m " die unjüdische Nachahmungssucht auch in unseren Reihen grotze Verheerungen angerichtet. Dem neuhebräischen Kurs ist es zu verdanken, datz dieses völk sch-unjüdische Emblem in radikalster europäischen Aufmachung, auch nach Erez Iisroel in die Milieus des neujüdischen „Leumioth“ verpflanzt wurde. Wie verhält sich nun die Sache in Wirklichkeit? Ist es denn wahr, datz im jüdischen Schrifttum die Frage der Kopfbedeckung als etwas Unwesentliches, als Geringfügigkeit, behandelt wird, oder datz die Perhorreszierung der Barhäuptigkeit sozusagen nur auf den Gottesdienst, den Kultus allein, sich beschränkt? Und welches sind denn die talmudischen Beweise? Wir wollen einige Stichproben zitieren. Kiduschin 31: Raw Hamnuna war vor Raw Huna — dem man sagte, datz Raw Hamnuna ein grotzer Mann sei — ohne Sudra (Kopfumhüllung) erschienen. Von Raw Huna darüber zur Rede gestellt, antwortete er, datz er nicht verheiratet sei. Hierzu Raschi: „Verheiratete Männer pflegten ihr Haupt zu bedecken." Schlutzfolgerung: Unverheiratete trugen sich unbedeckten Hauptes. Kiduschin 8: Raw Kahana hatte eine Sudra statt des namhaften Lösegeldes (für Pidjon haben) angenommen, weil er ein hervorragender Mann sei und eine Sudra als Kopfbedeckung nötig hatte. Raschi fügt hinzu: weil er ein hervorragender Mann sei „und mit entblößtem Haupte nicht geht." Schlutzfolgerung: die allgemeine Männerwelt trägt sich blotzköpfig. Ioma 25. Der Oberaufseher nahm dem Priester, mit dem das Zählen begonnen, als Kennzeichen, den Pr'esterhut ab. Schlutzfolgerung: Sogar im Heiligtum und sogar die Priester durften dort blotzköpfig verweilen. Auch noch andere Quellen des alten Schrifttums wurden herangezogen, um zu beweisen, datz von einer vorgeschriebenen, pflichtmätzigen Kopfbedeckung keine Rede sein könne. Die angeführten Talmudstellen bildeten die Hauptstützpunkte für eine leider viel zu allgemein verbreitete, absolut irrige Ansicht, deren halachische Klarstellung eine zeitgemäße Notwendigkeit ist. Es wurde nämlich vielfach übersehen, daß unter Sudra nicht die gewöhnliche Kopfbedeckung, sondern der Gelehrtenhut bezw. Oberhut der Schriftgelehrten zu verstehen ist, unter welchem das stete Aufhaben einer le'chten Kopfbedeckung (Käppchen) als selbstverständlich galt, wenn es auch in den angeführten Talmudstellen nicht ausdrückl'ch betont ist. Die maßgebenden Decisoren sind sich darüber einig, datz sogar die Bezeichnungen und wann 'ivv in den angeführten und nicht angeführten Talmudstellen nur im Sinne einer doppelten Kopfbedeckung zu verstehen seien. Kein Geringerer als Rabbi Josef Karo, dieser berufene Interpret der Halacha, hat in seinem grundlegenden Kommentar zum Schulchan Aruch diese Feststellung mit zwingender Beweiskraft erhärtet. Im Beth Josef, zum Tur Orach Chaim 8, Schlagwort: „Amchase, und er bedecke sein Haupt, damit er nicht begilui harosch (blotzköpfig) sei", sagt Karo folgendes: „Unter gilui harosch ist nicht zu verstehen wirkliche Barhäuptigkeit . . . Wie könnte man überhaupt annehmen, datz er bis zum Umhüllen mit dem Talith blotzköpfig geblieben sei? Vielmehr will uns das sagen, obwohl der Kopf Zugedeckt ist, sei es Brauch der Frommen, noch eine Kopfbedeckung anzulegen." In folgendem kommentiert Karo Talmud und Raschi Kiduschin 29, datz auch der Satz: „die Verheirateten waren gewohnt, ihr Haupt zu bedecken", eine doppelte Kopfbedeckung zur Voraussetzung haben müsse. „Es ist nur selbstverständlich" — sagt Karo weiter — „datz Unverheiratete nicht blotzköpfig herumgegangen sind . . .* Sicherlich bedeutet der Ausdruck gilui harosch, datz er nicht barhäuptig sei von der Sudra oder Talith, die man gewöhnlich auf die untere Kopfbedeckung (Kisui hatachton) setzt." - (Schluß folgt.) siomsponckenren « Nachrichten. Reieh. Die Marsosalttisn der Freien Vereinigung. Frankfurt a. M., 16. Jan. Der Vorstand der „Freien Vereinigung" weist darauf hin, datz die von ihm unternommene Mazzosaktion einen ausgesprochenen sozialen Charakter trägt, und datz daher Anträge nur berücksichtigt werden können, die einer wirtschaftlichen Notlage abzuhelfen bestimmt sind. vorstancktwähien. — Wieder einmal die ZonnlsgsgeWeinde. Berlin, 12. Jan. In der ersten Repräsentantensitzung im neuen Jahr wurden die vorgeschriebenen Neuwahlen vollzogen. Aus dem Vorstand schieden vier Herren aus, von denen die liberalen Herren Geh. R. Stern, Badt und Blankenburg durch die Herren Kammergerichtsrat Wolff (liberal), Nosenthal (liberal) und Justizrat Makower (liberal) ersetzt wurden. Für den vierten Sitz wurde von den Konservativen James G o l d s ch m i d t, von den Zionisten Dr. Köllen sch er vorgeschlagen und mit Stimmengleichheit gewählt; das Los entschied für Dr. Kollenscher. Der Berliner Reformgemcinde (Sonnlagsgemeinde) wurde wiederum eine gröhere Subvention bewilligt gegen die Stimmen der Konservativen und der Zionisten, die erklärten, die Reform sei eine „Sekte mit besonderem Kultus und stehe außerhalb des Judentums". Die Münchener KurMirungen. München, 13. Jan. Das „Jüdische Echo" wurde wegen angeblicher Verbreitung falscher Berichte über die Ausweisungen in Bayern von der Regierung verboten. Halbamtlich werden entgegen den Veröffentlichungen des „Jüdischen Echo" Endes Volk und Führer aneinander! Als Israel bekannt wurde, daß der Straffeldzug gegen Midjan Moschehs letzte Großtat sein werde, suchten sie den Beginn des Kampfes möglichst zu verzögern. Mit Gewalt mußten Truppen requieriert werden: iivv'l •>23». Keiner stellte sich freiwillig. Sorgenvoll schaute das Volk in die unsichere Zukunft, da ein fiff» nicht mehr an der Spitze sein wird. Das war wohl nüchterne Derstandeskalkulation mindestens im gleichen Matze, aber auch gefühlsmäßige Hochschätzung und Ehrfurcht Moses gegenüber. Hängt er doch in gleicher Liebe an seinem Volke, auch wenn es ihm so oft Aerger uud Verdruß bereitete. Der Schlag auf den Felsen zu Kades wurde sein schwerer Schicksalsschlag. Moses soll das Land seiner Sehnsucht nicht betreten. Er vernimmt das harte Verdikt und — betet sofort für Israel, dem ein wackerer Führer erstehen möge. Gerade am mir» nnaff schauen •mir im Geiste jene unvergleichliche Szene, da nvv von des Nebo Spitze den Bick tränenumflort nach dem jenseitigen Jordansufer sendet. Welcher Griffel könnte das schildern, was in diesen Augenblicken die Seele des Gottesmannes bewegte? Es ist sozusagen ein tragisches Ende, ergreifend in Würdigung aller geschichtlichen Momente, die uns aus Moses reichbewegtem Leben bekannt find. Und bald verschwindet dieser Mann spurlos aus Israels Mitte. irniap nx D'X sn\ diese fünf Worte schieben der -rennenden Witzbegierde für immer einen Riegel vor. kein Forschergeist vermag den Schleier zu lüften, den Gott selbst über seines treuen Dieners letzte Ruhestätte gebreitet. Sie sollte keine Art Wallfahrtsort werden, kein Pilger die Ruhe stören. Doch Kommet heute noch, am mir» nnvv in unsere Gotteshäuser: Moses lebt, sein Bild leuchtet aus aller Seelen, sein Gesetz ist apjp r»^nj? ncmn geblieben, unser heiliges Erbe durch aller Zeiten Sturm, an seiner Erforschung, Verbreitung und Vertiefung arbeiteten die besten Geister aller Zeiten und Zonen der jüdischen Diaspora, Talmud, Mischna, Schulchan-Aruch, Dezisoren. Kommentatoren. Liturgisten und Moralisten schufen eine mächtige, aus vielen Einheiten sich zusammensetzende stolze Flotte unter der gemeinsamen Flagge nv» nun und Jubel, Jubel ertönt in allen Synagogen, wo man heute Schluß und Neubeginn der Thoravorlesung harmonisch verbindet. In sinniger Form, unter dem Bilde eines Bräutigams der Thora vollzieht sich der Akt, ihm wird von Gemeindewegen ein fardenprächtiges, duftendes Bukett heiligster Wünsche im allgekannten men» überreicht, dessen Schleife die Widmung trägt: Treue und Liebe zür Thora, zum ewigen Heil, Dir und Deinen Nachkommen! Ach! Betrachte das Ganze nicht als eine Art von theatralischem Scherz, gleiche nicht einem Verlobten, dir seine Braut vernachlässigt. sie während des Jahres kaum eines Blickes würdigt. Leben bedeutet unsere min, Leben! Ehe wir sie nach freudigen Umzügen in den heiligen Schrein zurückbringen, fassen wir nachmals unsere Gefühle zusammen und der Schlußakkord der Herbstseiertage erklingt: 'v"N to K’n mm tr’nn *jajr ’D -a«n- Kleines Feuilleton. Znm fünfzehnten Schewath. ... v'ipz im Erdwarm steigt seliges, hoffendes Ahnen herauf, Pulse klopfen gegen enge Fesseln, glück-verheitzend glüht noch unbestimmte, aber machtvolle Sehnsucht rm letzten Schlaf. Das sind die Atemzüge vor dem Erwachen, geheimnisflüsternd, morgenraunend, banglauschend nach fernem, lichtschönem Sang. Wie lange noch? — „Spricht der Wächter, der Hüter: es naht der Morgen glanz!" Neues Werden wirkt die rastlose Kraft des Lebens mit Mut am Sein der Zeit . . . Frühlingsdämmern? Sind auch Tage vor dem Sinaiwort, das einst, emst rasselnde, an Sllavenschmach erinnernde Schandketten zerrissen hatte: nsm — Schrei siegessicheren Tatwillens, Kampfruf der Glaubensgewalt, der, allvereinend, allumfassend, Kleinmut und Wintersdunkel auf die Knie zwingt. Ewigkeit-schaffendes Leben lodert. Gluten des mm Unaufhaltsam, unaufhaltsam . . . Und ... die Eismassen werden eines Tages ge» borsten sein. I. Raphael. Wochenkalender. 19.—26. Januar 1924 / 18. bis 20. Schewath 6884 Samstag Jan. 19 nt>va 13 V2V Sonntag 20 14 Montag 21 15 Dienstag 22 16 Mittwoch 23 17 Donnerstag 24 18 Freitag 25 19 Samstag 26 nrn 20 ,*n>r na» cava wr mnn - MW; i. ' 'H&k ..V