Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1924)
- Date
- 1924-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 8 Der Israelit 17. Januar 1«±: sich als Schutzpatrone auf; in Heiden Aufrufen wurden lediglich die allgemeinen politischen Programmpunkte der Partei aufgezählt und es blieb ganz dem vorausgesetzten individuellen politischen Urteil der einzelnen jüdischen Wähler überlassen, dazu Stellung zu enehmen. Die Labour-Party wies zwar auf ihre besonders wohlwollende Haltung in der Palästinafrage hin, aber auch nur in ganz dezenter Form. Dabei ist es kaum ein halbes Jahrhundert her, daß es auch in England für den jüdischen Politiker selbstverständlich war, liberal zu wählen, weil von PN, dem Jüngern, bis Disraeli die konservative Partei der völligen Emanzipation der Juden doch mancherlei Hemmungen bereitet hatte. Heute sind es höchstens einige politische Brauseköpfe und Abenteurer, die den Mut aufbringen, sich durch antisemitische Marimen zu kompromittieren; unter verantwortlichen Politikern, welcher Partei auch immer, sind sie nicht zu finden. Darum wird der bevorstehende Aufitieg der jungen Labour-Party gewiß nichts zum Schlechten ändern: im Gegenteil, man darf hoffen, daß die Fremdenpolitik (üoms office) der Arbeiterpartei eher humaner und großzügiger sein, ihre Palästinapolitik auf einen jüdisch-arabischen Ausgleich, ohne jeden politischen Hintergedanken im Sinne des diride et impera, hinarbeiten wird. Zwangsorganisationsgelüste in der Schweiz. Die schweizerische Judenheil hat seit Jahr und Tag ihre eigenen Sorgen. Der Antisemitismus steht dort, nicht zuletzt infolge der Sprach- und Kulturgemeinschaft mit Deutschland, in hoher Blüte. Die Volkssouveränität hat dem Lande ein Schächtverbot beschert, das, eingekapselt in den den Tierschutz sichernden Artikel 25 der Verfassung, seine judenfeindliche Tendenz nicht verleugnen kann. Die geographische Lage der Schweiz brachte es mit sich, daß auch viele jüdische Kriegsopfer und andere Flüchtlinge aus Ost- und Mitteleuropa den Weg dahin fanden, woraus' den Gemeinden neben den Sorgen für die Erhaltung des Kultus noch andere gesteigerte Lasten entstehen. Die Gemeinden sind autonom und stehen, mit Ausnahme der Kultusgemeinde in Zürich, der aber eine aufblühende Religionsgesellschaft gegenübersteht, und wenigen Gemeinden in der Westschweiz auf traditionellem Boden. Die Gemeinsorgen der schweizerischen Juden, insbesondere das Schächtverbot, machten vor Jahren die Gründung eines Gemeindebundes nötig, dessen Kompetenzen sich aus der Lage von selbst ergaben: Vertretung der jüdischen Rechte nach außen, Abwehr des Schächtverbotes, Regelung der Armenpflege. Den Züricher Advokaten, die, wie überall, auch in dieser Organisation die leitende Stellung haben, genügt aber dieser Aufgabenkreis nicht, und es wird in letzterer Zeit mit aller Energie auf eine Grenzerweiterung hingearbeitet. Aus dem Gemeindebund soll eine alle Gemeinden umfassende, sie in Kultus und Budgetrecht beeinflussende Organisation, eine Zwangsorganisätion werden. Auf dem Delegiertentag des Gemeindebundes, der vor kurzem in Baden stattfand, lagen Entwürfe zur Verhandlung vor, die starke Anklänge an den Macholschen und Rosinschen Entwurf unseligen Angedenkens hatten. Insbesondere der. sogenannte Züricher Entwurf, geht auf eine Zentralisierung auch nach religiöser Richtung hinaus, demgegenüber ein Entwurf des Zentralkomitees sich etwas vorsichtiger auf diesem Weg hinlastete. Dabei leistete sich Dr. Farbstein, der Autor des Züricher Entwurfes, Ausfälle gegen die Religion und ihre Wächter im Gemeindebund, die starken Unwillen selbst bei den dem religiösen Leben Fernstehenden erweckten. Auch die Schächtfrage sei für ihn nicht von Belang, noch weniger die Koscherfleischbeschaffung oder der Zwang zur Sabbatentweihung in den Schulen. Ueber solche „Lächerlichkeiten" hinweg solle sich der Bund zu ganzer Arbeit Hinaufschwingen, nach außen gegen den Antisemitismus und nach innen zur straffen Zentralisierung. Zum Glück ist Herr Dr. Farbstein mit seinem Statutenentwurf nicht durchgedrungen, vielmehr soll der Entwurf des Zentralkomitees dem nächsten Delegiertentag nochmals zur Beratung vorgelegt werden. Dreiundzwanzig Mitglieder stimmten gegen zehn gegen die Züricher Versuche. Dazu dürsten nicht'zu wenigst die anmaßenden, überheblichen Aerbedungen Farbste'ns öei^etragcn haben. Insofern hat das Bekenntnis dieser schönen Seele sein Gutes gehabt. Immerhin ist die Gefahr noch nicht ganz behoben, und die Gemeinden der Schweiz, die sich in all den Jahren in ihrem Gottesdienst wie in all ihren Institutionen die alte gute fromme jüdische Art bewahrt haben, sollten auf der Hut sein, auf daß sie nicht unter Vorschützung imaginärer äußerer Gefahren in die Zwangsjacke einer Organisation gebracht werden, die ihnen alle Bewegungsfreiheit nimmt. Ueber Kopfbedeckung. Halachische Klarstellung. Don Rabbiner Ksrovicz (Zerusatem) in Ararrkfurl a. W. Bekanntlich hatte die Reform die Abrogatt»» der jüdischen Kopfbedeckung seinerzeit in - f&t Programm ausgenommen. In Ecmangelun» von Richtlinien bemühten sich die neurabbinpschen Autoritäten damals noch, aus Talmud unb Poskim nachzuweisen, daß „Barhäuptigkeit" absolut gestattet sei. Aus gewissen Talmudstellen wurde historisch festgestellt, daß unsere Vorfahren — sogar Priester und Schriftgelehrte — sich bloßköpfig getragen haben. Nur in der Synagoge sollte der alte „Brauch" dennoch beibehalten werden. Anhänger der radikalen Reform haben auch diese Konzession abgelehnt. Moderne Rabbiner mit konservativen Allüren haben hie und da nur noch vom Gesichtspunkte der Pastoralen Etikette ein kleines Käppchen aufgesetzt. Der bloßköpfige Religionsunterricht ward auch in den gemäßigten neumodischen Gemeinden anstandslos sanktioniert. Auch in manchen Kreisen der Gesetzestxeuen haben die talmudischen Enthüllungen über Kopfbedeckung große Verwirrung angerichtet. Eine vorschriftsmäßige Halachah, eine uralte Norm, die im jüdischen Volksleben so tiefe Wurzeln hatte, wurde mit Hilfe, von falsch verstandenen, falsch ausgelegten talmudischen Zitaten, als illegaler Brauch, als östliche Observanz deklc> riert. Naive Gemüter sagten sich noch im Stillen, wer weiß, was alles laut Talmud noch erlaubt wäre, nur kann die Laienwelt nicht darauf kommen. Unsere frommen Rabbiner sind verschwiegen. Die neuen Rabbonim — sie stammten noch aus der Jeschiwa — hatten es verraten. Sogar Zunz (Gesammelte Werke H, S. 250) bezieht sich, mit Unrecht, auf ältere Quellen, um zu beweisen, daß man schon vor 400 Jahren der Bedeckung des Hauptes selbst bei dem Aussprechen des Gottesnamens keine Wichtigkeit beigelegt. In dieser Frage — über den Brauch der Kopfbedeckung in- und außerhalb der Synagoge, gab es bereits eine ganze Literatur — hatte die Reform scheinbar gesiegt. In den Ländern des Westens hat man sich auch in konservativen Kreisen vielfach an „Vloßköpfigteit" gewöhnt. Man bedeckt z. V. das Haupt in Eile, um eine Brochoh zu sprechen, um dem Gast „Schalom" zu sagen. („Schalom" ist einer der Gottesnamen). Gar oft ist die Brochoh hingeflüstert, bevor die Hand bezw. der Arm, das Käppchen, oder das Taschentuch, den Kopf er- Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Don Rabbiner Dr. Winkler in Kopenhagen. ivN rjov jvmxr m iw» np'i „Moses nahm die Gebeine Josefs mit sich." — Warum wartet die Tauro mit dieser Mitteilung bis n^v2 nanu, warum wird dies nicht dort berichtet, wo es hingehört, in rra Twiv bei ins» rin iVxri? Möglich, daß MechiIta 'a nsns) und Midrasch ('o nmmn ND12 N21 mit der Bemerkung, das Meer sei durch die Verdienste Josefs gespalten worden )oi’i rm vwa aim'i niDta ,oi’i nsn am), vielleicht auch diese Schwierigkeit heben wollen. In gleicher Weise könnte auch die Auslegung des i p» ' i- 2 verwendet werden: Moses deutete dem Volke, das sich nach den großen Wundern am Meere der Einsammlung der reichlichen Beute völlig hingab, auf die Gebeine Josefs hin: Hatte dieser nicht unermeßliche Schätze in seinem Leben zusammengebracht? Was ist von ihm zurückgeblieben? Nichts als dies» Gebeins! Besinnt euch darum und gedenkt auch eueres Endes! Vgl. auch Naschi zu r» rw'i (15. 22). Malbim wiederum liest hier die Absicht heraus, die Seelengröße Moses darzutun, der, obgleich er gewußt hatte, daß Israel auf vielen Umwegen den Zug ins gelobte Land antreten würde, dennoch nicht scheute, die Ahnengebeine auf der langen und beschwerlichen Wanderschaft mitzunehmen. — Allein auch diese Erklärung ist mehr ipm als vvs: Es fehlt nämlich der Nachweis, daß Mosche rabbenu bereits in Aegypten Wanderung durch die Wüste N81222 verkündet worde.t wäre: — Uns scheint, mit dieser Transposition ein ähnlicher Hinweis, wie mit dem vorhergehenden "'22 iVsr o'Vivm „bewaffnet zogen die Kinder Israel", beabsichtigt zu sein. Wie dort gemeint ist (vgl. Sforno) „obwohl das Volk mit Waffen ausgerüstet war, so war doch zu befürchten, daß es, wenn es Krieg sieht, nach Migrajim zurückkehren würde," Io will auch hier mit dem fragten Bericht gesagt sein: Auch in Ge genwart der Bahre Josefs, auch angesichts der Gebeine dessen, der seinem Volke das Vermächtnis hinterlassen hatte: „Gott wird euer gedenken", wäre das Volk gegebenenfalls anderen Si es geworden und in die Knechtschaft z rückgekehrt; vgl. auch Nehemia 9. 17 und Mechilta zu 15. 22. II. asm ’JöV» nb'b ran ii»vi ovi' ps-n *n»y „Die Wolke der Besorgnis soll nicht weichen am Hellen Tage des Glücks, und die leuchtende Feuersäule des Gottvertrauens nicht in der Nacht des Mißgeschicks — vor dem Gottesvolke!" Hl. pV'inr, an?' m. „Gott wird für euch streiten, und ihr sollt schweigen." — Ganz im Gegensatz z« der üblichen Deutung faßt Rabbi, in Mechiltha zu St., dieses Schriftwort auf, u. z. als eine Frage: Wie, sagt ri"2 m soll ich für euch streiten, euch Wunder über Wunder erzeigen, und ihr wolltet dastehen und schweigen?! — Was sollen wir denn tun?, fragte Israel. Was sonst, sagte Mosche rabbenu, als loben und preisen und danken Dem, der Herr des Krieges ist? Da begann Israel: '2 'n b ni'v«. nsj nR5- „Singen will ich dem Ewigen, denn hocherhaben ist Er". Don A. Mannheimer in Dettelbach. (Schluß.) Die Führung durch die Wüste bildet eine fortlaufende Kette von Wundern. Schutz in schwachen. Hütten. Kleider die nie bersten und süßes Himmelsbrot vierzig Jahre lang für Hunderttausende — wer hätte dergleichen je gedacht? Aus die härteste Probe stellt das Volk die Geduld seines Führers. murrt über den langen Weg, den es ja selbst verschuldet durch seinen Kleinmut, es murrt über den Mange! an Wasser, an Brot, an Fleisch und ist nicht zu belehren trotz aller offensichtlichen Wunder. Auch einem ntpa reißt einmal der Geduldsfaden und verzweifelt ruft er aus '-di nsw m N22 aai „wenn Du es mir so ergehen läßt, so bringe mich doch lieber um, wenn ich Gnade gefunden in Deinen Augen. Ich kann die Last nicht länger tragen'" Wie schwer muß Moses die Bürde eines Dolksführers empfunden haben, bis er zu solcher Aeußerung sich Hinreitzen läßt! Er verlor das seelische Gleichgewicht unter dem übermenschlichen Drucke seiner verantwortungsvollen Aufgabe. Und dennoch, wie hängen letzten