Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1924)
- Date
- 1924-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 2 sind aber zum größten Teil lediglich Gerippe und jeglicher schützenden Hülle bar. Darüber muß man sich klar sein, wenn man die derzeitige Lage in Betracht ziehen will. Und gerade jetzt, wo das beginnende bürgerliche Jahr 1924 die Goldmartrechnung uns bringt, da stellt sich klipp und klar heraus, wie .arm, ja wie schrecklich armselig unsere einst blühenden, mustergültigen, gut fundierten Anstalten geworden sind. Aber es kann alles wieder gut werden, wenn, — ja, wenn jeder jüdisch empfindende und hilfsbereit denkende Mensch sich bewußt ist, daß es gilt, wertvolle, unersetzliche Güter 3ii erhalten. Es ist absolut erforderlich, gerade jetzt, bei Beginn der Goldmarkeinstellung, daß den Anstalten. wenn auch in bescheidenem Maße der entschwundene Grundstock durch Mitgliederbeiträge und sonstige Goldmarkstiftungen wieder ersteht. Jeder kaufmännisch geführte Betrieb beansprucht eine gewisse Ordnung der Verhältnisse. Eine ruhige, gedeihliche Entwicklung ist eben nur gewährleistet, wenn eine gesunde, sichere Grundlage vorhanden ist. Was man jetzt den Anstalten zumutet, Leistungen zu volb.mgen, immer und immer in dem Gedanken, daß der Darren nicht stecken bleiben wird, ist — ungesund. Vielleicht kann die erfreulicherweise vom Gesamtausland jetzt in die Wege geleitete Hilfsaktion hier fördernd und sichernd eingreifen. Rorrespoüdenzeis « üacdlicbte« Deittsshe» Reich. Ncr herein „Alchäurh". Frankfurt a. M., 2. Jan. Der Verein „Achduth" ersucht uns um Veröffentlichung nachfolgenden offiziellen Berichts: Ain 23. Dezember erfolgte in Frankfurt a. M. unter Beteiligung zahlreicher prominenter Persönlichkeiten aus allen Teilen des Reiches die Gründung eines „Verbandes gefetzcstreuer Juden Deutschlands", der den Namen „Achduth" führen wird. Dieser Name ist ein Programm: Die neue Organisation will alle diejenigen Gesetzestreuen umfassen, die sich zur Einheit der gesamten jüdischen Gemeinschaft bekennen; in religiös-politischen Fragen will sie es aber jedem einzelnen freistellen, den rechten Weg Der Israelit selbst zu finden. Ein Aufruf, der diese grundsätzlichen Voraussetzungen kurz festlegte, ist vor einigen Wochen an eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten versandt worden, die fast ausnahmslos dem an sie gerichteten Rufe Folge geleistet haben und zur Tagung nach Frankfurt a. M. gekommen sind. Der starke Widerhall, den der Ruf zur Sammlung in allen traditionell gerichteten Kreisen, nicht etwa nur in den sogenannten „gemeindekonservativen", gefunden hat, legt davon Zeugnis ab, daß die überwiegende Mehrheit des deutschen gcsetzestreuen Judentums nunmehr des langen Haders müde ist und sich endlich zur Förderung ihrer großen positiven Aufgaben zusammenschließen will. Diese Tendenz kam sowohl in dem einleitenden Referat des Herrn Dr. Albert Sondheimer wie in dem Referat des Herrn Rabbiner Dr. Unna- Mannheim über die Verpflichtung zur ,1121s, zur Gemembürgschaft und schließlich in dem dritten Referat des Herrn M. A. Loeb-Berlin über die Organisationsform, sowie auch in den Debatten der Gründungsversammlung deutlich zum Ausdruck. Eine kleine Gruppe, die nur die im engeren Sinne gemeindekonservativen Ausgaben der neuen Organisation zuweisen wollte, wurde überstimmt und wohl mich überzeugt, was in der einstimmigen Annahme des Gesamistatuts zum Ausdruck kam. So ist nunmehr endlich eine Vereinigung geschaffen worden, die jedem thoratreuen Juden offen steht und nicht nach seinem Bekenntnis zu Agudah oder Misrachi, Zentralverein oder Separaigemeinde fragt. Die Verhandlungen brachten weiter zum Ausdruck, daß die praktische Lösung der 'brennenden Gegenwartsfragen entpolitisiert werden müsse. Aus diesem Grunde wurde ausdrücklich eine Entschließung angenommen, die den Vorstand autorisiert, sich mit anderen Organisationen zur gemeinsamen Arbeit zusammenzutun. Auf der Grundlage dieser prinzipiellen Beschlüsse fußten dann die weitere Diskussion und die aus ihr organisch erwachsenden Ergebnisse: die Einsetzung einer Wirtschaftskommission (mit dem Sitz in Hamburg), die der materiellen Rot der kleinen und Mittelgemeinden zu begegnen versuchen und die geeigenen Schritte zur Verbilligung der rituellen Lebensführung unternehmen soll, einer weiteren Kommission (mit dem Sitz in Berlin), die zu den etwa notwendig werdenden Verhandlungen mit den Behörden autorisiert ist, einer Literatur- und Pressekommission, die sich bereits mit einigen konkreten Projekten zu befassen hat, einer Erziehungskommission, die sowohl die Erhaltung, Mehrung und Ausgestaltung von jüdischen Schulen und Lehranstalten, wie auch das brennende.Problem des Lehrernachwuchses bearbeiten wird. Schließlich bezeugte die Versammlung den einhelligen Willen, daß Achduth sich dem Problem des Wiederaufbaues des Heiligen Landes mit Ernst zuwenden soll. Durch die Annahme des Statuts gab sich die Achduth schließlich eine Verfassung, die sie zu einer durchgegliederten Organisation auf demokratischer Basis stempelt: den Ortsgruppen, die in einigen Orten bereits gegründet sind, 10. Januar 1924 in anderen kurz vor der Konstituierung stehen, wurde ein Wahlrecht zur „Hauptversammlung" eingeräumt, deren erste voraussichtlich Anfang September 1924 stattfinden wird. Unterdessen leiten ein Vorstand und ein weiterer Ausschuß die Arbeit. Die Namen der diesen Gremien Angehörenden werden besser als alle Worte beweisen, wir weit der Bannkreis der neuen Vereinigung, deren Sitz zunächst Frankfurt a. M. sein wird, heute bereits reicht. Es wurden gewählt: zum Vorsitzenden: Dr. Albert Sondheimer Frankfurt am Main; zum stellvertretenden Vorsitzenden: Rabbiner Dr. Unna- Mannheim, Prof. Adolf Fränkel-Marburg, Moritz A. Loeb-Berlin. Von den in den Vorstand und Ausschuß weiterhin gewählten Persönlichkeiten führen wir noch an: L. Birnbaum-Fürth, Jakob Daube-Freiburg, Dir. Dr. Deutsch-Fürth, Edwin Feist-Frankfurt a. M., Kommerzienrat Fränkel-München, Rabb. Dr. Freund- Hannover, Georg Freudenftein-Frankfurt a. M., Dr. Freyhan-Breslau, Bruno Galewsn-Berlin, Bankdirektor Haas-Karlsruhe, Mar Hackenbroch-Frankfurt' a. M., Jak. Hsckscher-Hamburg, Rabbiner Dr. Hofmann-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Hoffmann- Breslau, Rabbiner Dr. Horovih-Frankfurt a. M.,. Dr. Bernhard Kahn-Berlin, Stadtrat Meyer-Halberstadt, Jak. S. Posen-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Simonsohn-Breslau, Nathan Sondheimer-Franbfurt a. M., Rechtsanwalt Dr. Sulzberger-Wiesbaden, Dr. Stiebel-Frankfurt a. M., Studienrat Dr. Unna- Nürnberg, Rabbiner Dr. Wreschner-Bad Homburg, Dr. Würzburger-Heilbronn, a. a. m. Für Berlin, Breslau, Köln, Hamburg, Würzburg und andere Gemeinden werden weitere Vorstands- und Ausschußmitglieder von den dortigen Ortsgruppen del»- giert (Siehe hierzu die Wochenrundschau.' „Durch EinheitzurZersplitterun g". R e d.). P«lLstrii« Palästina. Jerusalem, 5. Jan. Der Wassermangel, der sich alljährlich zur Sommerzeit und zu Winteranfang einstellt, hat einen Privatmann veranlaßt, an die Regierung mit einem fertigen Plane heranzutreien, nach dem die Stadt das ganze Jahr hindurch mit Wasser versorgt werden könnte. Die Kosten belaufen sich auf einige hundert Pfund. Die Regierung versprach, den Plan eingehend zu prüfen und noch vor Ablauf des Januar endgültigen Beschluß zu fassen. Wie ein deutscher Reisender, der die Wüste Sahara durchwandert ist, in hiesigen Zeitungen mibteilt, befinden sich unter den vielen Arabern in dieser Wüste etwa sechstausend Höhlenbewohner, die unstreitig: von Juden abstammen. Sie bilden den produktivsten Teil der dortigen Bevölkerung, sind bodenständiger wie die Araber und versorgen diese mit Speise und Trank. als cosdenz?. ins Italienische und als condenda ins Spanische übergegangen. Das deutsche Wort „Gewissen" stellt eine sogenannte Lehnübersetzung aus dem Lateinischen (con-scientia) dar, wie ja auch der lateinische Ausdruck eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen ist. Möglicherweise ist auch der griechische Ausdruck eine Lehnübersetzung aus einer semitischen Sprache. Was würde aber Treitschke für Augen gemacht haben, wenn man ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, daß in dem Religionsbekenntnis, dem er selbst angehört hat, dem protestantischen, wohl in den meisten Fällen, wo das Wort „Gewissen" gebraucht wird, dies auf alttestamentiicher Grundlage geschieht. Luther übersetzt nämlich die alttestamentliche Stelle, Hiob 27,6, die wörtlich übersetzt lautet: „Nicht schämt sich mein Herz (lew) ob meiner Tage" mit: „Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens halber." Wie sehr diese alttestamentliche Stelle aus Hiob unsere Sprache beeinflußt hat, kann man ganz deutlich aus Büchmanns „Geflügelte Worte" 25. Auflage, S. 23, ersehen, wo die Entstehung des Wortes „Gewissensbisse" mit vollem Recht aus die in . Rede, stehende Hiob-Stelle zurückgeführt wird. In Fritz ' Reuters „Ut mine Stromtid" (Kap. 31) sagt Bräsig zu seinem Freunde Karl Habermann, um diesen zu trösten: „Dein Hart ist jo rein wie Hiob ... 's is doch sonderboren mit die Gewissen . . ." Und in dem Kapitel 4 derselben „Stromtid" läßt Reuter den prächtigen, grundehrlichen, alten Juden Moses zu seinem durch den Verkehr mit den nichtjüdischen Halsabschneidern Slusuhr und Pomuchelskopp verdorbenen Sohn David wiederholt sagen: „David, hast du an Gewüssen? Ich will dir sagen was neues: du hast kains!" Reuter, dessen Frau eine Pfarrerstochter war und der auch selbst mit evangelischen Pfarrern viel Verkehr unterhalten hat, hat also an beiden Stellen mit voller Absicht dir alttestamentliche Grundlage der Begri;fes „Gewissen" hecoortreten lassen. Derselbe Dichter behandelt dies Thema noch an einer dritten Stelle seiner „Stromtid". Der alte Moses erzählt im dritten Kapitel zum Belege für seine kräftige Abneigung, eine Klage bei einem Gericht einzureichen, die höchst ergötzliche Geschichte, wie ein Kandidat der Theologie, der ihm Geld schuldete, aus seine Mahnung mit folgendem Gesangbuchverse geantwortet habe: „Mein Gewissen beißt mich nicht, Moses darf mich nicht verklagen; Der mich frei und ledig spricht, Hat die' Schulden abgetragen." Der hier angeführte Vers stammt aus einem Kirchenlied des Kirchenliederdichters und Hamburger Hauptpastors Neumeister. Die erste Verszeile stammt wörtlich aus dem Buch Hiob in der Lutherschen Übersetzung. Es ist einigermaßen ergötzlich, wenn man die alttestamentlichen „Forschungen" eines Treitschke durch einen profanen Schriftsteller wie Fritz Reuter glatt widerlegen kann. Aber ein noch größerer Deutscher als Reuter straft einen Treitschke in der „Gewissens"frage auf des eindringlichste Lügen. Es ist dies Deutschlands großer Feldherr. Graf Hellmuth v. M 0 l t k e, der m seinen im ersten Bande der gesammelten Schriften abgedcuckten „T r 0 st g e d a n k e n" wörtlich folgendes niedergeschrieben hat: „Das Gewissen ist der unbestechliche und unfehlbare Richter, welcher sein Urteil in jedem Augenblick spricht, wo wir ihn hören wollen ... Es sagt uns, daß jeder Tag dem Herrn geweiht sein sollte, daß selbst der erlaubte Zins, vom Bedrängten erhoben, unrecht sei, mit einem Wort, es predigt die Moral in der Brust von Christen und Juden, von Heiden und Wilden." Es ist eine Unverfrorenheit sondergleichen, daß Leute wie Fritsch und Konsorten es gewagt haben, einen Mann, der so etwas geschrieben hat, ebenfalls als Kronzeugen für ihre Hetze in Anspruch zu nehmen. Sabbat-Anfang und -Ausgang. ns mw Ort: Anfang Uhr >Min. i Äatum 1924 | 5684 Äw Uhr sg. Min. Frankfurt o. M. 4 25 12. 6. 5 40 Berlin .... 4 15 Jan. Schebat 5 04 München . . . 4 40 5 27 Köln. 4 40 5 4a Stuttgart . . . 4 45 5 37 Breslau.... 4 15 4 50 Nürnberg . . . 4 25 5 25 Hamburg . . . 4 25 5 19 lVochenkalender. 12.—19. Januar 1924 / 6. bis 13. Schewath 5884 Samstag Jan. 12 N2 6 V2V Sonntag 13 7 Montag 14 8 Dienstag 15 9 Mittwoch 16 10 Donnerstag 17 11 Freitag 18 12 Samstag 19 N^2 13