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Der Israelit · 1924-01-10 · Heft 2 (10.1.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 2 (10.1.1924)
Date
1924-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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10. Januar 1924 Der Israelit Nr. 2 Sette 3 ist es der offenherzigere Herr Loeb, der klarlegt, daß die „Freie Vereinigung" zu allem Ueberflutz seit mehreren Jahren alles das an andere Organisationen, abgegeben hat, was an ihr noch „politisch" und polemisch war: die gemerndepolitische Vertretung an den gesetzestreuen Gemeindebund und die geistige Propaganda für das Prinzip der Thora-Souveränität an den Grppenverband der Agudas Jisroel. Diesen beiden Verbänden aber steht ja der allgemeine Eemeindebund bezw. der Misrachi als organisatorischer Ausdruck des Gegenprinzips, längst gewappnet -gegenüber: einer Neugründung bedurfte es also auch dazu nicht. Es bedurfte höchstens eines Zusammenschlusses der verschiedenen ton servativen Gruppen in den Grotzgemeinden zur Pflege ihrer gemeinsamen Interessen. Wollte Achduth nichts weiter sein als dieses letztere, kein gerecht denkender Mensch könnte die Legitimität der Gründung bestreiten. Eine solche Organisation, die gemeinsam nach links gegenüber den liberalen Machthabern, statt nach rechts gegen Aguda und Freie Vereinigung die Interessen der Thora zu vertreten und in den Ervtzgemeinden die Orthodoxie zu stärken versuchte, hätte Segen stiften und zur inneren Annäherung der beiden feindlichen Lager der Gesetzestreuen eines Tages führen können. Wir glauben zu wissen, datz es einzelne klardenkende und friedliebende Männer in den Reihen der Achduth-Freunde gegeben hat, die eine solche Tendenz für allein berechtigt hielten und die leider mit ihren Ansichten nicht durchgedrungen sind. So tritt „Achduth" denn heute mit dem herausfordernden Anspruch auf, unter Ignorierung alles dessen, was an stiller Gemeinschaftsarbeit in Jahrzehnten geleistet worden ist, sich als „die" Vereinigung aller Gesetzestreuen an die Stelle der vorhandenen Organisationen zu setzen und diese — in konziliantesten, durchaus salonfähigen Formen —, man verzeihe uns den ehrlichen Ausdruck, zu erdrosseln. Das mat Kirschs und Hildesheimers wird, wir sind dessen sicher, die deutsche Orthodoxie vor dem Unglück bewahren, datz dieser Plan gelingen und damit alles das der allmählichen Auflösung anheimsallen könnte, was diese Männer mit starker Hand erstritten haben. Möge „Achduth" — VLVS' mnw vwsy rwyaa — sich auf ihre legitime Aufgabe in den Grotzgemeinden beschränken und sich damit des “pna würdig machen, das dem *mn msn roa gegenübersteht. Rohstoffe lrus Deutschland Aus dem neutralen Auslande wird uns geschrieben: „In Ihrem gesch. Blatte bringen Sie in Nr. 1 vom 3. ds. eine Korrespondenz aus Konstantin opel über auffallenden ungekannten Antisemitismus in der neuen Türkei. Solche Korrespondenzen können Sie heute aus allen Ländern der Welt erhalten, nur mutz hinzugefügt werden, datz Deutschland es ist, welches die ganze Welt mit diesem antisemitischen Gift versorgt. „Rohstoffe aus Deutschland" könnte man bald den rohen Hetzantisemitismus nennen, den man von Deutschland aus in Millionen von Blättern und Broschüren gratis in die „beise'te-stehende" Welt sendet, um „Alljuda" für alles Unglück verantwortlich zu machen! So wird „der internationale I ub e ", ein Pamphlet, das angeblich von Henry Ford verfatzt, in Wirklichkeit im antisemitischen „Hammerverlag" des Herrn Theodor Fritsch in Leipzig erschienen ist, massenhaft ins Ausland verschenkt und verkauft. In der Schweiz erhielten es alle National-, Stände-, Bundes- und Regierungsräte gratis mit einem Begleitschreiben ins Haus gesandt! In allen Schaufenstern prangen riesenhafte Pfeile mit der Ueberschrist: „Bitte, lesen Sie", und darunter stehen die Bücher des Hammerverlages: „Der internationale Jude" für Fr. 4.50 in zwei Bänden. Außerdem kommen Flugblätter massenhaft ins Land. In diversen Zeitungen wie der „Leuchtturm" usw. werden Stresemann, Slinnes, Morgan, Wilson, Poincare usw. glatt als Juden oder Halbjuden bezeichnet — und es wird vom Volke geglaubt! Alle französischen Generäle und Offiziere im Ruhrgebiete sind, nach gewissen deutschen Blättern, rassenreine Juden. „Bei vollen Scheunen verhungert das deutsche Volk", — weil die Juden das Getreide nicht herausgeben, die Milch nicht auf den Markt führen usw. So kennt man auch bei uns schon das Sprüchlein: „An allem ist der Jude schuld!" Diese „Rohstoffe" gehen sogar nach Japan, wo es gar keine Juden gibt, und wo man niemand hat, für das Erdbeben verantwortlich zu machen! . . . So finden sie natürlich auch den Weg nach der Türkei und sogar nach Amerika. Diese Hetzpropaganda macht auf die Juden der ganzen Welt einen n i e d e r s ch m e 11 e r n b e rt Eindru ck. Vom Lande Lessings hört man heute nur die eine Lehre: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Dabei ringt Deutschland nach Liebe, die es so dringend benötigt . . . I. M." Wir bemerken hierzu: Deutschland, das auf die Liebe der Welt rechnet, ist es nicht, das diesen Hatz verbreitet. Es sind Verblendete, Verführer und Verführte, die man im Auslande als solche erkennen sollte. Die jüdischen Anstalten nnd die Goldmark. Don Hermann Seckvach in Aranllfnrl a. ZN. Gar oft kann man heute hören: „Nun, jetzt mutz es doch dieser oder jener Anstalt gut gehen, jetzt, nachdem eine Stabilisierung eingetreten ist und nachdem sogar die Preise herabgesetzt werden!" Der Fernstehende kann sich von den wirklichen Verhältnissen scheinbar gar keinen Begriff machen. Um sich ein objektives Bild über die Möglichkeit des mehr als je notwendigen Fortbestandes unserer verschiedenen jüdischen Institutionen zu verschaffen, mutz man sich die in der Friedenszeit vorhanden gewesene Grundlage vor Augen halten. Wir wissen, datz es da keine Anstalt unternommen hätte, ihre Fürsorge, sei es für Waisen und für Säuglinge, für Kranke und Sieche oder für allgemeine jüdische kulturelle Zwecke aufzunehmen, wenn ihr nicht für die zu übernehmenden Leistungen ein bestimmter Kapitalfonds zur Verfügung gestanden hätte. Diese Sicherung war unerläßlich, von ihr hing das Wohl und Wehe der Kranken, der Zöglinge, der Insassen, kurzum das Gedeihen der Institutionen ab. In wundervollem Aufschwung menschlicher Hilfsbereitschaft wurden da innerhalb dieser Anstalten herrliche Stiftungen errichtet, alle zu dem Zweck, mehr und immer mehr die Grundlage, die Säulen sicherer und fester zu gestalten, um so die verschiedenen Zweige der vielseitigen jüdischen Wohltuns zur höchsten Blüte zu bringen. Ist es nun nötig, unser trauriges, allzu trauriges Erleben der letzten Jahre zu schildern? Ist es nötig, darauf hinzuweifen, daß bei allen Jnstitut'onen diese Sicherungen in Form von Stiftungen durch die entsetzlichen Währungsverhältnisse rettungslos verschwunden sind? Noch sind Gottlob die Anstalten vorhanden. Mehr oder minder haben sie alle durch äußerste Anstrengung versucht, getragen von wahrhaft jüdischem Pflichtempfinden, durchzuhaiten. Sie Ein Widerspruch zwischen Raschi und Baal Hatnrim. Zu NU mriD* Don Ar. Bekanntlich war unfernt Stammvater Abraham beim Bund zwischen den Stücken verkündet worden, daß seine Nachkommen 400 Jahre in der ägyptischen Knechtschaft schmachten sollen. In Wirklichkeit währte das ägyptische Exil nur 210 Jahre. Nach Raschi beginnt die vorgesehene Exilszeit von 400 Jahren mit der Geburt Isaaks. (S. 1. Buch Moses Kap. 15. B. 13!) Es ist an dieser Stelle der rechnerische Nachweis gebracht, daß zwischen der Geburt Isaaks und dem Einzuge der Jakobsfamilie in Aegypten ein Zeitraum von 190 Jahren liegt. Addiert man hierzu die 210 Jahre, welche das Volk Israel in Mizrajim weilte, so ergeben sich die vorausgesagten 400 Jahre. Im 2. Buch Moses, Kap. 12, Vers 40 wird uns berichtet: ..Und die Wohnzeit der Kinder Israels, die sie in Aegypten weilten, betrug 430 Jahre." Raschi deutet diesen Widerspruch von ca. 30 Jahren dahin, daß er als Beginn der ägyptischen Knechtschaft den Bund zwischen den Stücken setzt. Da Abraham bei der Geburt Isaaks 100 Jahre alt war, so müßte demnach der Bund zwischen den Stücken stattgefunden haben, als Abraham 70 Jahre alt war. Es erschien mir immer sehr unwahrscheinlich, datz der Bund zwischen den Stücken 6 Jahre früher erfolgt sein sollte, als an Abraham die Mission erging: „Gehe heraus aus deinem Lande, aus deinem Ge- \ burtsorte und aus 'Deinem Vaterhause". Ich habe : bereits früher einmal auf diese schwierige Stelle hingewiesen und ist mir von keiner Seite eine Erklärung zugegangen, die geeignet gewesen wäre, sragl. Schwierigkeit zu lösen Bei wiederholtem Studium dieser Stelle finde ich nun, daß auch der Baal Haturim annimmt, der Bund zwischen den Stücken habe stattgetunden, als Abraham bereits 75 Ihre alt war. Baal Haturim stützt sich bei seiner Annahme aus eine Stelle im 1. Buch Moses, Kap. 15, V. 6, in der es heißt: „na" -yiT '\t- .Wenn noch weitere 25 Jahre nach Zahlenwert yp verstrichen sein werden, werde Abraham mit Kindersegen bedacht werden. .Und dann schreibt er wörtlich: p osna« rr»n pa nnan nrw n"!v Sollte Baal Haturim die o enerwähnte Raschistelle nicht gekannt haben und wie laßt sich der Widerspruch zwischen beiden Bibelerklärern lösen? (In ps und paai zu ii. B. M. xn, 40 finden sich mehrere Lösungen der hier berührten Schwierigkeit. Ersterer nimmt abweichend von KnV’Sa und an, daß das jynj Abrahams mit der er st en Aus m anderun g aus Ur Chasdim begann und von diesem Zeitpunkt bis zur Geburt Jzchaks H) Jahre verflossen; dann kann Abraham beim onnan pn rrin sehr wohl 75 Jahre alt gewesen sein, denn dieser nna konnte im gleichen Lebensjahre noch stattsinden wie die Einwanderung Abrahams nach Erez Jisroel bezw. feine Auswanderung aus H a r a n. Ramban deutet im Namen des bVw "no auch die Möglichkeit an, daß Abraham, nachdem er bereits früher aus Haran nach Erez Jsroel gekommen und zu 70 Jahren den pa rraa annan erlebt hatte, noch einmal dorthin zurückkehrte und dann zu 7ö Jahren definitiv aus Haran auswanderte. Als betrachtet Ramban jedoch die Annahme, daß die 30 Jahre Differenz nicht vor dem Beginn der 400-Jahr-Necbmmg liegen, sondern an ihrem Ende und eine nachträgliche Verlängerung des als ny rnsa bedeuteten. Red.) ' 1 Meines Feuilleton. Das Gewissen. In der C. V.-Zeitung erinnert Dr. I. Stanjet an ein Wort F i ch t e s , der aus der Tatsache, daß das Wort „Charakter" ein griechisches Wort ist, und daß der Deutsche keine eigene Bezeichnung dafür geprägt habe, den Schluß zieht: „Das hatte der Deutsche auch nicht nötig: deutsch sein heißt Charakter haben. Wenn man ein Deutscher ist, hat - mau, pso, Chakakter. und braucht kein eigenes Wort hierfür." Dem stellt Stanjek ein Wort Treitschkes gegenüber: „Der Jude hat kein Gewissen; Beweis: In der Bibel (gemeint ist die jüdische Bibej) kommt das Wort „Gewissen" nicht vor." In einem Artikel der Zeitschrift „Ost-West" (August 1918) wird dieses Diktum mit folgenden Worten glänzend ad absurdum geführt: „Seine (Treitschkes) hebräischen Kenntnisse waren so groß wie seine Wahrheitsliebe ... In der Bibel kommt kein Wort für Lunge vor . . . Sollten die alten Hebräer keine Lunge gehabt haben?" Das lateinische Wort conscrentia für Gewissen ist eine Ilebersetznng aus dem Griechischen und ist als Lehnwort in der Form conseiense ins Französische und Englische,

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