Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1924)
- Date
- 1924-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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-Seite 2 Nr. 2 Gottseidank in einer Zeit, in welcher — dies gilt von den Kulturländern — die Jüdischteit wieder ihr Haupt über die Abtrünnigkeit erhebt. Wollen wir es verantworten, wenn in einer mit Gottes Hilfe bald wieder ganz jüdischen Zeit die Menschen die anklagen, die ihnen ganz uniüdische Rufnamen auf den Lebensweg w.itgegeben haben? Wird es den Elsen, Hansen, Marthen und Fritzen leicht werden, sich in Even, Miriams, Hajims und Pereze zurückzuverwandeln? Viele fromme Söhne jüdischer, biblisch-benannter Eltern wollen ihre Kinder, die sie nach ihren Eltern, den verstorbenen Großeltern der Kinder benennen, nicht mit jüdischen Namen rufen aus dem Grunde, weil sie die Namen der verstorbenen Ellern nicht in den Mund nehmen wollen. Doch dies erscheint mir als eine unbegründete Scheu. Kommt sonst kein Grund hinz^. so kann dieser nicht hinreichen, um das Verbergen des jüdischen Namens zu rechtfertigen. Wie dürfen sonst dieselben pietätvollen Söhne die Thora- und Gebetstellen lesen, in welchen die Namen ihrer Eltern erwähnt werden? — Es versteht sich von selbst, daß ein frommer Jude nur diejenigen biblischen Namen wühlen kann, die an gute und gerechte Menschen der Geschichte erinnern, was ja zum Glück bei der Mehrheit dieser Namen zutrifft. — Geschieht dann die jüdische Benennung jüdischer Kinder im Namen Gottes, nicht aus Nachahmung fremder Völkischtuerei, so wird dem Kinde damit der Schutz des Gottes Israels erfleht. Wir leben in einer Zeit, in welcher viele Juden für den Namen leiden, den wir durch Schuld einzelner, aus unserer Mitte hervorgegangener Ausbeuter der Mitmenschen tragen. Bemühen wir uns, daß der Feind uns, wenn er uns schon bedrücken will, uns zu Mä tyrern des Gottesnamens machen kann. Sei an unserer Reputation nie und nirgends ein schwarzer Schatten, vor allem nicht der des Sichverleugnens. Bewähren wir uns im Handel und Wandel als Menschen, die den Ehrennamen des Juden verdienen: verbergen wir nicht die Sitte und das Gesetz, die Eigenheiten und die Rufnamen unserer Väter; dann kann das jüdische Kind lernen, für den jüdischen Namen zu leben und zu sterben: .s-mn anpa an1? uti •»maa ana thpi Im Gefängnisse der Römer sprach Papus zu R. Akiba: „Heil dir, daß du wegen der Thora in Not geraten bist; ich aber sitze hier wegen nichtiger Dinge." Da aber auch Papus ein Märtyrer gewesen, so erklärt einer unserer Weisen diesen seinen Ausspruch, indem er sagt, Papus habe bedauert, nicht wie R. Akiba schon durch seinen Namen, sondern erst Der Israelit durch eine Denunziation den verfolgungssüchtigen Römern, verdächtig geworden zu sein. Sauls Enkel und Urenkel entschlossen sich lieber, sich „Mann und Mund der Schande (Boscheth)" zu nennen, als ihre von leichtfertiger Umgebung ersonnenen Namen Jschbaal und Mesibanl beizubehalten. Von uns, liebe Zeitgenossen, wird kein Martyrium und keine Schande verlangt, nur das eine, ein wenig Gelächter während der Uebergangs-, richtiger Rückkehrzeit zu ertragen. Wir stammen aber allesamt von dem ab, dessen Name Jizchak schon der Belächelte heißt. Das soll uns den Mut geben, mit unseren jüdischen Namen einer lachenden Welt zu trotzen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Dr. B. C. Durch „Einheit" zur Zersplitterung. Wir tragen dem Wunsche der neugegründeten A ch d u 1 h - Vereinigung durch Veröffentlichung eines offiziellen Berichtes über ihre Gründung im Nachr'chtenteil Rechnung und schließen daran im „Sprechsal" eine längere Erwiderung des Herrn Moritz A. Loeb auf den Artikel, durch den wir vor der Gründung dieses Unternehmens gewarnt hatten. Dem offiziellen Bericht, der sichtlich von dem Bestreben geleitet ist, den neuen Verein als ein ganz unschuldiges, von lauterer Friedensliebe getragenes Gebilde erscheinen zu lassen, fehlt es leider nicht an inneren Widersprüchen. Die neue Organisation, so heißt es, will alle „diejenigen Gesetzestreuen umfassen, die sich zur Einheit der jüdischen Gemeinschaft bekennen": dennoch aber will sie „in religiös-politischen Fragen j e d e m E i n - zelnen freistellen, den rechten Weg selbst zu finden", das heißt also doch, sie will in „religiös-politischen Fragen" neutral sein. Aus dem ersten Satz geht hervor, daß Achduth — wie ja auch sein provokatorischer Name sagt — das Bekenntnis zur Einheit des Judentums als moralische Voraussetzung der Mitgliedschaft betrachtet. Unter „Einheit des Judentums" kann aber unmöglich das Gleiche gemeint sein, was z. B. Agudas Jisroel darunter versteht, nämlich die am Sinai konstituierte Einheit der dem Thorawillen Unterworfenen. Sonst wäre ja die besondere Betonung des Einheitsbekenntnisses, die doch logischerweise gegen irgend ein anderes Bekenntnis im deutschen __ 10. Januar 1924 thoratreuen Judentum gerichtet sein mutz, ganz unverständlich. Auch hebt zum Ueberfluß der etwas offenherzigere Herr Loeb ja ausdrücklich hervor, daß Achduth dre „gesonderte Organisation der auf dem Boden des E'mherLsgedankeKs stehenden gesetzestreuen Richtung" fein solle. Also stehen für „Achduth" alle Nicht-Gemeinde-Konservativen nicht auf dem Boden des Cinheitsgedankens. Ist dem aber so, wie kann man im gleichen Atemzug behaupten, zu „religiös-politischen" Fragen nehme Achduth keine Stellung! Wie kann man triumphierend verkünden, daß es deshalb gelungen sei, einige Persönlichkeiten zu gewinnen, die nicht den „sogenannten gemeind eko ns erv ativ en" Kreisen angehören? Ist nicht eben dieses „gemeindekonservative" Bekenntnis der „Achduth", das Bekenntnis zur ^tammeseinheit an Stelle der Glaubenseinheit im Judentum, bereits die klare Stellungnahme zu einer religiös-politischen Frage ersten Ranges? Wenn also „Achduth" — wie sie versichert — ihre Pforten dennoch den überzeugten Anhängern der „ A g u d a " und der „Separatgemeinde" öffnen will, so sollte offen und ehrlich erklärt werden, daß man durch diese Gas^ freundschaft dem „separatistischen" Neophyten seine unzeitgemäßen Ideen allmählich abgewöhnen, nicht aber, daß man „Achduth" durch eine ihrem Wesen widersprechende Neutralität den Boden unter den Füßen wegziehen will. „Entpolitisieren" will „Achduth" die praktische Lösung der brennenden Gegenwartsfragen wie z. B. die Bekämpfung wirtschaftlicher Not, die Erleichterung der rituellen Lebensführung. Bravo, das ist sehr wohl möglich. Beweis: Es sind das genau die Aufgaben, die von der „Freien Vereinigung" feit fast zwei Jahrzehnten unter der einmütigen Anerkennung aller, ausnahmslos aller Kreise der gesetzestreuen Judenheil in gänzlich politischer Weise erfolgreichst bearbeitet worden sind! Daß demjenigen, der das Wort vom „Entpolitisieren" niederschrieb, die Feder nicht gezittert hat, als er es unternahm, solchergestalt den Schein zu erwecken, als habe es zur „Entpolitisierung" von Mazzos, Esrogim, Tefillin und Mesusos erst der „Achdus"-GründunA bedurft. Fühlten sich die Herren bisher wirklich in ihrem Gewissen bedrückt, daß sie „separa-- tistische" ‘pVaa tragen, „separatistische" Mazzos essen mußten? Aber die „Freie Vereinigung" hat auch Politik und Polemik getrieben! Nun, wiederum Moses. Bon A. Mannheimer in Detielbach. (Fortsetzung.) Wie Unrecht batte doch Korach, wenn er Moses Ambitionen andichtet: Warum überhebt Ihr Euch über die Versammlung des Ewigen. Es fehlt nD» überhaupt die Fähigkeit eines Organisators und Führers. Er kann nicht durch hinreißende Beredsamkeit die Massen gewinnen: er besitzt eine schwere Zunge. Und wie geradem kindlich stellt er sich an, das Volk zu richten! Sein Schwiegervater Iitro muß ihn auf die elementarsten Regeln der Regierungskunst aufmerksam machen, die Sache von oben herunter zu organisieren. Dieser schlechte Organisator und Redner sollte und wollte eben nichts anderes sein, als ausschließlich das Werkzeug Gottes, aussührendes Organ des Allmächtigen. (Siehe Hirsch z. St.) *6 n „Niemals geschah etwas aus eignem Herzenstriebe", das ist Quintessenz im Korachkampfe; die Anerkennung der Göttlichkeit der Thora war umstritten. Darum das Schreckensende des Rebellen Wie wenig wsZ Herrsucht und Ehrgeiz kannte, zeigt uns ja auch sein Verhalten gegen Mirjim, die es, wie oft in der Geschichte, erfahren sollte, daß es nicht immer leicht ist, die Schwester oder der Bruder eines Großen zu sein. Moses ist taub gegen Lästerung: erst Gott nimmt sich seines Dieners an und bezeichnet ihn als rixa TO' als „sehr demütig", mit dem Zusatze „mehr als alle Menschen auf der Erdoberfläche", was gewiß viel besagt. Und nicht aus schwächlicher Naturanlage ist er so, sondern als als Mann Moscheh schmückt ihn der höchste Grad von Bescheidenheit. Wie schön klingt das Wort gegenüber dem treuen Iosua, der so eifersüchtig über seines Herrn Ehre wacht: oy ^>a fir ’ai Q^aa T>, O» bestände doch das gesamte Gottesvolk aus Propheten! Welcher Sterbliche hätte je ein höheres Diplom erhalten als Moscheh, den der Allmächtige als pju bezeichnet? Ein solcher Mann wurde hinter den Herden hinwegberufen, Israel wie Schafe zu weiden. (Ps. 77). Nur den Stab nimmt er mit, ohne den wir uns Moses nicht recht vorstellen können. In drei Etappen vollzieht sich nun das eigentliche Wirken des Größten aller Großen: Auszug aus Aegyten, Gesetzgebung am Sinai, Wüstenwänderung. Wie von einem Glorienschein umflossen erscheint uns Moses' Bild, wenn wir die Bedeutsamkeit der drei Worte uns durch die Seele ziehen lasten, wie es der Psalmist tut (Ps. 78, 105, 106). Schlag auf Schlag. Wunder aus Wunder zertrümmert Aegyptens eiserne Macht. Moses führt Israel nan Ta fort, frei und offen, von ihren Peinigern mit Gaben überhäuft*). Voraus zieht eine eigenartige Reliquie, der Sarg Josephs, der selbst einst als Knecht nach Mizrajim kam, ja *) Sie haben sich weder fortgeschlichen, noch wurden fie fortgejagt, noch haben sie beim Weggange gestohlen, wie blöde Antisemiten urteilslosen Volksmengen vorlügen. i Gefangener ward und mit einem Schritte Vizekönig.!Am Schilfmeer liegt der Glanz Aegyptens im Sand'! Gewaltig ertönt ein Loblied 'n*?, dem Ewigen, nicht etwa ein vom Siegestaumel durchwehter Rachegersang. Auch Mirjam greift in die Saiten. Doch Höheres steht bevor: Moses zieht zum Sinai. Unter stärksten Gewittererscheinungen. Erdbeben und ohrbetäubendem Posaunenschall kommt das Gesetz der j ewigen Liebe und Milde zur Welt. Im Toben der : Weltenoölker wird und mutz sich einst die Gottesstimme durchsetzen, die Israel schon am Sinai ver- I standen. Nicht alles! Die Ergänzung der ,Zehn Worte" holt Moses noch vom Berge herab. Doch wie findet er das Volk nach 40 Tagen! Ein Sturz aus Himmels Höhen Der rasende Tanz um» goldene Kalb bringt auch einen Moses außer Fassung. Mit Wucht schleudert er die steinernen Tafeln z« Boden, daß die Scherben nach allen Seiten fliegen. Für die Zertrümmerung des Allerheiligsten findet er aber freundliche Zustimmung. Die Worte matP sind durchaus in diesem Sinne zu verstehen. Die Scherben sind das Bild einer in herbstem Gram zerrissenen Seele, die im Grunde aus Liebe gestimmt ist. Darum findet sie wunderbar innige Worte der Fürbitte, ebenso bezeichnend für Mosches Vatergüte wie Gottes unendliche Gnade. Bald daraus entstand unter Moses Leitung die prunkvolle Stiftshütte als sichtbares Wahrzeichen der Gottesnähe, ein Zentralpunkt, um den sich die 12 Stämme nach vier Seiten lagerten, ein Bild, das den ränkevollen Bileam in seiner bezaubernden Wirkung derart begeisterte, daß feinem Munde die herrlichsten Segensworte über Israel entströmen. Und vor der ehrwürdigen Erscheinung eines Hohenpriesters im heiligen Ornate stieg auch ein Alexander einst aus dem Sattel. (Schluß fotzt.)