Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1924)
- Date
- 1924-01-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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fcttillttott' Beilage Der Israelit Br. I 1924 iif? H i i i\?! & ü: r ijl r fi i f;i |! Berlin. Ein Kuliurbild aus dem vorigen Jahrhundert von M. L. (Fortsetzung.) Seufzend kleidete sich Rabbi Daniel an Diese langen seidenen Strümpfe, diese mit Dia manten verzierten silbernen Schnallen an den feinen Schnabelschuhen, diese Beinkleider von echtem Sammt, diese goldgest'ckte Weste, dieser kostbare Frack vom feinsten Brabanter Tuche dieses feine Hemd mit Jabots, mit echten Brüs seler Spitzen besetzt, diese kostbare goldene Uhr mit doppeltem Gehäuse, diese schwere Uhrkette mit den gewichtigen goldenen Verlognes — gehörte das alles noch ihm? Seufzend stieg er in den eleganten, offenen Wagen, den er seiner Meinung nach nicht mehr als sein Eigentum betrachten durfte. So fuhr er durch die Schönhauser Straße. Von allen Seiten grüßten die Fußgänger, die dem Wagen begegneten, oder an denen er vorüberfuhr. Juden, Kaufleute, Beamte, Offiziere, alle grüßten mit größter Zuvorkommenheit den von ganz Berlin gekannten, reichen, wohltätigen, hochgeachteten Mann. Seufzend erwiderte Rabbi Daniel die ehrerbietigen Grüße. Wenn es erst bekannt sein wird, daß er sein ganzes Vermögen verloren, so werden alle diese Leute ihn nicht mehr kennen wollen. Tiefe Bitterkeit bemächtigte sich seines Herzens — Bettler liefen an den Wagen und hielten den Hut hin. Sonst pflegte Rabbi Daniel Niemanden unbeschenkt zu lassen. Heute gab er nichts. Durfte er Almosen spenden von dem Gelde, das nicht mehr ihm gehörte? Der Wagen fuhr durch die Rosenthaler Straße, über die Spandauer Brücke, der Gegend zu, wo damals die meisten Juden wohnten. „Da kommt Rabbi Daniel Jtzig," rief Einer dem Andern zu, als man der Equipage ansichtig wurde, „unser guter Rabbi Daniel, Gott segne ihn!" Rabbi Daniel hörte diese Segenswünsche; sie taten seinem Herzen wohl. „Guter Gott," sprach er vor sich hin, „was ich Gutes getan habe mit meinem Gelde, das wenigstens kann mir Keiner nehmen, das ist und bleibt mein Eigentum." Endlich hielt der Wagen in der Rosengasse vor dem Hause des Rabbiners. Mit schwerem Herzen stieg Rabbi Daniel aus dem Wagen; ging er doch einer Entscheidung über seine ganze Zukunft entgegen. V. Wie wir bereits oben erwähnt haben, bekleidete zu jener Zeit der große, berühmte Rabbi Hirschel Lewin den Posten eines Rabbiners der israelitischen Gemeinde zu Berlin. Derselbe war einer der bedeutendsten Gelehrten jener Zeit, und seine Ahnen gehörten zu den hervorragendsten Männern des Judentums. Er war in einer kleinen Stadt in Polen geboren, wo er als ein zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Jüngling von einer reichen Witwe als Gatte für deren einzige Tochter war ausgesucht worden. Rabbi Hirschel lebte damals in seiner kleinen Posen'schen Gemeinde ausschließ ich dem Thorastudium. Schon umgab ihn ein zahlreicher Kreis von Söhnen und Töchtern, als seine Schwiegermutter starb. Einige Wochen später fand Rabbi Hirschel, als er aus dem Lehrhause zurückkehrte, seine Frau in Tränen aufgelöst. Er fragte sie nach ihrem Kummer und erfuhr, daß das Vermögen seiner Schwiegermutter im Laufe der Jahre aufgezehrt worden war. Das Vorhandene reichte gerade hin, um die Schulden zu bezahlen. „Liebe Frau," sagte Rabbi Hirschel, „härme Dich nicht, der allmächtige Gott, der bis hierher geholfen, wird auch weiter helfen." „Aber," fragte die Frau, „wovon sollen wir leben, Du und ich und die Kinder?" „Du hast noch viele Chefzaus, Gold, Silber, Perlen und Diamanten, Uhren und andere Schmuckgegenstande. Verkaufe das nach und nach." „Und dann?" „Dann wird Gott weiter helfen." Ungestört und unbeirrt widmete sich Rabbi Hirsche! dem Studium der heiligen Gotteslehre. So vergingen Wochen, Monate, Jahre; das Thema des künftigen Lebensunterhaltes wurde von beiden Gatten nicht mehr berührt, bis Rabbi Hirschel eines Morgens, als er aus der Synagoge kam, seine Frau wiederum in Tränen fand. „Lieber Mann," sagte sie, seine Frage nicht abwartend, „von allen Kostbarkeiten, die ich besessen, ist nur noch ein silberner Kaffeelöffel da; ich besitze nicht einmal noch Geld, um das Frühstück zu besorgen." „So verkaufe das Löffelchen," sagte Rabbi Hirschel ruhig, „und laß uns frühstücken. Nachdem wir gegessen und getrunken haben, wollen wir überlegen, was wir nunmehr zu tun haben werden." Eine halbe Stunde nachher saß die Familie am Frühstückstisch und ließ es sich wohlschmecken. Nur die Hausfrau konnte nicht essen, nicht trinken: die Sorge beschwerte ihr Herz. Warum issest Du nicht?" fragte sie Rabbi Hirschel. „Sorge n'cht, Gott wird schon helfen. Er hat gar viele Boten, die er senden kann, um uns aus allen Verlegenheiten zu reiten." Kaum hatte Rabbi Hirschel das Wort geprochen, so kam der Postbote herein und brachte einen großen, schweren Brief. Der Brief kam aus weiter Ferne, von jenseits des Meeres. Die israelitische Gemeinde zu London hatte sich von den größten Autoritäten der damaligen Zeit einen Rabbiner empfehlen lassen. Der Amsterdamer Rabbiner und mit ihm der von Hannover, ebenso der Rabbiner von Frankfurt am Main — alle drei hatten die Aufmerksamkeit der Londoner Gemeinde auf ihren jungen Verwandten, Rabbi Hirschel, gelenkt. Nun brachte der Brief die Berufung nach London und zugleich einen Wechsel im Betrage von tausend Thalern zur Bestreitung der Uebersiedlungskosten. Da fiel die Frau ihrem Mann um den Hals und tief: Der allgütige Gott hat Dein Vertrauen nicht zu Schanden werden lassen! Kinder küsset eurem Vater die Hände! Euer Vater ist ein heiliger Mann." In London fand Rabbi Hirschel nicht den gewünschten Wirkungsk.e s. Sein höchster Wunsch war, die Jugend für das Thorastudium zu erziehen. Dafür war London schon damals nicht der geeignete Platz. Aeußere Vorteile galten dem edlen Manne nichts. Daher sehnte er sch nach einer anderen Gemeinde, wo es ihm ver gönnt sein würde, dem Ausspruche der Männer der großen Synode gemäß, viele Schüler heranzubilden. Reisende brachten die Kunde hievon nach Halberstadt, und die dortige fromme und ehrwürdige Gemeinde beeilte sich, den großen Mann für sich zu gewinnen. In Halberstadt entfaltete Rabbi Hirsche! eine großartige Tätigkeit; hier zählten Jünglinge zu seinen Schülern, die späterhin die bedeutendsten Männer in Israel wurden; wir nennen nur Rabbi Lob Eger, später Rabbiner zu Halberstadt, Rabbi Wolf Eger, später Rabbiner zu Breslau, Rabbi Bärisch, später Rabbiner zu Hannover, Rabbi Löb Berlin, später Rabbiner zu Cassel. Die talmudischen Vorlesungen Rabbi Hirschels hatten das Eigentümliche, daß sie alle Vorzüge der deutsch-polnischen mit denen der sogenannten portugies schen Talmudschulen vereinigten. Ihre Diskussion drang in die tiefsten Schachten der Halacha, war aber immer streng logisch geordnet und beruhte auf der von unfern Geonim gegründeten Methodologie des Talmuds. — Nur fünf Jahre blieb Rabbi Hirschel in Halberstadt: dann wurde er nach Mannheim berufen, wo er der Nachfolger seines berühmten Freundes und Verwandten, Rabbi Heilmann, wurde. Aber schon während des Aufenthaltes in Halberstadt waren die Augen der Vorsteher und Gelehrten der israelitischen Gemeinde zu Berlin auf Rabbi Hirschel gerichtet. Diese große Gemeinde war damals eine der bedeutendsten in ganz Deutschland, hervorragend durch talmudische Gelehrsamkeit und Bildung, sie zählte Moses Mendelssohn zu ihren Mitgliedern. Nur drei Jahre blieb Rabbi Hirschel in Mannheim; da wurde er nach Berlin berufen. Ausschlaggebend war bei der Wahl Rabbi Daniel Jtzig gewesen,• und wir haben schon^ oben erzählt, daß er sich bei dieser Gelegenheit mit seinem Kollegen im Vorstande, Rabbi Lippmann Mayer Wulf, überworfen hatte. Als Rabbi Hirschel nach Berlin kam, beeilten sich die Gelehrten der Gemeinde, dem neuerwählten Rabbiner.zu der Ehre, die ihm widerfahren war, zu gratulieren. „Die Ehre ist nicht so groß." antwortete der bescheidene Mann ablehnend, und als man ihn fragend anblickte, antwortete er: „Wer hat mich denn berufen? Die Vorsteher. Ja, wenn Rabbi Schmajo Landsberg, Rabbi Meir bar Rabbi Simcho und andere Gelehrte rm Vorstände säßen und der Eine hätte den Breslauer Rabbiner vorgeschlagen, denn der sei ein großer Boki, der Andere den Posener Rabbiner, denn der sei ein großer Charif, der Dritte den L'ssaer Rabbiner, denn der sei ein großer Magid, der Vierte aber mich, weil ich alle diese Eigenschaften vereinigte, dann wäre die Ehre eine große gewesen; so aber hat der eine Vorsteher geschrieen: Ich will den Breslauer Raw, der Andere: Nein, der Posener solls werden! Warum? sie w'ssens selber nicht. Rabbi Daniel Jzig aber, der die stärkste Stimme hat, hat am lautesten geschrieen, und so bin ich nach Berlin berufen worden. Wo ist da die große Ehre?" In der Tat sollte Rabbi Hirschel bald inne werden, daß er in Berlin nicht auf Rosen gebettet war. Das Treiben der Berliner Reformer, das wir schon oben geschildert haben, machte ihm vielen Kummer und Verdruß. Wie er über die Berliner Zustände dachte, das legte er in einem Gleichnisse dar, welches er in einer Predigt vortrug: „Als ich," sagte er, ,,m'ch als junger Mann in meiner Heimat befand, ging ich einst am Lag Veaumer mit einigen Freunden spazieren. Vor dem Tore der Stadt suchten wir eine Gartenwirtschaft auf, um ein Glas Bier zu trinken. Dort fanden wir einen Fremden, der betrübt und traurig in einer Ecke saß. Sein Glas Bier stand unberührt vor ihm. .Wer bist Du?" fragte ich ihn, „und was betrübt Dich so sehr?" .Ach." sagte er, „ich bin der Jezer Hora, ausgeschickt, um meinen Beruf zu erfüllen, die