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Der Israelit · 1924-01-03 · Heft 1 (3.1.1924) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 1 (3.1.1924)
Date
1924-01-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1 Seite 11 . Z. Januar 1924_.__ Menschen zum Bösen zu verführen. Aber ich finde hier kein Feld für meine Tätigkeit. Die Knaben und Mädchen besuchen die Schklen, die Jünglinge das Beth Hamidrasch, die Männer mühen sich den ganzen Tag in ihren Geschäften, und trotzdem widmen sie einen Teil der Nacht dem Thorastudium. Die Frauen walten fromm und sittsam in ihren Häusern. An den.Sabbat- und Festtagen strömt alles in die Synagogen und Lehrhäuser, um die Vorträge der gottesfürchtigen und gottbegeisterten Männer zu hören. Die Thora ist das Lebenselement, das „Sam Hachaim" für das ganze Volk; da kann das „Sam Hamowes" nicht wirksam sein. — Viele Jahre nachher, als ich in London amtierte, begegnete mir derselbe Mann auf der London Bridge, mitten im größten Menschengewühls. Ich wollte ihn anreden, er aber rief mir entgegen: Störe mich nicht, ich habe keinen Augenblick Zeit: ich. habe hier alle Hände voll zu tun. — Wiederum sind Jahre vergangen; vor einigen Tagen, es war am Rausch Ehaudesch, ging ich spazieren; da tönte mir aus einer Wirtschaft Heller Jubel-, gesang entgegen. Die Stimme schien mir bekannt; ich trat an das Fenster, schaute hinein und sah den Äezer Hora bei dem gefüllten Glase sitzend, singend und jubilierend. Ah, rief er mir zu, hier in Berlin habe ich gute Zeit, hier ist bereits alle Arbeit getan.-Und nun begann der Redner seine Zuhörer aufzufordern, doch nicht die Hände in den Schoß zu legen, doch nicht dem Jezer Hora das Kampfesfeld zu überlassen, sondern mutig und rüstig gegen ihn zu kämpfen. Ein anderes Mal erklärte er den Ausspruch des Talmud, daß der Messias nicht eher zu erwarten sei, bis Alle tugendhaft oder Alle lasterhaft sein würden, kulau sackai, au kulau chajow. Meine Freunde, sagte er, kulau sackai, dürfen wir das erhoffen? kulau chajow, dann könnte ja die Welt keinen Augenblick bestehen. Der Sinn ist aber ein anderer. Der Talmud will sagen, daß wir den Messias dann erwarten dürfen, wann es keine Heuchler mehr geben wird, wann die Tugendhaften voll und ganz tugendhaft fein werden und die Lasterhaften die Maske der Heuchelei nicht mehr vornehmen. Rabbaussai, fügte er lächelnd hinzu, mit meinen Chajowim bin ich schon zufrieden, wäre ich es doch mit meinen Sackoim auch! — Da in Berlin schon damals die Entweihung des Sabbats überhand genommen hatte, sagte er einst am Schlüsse seiner Rede: „Rabbaussai, ich bin überzeugt, Ihr werdet nach meiner Predigt handeln." Geschah es doch schon damals, daß die Leute nach dem Schlüsse des Gottesdeinstes am Sabbatmorgen ihre Geschästslokale und Büros aufsuchten! Als der Wagen Rabbi Daniel Izigs vor dem Hause des Rabbiners in der Rosengasse hielt, eilte der in demselben Hause wohnende Kantor Rabbi Aaron Bär Bamberger zum Hause hinaus, öffnete rasch den Kutschenschlag und rief: „Boruch Habbo, Rabbi Daniel! Ihr wollt gewiß zu mir! Tretet ein, ich bin ganz glücklich über die seltene Kowaud!" (Fortsetzung folgt.) 2»: Uinderecke. Moses. Die Königstochter brachte ihren Zögling, den kleinen Möses, vor Pharao, und Pharao _ Der Israelit_ gewann den Kleinen lieb und nahm ihn auf den Arm. Da tat das Kind eine rasche Bewegung, tfö dem König die Krone vom Haupte und setzte sie auf den eigenen Kopf. die Chartumim, das sind die königlichen Ratgeber, erschraken gar sehr und prophezeiten, daß der Junge, wenn er zum Manne heranwachse, Pharao vom Throne stürzen und ihm die Krone entreißen werde. Sie rieten, ihm gleich zu töten, damit nicht in ihm eine große Gefahr für das Königshaus heranwachse. Jithro, der mit im Rate war, sprach aber: „Es ist noch ein Kind ohne Verstand, es wußte nicht, was es tat." Da sagten die Andern, man möge es auf eine Probe ankommen lassen. Und es geschah also. Man brachte zwei Schalen, auf der einen lag glühende Kohle, auf der andern blinkendes Gold. „Nun", sagten die Ehartumim, „wollen wir den Verstand des Kindes prüfen und sehen, wonach es greifen wird." Schon streckte das Kind seine Hand nach dem blinkenden Golde aus, aber ein Engel kam, erfaßte schnell seine Hand und führte sie nach der glühenden Kohle. Moses verbrannte die Finger und steckte sie nach Kinderart in den Mund, wobei er sich Lippen und Zunge verbrannte. Daher kam es auch, daß er später „ein Mann von schwerem Munde und schwerer Zunge" war. Pharao glaubte aber aus dieser Probe zu ersehen, daß Moses ihm aus kindlichem Unverstände die Krone entrissen hatte und verschonte ihn. „Und Moses war Hirte". Seine Menschenliebe mußte erst durch die Liebe zum Tiere erprobt werden. Nämlich: Als Moses die Schafe Jithros weidete, entlief ihm ein Schäflein. Moses setzte dem Tiere ärgerlich nach, bis dieses an einem Bach Halt machte und gierig zu trinken begann. Da nahm Moses das Schäflein in die Arme und sprach: „Hätte ich gewußt, daß du durstig bist, ich hätte dich selbst an das Wasser getragen." In diesem Momente erschien ihm Gott im brennenden Dornbusch und sprach: „Moses, du sollst auch der Hüter meiner Herde sein!" Die Trompete allein macht es nicht. Elkana hatte nach seiner Verheiratung vier Jahre Freikost bei seinem Schwiegervater. Als diese verstrichen waren, raffte er sein Vermögen aus der Mitgift — vierhundert Gulden — zusammen und ging in die weite Welt hinaus, um sich einen Erwerb zu suchen, aus dem er das Brot für Weib und Kind bestreiten konnte. In einer großen Stadt streifte er den ganzen Tag durch die Geschäftsstraßen und betrachtete die Warenauslagen, fand aber nichts dabei, was nach seinem Herzen wäre. Abends ging er durch die stillen Viertel und besah sich das nächtliche Treiben der Menschen. Als er an einem großen Turm anlangte, sah er ganz oben am Gipfel einen Mann, der so klein wie eine Ameise aussah und eine lange Posaune im Munde hatte. Der Mann blies, was er blasen konnte. Als Elkana die Augen nach oben richtete, sah er, wie der Himmel ganz gerötet war. Es brannte irgendwo, und der Lärm um ihn herum wurde immer größer und größer. Clkana achtete aber der Menschen nicht, sah nur unausgesetzt nach dem Bläser auf der Turmspitze und mertte zu seinem Erstaunen, daß, je mehr und stärker dieser blies, umsomehr die Himmelsröte zurückging. Bald war sie ganz verschwunden. Der Himmel war nachtblau wie immer, das Feuer war überwunden. Als Elkana in später Nachtstunde sein Lager in einem Gasthofe aufsuchte, konnte er nicht einschlafen. Die ganze Nacht dachte er über die Wundertrompete nach, die die Kraft hatte, Feuersbrunst zu löschen und Brandschaden zu verhüten. Gegen Morgen stand sein Entschluß fest, er würde für alles Geld eine solche i Trompete kaufen und sie als Mittel gegen Feuersgefahr wieder verkaufen. Eine glückliche Vorsehung hatte ihm das beste Geschäft gezeigt. Beladen mit der Wundertrompete kehrte Elkana nach kurzer Zeit sehr beglückt nach Hause zurück und wartete ruhig auf die erste Gelegenheit, die Wunderkraft seiner Trompete zu zeigen. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung. In einer Nacht brach in einer Ecke der Stadt Feuer aus, das sich rasch nach allen Enden verbreitete. Große Erregung bemächtigte sich der Menschen. Elkana aber lachte überlegen, nahm die Trompete in die Hand, kletterte aufs Dach seines Hauses hinauf und fing an, aus Leibeskräften zu blasen. Er blies und blies, aber das Feuer breitete sich dennoch aus, erfaßte ganze Straßenzüge und äscherte zwei Drittel der Stadt ein. Wütend eilte Clkana mit der Trompete in der Hand in die Großstadt zum Lieferanten und überschütette ihn mit Vorwürfen, daß er ihm da eine ganz wirkungslose Trompete verkauft hätte. „Narr", sagte der Kaufmann, „die Trompete macht es nicht. Sie hat ilur die Wirkung, daß sie die Feuerlöscher alarmiert. Wo aber keine Feuerlöscher da sind, kam auch die Trompete nichts nützen. Die Trompete allein macht es nicht! Das sollte man sich auch für alle anderen Fälle merken . . . Wie unser Clkana machen es die Leute, die glauben, es genüge, am Rosch-ha-schono Schaufor zu blasen, ohne durch Teschuwo, durch Abkehr von der Sünde, das Feuer des Iezer Hora im Herzen zu löschen. Eine Geschichte von zwei Brüdern. Aus den Gleichnissen des Dubner M a g g i d. Bei einem Fürsten waren zwei Brüder beamtet, einer war sehr klug, und der andere stockdumm. Der Kluge hatte es gut, ward geehrt und reich besoldet; der Dumme dagegen mußte viel körperliche Arbeit verrichten und war wenig angesehen. Da neidete der Dumme dem Klugen sein Glück und beschwerte sich beim Fürsten über Zurücksetzung. Der Fürst beschloß darauf» beide Brüder noch einmal zu prüfen und den einen selbst von seiner Dummheit zu überzeugen . . . Draußen hörte man großes Geräusch und es schickte der Fürst den dummen Bruder hinaus, um den Grund des Menschenauflaufes festzustellen. Bald kam dieser wieder und sagte: „Man führt einen Gefesselten über die Straße." „Geh hin und erkundige dich, wohin man .ihn führt." sagte der Fürst. Der Bote kam wieder und sprach: „Zum Stadttore". Der Fürst schickte den Beamten zum drittenmal aus, daß er sich erkundige, warum man den Gefangenen zum Stadttor führte. Der Bote kam bald mit der Auskunft: „An den Galgen!" Da sprach der Herr zornig: „Geh noch einmal hinaus und bringe mir doch endlich Kunde, warum der Mann gehenkt wird." Nach einiger Zeit kam der Bote endlich mit der Auskunft, daß der Mann wegen eines kleinen Diebstahls, bei dem er erfaßt wurde, gehenkt werden sollte. Da rief der Fürst den andern Bruder herbei und schickte ihn hinaus, daß er ihm den Grund des Auflaufes sage. Nach wenigen Minuten war der Kluge wieder da und sprach: „Ein Mann wurde bei einem kleinen Diebstahl erfaßt und wurde nun zum Stadttor hinaus an den Galgen geführt. Ich aber erbarmte mich seiner, weil er es aus Not getan hatte und ließ ihn in deinem Namen begnadigen." „Siehst du jetzt den Unterschied zwischen dem Klugen und dem Dummen?" sprach der Fürst. „Er ging nur einmal hinaus und wußte viel mehr, als du bei fünfmaligem Gang nicht erfahren konntest."

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