Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1924)
- Date
- 1924-01-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 1 Seite 9 3. Januar 1924 Miszellen zum Jahrzettsrage S. R. Hirschs Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospatak. Folgende Ausführungen mögen weitere bescheidene Beiträge zur historischen Würdigung des Meisters und qualeich Ergänzungen zu unserem in der S. N. -Hirscy- Jubiläums-Nummer dieses werten Blattes erschienenen Aufsatzes sein. Wir wollen hierorts zuerst die Aeutzerungen von zwei der hervorragendsten neologen Rabbiner des vorigen Jahrhunderts, nämlich die von B. H. Fasset und Leopold Löw über das klassische Jugendwerk .Chaurew" wiedergeben. Die in diesen Aeutzerungen unwillkürlich sich offenbarende Anerkennung und Huldigung des Hirschchen Genius fallen umso schwerer ins Gewicht, da dieselben solchen literarischen Produkten entnommen sind, welche die Bekämpfung des Hirschchen Standpunktes sich zur Aufgabe gesetzt haben, ^um.. Schluste aber wollen wir die Uebersetzung eines hebräischen Gedrch.es aus der Feder des R. Akiba Schreiber s. A. niitteilen. l. Die Aeutzerungen B. H. Fasse l s befinden sich in der . Schrift: si'LN min oder Briefe eines jüdischen Gelehrten und Rabbinen über das Werk mm „'Versuche über Jisroels Pflichten in der Zerstreuung von S. R. Hirsch. Grotzherzogl. Oldenburg. Landrabbiner. Altona 1837." Nebst einer Abhaiidlung über die Möglichkeit einer Abschaffung bestehender Gebräuche im Judentum vom orthodoxen Standpunkte. Herausgegeben durch M. S. Eharbonah. Leipzig 1839. Verlag von C. L. Fritzsche." — Diese Broschüre enthält unter dem Titel „Anstatt eines Vorwortes" die Vorbemerkungen des Herausgebers M. S. Steinschneider (Eharbonah), hierauf folgen 7 kritische Briefe über den Ehaurew von H. B. F a s s e l, der zu damaliger Zeit zu Protznih in Mähren als Rabbiner wirkte. Diese kritischen Briefe enthalten ausschlietzlich kleinliche kritische Nörgeleien an den im Ehaurew sich befindenden Schulchan-Aruch-Auszügen, und verfolgt hierbei der Verfasser einzig und allein die von ihm selber eingestandene Tendenz, mit kritikasterischen Haarspaltereien und mit an Haaren herbeigezogenen Scheinbeweisen die halachischen Kenntnisse des Autors des Chaurew zu diskreditieren oder — um mit Fasfels eigenen Worten zu reden — zu beweisen, dah „der übrigens vortreffliche Gärtner mit den Eigentümlichkeiten dieser Vegetabilien" nicht sehr vertraut war." (S. 19.) Hirsch wies die unberechtigten Angriffe und Verdrehungen Fasfels in der Broschüre: „Postskripts zu den unter dem Titel p'sa mm erschienenen Briefen eines jüdischen Gelehrten und Rabbinen über das Werk 3*rm von bem Verfasser des min, nebst zwei Beilagen. Altona. 1340. Johann Friedrich Hammerich. 8°, 32 5." — zurück. Nun lauten die obenerwähnten bemerkenswerten Stellen in Fasfels Briefen wie folgt: S. 1. „In Ihrem Letzten, bei Uebersendung des 'innru „Navhtule Naphtali" fordern Sie mich auf, Ihnen meine Meinung über die Ihnen zur Lebensfrage gewordene Ansicht des „Ben Ilsiel" und deren Durchführung auszusprechen. Im allgemeinen aber halte ich „H i r s ch" für eine seltene, jedoch wohltätige Erscheinung des 56. **) Jahrhunderts. Sie überzeugt die Orthodoxen, dah man ein wissenschaftlich gebildeter Mann sein könne, und doch in jeder Beziehung ein strenggläubiger Jude; und die Neologen, datz man ein streng gläubiger Jude sein könne, und doch ein höchst wissenschaftlich gebildeter Mann; und mit Freuden begrüße ich ihn mit dem Grütze der Schrift: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! oder auch seinem Lieblingsausdruck: im Namen Hasche ms! Ja lieber Freund! er ist es, der da kommt im Namen Gottes, und streitet für die Sache Gottes, mtt göttlichen Waffen der Vernunft, die nimmermehr rosten, und niemals ihre Kraft verlieren. Mit Recht nennt sich dieser begeisterte Kämpfer: Ben llsiel? Heißt es nicht von diesem: »ptw iHv miss? tpy (Baba Bathra, fol. 134 a). Und haben Sie gesehen die vielen Ephemeren die des Judentums Horizont umlüfterten, und das wahre Licht verdunkeln wollten? Das Wort dieses neuen Ben U s i e l vernichtet sie, und können sie keinen Flügel mehr regen. Freuen wir uns daher, ich. Sie und alle die es mit dem echten Judentum halten! — Es will Ihnen zwar der sarkastische SK mt Naphtüle Naphtali nicht gefallen usw.- Indessen legt doch Herr Hirsch selbst keinen großen Wert auf die Art und Weise seiner Widerlegungen; und was diese selbst anbelangt, so sind sie (wenige artsgenommen) unumstößlich. Wir können uns daher innerlich zu seinem Besitz Glück wünschen! Die Herren Zitaten-Gelehrten werden so irre werden, datz sie unter Kontrolle stehen, und ein Herr G . . .n und Konsorten werden sich nicht mehr erkühnen, zu einem, durch Lächerlichmachung der talmudischen Eregese erlangten Beschluß den Beifall der Rabbinen öffentlich, durch Aufforoern ihrer Meinung, zu verlangen."- Seite 6. „Glauben Sie mir, es schmerzt mich tief, ein Werk wie der Chaurew voll Gei st, voll syste - matischer Einheit, voller Licht sogar, dessen Gründe für die Gebote Gottes die des Maimonides weit übertreffen, durch *) Nämlich des Schulchan Aruch. **) Damals zählte man 5600 n. d. Weltschöpfung. solche unbedeutende Kleinigkeiten*) verunziert und verunglimpft zu sehen." S. 19. „Scheiden Sie die Schulchan-Aruch-Auszüge von dem eigentlichen Werke, und Sie haben im Ehoreb c i tt in seiner Art einziges judentümliches M e i st e r w e r k." n. Leopold Löw äußert sich in seiner Einleitung zu tmipT ib' (Je'ed Z'kunim) oder Kind des hohen Alters, herausgegeben von A. Chorin, bei Gelegenheit seines Rabbinats-Jubilüums. Mit einer Einleitung „Die Reform des rabbmischen Ritus auf rabbinischem Standpunkte" von Leopold Löw. Wien. Gedruckt bei A. Strauß' sel. Witwe. 1839." — wie folgt: „Die modernen wissenschaftlich gebildeten Rabbaniten kämpfen mit Waffen der Dialektik und Mystik für Aufrechterhaltung alter ritueller Anordnungen; eine künstlich ausgesponnene Symbolik mutz ihnen alles beschönigen Helsen. Der scharfsinnig st e, Pletzner, Grünbaum und andere weit unter sich zurücklassende Wortführer dieser, sonst so ziemlich steril vertretenen Richtung, ist Samson Raphael Hirsch, Rabbiner in Oldenburg, dessen Schriften neben schönen, ergreifenden Stellen manches Ungereimte und Absurde **) enthalten." III. Nunmehr wollen wir die Uebersetzung eines hebräischen Gedichtes ans der Feder des hochberühmten Talmudgelehrten Rabbi Akiba Schreiber s. A. in Papa folgen lassen. Dieses Gedicht erschien im Israelit, Jahrg. 1905, S. 31. am Schlüsse des Aufsatzes: „Hirsch und Grätz" und ist ebenfalls ein glänzender Beweis für den gewaltigen Eindruck, den die erhabene Persönlichkeit Hirschs und sein gottbegnadetes Wirken mich in Ungarn hervorbrachte. Wir erwähnen noch, datz dieser R. Akiba Schreiber Sohn des berühmten R. Simeon Schreiber f. A. Oberrabbiner zu Krakau und demzufolge Enkel des großen Verfassers des Chatam Sofer war! Simso» und Samson. (R. Hirsch). Simson, der Danite, wirkte furchtbare Taten, Derengloichen aus dem ganzen Erdboden nicht erschaffen worden sind. Samson, der Rabbanite, mehrte Wundertaten, Indem er für den Ewigen eiferte, um in der Bresche zu stehen. Der Erstere hatte mit seinen Füchsen Irrgänger zugrunde gerichtet *) Der Letztere mit seinen Stäben Füchse vernichtet, Füchse der Verderbtheit, die die Einfältigen zum Straucheln brachten, Giftige Ottern, die Erschlagene 2) mehrten. Der Sohn Manoachs riß mit seiner Heldenkraft Neue Stricke von seinen Armen. Und der Sohn Raphaels") zufolge der Macht seiner Weisheit Die Stticke der Neuerer von seinen Zeitgenossen. Die Heldenkraft Simsons wurde mit ihm zugleich begraben, Sein starker Arm wurde zu Staub und Asche. Die Weisheit Samsons ist für ewig aufbewahrt, Ist sie doch verzeichnet in seinen Büchern. Bücherbesprechungen. Die neueste Geschichte des Jüdischen Volks — 1789—1814. Von S. M. D u b n o w. Berlin 1923. Jüd. Verl. 578 S. Der Schlutzband des großen, reiches Material umfassenden Werkes Dubnows ist nun endlich erschienen, und man ist enttäuscht. Dubnow verfügt über eine erstaunende Kenntnis der jüdischen Leidensgeschichte und versteht es, diese in einer geläuterten Darstellung ins Volk zu tragen. Begeisternde, feinste Musik tönt in uns hinein — aber in der Fülle liegt der Mangel. Dubnow ist kein Historiker, er weiß nicht abzuwägen, nicht eine Geschichte zu schreiben, die den Stoff sachgemäß einteilt und sortlätzt, was ohne Schaden fortgelassen werden kann. So erhalten wir eine Reihe, man möchte sagen, protokollarisch aufgenommener Geschichtsbilder, die den Zusammenhang unter sich vermissen lassen, an Uebersülle leiden und durch Wiederholungen stören. So entspricht der Titel nicht dem Inhalt. Trotzalledem möchten wir das Buch dem Forscher als Lektüre empfehlen. Wir sehen von der Tendenz ab, welche in ihrem Nationaljudentum die Judenßeit in zwei große Klassen einteilt: Auf der einen Seite Nationaljudentum, daneben alles klebrige von Brisker Raw bis zu Köhler: Assimilanten. Spottet ferner selbst und weiß nicht wie! Der das jüdische Leben verleugnet, bei dem die Schöpfungsgeschichte eine Legende ist und der sich damit aüf den Standpunkt der nicht thoratreuen Umgebung stellt, der hat sich in seinem Denken, Handeln und Tun assimiliert, nicht aber der, welcher vor der Thora den Respekt noch iricht ver¬ *) Zur Charakterisierung dessen, was in der Terminologie Fasfels „Kleinigkeiten" find, wollen wir dessen frühere Worte hierherfügen: „Noch mehr verdrießt es mich, daß er (Hirsch) oft einem Minhag Geist und Seele einzuhauchen sucht, auf den selbst der größte Orthodoxe keinen Wert legt (?)." **) In der Anm. 1. erklärt Löw die vernunftgemäße Begründung der „mosaischen" Speisegesetze für „absurd". *) Richter, Kap. 15. 2) Im idellen Sinne: religiös Erschlagene. ') Hirschs Vater hieß bekanntlich Raphael. loren hat. Es ist hier nicht der Ort, über die Stellung des Verfassers zum nationalen Zionismus sich weitläufig zu ergehen. Vom Herzlschen Zionismus bis zu den Führern der Neuzeit, was ist noch übrig geblieben? Und dies allein ist schon der Mühe wert, die geistvollen Ausführungen des Verfassers zu lesen. Darum empfehlen wir ihn trotz allem, was wir gegen die Tendenz einzuwenden haben, zur Lektüre, man wird auf seine Kosten kommen. Sulzbach. Die auf Jesus gedeuteten Stellen des A. T. Quellenstudien von Rabbiner Dr. S e l i g m a n n Pick. — Frankf. a. M. 1923. I. Kauffmann. 84 S. Das Bestreben, im A. T. messianische Deutungen zu erkennen, durchzieht die christliche Literatur, ein Bestreben, das als ganz natürlich angesprochen werden muß. Die Welt hat oft genug Gelegenheit, nach Erlösung zu schreien, und so werden die Gemüter, die unter dem Druck der Verhältnisse leiden und irre werden an den Begriffen von Recht und Wahrheit, die den Sieg des Schlechten und die Niederlagen des Guten erleben, in den herrlichen Sprüchen des A. T. die Heilsverkündung für die Enttäuschungen erkennen; es sind ja~ heilige Worte, welche Erlösung versprechen. Ein Messias wird der Menschheit versprochen. Die Literatur des Christentums deuetet dieses Versprechen ausgiebig nach allen Seiten, und der Verfasser hat in dankenswerter Weise die Quellen miteinander verglichen und kommt nach gewissenhafter Forschung zu dem Resultat, daß nach der evangelischen Heilslehre das A. T. reich sei an messianischer Heilsverkündung, daß aber an chrijtologische Weissagung nicht zii denken sei. Messianisch wohl, aber nirgends christologisch. Dem fleißigen und tiefforschenden Verfasser gebührt reicher Dank für seine treffliche Arbeit. Sulzbach. .(62 5.) nsxm s"Q“m prna msru? ns?: Das Buch behandelt irr Frage und Antwort Sabbat, Neumond, Fest-, Fast- und Gedenktage und bringt im Anhang einige Lieder. Alles in flüssigem und leicht verständlichem Hebräisch. Jeder Teil handelt über die Bedeutung des betreffenden Tages, über die einschlägigen Vorschriften und Gebräuche, wie sie in Synagoge, Haus ilnd Straße sich äußern. Das Ganze soll, wie die Vorrede besagt, ein Versuch sein, Kinder, die in keinem jüdischen Milieu aufwachsen, in dieses einzuführen und solche, die Hebräisch nicht verstehen, zum Hebräisch- Sprechen anzuleiten. Das Buch ist für Kinder von 6 Jahren und darüber gedacht und solche, die bereits anderweitig Religion?- und Pentateuchunterricht genossen haben. Die Schrift zeichnet sich durch Warmherzigkeit des Tones, geschickte Anordnung des Stoffes und schöne, das Kindergemüt ansprechende Wiedergabe der Gebote und Gebräuche aus. Die wenigen Druck- und Schreibfehler (z. B. in« „nachher" für p mns, S. 8 statt Raps lies nmpa, S. 60 rm^xn und nssi nmn in einer Zeile) werden in einer hoffentlich bald notwendigen zweiten Auflage beseitigt werden können. Druck und Ausstattung sind vorzüglich. Es wäre wünschenswert, daß die Verfasserin ihre pädagogischen Kenntnisse und Fähigkeiten auch weiterhin dem Unterrichte der jüdischen Jugend widmen würde. Dr. L. aip nix nma pv'ia v'n nsa •>:«’ ido omssn raaprfc ’jnn sjosa Verlag cnp ms Haifa. Der bekannte Gaonimsorscher Dr. B. Lewin, Haifa (bekannt besonders durch seine Ausgabe des urniv m nm dient uns mit einer neuen, gründlichen Forschungsarbeit aus der Epoche der Gaonim. Altneue Perlen holte uns der Herausgeber aus dem Grunde alter jüdischer Zeiten heraus, an denen sich Freunde der jüdischen Literatur ergötzen werden. Neben einer Fülle von bis jetzt unveröffentlichten rvawn und D’wws verschiedener Gaonim finden wir da einen kurzen Briefwechsel zwischen R. Schmuei b. Chofni und Raw Hai, neue Lesearten, altbekannte Texte und ein äußerst wertvolles Verzeichnis der in Oxford befindlichen tpsixan mmcn. Der vom Herausgeber bei dieser Gelegenheit gemachten Anregung, das Verzeichnis der in der Frankfurter Stadtbibliothek vorhandenen Manuskripte und Drucke aus der Gaonimliteratur zu veröffentlichen, möchten wir uns von Herzen anschließen. Interessant ist ein wiedergegebenes Kaddisch aus der Zeit der Gaonim mit Gebeteinschaltungen für die Hochschulen, die sich aber von denen in dem unseren rvnas beigedruckten Sijum-Kaddisch unterscheiden. Die auf der letzten Seite abgedruckte Legende aus dem Leben des R. Schrira halten wir für wenig glücklich und geschmackvoll und dem wissenschaftlichen Ernst des Ganzen nicht entsprechend. S—tz. Nationakgefänge der Hebräer. Neue, sehr vermehrte Auflage nach K. A. I u st i, Univ.-Prof. in Marburg. Wien 1923. I. Roller u. Co. Eine große Zahl der dichterisch hervorragendsten Partien der biblischen Bücher, einige wenige auch aus den Apokryphen sind vor mehr als einem Jahrhundert von dem Marburger Theologen Justi in ein schönes, nicht durch künstliche Ilmdichtungsversuche beeinträchtigtes Deutsch übertragen worden. Ls war ein guter Gedanke, diese Ilebersetzungen ohne alles gelehrte Beiwerk jetzt wieder herauszugeben und sie den Freunden der biblischen Poesie unter den Nichtjuden vor allem wieder zugänglich zu machen. Doch werden auch manche, des Hebräischen nicht genügend kundigen Juden nach dem Büchlein greisen, das mit Sorgfalt und Liebe ausgestattet ist. i.