Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1924)
- Date
- 1924-01-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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II il?( aric Uicraris r r s i .{ j I [ : Goethe und die Bibel. Es gehl wieder, durch göttliche Hilfe, aufwärts. Eine mehrhundertjährige Epoche, beginnend mit der Verselbständigung des Menschen in Humanismus und Renaissance, endigend mit der nahezu völligen Verdrängung des „Glaubens" durch das „Wissen" und der Auflösung aller überpersönlichen Gebundenheiten, ist zusammengebrochen. Die Religion als Privatsache, welche neid- und ahnungslos der mechanisierten Wissenschaft die Erforschung der „objektiven" Wirklichkeit überließ, hat sich selbst ihr Grab gegraben. Die Sehnsucht nach dem religiösen Weltbilde, der einheitlichen „religiösen Wirklichkeit" zieht, wenn auch naturgemäß der Schicht der Intellektuellen mehr als der Masse des Volkes bewußt, immer weitere und tiefere Kreise. Da ist es schöne Pflicht der positiven Religionen, insbesondere auch des gesetzestreuen Judentums, sich der von Grund auf veränderten Lage bewußt zu werden, herauszutreten aus der nur konservativen, notgedrungen unlebendigen Haltung des wellenbrechenden rocher ck.e bronze, die innere Sehnsucht der Zeit zu belauschen, die eigenen alten heiligen Güter in ihr sich wiederspiegeln zu sehen und mit ihnen sodann wieder die dürstende Zeit zu beschenken. Die Gestalt des großen Dichters Goethe, der in einem Maße, wie dies bisher nie der Fall gewesen, allgemeine Anerkennung und darber hinaus verehrungsvolle liebende Bewunderung bei dem heute lebenden Geschlecht, insbeindere bei den Jüngeren findet, der in der Tat >ie kein Zweiter Ueberzeugungen, welche heute Gemeingut sind, in so vielen Fällen Ausdruck gegeben hat, ist in diesem Sinne, als ein klarer Spiegel ganz besonders geeignet, uns selbst das traditionelle, biblisch-talmudifche Judentum darin wiederzuerkennen, unser berechtigtes Selbstbewußtsein in willkommener Weise zu stärken und noch darüber hinaus uns zum klareren und besseren Verständnis dessen, was die Eigenart unseres lebendigen Erbgutes uns und der Sehnsucht der Zeit heute zu bieten . vermag, zu verhelfen. Muß der „Versuch, den Einfluß des ewigen Buches auf eine Persönlichkeit wie Goethe zu schildern," schon „um seiner selbst willen gewürdigt werden," (S. 11). so hat sich für die Kreise des gesetzestreuen Judentums der als jüdischer Pädagoge bereits rühmlichst bekannte Verfasser eines vor kurzem erschienenen Buches*) unter den dargelegten Gesichtspunkten ein besonderes Verdienst erworben. Das Buch kann insbesondere zur Erkenntnis beitragen, daß an der in unseren Kreisen noch immer weitverbreiteten Minderschätzung Goethes gegenüber *) Goethe und das Alte Test am ent von üeo Deutschländer. Frankfurt a. M. 1923. Omonuth-Verlag. 4°. 200 Seilen. etwa dem allerdings anders gearteten Schiller, neben der geringen Kenntnis und dem geringen Verständnis für des elfteren Werke, wohl auch zu einem größeren Teile die Verkennung des oben durch seinen Gegensatz kurz charakterisierten Begriffs der „religiösen Wirklichkeit" die Schuld tragen mag. So müßte etwa, um nur ein einziges Beispiel aus vielen herauszugreifen, ein Ausspruch Goethes, wie der von D. auf S. 153 zitierte: „Es ist ein schönes löbliches Wort: ich glaube an einen Gott. Aber Gott anerkennen. wo und wie er sich offenbare, das ist die eigentliche Seligkeit auf Erden." schon allein erkennen lassen, daß des Dichters Gottesanschauung nicht — wie die übliche Ansicht will — eine „pantheisbsche" im Schulsinne dieses Wortes gewesen, vielmehr mit der biblisch-jüdischen Auffassung zum mindesten eine nahe Verwandtschaft aufweist. Rach Lektüre des D.'schen Buches wird jeder Vorurteilsfreie die Tatsache als wissenschaftlich feststehend anerkennen müssen, die für das A. T. ins rechte Licht zu setzen der Verfasser sich zur Aufgabe gemacht hat: „Zeitgeist und Familientradition, Erziehung, Veranlagung und Neigung haben Goethe zum bibelfestesten Dichter gemacht. Die Bibel ist das einzige Buch, das ihn Zeit seines Lebens gefesselt und erfüllt hat, von der ersten Probe seines denkenden und schaffenden Geistes bis zur letzten Lebenswahrheit, die seinen Lippen entströmte. — Kein Werk hat sein Wesen so ganz durchdrungen . . wie die Bibel." (S. 13.) In drei Kapiteln behandelt der Verfasser die Stellung des A. T. als der ständigen Begleiterin auf Goethes Lebensweg sowie den Einfluß alttestamentlicher Stoffe und Ideen auf des Dichters Werke und Weltanschauung. Das erste Kapitel, das ja so mancherlei zum Thema Gehöriges als bekannt voraussetzen darf, bringt nach einem Blicke auf das Elternhaus, insbesondere die Mutter, Frau Aja, die „in alttestamentlicher Frömmigkeit lebte und webte," nach eine Fülle auch von weniger Bekanntem, aber Interessantem über die Rolle der Bibel in Goethes geistiger und seelischer Entwicklung. Aus dem zweiten Kapitel, dem umfangreichsten des Werkes, sei nur eine fesselnde und wohlgelungene Deutung der „Kantate zum Reformationsjubiläum" (1817), von der uns nur einige Entwürfe und Bruchstücke erhalten sind, und der Abschnitt: „Biblische Motive im Faust" erwähnt, welch letzterer im wesentlichen bereits früher in Wohlgemuths „Ieschurun" veröffentlicht wurde. Dem Einfluß der Ideen und Gestalten von Hiob, Koheleth, Moses und Elijah find hier besondere, tiefeindringende Betrachtungen gewidmet. Im dritten Kapitel wird nochmals an Hand verstreuter Aeußerungen des Dichters, dessen Stellungnahme zu einer Anzahl grundlegender Fragen von Religion und Weltanschauung dargelegt und zwar häufig — wofür wir dem Verfasser nur dankbar sein können — unter Gegenüberstellung auch mit aggadischen Aussprüchen unserer Weisen die ja ihre Auslegungen nicht aus ihrem eigenen, sondern aus dem Geiste des „A. T." geschöpft haben. Eine weitgehende Uebereinstimmung der Ergebnisse des Dichters und der Rabbinen ist hier wiederum unverkennbar. Auf Einzelheiten des Buches sowie auf die grundsätzliche Frage des Verhältnisses Goethes zum Geiste des A. T. und des Judentums näher einzugehen, verbietet sich, so überaus lohnend dies auch wäre, an dieser Stelle. Kurz soll noch bemerkt werden, daß das „Buch der Völker" naturgemäß nur insoweit als es „grundmenschliches" Erkennen und Fühlen anspricht, seinen tiefen Einfluß auf den Dichter üben konnte, während ihm als Nichtjuden der praktisch-dogmatische Gehalt von „Gottes Recht", unserer „Lehre des Lebens" verschlossen bleiben mußte. Innerhalb dieser hier nur angedeuteten Grenzen aber kann es in der Tat den Wissenden nicht verwundern, daß sich die tiefblickende, unbeirrbare Vernunft, der Genius des Dichters, dessen Geistesart und Dichtungsform man wohl — was immer dasselbe ist — als „naiv", natürlich, wahr zu kennzeichnen pflegt, von der symbolischen Tiefe des vom ersten bis zum letzten Wort sub specie aeterni geschriebenen heiligen Buches angezogen fühlen mußte, von dem — was bloß die Darstellungsform anlangt — etwa Rudolf (Enden (Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Bibel) gesagt hat: „Die Wahrhaftigkeit eines Selbsterlebens gibt auch der Sprache eine schlichte Einfalt und macht sie jeden! entgegenkommenden Gemüt verständlich. Jene Wahrhaftigkeit verscheucht auch alle aufdringliche Tendenz, alle selbstgerechte Lehrhaftigkeit,- die Tatsachen wirken hier mit der Kraft von reinen Naturgebilden, aber in höherer Potenz als in der sinnlichen Natur." Wobei sofort ins Auge fällt, daß diese Sätze auch Goethes Art sowie zum mindesten das ihm vorschwebende Ideal der Dichtung getreu charakterisieren. — Deutschländers gediegenes, in vornehmer Ausstattung erschienenes Buch, dessen — bei aller kritischen Exaktheit — allgemeinverständliche und schlichte Darstellung nicht durch den am Schlüsse in Form eines Literaturverzeichnisses sowie von Quellennachweisen und Anmerkungen beigegebenen wissenschaftlichen Apparat gestört wird, kann insbesondere den gesetzestreuen jüdischen Kreisen nur bestens empfohlen werden und ist auch ein passendes Geschenkwerk. isr. -1 ■vS -i, W 'M