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Der Israelit · 1924-01-03 · Heft 1 (3.1.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 1 (3.1.1924)
Date
1924-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 1 3. Januar 1924 Der Israelit Stärkung des gesetzestreuen Judentums in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands und die Zusammenfassung aller auf dem Boden der Thoratreue Stehenden zur gemeinsamen Lösung der dem thorarreuen Judentum erwachsenden Aufgaben." Die Satzung sieht die Gründung von Ortsgruppen, Provinzial- und Landesverbänden vor. Von den in den Vorstand gewählten Persönlichkeiten — da die Presse nicht zugelassen war, sind wir gänzlich auf private Mitteilungen angewiesen — werden uns einstweilen genannt: die Herren Dr. Albert Sondheimer, Prof. Dr. Fränkel-Marburg und Rabbiner Dr. Unna-Mannheim. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: „Die konstituierende Versammlung der Achduth beauftragi ihren neugewählten Vorstand und Ausschuß, die Ausgaben der Vereinigung, so weit wie irgend möglich, gemeinsam mit den schon destehenden gesehestreuen Vereinen und Verbänden zu lösen." Line der Hauptaufgaben der neuen Vereinigung soll die Gründung und Erhaltung einer die gemeindeorthodoren und misrachistischen Tendenzen vertretenden neuen Wochenschrift sein. (Nach Redaktionsschluß geht uns noch ein offizieller Bericht über die Gründungsversammlung zu, den wir in nächster Nummer veröffentlichen. Red.). Innere Krisen in der zionistischen Organisation. Berlin, 30. Dez. Dr. Soloweitschik ist aus der zionistischen Exekutive ausgetreten und erläßt eine öffentliche Erklärung, worin er seinen Entschluß mit der in der Exekutive angeblich herrschenden Mißwirtschaft begründet. Der politische Sekretär habe eine vom Aktionskomitee angenommene Resolution in gefälschter Fassung der Oeffentlichkeit übergeben und politische Beschlüsse des Aktionskomitees überhaupt sabotiert. Trotzdem habe Soloweitschik die Entlassung dieses Sekretärs nicht zustande bringen können, weil er von Weizmann persönlich gedeckt werde. Die tiefere Ursache der Konflikte liegt in dem Gegensatz zwischen der durchaus praktischen und opportunistischen Politik Weizmanns und dem ideologischen Radikalismus der östlichen Zionisten vom Schlage Soloweitschiks, die sich von den überschwänglichen Hoffnungen der Tage von St. Remo noch immer nicht losmachen können. Die Kettung der Wiener Universität. Wien, 27. Dez. Die Wiener Universität, die bekanntlich in der letzten jeit infolge der studentisch-hakenkreuzlerischen Ausschretimgen wiederholt geschlossen werden mußte, wäre bejahe das Opfer der hier erzwungenermaßen durchgreifenen Sparsamkeilspolitik geworden. Der Fehlbetrag, der ch auf etwa zwanzig Milliarden Kronen beläuft, konnte - im Staate nicht mehr gedeckt werden. In dieser Not .,at sich ein jüdischer Finanzmann, der Bankier Siegmund Basel, bereit erklärt, den gesamten Fehlbetrag solange zu decken, bis der österreichische Staat wieder selber dafür eintreten kann. Der Bundeskanzler Dr. Seipel hat die sensationell wirkende Tatsache, die ein schönes Beispiel jüdischer „Rache" darstellt, in einer Versammlung der Rektoren aller Wiener Hochschulen offiziell bekanntgegeben. Polen. Der Kegietungswechsei in Polen. Warschau, 20. Dez. Das von G r a b s k i gebildete neue Kabinett ist überwiegend nach rechts orientiert, wenn auch der Linken in Gestalt einiger Kabinettssitze kleine Zugeständnisse gemacht worden sind. Unter diesen Umständen ist es natürlich, daß die Minderheiten eine politisch nicht mehr als formale Berücksichtigung finden werden. Vor der Bildung des Kabinetts hatte Grabski eine Unterredung mit dem Vorsitzenden des jüdischen Klubs, Dr. Reich, wobei dieser kein Hehl daraus machte, daß die jüdischen Abgeordneten dem zum Bildungsminister auserkorenen Professor Miklaschewsky ebensowenig Vertrauen entgegenbringen könnten wie dem General Soßnekowsky. Der Elftere hat als Rektor der höheren Handelsschule in Warschau mit großem Eifer den gesetzwidrigen Ministerialerlaß über den Numerus clausus angewendet, während der zunr Kriegsminister ausersehene General wegen seiner antisemitischen Geheimerlasse sich kein sehr gutes Andenken bei den jüdischen Einwohnern erworben hat. In der Militärkommission des Sejms hat sich Soßnekowsky für die Befreiung der Juden vom Militärdienst gegen Entrichtung einer besonderen Steuer ausgesprochen. Die Einwendungen Dr. Reichs sind natürlich vollkommen eindruckslos geblieben, sodaß die Beziehungen der jüdischen Parlamentarier zum Bildungsministerium und Kriegsministerium für die nächste Zeit wohl kaum sehr angenehme sein werden. Warschauer Briet. Warschau, 27. Dez. Das Kabinett Grabski hat seine mehrtägige Bewillkommnung im Sejm mit einer Mehrheit von mehr als 100 Stimmen gut überstanden. Das vom Vorsitzenden des jüdischen Klubs dabei zum. Ausdruck gebrachte Mißtrauensvotum war zwar eine Konsequenz der vorher geführten Verhandlung, hätte aber ebensogut unterbleiben können. Die kräftigen Proteste der Orthodoxie gegen die geplante Errichtung des Studentenheims gegenüber dem Mikwah-Eingang haben das erwünschte Ergebnis gehabt, daß die Gegenseite, die sich sonst ein besonderes Vergnügen daraus macht, die Orthodoxie zu ärgern, verhandlungswillig geworden ist. Die Gemeindeverwaltung hat die bereits vorgesehene notarielle Abmachung mit dem Baukomitee einstweilen aufgeschoben, und ein aus Sejmabgeordneten, Mitgliedern des Rabbinats und Vertretern beider Parteien gebildetes Komitee sucht einen Ausgleich. Von orthodoxer Seite smd bereits 1000 Dollar für das Studentenheim gezeichnet worden, unter der Bedingung, daß es an einem anderen, passenderen Orte gebaut werde. Um künftigen Vorkommnissen dieser Art vorzubeugen, plant man aus dem Bauplatz statt dessen, wenn möglich, eine zweite Synagoge zu bauen. Weit schwerere, prinzipiell weittragende Kämpfe stehen jedoch der thoratreuen Warschauer Judenheit bevor. Es geht um die Person des als Nachfolger ' Dr. Posnanskis gegen den Willen der ungeheuren Mehrheit zum sogenannten „Oberrabbiner" von Warschau gemachten Professor Schur. Dieser Herr, dem alle und jede rabbinisch - talmudische Qualifikation abgeht, erklärt neuerdings ganz offen, daß er seine Kompetenzen nunmehr aufs äußerste ernst zu nehmen und die Aussicht über den ganzen religiösen Unterricht in Warschau in die Hand zu bekommen wünsche. Sollte diese Erklärung kein Scherz und keine Großsprecherei sein, so würde das natürlich für die Orthodoxie den Kampf um Sein oder Nichtsein bedeuten. Cs rächt sich jetzt die verhängnisvolle Schwäche, mit der man die allen demokratischen Prinzipien hohnsprechende Methode der Aufoktroyierung eines „Oberrabbiners" von orthodoxer Seite geduldet hat. Das hier erscheinende Arbeiterblatt „Volksz e i t u n g " ist letzte Woche, offenbar um zu demonstrieren, dazu übergegangen, am Sabbat zwei Ausgaben erscheinen zu lassen. Die Zeitungsjungen, geschützt durch mit Stöcken bewaffnete ältere Parteigenossen, mußten die Blätter ausgerechnet um die Mittagszeit nach Schluß der Klausen und Bothe Midrasch in den belebtesten jüdischen Vierteln feilbieten, wodurch natürlich gewaltige Aufregung, heftige Zusammenstöße und zuguterletzt das Einschreiten der Polizei heraufbeschworen wurde. So wirkt man hier für Frieden und Einheit. Exzesse gegen Juden. Mlawa, 23. Dez. Anr Freitag entwickelten sich hier infolge eines unbedeutenden Streites, der auf dem Markte zwischen einem jüdischen Krämer und einer Käuferin ausgebrochen 'war, antisemitische Ausschreitungen, die binnen einer halben Stunde den Markt in ein Trümmerfeld verwandelten und zu zahlreichen Mißhandlungen von Juden führten. Die Polizei schritt jedoch mit großer Energie ein und machte den Gewalttaten ein Ende. - Londoner Brief. (Lord Douglas jm Gefängnis. — Dr. Rosenbaum in London. — Die Dubliner Morde. — Arbeitslosigkeit und Sabbatruhe. — Keine Sammlung für die deutschen Juden. — Die Falaschas. — Englische Religionslehrer.) London, 24. Dez. Einer der wütigsten Antisemiten Europas, Lord Alfred Douglas, dessen Geisteszustand von der Atinosphäre der „Weisen von Zion", dem Märchen von Rathenaus dreihundert geheimen Führern und ähnlichen Schauergeschichten des internationalen Judenhasses bestimmt ist, ist nach viertägiger Verhandlung vor "dem Schwurgericht wegen verleumderischer Beleidigung des ehemaligen Marineministers Winston Churchill zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Douglas hatte unter dem. Titel „Die Ermordung Lord Kitcheners und die Wahrheit über die Schlacht der Jütland und die Juden" ein ebenso giftiges, als verrücktes Pamphlet veröffentlicht, dessen Behandlung vor dem Gericht Churchill sechs Stunden lang auf die Zeugenbank führte, außerdem seinen Nachfolger Earl of Balfour und eine Menge höherer Beamter der Admiralität . Natürlich erwiesen sich die Behauptungen der Broschüre als Ausgeburten einer wilden Phantasie, sodaß man eigentlich zweifelt, ob Lord Alfred nicht eher ins Irrenhaus als ins Gefängnis gehört. — Die letzte Sitzung des Board of Deputies brachte als „Attraktion" den Besuch des „jüdischen Ministers" Dr. Rosenbaum aus Kowno, der sichtlich bemüht war, die politische Lage der Juden in Litauen so befriedigend wie möglich darzustellen. Die Bemühungen, den sabbattreuen Arbeitern die ihnen zustehende Arbeitslosen-Ilnterstützung zu sichern, haben praktisch Erfolg gehabt, obgleich der Buchstabe des Gesetzes ihren Ansprüchen nicht günstig ist. Die Mordtaten in Dublin, über die bereits berichtet wurde, sind noch immer nicht restlos aufgeklärt, doch festigt sich die Anschauung, daß es sich keinesfalls um antisemitische Ausschreitungen handelt, sondern vielmehr um private Racheakte. Das Joint Foreign Committee hat es a b g e l e h n t, eine besondere Hilfsaktion von jüdischer Seite für die notleidenden Juden Deutschlands zu veranstalten; vielmehr will man die im Aufbau begriffene allgemeine Sammlung der interkonfessionellen englischen Hilfsgesellschaften für die deutsche Bevölkerung unterstützen. An der Spitze dieser Aktion stehen der „Kinder-Rettungs- Fonds", die „Gesellschaft der Freunde" und der Kriegsopfer-Fonds (Imperial War Relief), an die sich sonnt die deutsch-jüdischen Stellen wegen verhältnismäßiger Berücksichtigung wenden müßten, falls sie nicht ohnedies auf entsprechende Berücksichtigung durch die deutsche Zentralstelle rechnen können. Interessant ist der vom Joint Foreign Committee gefaßte Beschluß, beim Völkerbund die Unterstellung^der Falaschas unter den Schutz eines Minderheits- Vertrages zu beantragen, nachdem Abessynien Mitglied des Völkerbundes geworden ist. Die seit einem Jahre eingesetzte Kommission zur Prüfung von Religionslehrern hat ihren ersten Bericht erstattet. Obgleich an den beiden stattgehabten Prüfungsterniinen natürlich nur solche Kandidaten geprüft wurden, die sich freiwillig meldeten, um ein Diplonr zu erlangen, waren die Ergebnisse doch sehr schlecht. Allerdings ist nicht ganz klar, ob die Mängel mehr auf der Seite der jüdischen oder der englischsprachlichen Ausbildung liegen. Eine pädagogische Prüfung hat garnicht stattgefunden. Süd Äfvika Jüdisches Eeben in SW-BfiiM. Johannisburg, 25. Noo. Während sich im allgemeinen das jüdische Leben in den Zentren Südafrikas auf ein ziemlich versteinertes Philantropie- und Kultusgemeindewesen beschränkt, hat doch im letzten Jahrzehnt durch die starke ostjüdische Einwanderung und die Vertiefung des jüdischen Interesses überhaupt auch das altjüdische Lernen hierzulande einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Die schon Jahrzehnte bestehende Lern-Chewra hat nach zwölfjährigem emsigem Studium eine Siumfeier auf den ganzen Talmud veranstalten können. Vor zwölf Jahren

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