Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1924)
- Date
- 1924-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Seite 3 3. Januar 1924 Wie immer in Zeiten der Gefahr zeigt sich auch jetzt, daß die Schar der Getreuen weit größer ist, als man ahnte. In einer Massenversammlung in der Schneiderklaus, die am letzten Samstagabend unter Vorsitz der Rabbiner Kart und Hurwitz aus Alerot Lei überfülltem Hause stattfand, sprachen verschiedene Redner, die darauf hinwiesen, daß das Sonntagsruhegesetz in seiner absoluten Form, das bereits in erster und zweiter Lesung angenommen wurde, darauf hinziele, die Juden vor die Alternative zu stellen, entweder den Sabbat zu entweihen oder eine schwere wirtschaftliche Schädigung durch zwei Ruhelage in der Woche auf sich zu nehmen. Als ein Redner es wagte, den Rabbinern Versäumnisse in dieser Sache vorzuwerfen, wurde dem entgegen hervorgehoben, mit welch unvergleichlicher Aufopferung der Rabbinerverband vom ersten Momente an zur Abwehr der Gefahr gearbeitet hat. So wurde beispielsweise das gesamte Material über die Sonntagsruhe in allen Ländern der Welt gesammelt. Eine Broschüre in litauischer Sprache unter dem Titel „Sabbat und Sonntagsruhe" wurde in großer Zahl verbreitet, ebenso wurden Verhandlungen mit Vertretern der Ge'.stlichkeist und mit politischen Behörden geführt. Von großer Wirkung war der Appell der Redner an die Versammlung, auch im Falle der Einführung der Sonntagsruhe, von der Sabbatheiligung nicht um Haaresbreite zu weichen. Während der Tagung erschienen Oberrabbiner Schapiro und Sejmdeputierter, Rabbiner Kahnmann, die gerade vom Bischof kamen — der Deputation gehörte auch Rabbiner Bloch aus Telschi an—, bei dem sie in der Sache vorstellig geworden waren. D'eser erste Vorsteher der katholischen Kirche in Litauen hatte sie freundlich empfangen und ihnen erklärt, datz nach kanonischem Gesetz zeitweise Arbeit und Warenverkauf am Sonntag zulässig sei. Wiewohl er sich grundsätzlich in Politik nicht entmische, müßte er das Gesetz in seiner jetzigen Form für eine schwere Belastung der Bevölkerung halten, da die Versuche, das Gesetz zu umgehen, Demoralisation mit sich bringen würden. Er seinerseits hätte gegen eine zeitweise Arbeitsfreiheil der Juden am Sonntag, sofern sie den kirchlichen Sonntägscharakter nicht durch Lärm erregende Tätigkeit stört, nichts einzuwenden. Rabbiner Kahnmann erstattete nun der Versammlung einen Bericht über die Besprechung mit dem Bischof und gab einen Ueberblick über den Stand der Dinge und über die Maßnahmen, die die jüdischen Sejmdeputierten _Der Israel i t_' und die Rabbiner von Anfang an getroffen haben und noch zu treffen gedenken. Die bei der Kommission dank dieser Bemühungen durchgesetzten Aenderungen sind leider bei der ersten und zweiten Lesung unbeachtet geblieben. Eine schwache Hoffnung läßt noch die dritte Lesung, vor welcher die Oeffentlichkeit in allen Punkten aufgeklärt werden muß. lieber den Namen des Gesetzes war ein Streit ausgebrochen zwischen den rechten und den linken Parteien. Die Rechte verlangte einen „religiösen" Ruhetag, die Linke wünschte den „sozialen" Ruhetag. Wir traten ganz entschieden für den Antrag der Rechten ein, denn der religiöse Ruhetag wird sich seiner ganzen Natur nach nicht auch auf andere Konfessionen erstrecken, während soziale Gesetze keinen Unterschied nach Konfessionen kennen. Wird das Projekt der religiösen Sonntagsruhe Gesetz, so verlangen wir unser Recht im Namen der religiösen Toleranz. Von der Ergreifung demonstrativer Mittel, wie Umzüge usw. muß Redner sehr abraten. Es muß aber entschiedene Abwehrarbeil geleistet werden. Mächtigen Eindruck machte es, als jetzt ein einfacher L a st t r ä g e r das Podium betrat und erklärte, er und viele seiner Kollegen, die sich sehr kümmerlich ernähren und von der Hand in den Mund leben, hätten bis jetzt auch am Sabbat gearbeitet, da leider viele jüdische Geschäftsleute Waren am Sabbat aus- und verladen ließen, jetzt aber, da ihnen der Sabbat gewaltsam genommen werden soll, hätten die Träger beschlossen, um keinen Preis der Welt mehr am Sabbat Arbeit zu leisten. Wer gegen diesen Beschluß verstößt, wird für zwei Wochen von 'der Straße verjagt. Er appelliert an die Kaufleute, von heute ab den jüdischen Trägern keine Arbeitsleistungen am Sabbat mehr zuzumuten. An diese letzten schlechten Worte des Mannes von der Straße knüpfte Oberrabbiner Schapiro an, indem er sagte: „Das ist die ergreifendste Predigt; die beste Abwehr gegen die Angriffe auf den Sabbat ist, sich stets mit aller Kraft an den heiligen Sabbat zu klammern." Rabbiner Kahnmann fügte dem noch hinzu: „Von heute ab keine Sabbatvereine mehr. Es bedarf keines besonderen Sabbatschutzes. Wir alle stehen treu zum Sabbat!" MTM Korrespondenzen * Nachrichten. Deutsches Zur veaehlung! Frankfurt a. M., 1. Jan. Zu Beginn des neuen Jahres sei auch an dieser Stelle wiederum darauf aufmerksam gemacht, datz die Redaktion des „Israelit" für die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder für sonstige Angaben von religionsgesetzlicher Bedeutung keinerlei Verantwortung übernehmen kann, datz es vielmehr ausschlietzlich Sache der Leser ist, diese Angaben aus ihre Zuverlässigkeit zu prüfen oder die aus religiösen Gründen erforderlichen Auskünfte einzuziehen. Achckull)» Vereinigung gesetrertteuer Zucken veurscdianckr. Frankfurt a. M., 27. Dez. Die vom „Israelit" unter der Ueberschrift ,,Un>» nütze Kämpfe" bereits angekündigte Neugründung einer gefetzestreuen Organisation, die Misrachisten und Gemeindeorthodore zusammenfassen will, hat sich programmgemäß gestern hier vollzogen. Nach einer längeren Eröffnungsansprache des Herrn Dr. Albert Sondheimer, die besonderes Gewicht auf die Betonung des friedlichen Charakters und der sachlichen Motive der neuen Gründung legte, hielten die Hauptinitiatoren der Bewegung, Herr Moritz A. Lob- Berlin und Herr Rabbiner Dr. Unna- Mannheim ausführliche Referate. Der Zweckparagraph der Satzung lautete im Entwürfe: „Zweck der Verewigung ist die Zusammenfassung aller auf dem Boden der Einheit der jüdischen Gemeinschaft stehenden gesetzestreuen Juden Deutschlands zur gemeinsamen Lösung der dem thoratreuen Judentum erwachsenden Ausgaben." Entsprechend dieser Formulierung traten eine Anzahl Herren für den Ausschluß aller derjenigen g es etz es treuen Juden von der Mitgliedschaft ern, die der Reformgemeinde ihres Ortes nicht angehören und dadurch die „Einheit des Judentums" negieren. Diese radikale Auffassung sand jedoch keinen Anklang bei der großen Mehrheit der Versammelten, sodatz man sich schließlich aus folgende Fassung einigte: „Die Vereinigung bezweckt unter nachdrücklicher Betonung der Einheit der jüdischen Gemeinschaft" die r>2v^ s>iVt>i v"2 v'nvs •>"\m :n"v ait> imv :'i rrn rmo , 2iv tioi’ "iv durchaus verbürgt ist. so darf man füglrch die Authentie der Angabe, daß diese Korrektur vom Wil° naer Gaon herrühre, bezweifeln. — Für die Frage betreffend vwwm müssen wir nach einer anderen Lösung suchen. Die Annahme liegt so nahe, datz der IN'^U bv ow uns an das 'VN2N1, „Ich werde euch in das verheißene Land bringen", erinnern sollte, und daß dieser Becher vielleicht deswegen nicht am Sederabend geleert wird, weil diese Ankündigung an uns noch nicht in Erfüllung gegangen ist. — Zwar gibt'es eine Ansicht, wonach der vierte Becher die Bezeichnung w>!>k bv viv trage, jedoch ist der Brauch, zu Ehren Elijohu Hanowis einen besonderen Becher zu füllen, fast allgemein. Moses. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Die lausenden Thoraabschnitte führen die Gestalt Moses' in plastischer Form uns vor die Seele. All unser Denken und Fühlen durchzieht das eine Wort: Moses. Die Lebensgeschichte dieses größten aller Menschen und Propheten zieht uns immer neu in ihren Bann. Und wer könnte sich ihr entziehen, der jemals die vielbewegte, in allen Phasen fesselnde Geschichte dieses Mannes durchdachte? Ein Kaleidoskop rollt sich vor dem staunenden Blicke ab. Wir sehen ein ganzes Volk unter Aegyptens heißer Sonne Sklavendienste verrichten. Hart saust die Geißel unbarmherziger Fronherrn auf wunde Rücken nieder. Alt und jung stöhnt und keucht weiter, von Tag zu Tag, vomZahr zu Jahr. In einfacher Hütte erblickt ein Knäblein das Licht der Welt. Bald muß auf Tyrannenbefehl auch hier ein Mutterherz schmerzlichen Abschied nehmen vom kleinen Liebling. Du findest ihn im zierlich geflochtenen Binsenkörbchen am User des Flusses, umfächelt von schützendem Röhricht und hohem Schilfe, in unheimlicher Nachbarschaft von Krokodilen, Nilpferd und sonstigen Ungetümen. Doch der Herr wacht! Da kommt — wie von Ungefähr — Aegyptens Königstochter mit großem Gefolge daher geschritten, an einem Bade sich zu erfrischen. Und sie macht den seltsamen Fund: ein Knäblein, das die ersten jüdischen Tranen über rohe Gewalt weint, schaut halb verwundert, halb wie bitter vorwurfsvoll ihr ins Angesicht. Kann sie anders, als den menschlichen Regungen ihres Herzens Folge leisten? Sie nimmt das Kind in die Arme und gibt ihm den später die Welt durcheilenden Namen Moses, der „aus dem Wasser Gezogene". Ach. wenn du ahntest, wem du hier das Leben gerettet, wenn du wüßtest wie Aegytens Schicksal mit der einstigen Größe dieses Kleinen entscheidungsvoll verknüpft sein wird! Schon munkeln die Magier allerlei; Schwarzseher schaffen eine schwüle Sphäre um Moses, der auf dem merkwürdigen Umwege des Elternhauses wieder in den Palast gelangt und Prinzenerziehunq genießt. Nun aber beginnt eine ebenso große als eigenartige Lücke in der Lebensgeschichte Moses! ä'ain d'v'I 'N'l •turfoori k-pi 1'N8 »2P1 nw» *n:n onn »Und es geschah, in jenen vielen Tagen, als Moscheh groß geworden war, da ging er zu seinen Brüdern hinaus und sah ihre Lästarbeiten mit an . ..." In welcher Art wickelte sich die Erziehung des jungen nwa ab? Welche Beziehungen bestanden zum jüdischen Volke, datz er gleich den Schritt zu ihm hinauslenkte? Die Barche des Blutes allein machens nicht. Konnte man "nicht vielmehr eher eine Entfremdung annehmen? Ein'stark ausgeprägtes Gefühb für Recht und Gerechtigkeit macht sich in dem Satze Luft: nsn na1?? *nn. Er gerät mit der Regierung in Konflikt und flieht nach Midjan. Auch dort empört ihn rohe Gewalt, er steht den schwachen Mädchen am Brunnen bei. wird Iitros Schwiegersohn und Vater zweier Söhne. Und dnnkel bleibt Zweidrittel seines Lebens für uns. die ganze Zeit seiner kraftvollen Mannesjahre. Erst als Greis mit 80 Jahren kehrt er nach Aegypten zurück. Was aber waren Moschehs Schicksale im Midjaniterlande? Talmud undMidrasch lüften den dichten Schleier, wissen Interessantes ued Wunderbares zu erzählen von leidvollen Jahren und auch von Glanz und Ehre, von Intriguen und Haß und von Huld und Glück im Verkehr mitt jüdischen Männern und machtvollen Fürsten. . Es kann das hier nur gestreift werden*). Da erscheint ihm im Midjaniterlande der Allmächtige im brennenden Dornbusch und beruft ihn zur schwersten Ausgabe: Führer und Retter Israels zu werden. Der brennende Dornbusch ist Symbol Israels. Den Weltenoölkern ein Dorn im Auge, umloht vom Feuer des Haffes, bleibt es unversehrt, unvergänglich. Und dornenvoll ist der Weg eines Volksführers. Nicht weniger als fünfmal weigert sich nva, dem Rufe zu folgen, sodaß schließlich der Ewige ihm zürnt. (Fortsetzung folgt.) - , - *) Wir weisen gerne auf das svannend geschriebene Buch „Die Leiden des jungen Mose" von Oskar Lehmann hin, früherem Redakteur d. Bl. Er sagt in der Vorrede: Die Mosesliteratur ist natürlich unübersehbar. Man braucht nur zu bedenke», daß Jahrtausende sich mit dessen Persönlichkeit befaßten, datz besonders die gesamte jüdische Literatur dauernd auf dessen Leben und Charakter hinweist". Lehmann gibt auch eine interessante Zusammenstellung der gesamten Mose»literatur, hebräische, deutsche, arabische, syrische, lateinische, Aegyptologie usw. Hoffentlich stellt der verehrte Verfasser unsere Geduld nrcht auf zu lange Probe uhd beschenkt uns bald mit dem angekündigten noch größeren Werke über Moses.