Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1923)
- Date
- 1923-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52 Seite 3 27. Dezember 1823 Der Israelit daher in allen Kreisen und Ständen eine Unzufriedenheit und Mutlosigkeit, die uns jegliche Freude am Leben raubt. Es gibt wohl keinen Stand, der durch den Krieg und seine Nachwirkungen so sehr gelitten hat, als der der jüdischen Neligionslehrer. Es ist nicht meine Absicht, die allbekannten düsteren Bilder wieder zum Vorschein zu bringen. Dieselben sind sicherlich jedem Leser dieser Zeitschrift zur Genüge bekannt. Wie man heute noch die mühevolle Arbeit der jüdischen Religionslehrer bewertet, beweisen meine Erfahrungen als Religionslehrer in zwei Filialgemeinden, deren Veröffentlichung ich der Lesergemeinde des „Israelit" nicht vorenthalten möchte. Es war im März 1899. Es klopft an der Türe. - Auf mein „Herein" tritt der Synagogenälteste der Nachbargemeinde „H." in mein Iunggesellenstübchen, um mir den nebenamtlichen Religionsunterricht für seine Gemeinde zu übertragen. Fragliche Gemeinde hatte damals eine größere Anzahl Mitglieder teils durch Tod, teils durch Wegzug verloren und war daher wohl kaum mehr in der Lage, einem eigenen Lehrer eine gesicherte sorgenlose Existenz zu gewähren. Auch als die Gemeinde noch in ihrer Blüte stand, waren die dortigen Lehrer nicht auf Rosen gebettet. Meine Vorgänger bezogen ein Iahresgehalt von 100 Mark, welches Einkommen wohl zur Zahlung des Kostgeldes und zur Beschaffung eines Anzugs und Ueberziehers hinreichte. Da die Schächtfunktion mit der Stelle nicht verbunden war, so mußten die Stelleninhaber durch Uebernahme von Lebensversicherungsagenturen das zur standesgemäßen Lebenshaltung Erforderliche erwerben. So erzählt man von einem meiner Vorgänger, daß er auf diesem Gebiete ganz seltene Erfolge erzielt haben soll — natürlich zum Schaden der Schule und unseres Ansehens. Als vor ca. 50 Jahren fragl. Stelle durch einen verheirateten Lehrer besetzt werden sollte und man sich wegen der Gehaltsansprüche mit demselben nicht einigen konnte, da war von einem schlauen Gemeindemitgliede schnell' Rat geschaffen. Man gewährte dem zu bestellenden Lehrer drei Monate Urlaub, damit er das für den Unterhalt seiner Familie noch Fehlende durch „Schnorren" erlangen könnte. Gottlob gehören solche Episoden der Vergangenheit an. Wegen Uebernahme des Religionsunterrichts in der Gemeinde „H." war alsbald eine Verständigung erzielt. Auch die pekuniäre Frage war sehr schnell gelöst. Die von mir verlangte Entschädigung von 3 Mk. pro Weg, also von 288 Mk. pro Jahr wurde sofort genehmigt. Am Ende eines jeden Streites steht die Reue, Nachgiebigkeit ist stets vom Frieden gekrönt. Mehr denken als Tun, ist der Weg zur Klugheit. Wer sich selbst nicht beherrschen kann, vermeide es, andere beherrschen zu wollen. (Leistungen eines blinden jüdischen Mädchens.) Ein junges Mädchen in London, das seit seinem achten Lebensjahre völlig erblindet ist, S a r a Isaacs, hat dieser Tage an der Londoner Universität einen hohen akademischen Grad in englischer Sprache und Geschichte erlangt. Nach dem Besuch einer Blinden-Schule ist es der offenbar außergewöhnlich Begabten gelungen, sich teils durch Lehrbücher in Blindenschrift, teils durch Z u h ö r e n , während ihr Vater ihr ganze Kompendien Wort für Wort vorlas, ein bedeutendes Wissen anzueignen, sodaß sie glänzend promovierte. Ihre schriftlichen Arbeiten stellte sie auf der Schreibmaschine her. (Wichtige Ausgrabungen in Palästina.) Prof. Macalister hat bei den Ausgrabungen in der Davidstadt die große turmähnliche Befestigung bloßgelegt, die das kleine Tal zwischen dem Berge Ophel und dem Tempel-Hügel füllte; außerdem die nördliche Mauer einer noch älteren Befestigung aus der vorhebräischen jebusitischen Zeit. Macalister glaubt, daß er das in Nehemia, III 19 erwähnte Waffenarsenal gefunden habe. Unter dem älteren Wall hat man Töpferwaren mit den Siegeln der zwölften ägyptischen Dynastie ausgefunden. mmm Diese Nebeneinnahme war mir damals bei meinem bescheidenen Gehalt von 1000 Mk. zuzüglich 120 Mk. Alterszulage sehr willkommen. Mit Vergnügen trat ich allwöchentlich am Sonntag und Mittwoch meine Fußtour von anderthalb Stunden über Wald und Berg an und konnte mich das gräßlichste Regenwetter, nicht Schneeschauer und hoher Schnee, nicht Sturm und Gewitter abhalten, meine Pflicht als Wanderlehrer aufs peinlichste zu erfüllen. Mein Verhältnis zur Gemeinde war ein ideales. Der Synagogenälteste und sämtliche Gemeindemitglieder waren bemüht, mir in jeder Weise entgegenzukommen. Die Schulkinder waren meist gut veranlagt, und, was man wohl selten trifft, außergewöhnlich fleißig. Die Väter und Mütter verschmähten es wohl nicht, sich am Sabbat und Sonntag selbst mit ihren Kindern zu beschäftigen und die mühevolle Arbeit des Lehrers zu unterstützen. Die Kinder machten daher erstaunenswerte Fortschritte und denke ich heute noch mit Vergnügen an die schönen Stunden an der Religionsschule in H. zurück. Die Aufbringung der mir zustehenden Besoldung verursachte der aus 11 Mitgliedern bestehenden Gemeinde keine Schwierigkeiten, da sie zu dem mir zustehenden Gehalte von 288 Mk. aus Vereinen und Stiftungen 210 Mk. an Zuschüssen erhielt. Nach ca. 10 Jahren erfuhr dieses freundschaftliche Verhältnis eine kleine Trübung. Die Schülerzahl stieg'von 10 auf 12 und der Gemeinde stand nun Anspruch auf einen Zuschuß seitens des Staates und der Kommune auf Grund des Schulunterhaltungsgesetzes zu. Ich erbot mich, die zur Erlangung der erforderlichen Zuschüsse erforderlichen Schriftstücke auszuarbeiten, stellte jedoch das Verlangen, daß die der Gemeinde zufließenden Zuschüsse zur Aufbesserung meines Gehaltes verwendet würden, was mir auch der neue Synagogenälteste bereitwilligst zusagte. Es gelang meinen wiederholten Bemühungen, der Gemeinde 160 Mk. Iahreszuschüsse zu verschaffen und freute mich als bedrängter Familienvater auf die zu erwartende Aufbesserung. Jedoch mußte auch ich die Wahrheit des Dichterwortes erfahren: „Des Lebens unvermischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil"; denn nach einer stattgehabten Gemeind esitzung eröffnete mir der Synagogenälteste, daß die Gemeinde mir nur die Hälfte der ihr zufließenden neuen Zuschüsse bewilligt habe. Natürlich war er an diesem Entschlüsse der Gemeinde gänzlich unschuldig, denn nur einige böse Steuerzahler haben solches zu Wege gebracht. Wer hier der schuldige Teil war, werden wir bald erfahren. Der Eemeinde-Schuletat stellte sich nun wie folgt: a) Einnahme: Mk. Zuschüsse von Vereinen und Stiftungen 210 „ „ Staat und Gemeinde 160 Mietseinnahme aus der Lehrerwohnung _65 b) Ausgabe: Sa. 435 Gehalt des Religionslehrers 368 Ueberschuß zu Gunsten der Gemeinde 67 Ich ergab mich in das Unvermeidliche und machte gute Miene zum bösen Spiel. Und nun kam der alles Alte umstürzende Weltkrieg — und mit ihm die Geldentwertung und Teuerung. Auch die Schülerzahl ging wieder zurück. Staat und Kommune zogen ihre Zuschüsse wieder zurück. Trotz Teuerung und allgemeiner Aufbesserung der Gehälter macht mir der Synagogenälteste den ernstlichen Vorschlag, auf die seinerzeit erhaltene Aufbesserung von 80 Mk. p. a. wieder zu verzichten, was ich natürlich mit Entrüstung zurückwies. An eine Aufbesserung war natürlich unter diesem Regime nicht zu denken. Auch war im Laufe der Jahre eine neue Generation herangewachsen, die lange nicht mehr das Interesse für die Schule zeigte, als das Geschlecht, das ich beim Antritt der Stelle angetroffen. Im Jahre 1920 bat ich den Bund in Halberstadl im Namen der Gemeinde um Bewilligung eines Zuschusses zwecks Aufbesserung des Lehrergehaltes und zur Einrichtung des elektrischen Lichtes. Der Bund bewilligte bereitwilligst 300 Mk. für das Licht und 200 Mk. für den Lehrer. Fürsorglich wurde für letzteren Betrag meine Namensunterschrift unter die dem Synagogenältesten zugegangenen Quittungen verlangt. Ich warte und warte — von Woche zu Woche auf die so dringend nötigen Gelder. Endlich fasse ich mir ein Herz und frage den Synagogenältesten nach dem Verbleib des mir bewilligten Gehaltszuschusses. Zu meiner Ueberraschung erfahre ich, daß der schlaue Gemeindeführer fragliche Gelder nebst dem andern Betrage von 300 Mk. dem Gemeinderechner für die Gemeindekasse übergeben habe. Er meinte ja überlegen, die Stelle sei für mich ja nur eine Nebenstelle und wäre ich auf das Geld nicht angewiesen. Empört weise ich das Argument zurück und erst nach meiner Drohung, die Angelegenheit dem Bunde zu melden, gelange ich nach einigen Wochen in den Besitz meines Geldes. Da auch weitere durch die Verhältnisse unvermeidliche Aufbesserungen abgelehnt oder nur unter größeren Abstrichen genehmigt wurden, sah ich mich endlich genötigt,^ die Stelle eines Tages kurzweg aufzugeben. Ich verlangte nämlich im August 1922 ein Jahresgehalt von 4000 Mk. (= 5 Dollar). Die Gemeinde genehmigte mir 3000 Mk. (=3% Dollar). Da trotz weiterer Geldentwertung die Gemeinde zu einer Gehaltserhöhung auf 4000 Mk. nicht zu bewegen war, so stellte ich ohne weiteres den Unterricht ein — nicht zu meinem Schaden. Denn sicherlich hätte ich im Laufe des letzten Jahres nicht ein Hundertstel dessen verdient, was ich an Schuhwerk und Kleidern verbraucht hätte. Es ist sehr bedauerlich, daß nun 6—8 Kinder infolge Gleichgültigkeit der Eltern schon länger als ein Jahr ohne Religionsunterricht sind, sodaß später eine Generation heranwächst, die keine Ahnung vom Judentum hat. Und dies alles, weil die Eltern zu sehr am Mammon hängen. Mögen die bedauernswerten Kinder dereinst nicht zu büßen haben für die Sünden der Eltern! Wresponaenren « Nachrichten. Deutsches Reistz. KuUu$iimia8«n. München, 10. Dez. Auf Grund der Beschlüsse der Körperschaften der Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer israelitischer Gemeinden werden mit Genehmigung der zuständigen Behörden Kultusumlagen von einem Goldpfennig in der Gemeinde und einem viertel Goldpfennig im Verband für jede angefangenen 1000 Mk. der Reichs- und Landessteuern und zwar zunächst der Reichseinkommensteuer 1922 nacherhoben. Die Umlagen Sabbat-Anfang und -Ausgang. mag? NIL? Ort: Anfc Uhr lNg Min. Datum 1923 | 5684 Äu« Uhr;g. Min. Frankfurt a. M. 4 10 22. 14. 5 25 Berlin .... 4 — Dez. Tebet 4 49 München . . . 4 30 6 15 Köln. 4 25 5 25 Stuttgart . . . 4 30 5 22 Breslau.... 4 15 4 45 Nürnberg . . . 4 10 5 10 Hamburg . . . 4 — 6 05