Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1923)
- Date
- 1923-12-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 52 Der Israelit 27. Dezember 1923 Daß die Monarchisten nun gerade die wenigen, uns nahestehende Frankfurter Persönlichkeit, wird Juden für die Leiden des russischer Volkes der derzeitige Stand der Dinge wie folgt geverantwortlich machen, erwecke kein günstiges schildert: Der Fürst gibt darin zu, daß „die Leiden des russischen Volkes Leime des Hasses in so hohem Grade ausgestreut haben, datz es, sich selbst überlassen, diesen Gefühlen in einem Pogrom von beispielloser Heftigkett Luft machen wird. Dies sei jedoch umso sicherer, wenn keine organisierte Autorität vorhanden wäre, die Rutzland bei dem unvermeidlichen Sturze des bolschewistischen Regimes vom Chaos retten könnte." Es heitzt dann wörtlich weiter: „Nur unter dem Schutze der Autorität, die wir organisieren, kann die in Rutzland lebende Masse der Judenheil dem furchtbaren Schicksal zu entgehen hoffen, das durch die Grausamkeiten und Gewalttaten wahnsinniger jüdischer Führer für sie heraufbeschworen wird, deren Zahl unglücklicherweise sehr groh ist und die sicherlich bei dem ersten Zeichen der Gefahr sich aus dem Staube machen werden, um ihre elenden Brüder als Sündenböcke für ihre Missetaten ihrem Schicksal zu überlassen. Vergeblich werden diese bei gelegentlich auftretenden Volksführern Schutz suchen. Es sollte nicht verkannt werden, datz das judenfeindliche Gefühl der Massen jedes Eintreten für die Juden schwer, wenn nicht unmöglich machen wird. Die öffentliche Meinung wird jeden, der für die Juden in die Schranken tritt, als bestochen verdächtigen und jede Parteinahme für jüdische Freunde wird dadurch rasch verschwinden. Leine Autorität autzer derjenigen des Zaren kann über derartige Verdächtigungen erhaben sein; nur des Zaren Wort, kann die Masse wirksam bändigen und die Juden vor Gewalttaten reiten." Man wird es dem Chief-Rabbi nicht verdenken können, datz er in seiner Erwiderung dem Zweifel Ausdruck verleiht, ob gerade der Zar seine Autorität zu Gunsten einer von der irregeführten Volksleidenschast bedrohten Judenheit in der Tat jemals mit der genügenden Energie einsetzen würde. Mit Bedauern stellt Dr. Hertz fest, datz der Führer der russischen Monarchisten gerade die jüdischen Bolschewisten und sie allein als Urheber der über das russische Volk gekommenen Leiden ansieht. Die schlimmsten dieser Leiden sind im Laufe der letzten Jahre doch zweifellos auf die Tscheka, das zur Bekämpfung der Gegenrevolution eingesetzte Tribunal, zurückzuführen. Nun ist aber allgemein bekannt, datz alle berufsmätzigen Spione, Hooligans und Henkersknechte, die der alten zaristischen Ochrana dienten, in den Dienst Lenins und seiner Genossen übergegangen sind, und datz mit Ausnahme von Trotzky die führenden bolschewistischen Geister durchaus keine Juden sind. Vorurteil für ihre Objektivität. Soweit der merkwürdige Briefwechsel. Uns scheint, datz es die Tatsachen auf den Lopf stellen heitzt, wenn man, wie der russische Monarchist es tut, die Masse des russischen Volkes als eine Gesellschaft von Judenfressern hinstellt und den Zarismus als Schützer der Gerechtigkeit. Die geschichtliche Erfahrung beweist die Unrichtigkeit beider Behauptungen. Die ungebildete russische Volksmasse würde keinerlei Gefahr für Leib und Leben der Juden bedeuten, wäre sie nicht von oben, von den sogenannten „Gebildeten" verhetzt, die den Judenhatz als Element der Politik betrachten. Und unter diesem Gesichtspunkt kann man sich der ernstesten Besorgnisse in der Tat nicht erwehren. Die russische Iudenheit ringt um ihre Seele mit dem Bolschewismus und mutz für ihr physisches Leben fürchten, sobald die Bolschewisten- Dämmerung anbricht. Eine wahrhaft tragische Situation, aus der Menschenwitz und politischer Calcül kaum einen Ausweg verheißen. Die Falaschas. Das Falascha-Problem beschäftigt die jüdische Oeffentlichkeit seit Jahr und Tag. Unsere Brüder in den abessynischen Niederlassungen — es kann längst kein Zweifel mehr darüber herrschen, datz sie es sind — schreien in der Not ihrer materiellen Lage wie des Geistes zu uns um Hilfe auf. Wir waren gerade daran, ihnen die helfende Bruderhand zu reichen, da kam der Lrieg. Nachdem der Lrieg beendet ist und die Wege nach Abefsynien wieder frei geworden sind, steht die deutsche Judenheil so arm und hilflos und verzehrt von eigenen Sorgen da, datz sie das begonnene Werk mit eigener Lrast nicht fortsetzen kann. Die Aktion ging aber von Deutschland aus, fand hier das meiste Verständnis und mutz daher auch heute noch von Deutschland getragen sein. Das seinerzeit von Paris aus von der Alliance universelle Israelite eingelettete Parallelunternehmen brach zusammen — man kann sagen Gott sei Dank —, bevor es noch richtig begonnen hatte. Es ist erfreulich, zu konstatieren, datz das Pro Falascha-Lomitee seine Arbeiten nicht nur nicht eingestellt, sondern auf den neu eröffneten Wegen mit erneuter Lraft und Energie fortführt. Der bekannte Falaschaforscher Dr. Jacques Faitlovitsch weilt seit vielen Monaten wieder in der Hauptstadt Abessyniens, Addis-Abeba. In einem Schreiben von dort unter dem 26. November, gerichtet an eine „Ich bin hier schon bald acht Monate, und mir ist es jetzt gelungen auch in Addis-Abeba, in der Hauptstadt des Reiches, eine kleine Schule für die Falaschas einzurichten, mit deren Leitung T a a m r a t E m a n u e l betraut ist. Unser Unternehmen nimmt jetzt einen sehr guten Lauf und besonders erfreulich ist die Arbeit vollzogen im Innern des Landes. Das jüdische Bewußtsein der dortigen Glaubensgenossen ist in den letzten Jahren stark gestiegen und infolgedessen nimmt die Wirksamkeit der Tausbewegung der christlichen Missionare von Tag zu Tag dort ab. Unsere Bewegung dehnt sich allmählich aus und deren Ruf dringt immer tiefer im Lande ein. Nur mangelt es uns hier an Lehrkräften, uias für die Entwicklung unserer Aufgabe ein großes Hindernis ist und bedroht teilweise die Fortsetzung der Arbeit im allgemeinen. Um unserem Ziele näher zu kommen, ist es dringend notwendig, eine größere Zahl junger Falaschas im Auslande auszubilden, damit sie dann nach einigen Jahren, in die Heimat zurückgekehrt, die draußen erworbenen Kenntnisse in ihren Gemeinden weiterverbreiten. Die zwei Knaben, die ich aus meiner letzten Reise hier nach Europa brachte, machen sehr gute Fortschritte, der eine, der in Florenz ist, hat im letzten Schuljahre die vier Elementarklassen durchgemacht und kommt jetzt ins Gymnasium. Ich beabsichtige auch, bei meiner jetzigen Rückreise nach Europa einige Jungen mit mir zu nehmen, für deren Unterkunft mir dort meine Freunde und Gönner der Falascha-Sache behilflich sein werden. Für einen dieser Knaben hat mir Herr G. in Basel die Ausnahme in seinem Hause bereits versprochen, nun möchte ich auch Sie bitten, mir in dieser Aufgabe Ihre Mithilfe zu gewähren. Vielleicht kann so ein Falascha-Junge in Ihrem Hause oder bei einem Ihrer Verwandten Unterkunft finden? Ich hoffe zuversichtlich daß Sie mir Ihre Mitwirkung bei dieser heiligen Sache nicht versagen werden. Die Erziehung junger Falaschas in Deutschland ist für die Zukunft der Juden in Abessinien von großer Bedeutung. Hier in Addis Abeba werde ich wahrscheinlich bis gegen Ende Februar oder bis März verbleiben. — — —" Man darf hofften, datz trotz der Lage in Deutschland das jüdische niI^-Gefühl, das in keiner Zeit der Not versagt hat, nach wie vor für dieses jüdische Rettungswerk wachbleibt. Familien, die in der von Dr. Fattlovitsch angeregten Richtung mithelfen wollen, wollen wir gern mit Adressen der betreffenden Instanzen dienen. Relrgionslehrer in Filialgemeinden. Ein zettgematzes Lutturbild. *) Von Ar. Durch den verlorenen Lrieg sind wir verarmt. Ganz besonders haben die letzten Wochen, die einen noch nie dagewesenen Verfall unserer Mark brachten, uns zum Bewutztsein gebracht, wie schlimm es um uns bestellt ist. Es herrscht *) Wegen Raummangels verspätet. „Mit allem —von allem—alles". Von Rabbiner Dr. Lazar Münz (Mitge teilt anläßlich seiner Jahrzeit am 24. Tebeth.) Wem Gott, sagt Kohelet, Reichtum und Güter gegeben und die Fähigkeit verliehen, davon zu genießen und seinen Teil hinzunehmen und an seinem Erwerbe sich zu freuen — das ist eine Gabe Gottes (Kohelet 5, 18.) Hier wird von drei Segnungen gesprochen, die, vereint eine beglückende Gabe bilden. Reichtum ist eine Gabe des Himmels. Doch der Besitz von Hab und Gut macht allein das irdische Glück noch nicht aus. Gibt es doch Menschen, die eine Fülle von Gütern besitzen und doch ein kümmerliches Leben führen. Sie sind nicht die Herren, sondern die Knechte, die Sklaven ihres Besitzes; sie müssen sorgen und arbeiten, die irdischen Güter zu bewahren und zu vermehren, haben aber nicht die Macht, davon zu genießen. Und können es nicht auch äußere Ursachen sein, etwa körperliche Leiden, die den Menschen hindern, die Güter, die er hat, zu seinem Nutzen zu verwenden? Zu dem Reichtum muß daher die Gabe hinzutreten, die Befähigung, denselben zu gebrauchen und zu genießen. Doch das Besitzen, und das Genießen, beide zusammen, machen noch immer nicht das irdische Glück aus. Manche haben viel und genießen viel, sie möchten aber mehr haben und noch mehr genießen. Aber „wer Geld liebt, wird des Geldes nicht satt," und wer lüstern ist, wird, da die Genußfähigkeit des Menschen von der Natur beschränkt ist, bald an einem Punkt anlangen, wo er noch zu genießen begehrt, aber zu genießen nicht mehr imstande ist. Jene Hab- und Genußsüchtigen werden sich also immer unbefriedigt fühlen. Zu dem Besitzen und Genießen muß daher, wenn es zum Glücke führen soll, die Gabe der Genügsamkeit hinzutreten, die göttliche Segnung, an seinem Erwerbe sich zu freuen, mit demselben sich zufrieden zu fühlen. — Diese drei Segnungen werden bei den Patriarchen erwähnt. Von Abraham heißt es: „und der Ewige segnete den Abraham mit allem," mit einer Fülle von Glücksgütern. I s a k spricht, „ich aß von allem," ich genieße von all' den Gütern, die mir der Herr heschieden; Jakob spricht, „ich habe alles," ich wünsche nicht mehr, fühle mich mit dem, was ich habe, beglückt und zufrieden. Diese drei Segnungen erflehen wir auch von Gott, dem Herrn, in unserem Tischgebete - amas uvrm laiaruv ras la? ivx ba nni imiu yn' rrin pmn 73 i>33 apy’i pmr „Der Unbarmherzige segne uns und alle unsere Angehörigen wie unsere Väter Abraham, Jsak und Jakob gesegnet wurden, mit den Gnadengeschenken, die bezeichnet werden durch die Worte: „mit allem", „von allem" und „alles". I. M. kleines Feuilleton. Worte des Jedaja Hapenini. Aus die Frage, was ist Gott, gab der Weife die Antwort: „Von einer Sache zu sprechen, die man nicht begreift, ist Dummheit und darüber zu argumentieren ist Sünde." Den Gelehrten schmückt die Demut, der falsche Schmuck des Narren ist sein Hochmut und das Resultat der Demut ist Frieden und Freundschaft. Das Schweigen ist die beste Antwort an den Narren. Willst du richtige Emunah haben, so merke aus drei Dinge: Antworte keinem Narren, fürchte die Sünde und gewöhne dir an, dem Feinde die Hand zur Aussöhnung entgegen zu strecken. Von den Menschen ganz lassen, kannst du nicht, weil du ihrer brauchst. Lerne es aber, zuweilen taub, stumm und blind zu sein, dann tuen dir die Menschen nichts... Man vermeide es, einem anderen zu schaden, noch höher ist es aber, zugefügte Leiden zu ertragen.