Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1923)
- Date
- 1923-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 52 sind durch Barzahlung bei der Steuerstelle der Gemeinde. Herzog Marstratze 7/2, zu entrichten. Bei Zahlung in Papiermarl gilt für die Umrechnung der letzte Berliner Dollarmittelkurs. p«lcw. Das Selen in Ser eisenvavn. Warschau, 18. Dez. Nach den Vorkommnissen, über die wir bereits berichtet haben, hat nun das Ministeriunr eine ossizielle Erklärung erlassen, wonach im Eisenbahnwagen betende Juden auch in Gebetmantel und Eebetriemen, auf Grund der von der Verfassung garantierten Religionsfreiheit vom Eisenbahnpersonal in keiner Weise gestört und belästigt werden dürfen. Kommissarisch verwaltet. Lemberg. 17. D^. Seit Neuordnung der Dinge werden die jüdischen Gemeinden Galiziens von einem Regierungskommissar verwaltet. Eine Interpellation der Lemberger Gemeinde, an Stelle des Kommissars eine aus freier Wahl hervorgegangene Verwaltung zu setzen, wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß die Sache von prinzipieller Bedeutung für ganz Galizien ist und daher noch einer näheren Prüfung bedarf. von Ser 3a$$yer Universität. Jassy, 10. Dez. Während sich bisher die studentischen Unruhen auf die medizinische Fakultät beschränkten, haben die Cuzisten jetzt den Schauplatz ihrer Tätigkeit auch aus die j u r id i s ch e Fakultät verlegt. Während einer Vorlesung des Prof. Alerandrescu drangen sie in den Saal und warfen alle anwesenden jüdischen Hörer hinaus. In üblicher Weife wurde die Vorlesung unterbrochen und der Senat einberufen, um zu dieser neuerlichen Gewalttat Stellung zu nehmen. Den Cuzisten wird die Androhung der Anwendung der Reglementbestimmungen „in Erinnerung gebracht". Dieses „In Erinnerung bringen" wiederholt .sich regelmäßig und niemals haben wir die Kunde vernommen ,daß die Reglementbestimmungen auch angewendet worden wären. Im Uebrigen wird die Senatssitzung sich auch mit einer anderen Frage befassen müssen. Die antisemitischen Studenten haben nämlich um Ueberlassung der Aula für eine Feier angesucht, die sie zur Erinnerung an den Jahrestag des Beginnes der antisemitischen Kampagne veranstalten. fUdtteit. Die SaWattufte in Litauen. Kowno 15. Dez. Von verschiedenen Parteien wurde wiederum ein Gesetzesprojekt über die absolute Sonntagsruhe im Sejm eingebracht. Das Projekt wurde am Mittwoch in erster Lesung angenommen. Der Antrag der Interpellanten, sofort zur zweiten und dritten Lesung überzugehen, wurde abgelehnt, doch steht sicher, daß das Gesetz noch vor Neujahr verabschiedet wird. Im letzten Momente erläßt noch das „Jüdische Leben", das orthodoxe Organ in Litauen, eine flammende Warnung an das Parlament, die Regierung und alle zuständigen Instanzen, der jüdischen Bevölkerung den Sabbat nicht zu rauben. Daß die ganze Aktion gegen die jüdische Handelswell gerichtet ist, geben die rechtsstehenden Parteien ohne weiteres zu. K o w n o , 16. Dez. Das Lehrerseminar des Jabne wurde von hier nach T e l s ch i verlegt und wird dort dieser Tage eröffnet. Die Anstalt zählt zur Zeit 31 Hörer. Die früheren Schüler haben in Kowno ihre Ausbildung abgeschlossen und die Anstalt mit einem Lehrerdiplom verlassen. Kowno, 15. Dez. Die letzte Volkszählung ergab eine Bevölkerungszahl von 212,295. Die Zahl der Juden beträgt 15,332 (zwischen 6 bis 7 Prozent). Die Polen machen etwas mehr wie 3 Prozent der Bevölkerung aus. In den letzten 25 Jahren hat die litauische Bevölkerung um D e r Israelit _ nur 100 000 Köpfe zugenommen, was mit der großen Auswanderung zu erklären ist. Die Rassisten in Tripolis. Rom, 15. Dez. Im jüdischen Viertel in Tripolis verübten die Faszisten Exzesse, wobei mehrere Juden ermordet wurden. Es ist bezeichnend für die Haltung der Behörden, daß alle Juden, die sich zur Wehr setzten, verhaftet wurden. Zehn Juden wurden zu zwei bis fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Während in Italien der Faszismus nicht im geringsten mit Antisemitismus zu tun hat — siehe Erklärung Mussolinis—, wird in Tripolis unter dem Namen Faszismus eine wüste Judenhetze unter den Augen und mit Hilfe der Polizei- und Militärbehörden betrieben. Synagogales Frauenwadirecht. London, 21. Dez. In der letzten Sitzung der Repräsentanten der United Synagogue wurde ein heftiger Kamps um das Frauenwahlrecht geführt, der mit der Ablehnung sämtlicher Anträge auf Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts endete. Die Gegner beriefen sich daraus, daß sogar der „Verband jüdischer Frauen" schriftlich erklärt habe, die Frauen legten keineswegs Wert auf das Stimmrecht. Vielfach wurde die Befürchtung geäußert, daß nach dem Wahlrecht auch das Recht auf Sitz und Funktion im unteren Synagogenraum gefordert und damit amerikanische Resormzustände heraufbeschworen werden würden. Die halachische Seite kam gar nicht zur Erörterung. Gtrrigrantenleiden. Newyork, 10. Dez. Nach Mitteilung amerikanischer Zeitungen wurden Ende November 140 Emigranten zurückgeschickt, weil sie über die Quote hinaus etwas zu spät in den Hafen eingesahren sind. Das Jammern der Emigranten, denen es nicht einmal erlaubt wurde, von ihren Verwandten Abschied zu nehmen, war herzzerreißend. Weitere 800 jüdische Emigranten harren ihrer Reportierung. Die jüdischen Hilssgesellschaften geben sich alle Mühe, für die Emigranten Einreiseerlaubnis in Kanada zu erlangen, und ist zu diesem Zwecke eine eigene Deputation nach Kanada entsandt 'worden. Man hofft, daß sich die kanadische Regierung dieses Mal entgegenkommend zeigen wird. Linwanüerung nach Kanada. Newyork, 16. Dez. Die kanadische Regierung hat einer Reihe von jüdidischen Einwanderern, die in Elis-Island zurückgewiesen wurden, weil ihnen von den amerikanischenKonsuln in Europa trotz Uebertretung der Quote das Visum irrtümlich erteilt worden war, die Einreise nach Kanada gestattet. Die „I. C. A." hat jedoch in jedem Falle zu garantieren, daß der Einwanderer dem Staate nicht zur Last fällt. Die Einwanderer dürfen ein Jahr in Kanada bleiben, wobei man hofft, daß sie inzwischen von den Vereinigten Staaten zugelassen werden. Dar Zuviiäum einer Synagoge. — Kguüa-Krveit. Newyork, 5. Dez. Die Synagoge „Ohew Zedek", die sich letzthin mit der Synagoge „Pinchas Elijahu" vereinigt hat, feiert ihr 50 jähriges Jubiläum. Die Eigenheit dieser Synagoge besteht darin, daß sich ihre Mitglieder samt und sonders aus ungarischen reichen amerikanisierten Juden zusammensetzten. Dabei ist die Synagoge nach Geist und Form streng orthodox geblieben. Ihr erster Rabbiner, der greise Dr. Klein, ist als Stütze des gesetzestreuen Judentums weit und breit bekannt, der zweite Rabbiner, Dr. Schwarz, aus der Schule des Rabbi Jzchok Elchonon hervorgegangen, ist ebenfalls ein Lamdan und treuer Verfechter der Tradition. Als Oberkantor an der Synagoge wirkt Joseph Rosenblati, der, abgesehen von seiner künstlerischen Bedeutung, wegen seiner Frömmigkeit hier allgemein hoch geschätzt wird. Die größten amerikanischen Hilfsgesellschaften wie „Joint" und „Central Relief" sind im Schoße dieser Gemeinde 27. Dezember 1923 entstanden. Das Jubiläumsfest dieser Gemeinde ist ein Fest des orthodoxen Judentums in Amerika. In Sachen der Stellenvermittlung für sabbathaltende Kaufleute sind große Fortschritte erzielt worden. Die Vermittlung liegt in der Hand der Aguda. Die Listen der sabbathaltenden Geschäfte weisen viele Tausende Namen aus und täglich kann man im Agudabüro 50 bis 60 Arbeiter und Kaufmannsgehilfen sehen, 1)ie auf sabbatfreie Arbeitsstellen refleyieren. In den letzten Monaten wurden 300 Stellen vermittelt. Dinerikaniscve ymsalttion und Dntisemitismus. Newyork, 15. Nov. Der Newyorker „Herold", das sehr verbreitete Organ der Deutschamerikaner, hat unter der Ueberschrift, „Hilfe für das deutsche Volk" eine dringende Mahnung an die amerikanische Regierung und an die besitzenden Kreise Amerikas veröffentlicht, die mit den Sätzen schloß: „Inzwischen strengen sich die Deutschamerikaner nach Kräften an, das schlimmste Elend durch ihre Zuwendungen zu mildern, und die Hilfsaktion, an deren Spitze der frühere Befehlshaber der amerikanischen Truppen am Rhein, General Allen, steht, trifft die nötigen Vorbereitungen für ein Liebeswerk, dessen Ziel die tägliche Speisung von zwei Millionen deutscher Kinder ist. An unsere Leser, die sich schon so oft in diesen Tagen der deutschen Trübsal durch kräftige Tat bewährt haben, lassen wir noch einmal den Ruf ergehen, zum Gedeihen aller dieser Werke der Barmherzigkeit freigebig beizutragen. Es handelt sich um das Weiterbestehen des deutschen Volkes." Unmittelbar unter diesem Ausruf schreibt das deutsch-amerikanische Blatt: „Die von der bayerischen Regierung nach den Meldungen der letzten Tage verfügten Ausweisungen jüdischer Bewohner sind geeignet, hier in Amerika und in der ganzen Welt großen Anstoß zu erregen und einen starken Protest auszulösen, und die bayerische Regierung wäre gut beraten, wenn sie sich entschließen wollte, von diesen Verfolgungen unverzüglich abzusehen, die in gegenwärtiger Zeit unerhört sind und besonders, wo einflußreiche amerikanische Kreise sich der deutschen Not erbarmen und die Speisung von mehreren Millionen deutscher Kinder durch die Quäker in die Hand nehmen wollen, kann die Nachricht nicht anders als in hohem Grade schädlich wirken." Daß das ganze antisemitische Treiben mit seinen pöbelhaften Auswüchsen gebildeten Ausländern widerwärtig erscheint und nur die deutschfeindlichen Elemente erfreut, die höhnisch von der deutschen „Kultur" sprechen, ist eine bekannte und nicht gerade überraschende Tatsache. Daß der deutsche Antisemitismus obendrein das Resultat haben muß, hilfsbereiten Amerikanern die Beteiligung an den zugunsten Deutschlands beabsichtigten Aktionen zu verleiden, geht aus den Bemerkungen des „Herold" hervor. Tann (Rhön), 16. Dez. Sandel Heilbron y'xr, dessen irdische lleberreste wir schon vor Wochen in die Erde senkten, hat es verdient, daß man ihm auch an dieser Stelle — wenngleich etwas verspätet — einige Worte des Nachrufs widmet; denn selten fanden tiefreligiöses Denken und idealer Sinn so ihre Verkörperung wie in diesem Mann. Jeder mit unermüdlicher geschäftlicher Tätigkeit verbrachte Tag endete bei ihm mit Wonnestunden geistiger, zumeist jüdisch-literarischer Beschäftigung. Seine reichhaltige Bibliothek weist die seltensten, vielfach schon vergriffenen Werke auf, u. a. wohl mehr als ein Dutzend völlig verschiedener, zum Teil mit uralten Noteneilagen und Kupberstichen aus? gestattete Hagodaus. Der von wahrem yinra erfüllte Verstorbene gehörte zu den ja j»‘nna/ die für die Ausübung der Mizwaus nach denkbar schönsten Ausdrucksformen suchen. Für die Erlangung der kostbarsten rituellen Gegenstände scheute er keine Ausgabe. So verdankt auch unsere Synagoge manches schöne Ausstattungsstück seiner Gebesreude. - Selten kehrte er von einer größeren Reise zurück, ohne daß er seiner Kehillo etwas „mitbrachte" (Kle Kaudesch, Mismaurim-Täfelchen ,einen Chomez-Verbrennofen, Selichaus-Tafeln usw.). weun es auch nur eine neue Idee gewesen. Auch für seine „Chevras-Habachurim", die er lange Jahre gewissenhaft und opferfreudig geleitet, hat er ein großes Inventar an Büchern und Ritualien beschafft. Manche jüdische Erholungsstätte hat er mit Gebetbüchern bedacht, manche Wohlsahrtseinrichtung gefördert. Seine allumfassende, besonders auf das Religiöse gerichtete Geistesbildung drückte ihm die Feder in die Hand zu schriftstellerischer Tätigkeit. So hat er den Angehörigen