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Der Israelit · 1923-12-27 · Heft 52 (27.12.1923) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 52 (27.12.1923)
Date
1923-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I 64. Jahrgang * m 27‘ Dezember 1923 O« ZKV v^H 19. Tebet 5684 erIsrae Nr. 52 Ein Centralorgan für das urffatae Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1324: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Viertel- | jahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: 80000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 18 Fr.; Belgien 18 Fr.; Hollands fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zuin Tageskurs; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 30 Kronen; Ungarn 15000 Kronen; Dänemark 6 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 3.80 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. ahlungen direkt an den Verlag aus Postscheckkonto Frankfurt (sh^ainr^tr^lOLÖsT^^lü^erdem ürich Nr. VIII 7234 — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 — Böhmische Unionbank in Prag Derj Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Stellensuchende 20 Goldpf., für die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 80 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 90 Pfg., vorletzte Textseite 1.20 Pfg.; Chiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Inseratenannahme durch den Verlag des Israelit G.m. b. H., Frankfurt a. M., Gr. Eschenheimer Straße 23, Tel. Hansa 6842 sowie durch säurtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands Alleinige Inseratenannahme für Frankfurter Geschäftsanzeigen: Jul. Schmidt. Langestraße 3. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. an: Postsparkasse ÄienNrT^Wi^^^Postspärlassenamt Ludcmes^rr^lL^^^^öst^ch^ämr ^^8anc^5armsroscK^>AnIi^^Lo^i^^ukare^^^tltale^e^Wiener^anwereinsir^A^ram. Bedingte Wohltätigkeit. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Aus Amerika meldete dieser Tage die Press:, datz das Mitglied des Kongresses Celler erklärte, er müsse mit Rücksicht aus die Berichte, wonach in Deutschland empörende Verbrechen gegen unschuldige Juden verübt wurden, die Einbringung der gemeinsamen Resolution ausschieben, durch die 25 Millionen Dollar zur Unterstützung der notleidenden Bevölkerung Deutschlands bewilligt werden sollten. Diese Tatsache darf in einem jüdischen Blatte nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Sie verdient eine Beleuchtung von verschiedenen Gesichtspunkten. aus. Zunächst vom Standpunkte der Wohltätigkeit selbst aus. Wer jemals ein jüdisches Gebetbuch zu Gesicht bekam, der konnte auf den ersten Blättern der täglichen Morgenandacht finden, datz die Wohltätigkeit dem Juden als eine heilige Pflicht gilt, für die es überhaupt kein Matz und keine Grenze gibt. Sie zählt zu den nisptf on*? psw D’W; rvie wir mit jedem Atemzuge Empfänger göttlicher Wohltaten sind und zum Weltenschuldner werden, so kann auch kein Tag und keine Stunde uns der Pflicht entbinden, den Mitmenschen aus der Fülle unserer Güter und Kräfte beglückenden Segen Zuströmen zu lassen. Der Jude kennt das ominöse Wort Almosen nicht. , Was wir Dürftigen reichen, ist npx, eine Pflichtgabe auf dem Boden sozialer Gerechtigkeit, weiter nichts. Sie entbehrt jedes bitteren Beigeschmackes, ist frei von entehrender, demütigender Nebenwirkung. Und werktätige Liebe wird in dreifacher Hinsicht noch höher gewertet als Wohltaten durch Geld und Gut: erstere kann auch der Aermste leisten durch seine persönliche Kraft, sie wendet sich ferner sowohl Reichen wie Armen zu, den Lebenden wie den Toten. Das Feingefühl der Weisen stellte acht Stufen auf, innerhalb deren sich die Wohltätigkeit vollziehen kann. Den ersten Juden — Abraham — berief der Allgütige zu der Aufgabe, er möge seinen Nachkommen den Weg des Ewigen lehren, um zu üben npnx und öbwö. Die milde Tat hat den Vorrang, sie soll sich unabhängig machen von dem vLV», dem oft kalten Kalkül des starren Rechtsprinzips, ny ton npx .wsr vsw» trotz' des Rechtes blühe die npL zu jeder Zeit, Wenn der Grundsatz vsv»i npnx am« sich durchgerungen, wenn die prädominierende Stellung gegenüber dem üswd einnimmt, dann nvn ‘n füllt göttliche Liebe den Erdenball, tm' *ron t&w meint der Psalmist, die „Welt ist auf Liebe aufgebaut worden." Nach Simons des Gerechten Worten ist v'ivn eine jener drei Säulen, die das Weltall tragen. Wenn schon aus realpolitischen Erwägungen der Vorgang im amerikanischen Kongretz bedauerlich erscheint, so empfinden wir Juden die Angelegenheit von der hohen Warte jüdischer Weltanschauung aus doppelt schmerzlich. Die schmachvolle Judenhetze hat wiederum einmal dem Vaterlande nicht nur moralisch geschadet, sondern Millionen Unschuldiger in direkte wirtschaftliche Schädigung versetzt. Ein jeder weitz, wieviel Amerika privatim wie durch organisierte Hilfe dem notleidenden Vaterlande leistete. Man denke an die Kinderspeisung der Quäker. Unsere Glaubensgenossen stehen da überall mit an der Spitze. Fast kein Tag vergeht, an dem die Presse nicht von dem einen oder andern jüdischen Philantropen Amerikas hochherzige Leistungen zu verzeichnen hat. Das alles kann den mittelalterlichen Judenhaß nicht belehren, nicht dämpfen. Nicht alle Welt kann sich zu dem erhabenen Standpunkte jüdischen nprr-Geistes aufschwingen. Und so ist denn das Vorgehen des Senators Celler menschlich erklärlich, wenn auch nicht jüdisch einwandfrei. Mögen die unschuldig betroffenen Dürftigen sich bei Hitler, Hennig, Ludendorff und Konsorten bedanken. Es ist geradezu unbegreiflich, wie verblendeter Hatz nicht merkt, datz das Ausland sich seinen Vers über Deutschland macht, wenn solche Geister in ihm offen sich hervortun. Die Kultur und Zivilisation lätzt sich nicht dauernd derlei Mißhandlungen gefallen. Bayern weist Juden aus, Polen ergreift Repressalien. Man spielt mit Menschenleben und Eristenzen auf dem politischen Schachbrett wie mit kalten Figuren. Auch Amerika greift zur Gegenwehr. In Holland fanden Entrüstungsversammlungen statt über den deutschen Antisemitismus. Und sie singen immer lauter: Deutschland über alles. O, Deutschland hoch in Ehren! Gott bessere es! Uns bleibt die Gewißheit: die erhabenen ethischen Grundsätze des Judentums können nicht erschüttert werden ohne zugleich die Allmenschheit in Mitleidenschaft zu ziehen. ' (Inzwischen hat laut telegraphischen Meldungen der Kongreßmann Celler seine Resolution dennoch eingebracht mit der vemünftigen Erklärung, die „unschuldigen Opfer des Hungers in Deutschland" dürsten nicht unter den Sünden unverantwortlicher Agitatoren leiden. Red.) Wochenrundschau. Eine Schicksalsfrage für die russische Judenheit. Die ganze grausame Unsicherheit des jüdischen Golusgeschickes, die seit Jahrhunderten vielleicht nicht so augenfällig in die Erscheinung getreten ist wie in unseren Tagen, gelangt wieder einmal in einem bemerkenswerten Briefwechsel zum Ausdruck, der sich in den letzten Wochen zwischen dem Präsidenten der russischen Monarchist en-Partei in England, Fürst Belosselsky-Belozersky und dem Chief-Rabbi Dr. Hertz abgespielt hat. Dr. Hertz hatte in einer Rosch-Haschono-Ansprache unter anderem der Furcht Ausdruck gegeben, datz die russischen Monarchisten, sollten sie früher oder später wieder zur Macht gelangen, der russischen Judenheil wohl ein Geschick bereiten würden, das an die ukrainischen Schrecken erinnern könnte. Die westliche Judenheit würdige die ungeheure Gefahr nicht genügend, die in dieser Hinsicht über den Häuptern der 14 Millionen russischer Brüder hänge. In einem Brief vom 28. September bestreitet Fürst Belozersky die der monarchistischen Partei unterstellten Absichten und weist auf eine offizielle Parteierklärung der Monarchisten hin, die am 6. Juli 1921 auf einer Konferenz in Reichenhall beschlossen worden sei. In dieser Erklärung werde unter anderem auch volle Gleichheit vor den Gesetzen und unbedingte Religionsfreiheit allen russischen Bürgern gewährleistet. In seiner Antwort bezweifelt der Chief-Rabbi den praktischen Wert der in Reichenhall gefaßten Resolutionen und eremplifiziert dabei auf ähnliche papierne Erklärungen des Generals Denikin und des Admirals Koltschak, die dennoch nicht vermocht hätten, den mörderischen Vernichtungskampf gegen ganze Gemeinden und Städte in der Ukraine bezw. im fernen Osten zu verhindern. Der Chief-Rabbi sei daher nach wie vor von der größten Sorge über das Geschick der russischen Indem erfüllt für den Fall einer monarchistischen Restauration. Leider ist nun die ausführliche Antwort, die Fürst Velosselsky unter dem 14. November erteilte, nur allzusehr geeignet, die Befürchtungen des englischen Oberrabbiners zu rechtfertigen.

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