Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1923)
- Date
- 1923-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 Seite 5 IS. Dezember 1823__ Ftelgerprveven. Berlin, 3. Dez. Wie bereits mitgeteilt, wurde kurz nach der Berliner Ausschreitung der Berliner Vertreter des jüdischen „Vorwärts" in Newyork wegen Verbreitung übertriebener „Pogromberichte" nach Amerika verhaftet. Nach einer Mitteilung der I. T. A. wurde der Verhaftete wieder «uf freien Fuß gelassen und das Verfahren gegen ihn «ingestellt. Er hatte in der Sache nichts Unwahres berichtet und sei für die auffällige Form, die das Blatt nach amerikanischen Gepflogenheiten den Berichten gegeben hat, nicht verantwortlich. Reichskanzler Marx und die Juden. Berlin, 10. Dez. In der „Germania", dem führenden Zentrumsorgan lesen wir in einem gegen die Deutschnationalen gerichteten Artikel u. a. folgendes: „ . . . Die Deutschnationalen haben sich in dieser Krisenwoche demaskiert. Ihre Blamage und moralische Niederlage kann auch die deutschnationale Presse nicht wettmachen. Sie strengt sich zwar redlich an, und greift zu den abgegriffensten Agitationsknisfen, um den klaren Tatbestand zu verwirren. Am schäbigsten benimmt sich dabej die „Deutsche Tageszeitung", der der Ruhm gebührt, den ersten persönlichen Angriff auf den neuen Reichskanzler gerichtet zu haben. In seiner Verlegenheit weiß das Blatt kein anderes Mittel Mehr, als den antisemitischen Lappen zu schwenken und Marr zu „denjenigen Zentrumsführern zu rechnen, die besonderen Wert auf freundliche Beziehungen zum Judentum legen". Diese „freundlichen Beziehungen" bestehen darin, daß Marr sich immer gegen den verhetzenden Antisemitismus gewandt hat und gelegentlich den Leuten, die damit politische Geschäfte treiben wollen, auf die Finger klopfte. Die Ablehnung des Antisemitismus durch das Zentrum entspricht dem Charakter unserer- Partei, deren christliche Grundtendenz keinen Rassen- oder Religionshatz kennt. Wenn daraus eine nichtsnutzige Agitation in durchsichtiger Absicht „freundliche Beziehungen zum Judentum" macht, so kann uns das weder von unserer Haltung abbringen, noch davon abhalten, die Urheber solcher Agitationsmethode f» zu brandmarken, wie sie es verdienen." Gebet — eine Betriebsstörung. Warschau, 5. Dez. Dieser Tage fand hier eine interessante Gerichtsverhandlung statt. Vor einigen Wochen nämlich stand (Wenn man rückwärts liest.) Man mutz es den Judenhehern zugestehen, datz sie sich die grötzte Mühe geben, wissenschaftlich und gründlich alle Probleme, die mit der Judenfrage im Zusammenhang / stehen, durchzuarbeiten. Sie bedienen sich dabei neuerdings sogar modernster Hilfsmittel der Experimentalphysik, wie z. B. des Spiegels. So lesen wir im „Amberger Tagblatt" Nr. 189: . „Die Zeitung „Times" als „Semit" enthüllt. Eine merkwürdige Entdeckung machte ich kürzlich durch einen Zufall. Ich sah das Bild der großen englischen Zeitung „Tünes" im Spiegel, las die Ueberschrift im Spiegel und war baff. „Semit" stand da richtig vor meinen Augen. — Der Hebräer, der seine Muttersprache rückwärts liest, braucht die Ueberschrift des „Weltblattes" blotz rückwärts zu lesen und er hat den „Semit" in der Hand. — Ich kenne die Gründe des Blattes, welches zuletzt' dem englischen Juden Lord North cliffe (bekanntlich war er urchristlich. Die Schristl.) gehörte, nicht, glaube aber kaum an Zufall, sondern eher an Absicht und Wunsch der City-Geldleute. Man mutz die Entdeckung sofort den englischen Judengegnern Mitteilen." Man mutz außerdem sofort den zuständigen Jrrena^t benachrichtigen. Der Vorgang ist bezeichnend für die geistige Verwirrung, die die hemmungslose Judenhetze in vielen Köpfen anrichtet. (C. V. Zeitung). Sabbat-Anfang und -Ausgang. vw raw Ort:' Anfang D c tum Ausg. Uhr Min. 1923 5684 Uhr Min. Frankfurt a. M. 4 — 15. 7. 5 15 Berlin .... — — Dez. Debet — — München . . . 4 30 5 08 Köln. 4 20 5 20 Stuttgart . . . 4 15 5 15 Breslau.... 4 05 4 36 Nürnberg . . . 4 10 5 03 Hamburg . . . 4 — 4 65 _Der Israelit_ in einem Wagenabteil eines vom Wiener Bahnhof abgegangenen Zuges ein Jude in Talis und Tefilin und verrichtete ruhig sein Morgengebet. Niemand fühlte sich durch diesen hier gewohnten Anblick gestört oder belästigt. Blotz der Zugschaffner glaubte darin eine „Betriebsstörung" sehen zu müssen und befahl dem Betenden, Talis und Tefilin sofort abzulegen, da er ihn sonst auswaggonieren würde. Der Mitreisende Sekretär des Rownoer jüdischen Nationalrates, Dr. Rapaport, wies den Schaffner empört wegen seines unbefugten Eingriffes in die Rechte eines Staatsbürgers zurecht. Anstatt seinen Mißgriff einzusehen, erstattete der Schaffner gegen Dr. Rapaport die Anzeige wegen Einmengung und Störung einer Amtshandlung. In der Verhandlung wendete der Verteidiger Abgeordneter Dr. Hartglas ein, datz der Schaffner kein Recht gehabt habe, den Juden in der Verrichtung seines Gottesdienstes nach den Vorschriften der Religion zu stören, da es ein solches gesetzliches Verbot nicht gebe. Das Gericht schloß sich dieser Anschauung an, sprach wohl den Angeklagten von der Anklage der unbefugten Einmengung in eine Amtshandlung frei, kam jedoch auch dem Schaffner entgegen, indem es Dr. Rapaport wegen öffentlicher Ruhestörung zu einer Geldstrafe von einer halben Million Mark verurteilte. Die Betze in Posen. Posen, 3. Dez. Als Zentrale, von der aus die Judenhetzen in Stadt und Provinz in Szene gesetzt werden, kann die „Liga zur Verteidigung des Vaterlandes und des Glaubens" betrachtet werden. Sie hatte nachgewiesenermaßen bei all den letzten Exzessen ihre Hand mit im Spiele. Vom jüdischen Club in Warschau wurde eine Interpellation im Sejm über die Vorgänge in Posen und das hetzerische Treiben der genannten Liga eingebracht. Litauen« Die Hationalversammlung. Kowno, 4. Dez. Die letzte Tagung des Nationalrates, die sogenannte Nationalversammlung, hinterlietz auch bei ihren Anhängern und Teilnehmern eine starke Enttäuschung, die sich in der nationalen Presse deutlich wiederspiegelt. Die auf der Tagesordnung stehenden Punkte lauteten: 1) die derzeitige politische, rechtliche und wirtschaftliche Lage der litauischen Juden, 2) Legalisation des Nationalrates und Schaffung der Grundlagen für die höheren Autonomieorgane, 3) Schulfragen, 4) Stellung der Nationalversammlung zu der politischen Palästinafrage, speziell zur Jewish Agecy. Zum ersten Punkt brachten F i n k e l st e i n und Minister Rosenbaum. Das Referat des elfteren war eine pessimistische Betrachtung über die böse Entwicklung, die die politische, rechtliche und wirtschaftliche Lage der Juden in Litauen genommen hat. Minister Rosenbaum, optimistisch wie immer, schilderte die Lage in rosigeren Farben. Die Debatte brachte aber Zustände an den Tag, die den Ausführungen des Ministers nichts weniger als recht gaben. Rechtsanwalt Landau rollte den ganzen Komplex der jüdischen Leiden auf, Flüchtlingselend, Austreibungen, Steuerzwang u. s. w. Vertreter der Provinz dienten die Tatsachen, die die Lage als nicht sehr hoffnungsvoll erscheinen ließen. Minister Rosenbaum versäumte natürlich auch nicht, den in „Achduth" organisierten Orthodoxen eins zu versetzen, indem er ihnen die die ganze Schuld für die Ausschaltung des Kultus aus dem Autonomiegesetz zuschob. (Die Orthodoxie nimmt diese Schuld gerne auf sich.) Damit war das Stichwort gegeben für die linke Partei, in gewohnter maßloser Weise über „Achduth" herzufallen. Die Verteidigung seitens der misrachistischen Mitglieder, die sich auf einige religiöse Momente beschränkte, war demgegenüber sehr matt und verhallte wirkungslos. Die Rechenschaftsberichte der verschiedenen Aemter verzeichnen die Liquidation vieler Unternehmen infolge des Ausbleibens der amerikanischen Gelder, was auch nicht zur Hebung der Stimmung beitrug. Bei diesem Mangel an positiven.Erfolgen sucht man das Manko durch die Schaffung äußerer straffer Formen auszugleichen und verspricht sich alles Heil von der angestrebten Legalisierung, die den Nationalrat und die anderen Autonomieorgane in den Besitz größerer Vollmachten bringt. Ziemlich freies Feld hatte die Linke bei der Behandlung der Schul frage. Ihre Wünsche zielen auf die Einheitsschule hin. Es könnte darin eine Gefahr für Cheder und Jeschiwa liegen, wen« man nicht wüßte, daß jetzt, da nach dem Versiegen der amerikanischen Hilfsquellen die Notwendigkeit eintritt eigene Mittel auszubringen, wahre Opferfreude doch nur die an den Tag legen werden, die vitales Interesse an der alten Lehre und ihren Institutionen haben. Man darf damit bei allen Anstürmen die Gefahr für den Cheder nicht überschätzen. 6atiji«n. Ausschreitungen in Galizien. Krakau, 2. Dez. Im nahegelegenen Städtchen K a l v a r i a trugen sich am letzten Markttage ernstliche Judenerzesse zu. Sie nahmen ihren Ausgang von einem Streite zwischen einem Bauern und einem jüdischen Händler. Fast sämtliche jüdische Warenläden sind ausgeplündert und mehrere Juden schwer mißhandelt worden. UttmawUtt. Aus dem rumänischen Parlament. Bukarest, 5. Dez. In der Antwortdebatte zur Thronrede ergriff der jüdische Senator Oberrabiner Zirelsohn -Kischinew (Mitglied des Eefchäftsführenden Ausschusses der Agudas Jitzroel) das Wort. Er konstatierte, datz die Bestimmungen des Gesetzes über die Einbürgerung der Juden mit Füßen getreten wurden, ebenso, datz durch Verordnungen des Unterrichtsministers in den Minoritätsschulen die Muttersprache verboten wurde. Cr wies nach, datz zahlreichen jüdischen Lehrern die Lehrberechtigung entzogen wurde. Er brachte den Artikel des Friedensvertrages zur Verlesung, der die Freiheit des Unterrichtes in der Muttersprache garantiert. Schließlich verlangte er die Annullierung der Erlasse, die mit der Konstitutition in Widerspruch stehen. R»rtzl«rird. km Katheder für jiddische Sprache. Kiew, 1. Dez. In der weitzrussischen Staatsuniversität wurde ein Lehrstuhl für jiddische Sprache eingerichtet, der die Aufgabe hat, Wissenschaftler auf dem Gebiete der jiddischen Sprachforschung heranzubilden. Von dieser Abteilung wird ein Wöterbuch der jiddischen Sprache und eine Grammatik für jiddischistische Schulen herausgegeben werden. Das weitzrussische Museum soll auf Anregung des jiddischen Büros des Bildungskommissariates eine jüdische Abteilung erhalten. Eine offizielle Kommission der jüdischen Sektionen bereitet die Einrichtung einer jüdischen Arbeiter-Universität in Weißrußland vor. England und der deutsche Antisemitismus. London, 7. Dez. In der Sonntagssitzung der A. I. A. berichtete Lucien Wolf über die Lage in Deutschland wie folgt: Es seien keine neuen judenfeindlichen Ausschreitungen vorgekommen und auch keine Austreibungen. Einigen der ausgewiesenen Familien sei die Rückkehr gestattet worden und sie würden infolge der Intervention der betroffenen Staaten vielleicht Entschädigung erhalten. Während die Situation unzweifelhaft ernst war, war es doch eine kleine Uebertreibung, ihr einen ausschließlich antijüdischen Charakter zuzuschreiben. D ie Unruhen hatten einen judenseindlichen Hintergrund, aber sie waren die Folge der allgemeinen politischen und ökonomischen Bedingungen. Was die Ausschreitungen in Norddeutschland betrifft, so war die Regierung durchaus imstande, die Ordnung aufrechtzuerhalten und hat es in trefflicher Weise getan. Die bayrischen Ausweisungen zeitigten internationale Schwierigkeiten und es scheint, datz durch die Intervention der beteiligten Regierungen der antisemitischen Tätigkeit der bayrischen Regierung ern Ende gemacht worden ist. Im übrigen gehe aus der Korrespondenz hervor, daß die deutschen Juden noch mehr unter der allgemeinen wirtschaftlichen Not litten, als von den antisemitischen Ausschreitungen. Es werde vielleicht eine Hilfsaktion nötig sein."