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Der Israelit · 1923-12-13 · Heft 50 (13.12.1923) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 50 (13.12.1923)
Date
1923-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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-13. Dezember 1923 _. ist die jüdische Poesie, sofern sie typisch jüdisch ist, eine philosophische Poesie. Dichter und Forscher gehen zusammen und finden sich auf dem Wege zu Gott. Die Begeisterung und Verzückung ist nicht durch die Vertiefung in die Größe und Schönheit der Natur bedingt, sondern durch das Gottschauen. „Wenn ich den Himmel sehe. Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du errichtest hast," dann weiß ich: „Gott ist unser Herr, wie mächtig ist Dein Name auf der ganzen Erde!" Der göttliche Dichter liest es aus jedem Blatte, aus jeder Zeile im Buche der Natur: „Gott in Licht gehüllt wie in ein Gewand; er spännt die Himmel wie einen Teppich. Er macht zu seinen Boten Winde, zu seinen Dienern Feuerflammen. Er tränkt Berge von seinen Höhen, von seiner Werke Frucht sättigt sich die Erde", und bei all dem: „Wie groß ist dein Werk, o Gott, wie hast du alle :.nd alles in Weisheit erschaffen!" Wer solchermaßen das Dichten und Denken zu einer Einheit verbindet, ist von 'dem Geist begnadet, den wir den heiligen Geist nennen: rrn vnpn. Das Buch der Psalmen ist mit dem „heiligen Geist" geschrieben. Ich wählte diese Sätze aus den Psalmen gerade deswegen, weil diese von unseren Verteidigern für die Aesthetisierung unserer Bibel mit Vorliebe angeführt wurde. Diese ihre s Musterproben zeigen aber alle, wie wenig wir die Schönheit um der Schönheit willen bewundern und anbeten, wie sehr wir hinter der schönen Schale immer den Lern suchen, und daß dieser Lern stets für uns das Wesentliche bleibt. Allein müssen wir uns etwa darob schämen, daß der Schönheitssinn bei uns in diesem Maße nicht entwickelt ist? Die ernstlich Nachdenkenden sind längst zum Schlüsse gekommen, daß hierin kein Defekt zu erblicken ist. Es gereicht dem ernsten Menschen nicht zur Schande, wenn er die Frucht, die Nahrung und Sättigung bringt, dabei aber in ein anmutiges Pflanzenkleid gehüllt ist, der Blume, die nur Farbenpracht besitzt und Duft spendet, vorzieht. Es ist Tatsache, daß der Semite sich weniger für diejenigen Künste begeistert, die nur für Herz und Gemüt sind, sondern vor allem eine feste Nahrung für den Geist sucht. Nach diesem System wurde die Lindererziehung bei den Juden in allen früheren Zeiten durchgeführt. Man achtete wenig auf die äußere Form und legte auch keinen großen Wert auf Ordnung und Disziplin. Hauptsache war der Lehrgegenstand und der Geist, mit dem dieser Stoff durchdrungen war. Der Chederrabbi mußte die Lraft haben, seine Schüler spielend _Der Israelit_ durch die verwickeltsten Gänge des Talmuds zu führen, der Linderlehrer mußte sein Handwerk verstehen und der Jeschiwaleiter mußte schon Entdecker und Erfinder sein, um die verborgensten Schätze aus dem Talmudgrunde zu heben und den Schülern den Weg zu diesen Schätzen zu zeigen. Wenn ein Jünger in Verzückung und wie aufgelöst in poetischer Verklärung dasaß, so kam es nicht durch des Waldes Rauschen und den lieblichen Gesang des Vogels, auch nicht durch Versenkung in die goldenen Sonnenstrahlen, sondern die Verzückung kam durch einen geistreichen Ausgleich, den er für Gegensätze im Talmud gefunden hatte. Eine schwere „Laschje", oder noch mehr ein einleuchtender „Terez" setzte alle Saiten einer Seele in Bewegung und ließ sie hell erklingen, übte also auf ihn genau die gleiche Wirkung aus wie die Naturbetrachtung auf den hellenischen Dichter. Und wenn diese Jünglinge aus dem Leben der Schule in die Schule des Lebens traten und sich profanen, ja auch materiellen Dingen zuwenden mußten, so begleiteten sie doch die jüdischen Geistesschätze auf realem Grunde auch in dieses Leben des Alltags hinein. Ihre Spuren ließen sich nicht vom Lebensrad verwischen^ Selbst das Judentum der einfachsten Leute von der Straße war kein poetisches, sondern ein geistiges, das eine große Summe von tiefen religiösen Lehren nach dem Auffassungsvermögen dieser Leute umschloß. Es wurden hier die Gebote der Thora gehalten, nicht weil sie schön und anmutig sind, sondern weil sie das heilige Buch befiehlt. Und in diesem Buche, dem Erzieher des jüdischen Volkes, ist der Inhalt alles, die Lunstform Nebensache. Das religiöse Gefühl der Massen schöpft aus der Lehre. Sind sie auch selbst keine Gelehrten, so leben sie doch in einem Milieu der jüdischen Geistigkeit und werden von ihm beeinflußt. Der Maggid, der sich zuweilen poetisch romantische Abschweifungen leistet, ist ja nur ein Wecker und Mahner; Lehrer und geistiger Nährvater ist er nicht. Aber selbst dieser Prediger muß, wenn er seine Autorität wahren will, einige Geistesschärfe an den Tag legen, zumindest in dem Maße, wie es den niederen geistigen Schichten angepaßt ist, wenn er nicht anders als „Badchen", als bloßer Spaßmacher gelten soll. Mit anderen Worten: auch der Volksredner muß in gewissem Sinne Denker und Dichter in einem sein, natürlich im Sinne von Dolksphilosophie und Volksdichtung. Immerhin hat das Gehirn die Vorherrschaft auch in diesen niederen Lreisen. _Nr. 50 Seite 8 Die Harfe Davids ist die jüdische Harfe, die durch alle Zeiten und Generationen klingt. Der philosophische Gesang ist Symbol des Judentums. Wer an dieser jüdischen Harfe sein Genüge nicht findet und nach anderen Instrumenten sucht, entfernt sich von der Quelle, tauscht eine profane Harfe um eine heilige ein. Es sind freilich wenige Menschen in letzterer Zeit, die sich rühmen können, das Heilige nicht um das Profane hergegeben zu haben, und sicher dürfen wir solche, die die Lraft nicht halten, bei der Davidsharfe zu bleiben, nicht zurückstoßen. Denn wollten wir all diese aufgeben, dann bliebe uns überhaupt nichts mehr übrig, nachdem wir alle, mit wenigen Ausnahmen, in der Eolusatmofphäre bewußt oder unbewußt gegen die jüdische Originalität gesündigt haben. Mindestens sollten wir aber wissen, daß es fremde Harfen und fremde Lieder sind, die mit der Davidsharfe nichts zu tun haben. Wenn wir gefehlt haben, so kam es eben durch unsere Schwäche, die uns die Probe nicht bestehen ließ. Das schließt aber nicht aus, daß wir mit flammendem Protest all denen entgegentreten, die in religiösem Schauer vor dem Schönen stehen und dem profanen Lied religiösen Charakter verleihen. Das ist eine Rückkehr zum Heidentum schlimmster Art. Es ist wahr, daß im geistigen Zentralpunkt des Alls alle Fäden zusammenfließen, ob heilig oder unheilig, daß in den höchsten Regionen das Harte und Unheilige, ja auch das, was wir häßlich nennen, seinen Platz findet. Ochse, Löwe, Adler und Mensch in einem verbunden, sind an den göttlichen Wagen gespannt. Wir haben aber mit den tiefsten Geheimnissen nichts zu tun und wer diese zur Erde herabzerrt und das Harte und Häßliche besingt und poetisch verklärt, ist ein Götzendiener ältester Art. Es sind genau die Grenzen abgesteckt zwischen dem Schönheitsgebiet Japhets und dem Lehrzeit des Sem. Und ist es auch zuweilen erforderlich, die Schönheit Japhets in Sems Zelte zu bringen, so hüten wir uns doch, Farbenblindheit und Geistesverwirrung anzurichten, die Eigenes mit Fremdem verknüpft und verwechselt. Diejenigen, die beweisen wollen, daß auch die japhetitische Aesthetik ihre Quelle im Thorazelte selbst hat, machen sich einer Grenzverschiebung schuldig, die. sich im Reiche des Geistes bitter rächen muß. Bis zum gewissen Grade ist dieser Dualismus' schlimmer als der alte Politheismus. Letzterer negiert die Gotteseinheit, macht aber die Gotteseinheil nicht zu einem vielgestaltigen Götzen. Ersterer aber benutzt den Einheitsglauben als dem Ewigen deinen Wandel» dein Geschick, Vertraue ihm. er wird Alles zu deinem Besten vollführen." (Ps. 37. 5.)m Bei dieser Gelegenheit sei aus die Erklärung Malbims zu dem Traumberichte Josefs und dem Verhalten der Brüder hingewiesen. Letztere fragten •j^an D h. willst du als -ivn *^a liebevoll uns führen oder m ^pan ^wan» willst du Gewaltherrschaft über uns ausüben, wozu auch das 123 im Gegensätze zum im ersten Teile der Frage gut patzt. Der Unterschied zwischen und ^wa im obigen Sinne kann hundertfach belegt werden. Man kann auch so die Stelle in m'l erklären, die vom Berichte der Söhne an den Vater handelt: -»n tjOT» Yiy •an1? pann nb '3 iu^> asn trixa pH bn!wia mn '31 Als er hörte, daß sein Josef war in Mizrajim und diese Bezeichnung im Sinne von Despotie auffatzte. mV )S'i erschrak er bis ins tiefste, paxn Hb •o er mochte es von seinem Sohne nicht glauben. Er beruhigte sich erst, als er des weiteren von den Wohltaten Josefs hörte und die Ueberzeugung gewann, daß er, ein würdiger Sproß seiner Ahnen, sich als ivn "j!?a bewährte. Kleines Feuilleton. Jüdischer Humor. Der Wilnaer Eaon - hatte stritte anbesohlen, daß man ihn zu Gemeindeberatungen nicht hinzuziehe, es sei denn, ßs handelte sich um eine neue Einrichtung. zu der man seines Rates bedürfe. Eines Tages war der Vorstand zusammengetreten, um das Armenunterstützungswesen neu zu regeln. Es sollte danach die Versorgung der s r e m d e n Armen eingeschränkt werden zugunsten der einheimischen, die schon den Gemeindevätern genug Sorge machten. Zu einem solchen Beschlüsse mußte man aber schon die Meinung des Eaon hören, und man ließ ihn bitten. Rabbi Elia empfing aber den Gemeindediener mit den Worten: „Ich komme nur, wenn es sich um N e u einrichtungen handelt. Diese Einrichtung ist aber uralt, sie bestand schon in S 0 d 0 m"... Ein zanksüchtiger kleiner Rabbi rächte sich an seiner ihm nicht genehmen Gemeinde, indem er sie mit dem „Schema" und der „Schmoneeßre" ungebührlich lange warten ließ. Ein Witzbold bemerkte: „Unser Rabbi kann den „Emes" (Schlußwort des „Schema") und den „Scholaum" (Schlußwort der „Schmoneeßre") nicht finden..." Zu R. Eifel S l 0 n i m e r kam ein Fuhrmann, ein bekannter Ignorant und Gewaltmensch, der zuweilen gerne den Wißbegierigen spielte, mit der Frage, wozu man zwei Erlöser (Moschiach, Sohn Josephs und Moschiach, Sohn Davids) nötig hätte. Der Rabbi antwortete prompt: „Der eine erlöst vom „Goles", der andere von den „Baale- G 0 l e s"... (Baalegoles, im Jüdischdeutschen gleich Fuhrmann). Die beste Marke. (Aus ungedruckten Schriften Akiba Schreibers Vs: (j)axa). In einer Damengesellschast unterhielten sich mehrere Frauen darüber, wo der beste Seidenstoff angefertigt werde. Die eine behauptete, die besten Seidenspinnereien befänden sich in Florenz in Italien, die andere lobte die englische Seide über alle Maßen, eine dritte begeisterte sich für die Seidenfabriken in der Schweiz. Da lachte die erste und sprach, auf ihr Seidentuch hinweisend: „Dieses Tuch kaufte ich von einem Händler als schweizerisches Fabrikat und nun seht, wie verschlissen, und durchlöchert das Zeug ist. Es ist die schlechteste Wäre, die aus der Schweiz kommt". Da erhob sich die andere, prüfte das Tuch und sprach: „Diese Seide hat die Schweiz nie gesehen, es ist minderwertige Ware aus Italien oder England. Ein Beweis dafür, wie berühmt und beliebt und in ihrer Güte erprobt die schweizerische Seide ist, lieferte gerade der Händler, der ausgerechnet mit Schweizer Marke seine Schwindeleien treibt. Er weiß wohl, wie dieser Name zieht und lockt, darum mißbraucht er ihn für seine minderwertigen Sorten aus anderen Ländern. Also zeugt dein verschlissenes, durchlöchertes Tuch für meine Ansicht von der besonderen Güte der schweizerischen Seide." Im Volke hörte man oft sagen: dieser oder jener ziehe den Eebetmantel über den Kopf, bete mit ausgestreckten Armen und trage tiefe Frömmigkeit zur Schau, indes er es außerhalb der Synagoge an Ehrlichkeit und Redlichkeit, an Liebe und Friedfertigkeit sehr fehlen lasse. Daraus möchte man Beweise gegen die Gottesfurcht gewinnen. Sehr zu Unrecht! Die Gottesfurcht ist gut und kann nur Gutes erzeugen. Dieses beweisen gerade jene Heuchler, die Frömmigkeit vorschützen, um ihre Schandtaten damit zu verdecken. Wie jener betrügerische Händler, der seine schlechte Ware mit dem Namen der besten Marke versieht und damit ja nur die Güte dieser Marke, sofern sie nicht gefälscht ist, beweist.

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