Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1923)
- Date
- 1923-12-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 50 Der Israelit 13. Dezember 1923 rung. Und an der .Spitze der Demonstration stand einer der hervorragendsten Talmide Chachomim Warschaus, ein Mann, der noch nie aus den robn bw D1DH *‘l herausgetreten war und der nun plötzlich die Massen gegen den Eemeindevorstand mobilisierte! Diese Tatsachen beweisen schon, daß ungewöhnliche Uebergriffe der leitenden Ässimilanten die Volksseele zum Kochen gebracht haben müssen. Und in der Tat: wenn es ein schmerzliches Erlebnis bedeutet, daß orthodoxe Elemente zu dem unter allen Umständen verwerflichen Mittel der rohen Gewalt gegriffen haben, so ist das Attentat der Warschauer Gemeindeverwaltung gegen das religiöse Empfinden der Gemeinde, das den Anlaß dazu gab, nicht minder zu verurteilen. Die Herren wollen ein Studentenheim errichten, das Studierenden männlichen und weiblichen Geschlechts zum Aufenthalt dienen soll. Ob für diesen umstrittenen Zweck gerade in Wars^au öffentliche Mittel in Anspruch genommen werden dürften, soll hier ununtersucht bleiben. Aber daß man dieses „Heim" nun ausgerechnet vor dem Eingang der Mikwa zu erbauen sich anschickt, obgleich der Gemeinde andere Plätze zur Genüge zur Verfügung stehen, das kann man nur als eine unerhörte Herausforderung der großen Mehrheit des Warschauer Judentums, ja geradezu als ein Attentat auf ffltt mnb bezeichnen. Das Rabbinat der Warschauer Gemeinde hatte das schändliche Bauprojekt der Gemeindeverwaltung, wenn wir recht berichtet sind, verboten! Wenn diese zur Wahrung und Vertretung des Religionsgesetzes berufene Gemeindeverwaltung nun selber die Autorität des Gesetzes mißachtet und entgegen dem durch das Rabbinat repräsentierten Gesetzeswillen bei ihren Willkür-Maßnahmen beharrt, so hat sie eigentlich kein Recht, sich über die Revolution von unten zu beklagen, die durch eine Revolution von oben heraufbeschworen ist. Trotz alledem möchten wir hoffen und die dringende Mahnung aussprechen, daß die orthodoxen Kreise die Methoden der Straßenrevolution und des Terrors künftig doch lieber den gegnerischen Parteien überlassen und nicht vergessen möchten, daß ntsrnpsw D'-Di burd> Anwendung von Gewaltmitteln entheiligt und entehrt werden. Die Orthodoxie Warschaus kann nur durch systematische Organisation zu einem gemeind epolitischen Machtfaktor gestaltet werden, dem man Beleidigungen nach dem Muster des Studentenheims nicht mehr zu bieten wagt. Ein Sowjet-Jubiläum. Im verflossenen Oktober feierte man in Rußland zum fünften Male die Jahrestage der Revolution, die fast unvermittelt anstelle der zaristischen Selbstherrschaft das kommunistische Regime setzte. Für das russische Judentum war es eine Uebergangsperiode von höchster historischer Bedeutung. Es ging und geht um das Schicksal von drei Millionen Juden. Das weiß auch die .Sowjetregierung und so hat sie in einem Sammelbuche, das sie aus diesem Anlasse .herausgab, unter den vierzig russischen Nationen auch der jüdischen gedacht. Zwei Artikel, die benannt sind: „die Juden und die Oktoberrevolution" und „die kulturellen Erfolge der jüdischen Volksmassen in Rußland" und der Feder leitender Mitglieder in der jüdischen Sektion entstammen, entwerfen ein trauriges Bild von der Gesamtlage der Juden in Rußland. Allgemeine Verarmung, Heimlosigkeit, Zunahme der .Sterbefälle und Abnahme der Geburten, das sind die einzelnen Striche dieses Bildes. Die ökonomische Lage der Juden konnte sich bei der Unterdrückung aller Privatinitiative von Seiten der Regierung nicht anders als in dieser trostlosen Richtung entwickeln. Die jetzt eingetretene, sog. „liberalere Aera" kommt für die Juden zu spät. In Moskau, das vor dem Kriege etwas mehr wie dreißigtausend Juden zählte, lebt, jetzt gut eine halbe Million Juden. Dieses neue Zentrum setzt sich zum guten Teil zusammen aus Flüchtlingen, Kleinmaklern und sonstigen Luftmenschen, die in den Tag hinein und von der Hand in den Mund leben. Zumeist reicht aber der Verdienst zum Leben des Tages nicht aus. Die russische Judenheit als solche hat bei der Schaffung dieses neuen Zentrums insofern viel verloren und wenig gewonnen, als diese auf Kosten der Provinz vor sich ging und eine große Reihe von Land- und Kleinstadtgemeinden mit ihrer altväterischen Frömmigkeit und Gemütlichkeit, mit ihrem großen Handwerkerstamm, auf den die Weltjudenheit mit Stolz hinwies, fast ganz von der Bildfläche verschwunden sind. Interessant und der Weitergabe wert ist die Feststellung dieser offiziellen Artikel: „Das Judentum hat keine starke bolschewistische Wandlung gezeigt." Selbst die jüdischen Arbeiter hätten bei den Kämpfen und der Errichtung des bolschewistischen Staats vollkommen versagt. Was die Kulturkämpfe betrifft, so registrieren wir mit Freude, was die Artikel mit tiefem Bedauern konstatieren, daß der Cheder nicht zu be siegen war. Der Proletarier verwendet seine letzte Kopeke, um sein Kind in dem geheim erhaltenen Cheder „zu Grunde zu richten". Und dieses zu einer Zeit, da die öffentlichen Schulen unentgeltlich allen offenstehen und um Kinder geradezu betteln. Die ganze Antichederkampagne, alle Lockungen und Gewaltmittel konnten es nicht verhindern, daß die kommunistische Lehrerkonferenz in Smolensk „eine Krisis der sowjetischen Schulen" konstatierte und zugleich feststellte, daß die Zahl der Chedarim und deren Schüler gewaltig gewachsen sind, ebenso die der unlegalen Jeschiwaus. Welche Kraft muß doch dem russischen Judentum innewohnen, daß es solchen Anstürmen zu trotzen vermag. Man darf nach all dem hoffen, daß der jüdische Hellenismus, wie er seine Verkörperung in der Jüdischen Sektion innerhalb der Sowjetregierung hat, den nutzlosen Kampf aufgibt. Der jüdische Geist läßt sich mit Dekreten eigener und fremder Diktatoren nicht umbringen. Sf ,rr und Japhet. Von ZSenzio« Meermann in Arankfurt am Main. II. Darum kann man auch aus dem Psalmliede: „Die Himmel erzählen", ersehen, daß der Ton nicht auf die poetische, sondern die philosophische Seite zu legen ist. Nicht von der Schönheit des Himmels geht der Dichter aus, sondern von der ihm längst gewordenen Erkenntnis, daß es einen Gott gibt. Aus Thora und Gebot schöpft er diese Kenntnis, findet aber auf seinem weiteren Forschungsweg auch die Sonne und das Sonnenzelt, den blauen Himmel, beherrscht von Mond und blinkenden Sternen. Es ist gewiß kein Zufall, daß die jüdische Lyrik, so oft sie sich in poetischen Ergüssen über die Schönheit in Natur und Schöpfung ergeht, eine Art Erklärung vorausschickt, oder anfügt, die von Gotterkennen handelt. So ist es in Kap. 8, wo von der Pracht des Himmels erzählt wird, um in die Worte auszuklingen: „Gott, unser Herr, wie mächtig ist dein Name auf der ganzen Erde!" oder in der Hymne auf die Schöpfung Kap. 104, der die Worte vorangestellt sind: „Es lobe meine Seele Gott, Gott, mein Gott, wie groß bist du!" Es ist eben, wie schon gesagt: der Dichter geht hinaus, um Gott zu suchen, den er längst kennt und an den er glaubt. Von der Philosophie kommt er zum Gesang. Er findet das Lied so von ungefähr und im Vorübergehen. So Mi Etwas über Träume. Don Dr. Metis WertHermer in Düsseldorf. Jeder hat schon einmal geträumt. Träumen ist etwas Natürliches, und eine ganz müßige und eitle Sache ist es, Träume zu erzählen oder anzuhören. Davon aber gar Deutungen und Auslegungen machen, ist abergläubisch und sündhaft. Solche Traumauslegerinnen wie man sie heute noch beim leichtgläubigen, ungebildeten Volke findet, hat die Heilige Schrift bereits vor Jahrtausenden verurteilt. Die Bibel eifert überhaupt gegen Aberglauben, Zeichen- und Wolkendeuter, Träumer und Totenbeschwörer, Zauberer und rechnet es als Sünde an, wenn sich jemand dergleichen hingibt. Jedoch jene Träume, die uns die heilige Schrift aufbewahrt hat, wie der Traum des Patriarchen Jakob, oder die Träume Josefs, die sich durch alle Umstände als göttliche Offenbarung erwiesen und durch ihren Erfolg auszeichnen, für eitle Nachtgebilde zu halten — das widerspräche dem Ansehen und dem Geiste der Bibel. Daß Joses seine Träume erzählte, die ihm einen Vorzug über seine Brüder verkündeten, da er doch nicht der Erstgeborene war, kann unmöglich als eine bloße Eitelkeit angesehen werden; er würde, wenn er so etwas gedacht hätte, geschwiegen haben. Gottes Wille war es, daß diese Nachtgesichte oder prosetischen Träume, die er ihm zugeschickt hatte, bekannt werden, und der Erfolg ist ia der Beweis davon. Der Neid der Brüder mußte den Weg zu Josefs Erhöhung und ihrem Helle bahnen. Der Talmud spricht über gewöhnliche Träume folgendes Urteil aus: (n-2 01212) nammt pVin maVnrr Vd Me Träume richten sich nach dem Munde." Dieser Spruch läßt mehrere Deutungen zu. Alle Träume richten sich nach dem Munde, der die Speisen und Getränke ausnimmt, und ein übermäßiger Genuß derselben verursacht die Träume. Oder: alle Träume richten sich nach dem Muude, wovon man spricht, häufiger und mit besonderer Vorliebe, träumt man gewöhnlich, wenn auch in entstellter Weise. Oder: alle Träume richten sich nach dem Munde, d. h. wie man sich dieselben auszulegen beliebt, je nachdem bildet sich der Eindruck im Herzen und im Geiste, fröhlich oder traurig, und die Macht der Einbildungskraft ist groß. (Es gibt auch eine Auslegung des Talmudausspruches nach den man und r;nr maiVnn bs *imsn -mx iraVin. 2' .) Von ganz anderer Beschaffenheit waren die Träume Josefs, sie waren Eingebungen eines höheren Wesens. Im ersten Traume erzählt Joses von der Ernte, wie er geschaut, daß die Garben der Brüder sich vor seiner Garbe gebeugt haben, welche aufrecht stehen blieb. Im zweiten Traume erzählt er, wie er geschaut, daß Sonne, Mond und elf Sterne sich vor ihm geneigt hätten. Diese Träume sollen andeuten, daß Josef schon früh zum Herrscher bestimmt war, himmlische und irdische Dinge ihm huldigten. Die Doppelheit der Träume zeigt ferner aus das gewisse und baldige Eintreffen hin; daher heißt es auch: wn N8 “löff T>181 »Und sein Vater merkte sich die Sache." Seinem vollen Inhalte nach bewährt sich nun der Spruch: „der Mensch denkt und Gott lenkt." .Es kamen die Brüder Josefs und neigten sich vor ihm tief zur Erde" (Kap. 42. 6.) Nun sehen wir den Träumer, den sie töten wollten und den Erfolg seiner Träume. Jetzt erfahren wir, was jene Garbe bedeutet, welche, da sich die anderen Garben vor ihr niederlegten, austecht stand. Wie wunderbar weiß Gott Alles, was in seinem ewigen Ratschluß liegt, nach seiner unendlichen Weisheit auszuführen, auch dort, wo kurzsichtige und ohnmächtige Menschen kaum eine Möglichkeit sehen. In der Meinung der Brüder drückte den Joses das Sklavenjoch, wenn es ihn nicht schon erdrückt hatte; aber Joses lebt und steht vor ihnen als Herr des Landes, vor dem sie tief gebeugt um Lebensmittel bitten. Wie hat sich auf einmal alles geändert! Der düstere Kerker in einen schimmernden Palast, die eisernen Ketten und Bande in einen goldenen Hand- und Halsschmuck, das Sklavenkleid in ein kostbares Ehrengewand, der Stand der tiefsten Knechtschaft in den eines Herrn und Gebieters; Verachtung, Trübsal und mannigfache Leiden verwandelten sich zur Ehre und Herrlichkeit". So belohnt Gott andauernd Tugend schon hier auf Erden, so überraschend, so wunderbar. Ja, der Mensch denkt und Gott lenkt! Dies diene uns als Trostspruch in allen Lebensereignissen und wir werden immer zufrieden und glücklich sein, .fflwp 8ini vbv nv3i pn 'n bv „Ueb erlasse