Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1923)
- Date
- 1923-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13. Dezember 1923 5. Gebet 5684 Nr. 5« 64. Jahrgang Frankfurt a. AI., den 1 Der israeP Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenlra /// Gegründet von Dr. Lehmann in Mainz. \\\ I «WWMW Abonnement ab 1. November: Deutschland 0,60 Goldmark monatlich (multipliziert mit dem am Zahltag gültigen Goldmarkkurs (V« Dollar); Deutsch-Ssterreich: 4. Vierteljahr: 20000 Kronen; Polen: 4. Vierteljahr: 2 deutsche Goldmark. — Nur Vierteljahrs-Abonnements: Tschecho-Slowakei 15. Kronen, Ungarn 600 Kronen, Jugoslawien 25 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien 50 Lei; Holland 1.50 fl.; Belgien 7,50 Fr.; Frankreich 6 Fr.; Schweiz 2,50 Fr.; Italien 10 Lire: Skandinavien 4 K.; England 2 sh. 6 p.; Amerika 0,75 Dollar. Einzelnummer Fünfzehn Goldpfennige. Der Israelit erscheint jed. Donnerstag. Inserate 20 Goldpf., multipl. mit dem Goldmarkkurs am Zahlungstag, für Stellen?. 10 Goldpf., für die fiebengesp. Nonpareille-Zeile. 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VM 7234 — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 — Böhmische Nnionbank in Prag Der Nachdruck der Artikel und Korrespondenzen des Israelit ist nur unter genauer Quellenangabe und, soweit es sich um größere Aufsätze handelt, nur - - «ach vorheriger Genehmigung gestattet. - - Die deutsche Not und das Ausla nd. Es ist eine harte publizistische Not oigkeit, von der Not des deutschen Volkes, an dieser Stelle insbesondere von der Not der deutschen Juden zu reden. Hart und bitter aus zwei Gründen. Deutschlands Juden waren gewöhnt, zu helfen, zu helfen überall in de^ Welt, wo die Träne in menschlichen und jüdischen Augen perlte, wo die Sehnsucht nach geistigen oder materiellen Gütern nach fremder Hilfe Ausschau halten lieh. Und nun erleben wir des Geschickes „rollendes Rad, das sich dreht in der Welt" in so niederdrückender Wucht, daß jedes jüdische Zeitungsblatt des Auslands in grellen, oft etwas gar zu stark aufgetragenen Schilderungen und Aufrufen für die Hungernden in Deutschland um der Brüder Liebe wirbt. Wir müssen, wenn wir diese Aufrufe lesen, den Urhebern von Herzen danken, zugleich aber die Scham Niederkämpfen, die sie erwecken. Der Gegenstand ist aber noch aus einem zweiten Grunde besonders heikel. Neben dem Gefühl darf der Verstand nicht schweigen: bl^ D W D 'nm Wir müssen uns ernstlich fragen: wie sieht die Not der deutschen Juden aus und an Welchen Stellen ist der Hebel zuerst anzusetzen, wenn die gutgemeinte Auslandshilfe den höchstmöglichen Nutzeffekt erzielen soll. Wir glauben nun aussprechen zu dürfen, datz die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit es gewitz als ihre Ehrenpflicht betrachten, die kosten der eigentlichen Armenpflege, der in Geld zu leistenden npis an die Notleidenden in ihrer Mitte, auch heute, im Angesichte einer wirtschaftlich und politisch dunklen Zukunft, vorerst selber zu tragen. Sie können es und w o l l e n es. Es wäre auch ein niemals wieder gutzumachender moralischer Verlust, wollte man — auch nur durch subsidiäre Hilfe Tip Auslands — die Wucht des sittlichen Verantwortlichkeitsbewutztseins für die Nächsten, für die im Nachbarhause lauernde Not im leisesten Matze schwächen und damit den deutschen Juden selber ein TO? rauben, dessen sie niemals so sehr bedurft haben wie heute. Dabei braucht es fast noch mehr des ethischen Das Inhaltsverzeichnis befindet fich am Schluffe des redaktionellen Teiles. Spürsinns, fast möchte man sagen der psychologischen Erfindungsgabe als der materiellen Mittel. Denn die allerschlimmste Not ist diejenige, die sich heute in ängstlicher Scheu in die tiefste. Verborgenheit zurückzieht, die im Gedenken besserer Tage ein stolzes, langsames Hinsiechen in Ehren dem Leben mit fremder Hilfe vorzieht. Aber es gibt auch heute schon drei Gebiete, auf denen sich die Hilfe des Auslandes konzentriert und grotzzügig betätigen sollte und zum Teil auch bereits erfolgreich betätigt. Das erste sind die notleidenden deutschen Institutionen: kleinere und mittlere Gemeinden, Jeschiwos, Schulen, Krankenhäuser, Waisenhäuser, Alters¬ und Siechenheime. Nervenheilanstalten, Blinden- und Taub st ummen-Inst i t u t e. Das alles sind -Institutionen, die — es mutz das ausgesprochen werden — nicht rasch genug die Anpassung an die wechselnden Phasen unsrer wirtschaftlichen Katastrophen-Entwicklung vollziehen können, sofem nicht zufällig grade eine intellektuell und moralisch geniale Persönlichkeit an ihrer Spitze steht. Die notwendige Schnelligkeit der Hilfe rechtfertigt die Heranziehung des Auslandes. Das zweite ist die Versorgung mit Lebensmitteln überhaupt. Manche Familien, die jede Art von Unterstützung zurückweisen und jedes dahin zielende Angebot als Beleidigung empfinden würden, helfen den hungrigen Kindermagen an ihrem Tisch mit den aus dem Auslande eintreffenden Liebesgaben-Paketen über schwere Wintertage und -Wochen hinweg, denn grade diese Pakete tragen mehr den Charakter der persönlichen Aufmerksamkeit als denjenigen einer unmittelbaren Unterstützung. Die Aktion, die in dieser Hinsicht, von der Agudas Jisroel in einigen Ländern bereits unternommen wurde, hat trefflich gewirkt und sollte fortgesetzt- und erweitert werden. Allein darüber hinaus scheint uns der Ausbau einer längst bekannten Einrichtung in diesem Augenblicke von grötzter Bedeutung, wobei Leb ensmittelsendungen des Auslandes wesentlich fördernd wirken könnten. Wir meinen die Schulspeisungen. Eine eigentliche Hungersnot gibt es in Deutschland Gottlob noch nichtaberdatzdieJugend ander allzulange sich fortsetzenden Unterernährung, dem Mangel an Fetten, Milch, Käse, schweren Schaden nehmen kann, ist leider unbestreitbar. Diesem langsamen Verhungern der Gewebe lietze sich im Grotzen Vorbeugen, wenn in allen deutschen Schulen, auch den höheren, eine kräftige Mahlzeit täglich verabreicht werden könnte, die dann doch dem kindlichen Organismus bei sachgemätzer Zusammenstellung der Nahrungsmittel ein gewisses Mindestmatz von Nährstoffen sichern würde. Was die Organisation der Hilfe betrifft, so sollte der individualisierende Teil des Hilfswerkes — Lebensmittelpakete, auch die Unterbringung deutscher Kinder in ausländischen Familien — den einzelnen Verbänden der deutschen und ausländischen Judenheit überlassen bleiben, denn es sprechen hier zuviel religiöse und pädagogische Rücksichten mit, als datz eine Vereinheitlichung möglich wäre. Dagegen scheint uns für die anderen Gebiete die in Berlin bei der Verteliung der Joint-Gelder bisher wirksam gewesene Zentralorganisation das Vertrauen aller Kreise in so hohem Mätze zu besitzen, datz sie auch weiterhin als Zentralstelle fungieren könnte. Gewitz wird Dr. Meier Hildesheimer, dessen Name ja in allen Ländern in den Fragen der jüdischen Menschenliebe einen wohlverdienten Klang hat, und der in dem erwähnten Komitee eine der führenden Persönlichkeiten ist, gern bereit sein, den ausländischen Komitees und hilfsbereiten Einzelpersonen die vielfach sehr wünschenswerten Auskünfte zu erteilen. Wochenrundschau. Der Warschauer Tumult. Die Ausschreitungen in Warschau, über die in voriger Nummer berichtet wurde, bedürfen nach den inzwischen eingegangenen näheren Nachrichten eines Kommentars. Was sich dort ereignet hat, dürfte in der Geschichte des jüdischen Gemeindelebens ziemlich ohne Vorbild dastehn. Es waren nicht etwa „Proletarier", keine Leute von der Stratze und auch keine Arbeiter, die gegen die Verwaltung der jüdischen Gemeinde demonstrierten und die sich dazu Hinreitzen Netzen, statt der die wv vp anzuwenden, sondern gutjüdische Mittelstandskreise, Bachurim und Bne Thora aus allen Schichten der Bevölke-