Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1923)
- Date
- 1923-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. Dezember 1923 Nr. 49 Seite 3 Der Israelit vater fo lächerliche Summen anzubieten. Das ist schlimmer als Diebstahl. Ein Bestohlener kann hoffen, mit Hilfe des Gerichtes den Dieb zur Herausgabe des Raubes zu zwingen. Aber der von seiner Gemeinde um sein Gehalt Betrogene hat kein Mittel, zu seinem Recht zu kommen. Die furchtbare Folge hiervon ist es, datz zahlreiche Rabbiner- und Lehrerfamilien im buchstäblichsten Sinne dieses schrecklichen Wortes dem Elend ausgeliefert sind, während gleichzeitig die dafür Verantwortlichen ein Leben führen, das sich von dem der Vorkriegszeit nicht oder nur unwesentlich unterscheidet. Wenn man einzelne Gemeindevorsteher, auf welche unsere Schilderung patzt, zur Rede stellt, so hört man als Entschuldigung: es sei nicht möglich, so schnell die Steuern zu erheben, um die Gehälter rechtzeitig zu zahlen. Dagegen ist zu erwidern: der jetzige Zustand dauert seit Monaten. Bei einigermatzen gutem Willen hätte man längst in autzerordentlichen Gemeindeversammlungen, wie die autzergewöhnliche Zeit sie fordert, eine Besteuerung in wertbeständiger Form durchsetzen können. Wir haben das Vertrauen zu jüdischen Familienvätern, welche am eignen Leib die Schwere der Zeit spüren, datz sie auf geeignete Vorhaltungen ihre Pflicht erkennen würden, die Beamten der Gemeinde vor Not zu schützen. Tatsächlich haben verschiedene Gemeinden diesen Weg beschritten und durch rechtzeitige Sanierung ihrer Finanzen sich die Möglichkeit geschaffen, die Gehälter in richtiger Weise auszuzahlen. Die vielen Orte, in denen dieses nicht geschehen ist, leiden unter der sträflichen Fahrlässigkeit ihrer leitenden Männer, vielfach aber auch unter der ebenso sträflichen Gleichgültigkeit der Gemeindemitglieder, die in kleinlichem Egoismus nichts dagegen taten. Zuweilen hört man eine geradezu schmähliche Entschuldigung: der Rabbiner oder der Lehrer hätte ja Verwandte, die für ihn sorgen könnten. Sind sich eigentlich die Leute, welche derartige Entschuldigungen wagen, dessen bewutzt, datz sie sich und^ ihre Gemeinden hierdurch zu verächtlichen Schnorrern degradieren! Jede Unterstützung, welche ein ungenügend bezahlter Beamter von seinen Verwandten annimmt, ist tatsächlich eine Unterstützung für die zur Zahlung verpflichtete Gemeinde und ihre Mitglieder. Mit Empörung würde manch Wohlhabender den Vorwurf zurückweisen, er lasse sich trotz seiner wirtschaftlich günstigen Lage von Fremden unterstützen. Wenn er aber seine Steuern nicht richtig bezahlt und dadurch die Verwandten der notleidenden Beamten zur Hilfeleistung veranlatzt, so ist der moralische Steuerhinterzieher der Empfänger der Unterstützung. Ist sich die jüdische Oeffentlichkeit bewutzt, was sie an sich selbst und ihren Lindern dadurch sündigt, datz sie die geistigen Führer darben lätzt? Auf die Dauer ist es eine Unmöglichkeit, datz Männer, die von fürchterlichsten Geldsorgen niedergedrückt werden, den idealen Schwung sich bewahren, der für die erfolgreiche Tätigkeit eines Raws oder Lehrers Voraussetzung ist. In erster Linie scheint durch die Not nur die Familie des unmittelbar Betroffenen zu leiden. Tatsächlich ist die ganze Gemeinde, vor allem die Heranwachsende Generation, die Leidtragende. Und weiter. Wieviel junge Lehrer und Rabbiner haben schon ihren Beruf verlassen oder sind im Begriff es zu tun! Und wie wenig Eltern können es noch' über sich bringen, ihre Söhne einem Beruf zuzuführen, der seine Träger in so schwere Sorgen stürzt. Woher werden wir in zehn Jahren die geistigen Führer unserer Gemeinden nehmen, wenn der Nachwuchs immer geringer wird. Selbstbesinnung der verantwortlichen Männer auf ihre ersten Pflichten ist die Schicksalsfrage der deutschen Judenheit für Gegenwart und nächste Zukunft. Je sorgenvoller die wirtschaftliche und politische Lage der deutschen Juden uns stimmt, umso ernster mutz unser Streben dahin gehen, datz der Augenblick Führer findet, die nicht durch Geldsorgen zermürbt werden, sondern ihr ganzes Denken und Fühlen der Gesamtheit widmen können. Und ebenso müssen die Jünglinge, welche sich den jüdischen Lehrberufen widmen wollen, wissen, datz sie nicht gezwungen sein werden, ihren Idealismus im Kampfe um das trockene Brot zu verlieren. Wir wissen, datz wir im Vorstehenden harte Worte gesprochen haben. So schwer mancher sich von ihnen betroffen fühlen mag, noch viel schwerer wurde es uns, sie auszusprechen und niederzuschreiben. Nicht anzuklagen und zu beschuldigen war unsere Absicht, sondern aufzurütteln und zu bessern. Wir hoffen zu Gott, datz das Opfer, welches wir mit dem Schreiben dieser Zeilen gebracht haben, nicht umsonst gewesen ist, in Erfüllung eines der schwersten aller Thoragebote, des *]rrJ33/ nx mmn nm In trübsten Zeiten haben wir gesucht, unseren Optimismus und den Glauben an das Gute im Menschen uns zu bewahren. Auch jetzt hoffen wir, mitzuhelfen zur Besserung nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch ethischer Not. nnxw n*?ns7 ump *6 Die arabische Frage, einst und jetzt. Von Jaae»» Israel fce Haav in J«»salem. Es fft wirklich interessant, die Gründe des Ruhms Theodor Herzl's, des Begründers des modernen Zionismus, festzustellen. Die prophetische Erscheinung Herzl's ist siche, ^ich einer der Gründe. Ein anderer Grund ist sein allzufrüher Tod. Von den Jungen hat ihn keiner mehr gekannt. Aber sie alle kennen Herzl's Bilder und ihnen allen steht das Bild des Mannes mit dem feinen, milden und doch energischen Gesicht vor Augen. Er ist der Prophet Derer, die an Prvpheten und Gesetz nicht glauben. Und er ist nicht mehr. — Einen Toten zu preisen ist nicht schwer. Du vermehrst dadurch nicht jemandes Macht: eine Macht, die später einmal Dich vielleicht mit Fütz - tritt. Kleine menschliche oder unmenschliche Fehler macht ein Toter nicht mehr. Cr tut niemandem mehr was zu Leide. Und was er Unrecht tat, wird vergessen oder vergeben. Wenn man's sich so überlegt, ist tot zu sein sehr schön. Besonders in Gedichten. Vielleicht aber ist es noch besser, wenn man lebt. Aber Dr. Herzl ist tot. Wie ist es mit Herrl's Tagebüchern? Erscheint er in ihnen uns als ein Grotzer? Beschäftigt er sich nicht allzuviel mit sich selbst und schmeichelt er nicht allzusehr um das innerliche, leere Wohl-. wollen der Großen der Erde, die doch nur von irdischer Kleinheit sind? Und Herzl's Zionismus? Ein palästinensischer Zionist hat einmal gesagt: „Je öfter ich Herzl's Tagebücher lese, desto mehr sehe ich, datz er vom wahren Zionismus nichts begriffen hat." In der Tat: glaubt jemand noch, datz der reine politische Zionismus es so weit gebracht hätte? Herzl's Gedanke war in ganzer Reinheit der: Erlangung eines Territoriums, am liebsten Palästina, mit einem internationalen Charter als Rechtsbasis. Solange dies nicht erreicht war, hätten jüdische Ansiedlungen in Palästina gar keinen Wert. Im Gegenteil. Ein blühendes Palästina würde die Türkei noch viel weniger aus den Händen lassen. Und wenn die Zionistische Organisation nun doch praktische Arbeit in Palästina leistete, so ist dies eigentlich gegen die Theorie von Herzl. Einer der Gründe für Herzl's Ruhm ist vielleicht auch der, datz er den Machtgedanken in die Köpfe der Jungen pflanzte. Wohltätige Juden gab es überall. Wohltätige jüdische Gemeinschaften auch. Aber ein jüdischer Staat war nicht. Ein Aus ungedruckten Manuskripten des „Chatam Sofer" zu den Chanukagebeten. (Mitgeteilt von S. S. in S.) Im „Al Hannissim Gebet* lesen wir nx irsi *]V3’n, „sie räumten Deinen Tempel" usw., und dann ■pflnp "JYnxm nvw »sie zündeten Lichter an in Deinen heiligen Höfen*. Es fällt auf, datz das Gebet plötzlich von „Tempel* zu „Höfen" übergeht, umsomehr, als die Menorah doch im Inneren des Heiligtums und nicht drautzen im Hofe entzündet wurde. Es erklärt sich dies nach der Entscheidung des Maimonides, datz das Entzünden auch drautzen und durch einen Nichtkohen geschehen kann, wenn der Priester erst die Lichter im Innern gerichtet hat (Jab ha Chassaka Kap. 9, Halacha 7, gestützt aus Talmud Joma Folio 27 u). Nachdem die Syrer den Tempel verunreinigt hatten, so mutzte man bis zur völligen Läuterung und Wiederherrichtung die Lichter drautzen „in den Höfen* entzünden, wodurch das Wunder noch wirksamer zu Tage trat, als im Innern des Tempels, wo es nur den Priestern sichtbar gewesen wäre. Daro-'s ergibt sich auch die Halacha, die Lichter an Tü m oder Fenstern anzuzünden, um das oa zu verkünden. Damit ist auch die Frage des rpn beantwortet, warum wir acht Tage Chanuka feiern, nachdem doch für den ersten Abend reichlich Oel vorhanden war und von einem Wunder nur in den folgenden sieben Tagen die Rede fein könne. In Wahrheit war das Oel im Behälter für eine Winternacht im geschlossenen Raume berechnet, nicht aber für den offenen Hof, wo die Flamme Wind und Wetter ausgesetzt ist und rascher verglimmt oder gar vor der Zeit verlöscht. Auch am ersten Abend konnte die Menorah nur durch ein Wunder brennen. Der Zusammenhang des Satzes ergibt sich nun wie folgt: -j'Enp nnxra nna ip^ni, da die Lichter drautzen im Hofe brannten, also von Anfang bis zu Ende durch ein Wunder, darum •>»•> ma» mp nsian, haben wir alle acht Tage zu feiern. In vielen Gemeinden ist es üblich, nach dem Entzünden das oya ',1'i-Gebet zu sagen, cm enthält ein Remes für die am Chanuka zu erfüllenden Gebote, a—ja, das Licht links an der Türe, »-mit», die Mefusa an der rechten Tsirseite, p-'m zwischen Licht und Mesusa schreiten (siehe „Mögen Abrohom" über die Pflicht der Z'doko am Chanuka) die Armen ins Haus, um Almosen zu empfangen. Also im Ganzen cm, darum ‘la’Vsr cm 'N'i usw. Im Schemagebet enthält der Satz fsn-mi “jan •pns’i einen Remes auf die Feiertage, -jan weist auf Peffach hin, an dem die Mazzo aus dem Getreidemehl gebacken wird, ^Tzn-pn deutet auf Freude und Weingenutz am Purim hin, •pnx’l, das ist das Oel am Chanuka. kleines Feuilleton. Chärmkoh. Don Lehrer Josef Eschwege in Achim. Der „Maler" Herbst hatte seine Arbeit getan. Nicht nur, datz er das Laub gefärbt hatte, sein Gehilfe, „der Herbststurm" hatte die Bäume so zerzaust, datz kein Blättlein mehr an ihnen hing. Die Abende wurden länger und schon früh mutzten die Linder ins Haus zurückkehren. Es wurde kälter und schon lange hatten die Kleinen die nach dem Süden ziehenden Vögel beobachtet. Schon war Lislew „gebenscht" und wie mit einem Zauberschlag war in den Gedankenkreis der Linder das Wort „Ehanukoh" getreten! Welche Aussichten erössneten sich da der Linderschar. Nicht etwa, datz „Theater" gespielt wurde. Nein, das gabs nicht! Aber zu diesem Feste wurden die Linder eingeladen und vergnügten sich beim Spiel. Denn in den Familien wurde gespielt. Treten wir in einen solchen Lreis und beobachten die Linderschar beim fröhlichen Treiben. Heiter und fröhlich gehts zu. Aber man hört kein lautes Schreien, wie man es erwarten könnte. Es wurden viele Spiele veranstaltet. So sah man das Bibel-Quartett, Rätsel- und Sprichwörterraten, Dame und Mühle; zwei wagten sich sogar ans Schachspiel! Aber alle beteiligten sich am Spiel, als das Ehanukahspiel begann, als das „Trendelchen" tanzte. Manch einer der Spielenden verstand es, „tanzen" zu lassen, während andere beim besten Willen es nicht fertig brachten. Und lustig wars, wenn es galt, den