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Der Israelit · 1923-11-29 · Heft 48 (29.11.1923) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 48 (29.11.1923)
Date
1923-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 48 29. November 1923 Der Israelit scher Volksschulen, die allein eine halbwegs gründliche religiöse Bildung sichern können. Doch scheint man die unleugbaren Schwierigkeiten dieser Lösung noch stark zu überschätzen und neigt daher dazu, zunächst den Religionsunterricht in oder neben den öffentlichen Volksschulen zu verbessern, der ja überall dort unentbehrlich bleibt, wo kein genügendes Schülermaterial für eine jüdische Volksschule vorhanden ist. Gebeimnissvolie Mordtaten in Irland. London, 26. Nov. Zwei Morde, die in den letzten vierzehn Tagen in Dublin, der irischen Hauptstadt, an Juden begangen wurden, halten die Oeffentlichkeit in Atem. Vor zwei Wochen wurde ein angesehener Jude aus Manchester, der mit einem Freunde in Dublin spazieren ging, von einigen Unbekannten angeredet, nach seinem Namen gefragt und kurzer Hand erschossen. Das gleiche Schicksal ereilte einen anderen Glaubensgenossen aus Dublin selbst, den die Bande direkt fragte, welcher Konfession er sei. Die Mörder sind entkommen, und die Polizei hat bisher keinerlei Spur entdecken können. Die irische Presse, die frei von allen antisemitischen Strömungen ist, erklärt ihre tiefste Sympathie mit den Opfern und sucht vergebens das Dunkel, das über diesen Verbrechen lastet, auszuhellen. Tüvr-r. iratl«naii»tlsc»er Kurs in der CiirKei. London, 28. Nov. Aus Konstantinopel wird dem Jewish Chronicle gemeldet, daß durch ein Regierungsdekret allen Erwerbsgesellschaften der Türkei, Banken, Eisenbahnen etc. zur Pflicht gemacht wird, ihre jüdischen, griechischen und armenischen Angestellten zu entlassen und durch Muselmanen zu ersetzen. Das gilt auch für türkische Staatsbürger der erwähnten drei Nationalitäten! Dieser ungeheuerliche Erceß des nationalen Fanatismus, der bereits Hunderte von Juden brotlos gemacht hat, sucht seinesgleichen sogar in der Geschichte des absoluten Sultanates. Auch alle jüdischen Lehrer müssen entlassen werden; an den jüdischen Schulen ist der Unterricht in Türkisch, Geschichte und Geographie (!!) muselmanischen Lehrkräften Vorbehalten, die von der Negierung ernannt, von den Juden bezahlt werden müssen. krriehungsweisheit der Alliance israelite universelle. Paris, 10. Nov. In der Generalversammlung der Alliance israelite universelle, die unter Vorsitz von Prof. Sylvain Levi tagte, wurde über die gegen die antisemitischen Verwaltungsmaßnahmen in Ungarn und .Polen unternommenen Schritte berichtet, sowie über Versuche, den antisemitischen Strömungen in Rumänien und den russischen Randstaaten entgegenzutreten. Die Alliance arbeitete meist Hand in Hand mit dem Joint Foreign EoMmitee in London. Interessant war die Erklärung, daß sich das Schulwerk der Alliance in Palästina der Entwicklung soweit angepaßt habe, daß in den Kindergärten Hebräisch die Unterrichtssprache ist. Dagegen wird in den Volksschulen der Alliance Hebräisch nur als zweite Fremdsprache gelehrt und die darauf verwendete Unterrichtszeit wird von Klasse zu Klasse vermindert, sodaß schließlich noch eine Wochenstunde übrig bleibt! Die Kinder, die diesen Schulen ausgeliefert werden, sollen also nach einer ganz systematisch ausgeklügelten Methode in nationale Zwittergeschöpfe verwandelt werden, denn daß man imenglisch-arabischjüdischen Palästina keine Franzosen heranerziehen kann, ist doch klar. Rtttzlaird Mederanneden rellglSsen cetens. Riga, 20. Nov. Aus Tiflis, der Krim und anderen Gegenden kommen Berichte hierher, die besagen, daß trotz allem Druck von oben und unten das jüdische Leben dort frisch pulsiert. An den Feiertagen waren die Synagogen gesteckt voll. DMonstrationen gegen Jomkippur verliefen erbärmlich. In Tiflis wurde, da mehrere Synagogen von der Regierung geschlossen oder beschlagnahmt waren, öffentlicher Gottesdienst unter freiem Himmel auf dem Friedhose abgehalten. GesteweiÄ). von der Wiener Universität. Wien, 26. Nov. Die Universität, die infolge der Ausschreitungen der hakenkreuzlerischen Studenten gesperrt worden war, wird auf Beschluß des akademischen Senats morgen wieder geöffnet, jedoch nur gegen. Legitimationszrvang. In einer Protest Versammlung der jüdischen Studenten erklärte Oberrabbiner C h a j e s, im Sommer habe ihm der Bundeskanzler versichert, daß die Regierung in „Kürze" eine die Studentenschaft befriedigende Aktion in dieser Frage unternehmen werde. Geschehen sei aber nichts. Offenbar fehle auch Dr. Seipel der Mut zum Einschreiten, wenn ' es sich um die jüdische Frage handelt. Kongress der orthodoxen Gemeinden in Rumänien. Großwardein, 25. Nov. Da das Mandat der auf drei Jahre gewählten orthodoxen Leitung Transsylvaniens abgelaufen ist, wurde der Kongreß der orthodoxen Gemeinden für Ende November nach Großwardein einberufen, bei welcher Gelegenheit die neue Leitung der transsylvanischen Orthodorie gewählt werden wird. Seitens der Gemeinden bekundet sich hierfür lebhaftes Interesse und wird die Teilnahme an diesem Kongreß jene des ersten Kongresses voraussichtlich weit übertresfen. Dies folgt auch aus der neuen Wahlverordnung, nach welcher die Zahl der Delegierten von der Zahl der Gemeindemiiglieder abhängig ist, sodaß die größeren Gemeinden durch mehrere Delegierte vertreten sein werden. Von ganz nahestehenden Kreisen des bisherigen Präsidenten, Herrn Oberrabbiner ll l l m a n n aus Bistritz, wird erklärt, daß er die Präsidentenstelle weiterhin unter keinen Umständen anzunehmen geneigt ist, da die Landeskanzlei nicht die nötige Unterstützung seitens der Gemeinden genossen hat, um die Angelegenheiten der Orthodoxie mit Erfolg vertreten zu können. Eodzer Industrie in Palästina. Jerusalem, 20. Nov. Im „Kol Jisroel" berichtet der bekannte Lodzer Industrielle Eh. Woidislawski über den Stand der Lodzer Industrie in Palästina. Die ersten Versuche mußten fehlschlagen, da sie von unerfahrenen Leuten ausgingen, denen alle Fachkenntnis und alle Voraussetzungen fehlten. Es sind zur Zeit großzügige durchgreifende Unternehmungen im Gange, die beste Erfolge versprechen. Eine große Aktiengesellschaft Lodzer Industrieller und anderer Interessenten zur Verbreitung der Lodzer Industrie in Palästina ist vom Berichterstatter angeregt und in Gründung begriffen. Tel Awiw macht sich. Jaffa, 5. Nov. Daß Tel Awiw bei allem Aufblühen den jüdischen Juden bisher wenig befriedigte, ist den Lesern dieses Blattes allzu bekannt. Man war auf alle möglichen neuzeitlichen Einrichtungen bedacht, nur an jüdischen Institutionen fehlte es vollkommen. Keine Talmud Thora von altjüdischem Geiste, keine Jeschiwa, keine richtige Mikwo (wer darauf reflektierte, mußte nach Jaffa wandern), nicht einmal ein ordentliches, würdiges Gotteshaus, indeß die sozialen und kommunalen Anstalten bestens ausgestattet waren. Unter der letzten Einwanderung, die auch unjüdische Elemente ins Land gebracht hatte, hatte die Jüdischkeit, aber auch Moral und Sittlichkeit nicht sehr profitiert. Umso erfreulicher ist es, berichten zu können, daß nunmehr auch das religiöse Leben in dieser ersten und einzigen jüdischen Stadt sich mannigfache Position zu erringen imstande war.' Dank der energischen Initiative streng frommer Mitglieder, wurde unter vielen Opfern tzine moderne Mikwo errichtet, ebenso eine Synagoge, für die der Nationalfonds das Grundstück und die Stadtverwaltung die nötigen Summen zur Verfügung gestellt hat. Die „Schul" erhebt sich jetzt als Prachtbau über die schönen Häuser von Tel Awiw. Zwei Rabbiner, Rabbi Aronsohn und Rabbi Usiel, amtieren hier und wirken nun nach Kräften zur Hebung der geistigen Lage, wie der Moralität im allgemeinen. Es sind Vorkehrungen getroffen, daß das' Strandleben sich nun in gesitteteren Formen abspielt als bisher. Eine Talmud Thora-Schule ist gegründet, eine Jeschiwa im Entstehen. Die Hoffnung ist berechtigt, daß wir bald aus Tel Awiw auch als Zentrum des jüdischen geistigen Lebens werden stolz sein können. Einen größeren Sieg der jüdischen Sache in Palästina kann man sich zur Zeit kaum denken. Personalien. Michael Munk y/jjj, Köln, 25. Nov. Aus Köln geht uns die erschütternde Kunde vom Tode Michael Munks zu. Einer der 'im.' der deutschen Judenheit, ein cwn Y>»Vn und ein goldener Charakter, dessen Leben eine ununterbrochene Kette von waiv d’ew» war, ist mit Michael Munk zu früh von uns gegangen. Weit über das Weichbild seiner Heimatstadt wurde der Name dieses Mannes in höchster Verehrung genannt. Eine Säule der Gemeinde Adaß Jeschurun in Köln ist mit ihm gefallen und Trauer erfüllt einen überaus großen Kreis der in Michael Munk seinen Mittelpunkt hatte. Die Beerdigung fand Montag nachmittag unter gewaltiger Beteiligung statt. Eine eingehendere Würdigung des Lebens und Wirkens dieses seltenen Mannes behalten wir uns . für die nächste Nummer vor. Gustav Steinert y^f. Berlin, 24. Nov. Das Leben eines Mannes ist durch Gottes Willen vollendet, eines pnx, in dessen Seele überirdische Gluten flammten. Sie wirkten sich aus auf den Kreis seiner Familie und Freunde, die erschauernd vor dem ständigen Ringen nach Eottesnähe standen und stehen und die mit leeren Armen den Raum umfassen, der dieses dm Enpn umfing. Seine Flammen brannten in Wort und Lied, im Gebet und in seinen Tränen, sie brannten als Licht der nlnan wenn es galt, als Jude Stellung zu nehmen zur Philosophie und zur Kritik, sie brannten auch dann, wenn sonst der menschliche Geist träge wird, weil das Dunkel des geschäftlichen Treibens ihn in die Fesseln des Nachtschlafes schlägt. Eine Dornbuschglut ist für die Welt erloschen, aus der klar und deutlich Gottes Stimme rief. Gottes Segen über das Werk der Hände dieses p'ix, schon empfangen haben ihn die tausendfach Glücklichen, die den Dornbusch umgaben. frasm Emden, 15. Nov. Am heutigen Tage an nioiv, feierte eine wahre n’jpnx ntzra Frau Witwe Therese Gossels geb. Hoffmann, umgeben von ihren zahlreichen Kindern und Kindeskindern in voller Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag. Herr Hauptlehrer a. D. Selig würdigte ihre Verdienste als langjähriges Mitglied des Vereins wvä /man in einer tiefempfundenen Ansprache und überreichte im Namen des Vereins eine von einem hiesigen jungen Manne in wunderbar künstlerischer Weise ausgesührte Adresse. Mögen der Jubilarin noch eine Reihe sonniger Jahre im Kreise ihrer Familie beschieden sein. Vermischtes. Berlin, 25. Nov. Die Agudas Jisroel-Jugendgruppe Berlin ladet alle Mitglieder sowie Freunde für Sonnabend den 8. Dezember 1923 ■’kxi» fpn nviv anij? mv 8 Uhr zu einem gemütlichen rwiui- Beisammensein bei Familie Lewinsky N. W., Flensburgerstr .1 fam Bahnhof Bellevue)- ein. München, 1. Nov. Vor längerer Zeit erschien in der verbreiteten amerikanischen Zeitung „The New-Pork World" ein Interview ihres Pariser Korrespondenten Ferdinand Tuohy mit General Ludendorfs, das grobe Beschimpfungen der Juden enthielt. Nachdem General Ludendorff wiederholt in seinem Werke „Kriegsführung und Politik" die allerschwersten Vorwürfe gegen die Juden — „das jüdische Volk bedurfte der Niederlage Deutschlands" — erhoben hatte, konnte kaum ein Zweifel bestehen, daß der amerikanische Journalist Ludendorsss deutschvölkische Anschauungen im wesentlichen richtig wiedergegeben habe. Die „C. V.-Zeitung" nahm gegeu den Politiker Ludendorff scharf Stellung. Sie fragte dabei u. a., indem sie die markantesten Aeußerungen des Generals wiederholte, „warum das Gesetz zum Schutze der Republik vor einem Manne haltmache, der es mit deutscher Ehrenhaftigkeit für vereinbar halte, Deutschlands Regierung für Dollarhonorare zu begeifern." Wegen dieser Bemerkung strengte General Ludendorff durch Justizrat v. Zeschwitz, den bekannten Vorsitzenden, des Münchener deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, die Klage gegen den verantwortlich zeichnenden Schriftleiter der „C. V.-Zeitung", Dr. Alfred Wiener, an, der zwar die Notiz nicht geschrieben hatte, die preßgesetzliche Verantwortung' dafür aber übernahm!. ' Düs. Schöffengericht München verurteilte, wie unsern -Lesern bekannt ist, Dr. Wiener zu'einer Geldstrafe oom-150 000

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