Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1923)
- Date
- 1923-11-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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29. November 1923 Der Israelit Nr. 48 Seite S geschickt, die dort in orthodoxen Familien untergebracht worden sind. Weitere Meldungen nimmt der Gruppenverband entgegen. Wien (A. I. P. 23.). Wie die Palästina-Zentrale in Frankfurt a. M. mitteilt, begibt sich der Gerer Rebbe sofort nach Chanuko in Begleitung von 40 Personen nach Erez Iisroel. Ferner nimmt an dieser Reise eine Gruppe agudistischer Industrieller unter Führung des Großindustriellen T. Bialer, Lodz, teil, um die Arbeiten des Binjan Hooretz zu fördern. Bukarest (A. I. P. 23.). In der Antwortdebatte zur Thronrede, ergriff der jüdische Senator, Oberrabbiner Zirelsohn-Kischinew (der Präsident der Kenessio Eedaulo) das Wort, konstatierte, daß die Bestimmungen des Gesetzes über die Einbürgerung der Juden mit Füßen getreten werden, ebenso daß durch Verordnung des Unterrichtsministeriums in ben Minoritätenschulen die Muttersprache verboten wurde. Er wies nach, daß zahlreichen jüdischen Lehrern die Lehrberechtigung entzogen wurde. Er brachte den Artikel des Friedensvertrages zur Verlesung, der die Freiheit des Unterrichtes in der Muttersprache garantiert. Schließlich verlangte er die Annullierung aller Erlässe, die mit der Konstitution in Widerspruch stehen. Warschau (A. I. P. 23.). Das tägliche Organ der Orthodorie Polens, der „Jud", das durch den Druckerstreik am Erscheinen verhindert war, hat vergangenen Freitag wieder zu erscheinen begonnen. Wien (A. I. P. B.). Der dritte Kindertransport -aus Deutschland (74 Kinder aus Bayern) ist Dienstag in Wien angelangt und sind die Kinder bei Wiener agudistischen Familien untergebracht worden. Weitere Kindertransporte find bereits avisiert. Die Lsbensmittelaktion hat weiterhin große Erfolge zu registrieren. Wien (A. I. P. B.) In einem dem Mitarbeiter des „Ujkelot" gewährten Interview über die Wichtigkeit orthodoxer Gnneindeautonomie, sagte Oberrabbiner Glaser, daß die glaubenstreue Judenheit alle jüdischen Angelegenheiten selbständig führen muß. Sie habe durch die Kenessio Eedaulo hinlängliche Beweise ihres politischen, organisatorischen und geistigen Könnens geliefert. Gegen Ende dieses Monats wird in Großwardein eine Versammlung aller Siebenbürgener Gemeindedelegierten stattfinden, in der Sitz- und Arbeitsplan der orthodoxen Landeskanzlei beschlossen werden soll. Wie verlautet, soll der Klausenburger und Eroßwardeiner Raw an der Führung der Geschäfte künftighin hervorragenden Anteil nehmen. Oradea-Mare (A. I. P. B.). Da das Mandat der auf drei Jahre gewählten orthodoxen Landeskanzlei Transsylvaniens abgelaufen ist, wurde der Kongreß der orthodoxen Gemeinden Transsylvaniens für Ende November nach Großwardein einberufen. Seitens der Gemeinden wird die Teilnahme auf Grund der neuen Wahlordnung eine sehr große sein. Man erwartet vom Kongresse eine erfolgreiche Vertretung aller Angelegenheiten der transsylvanischen Orthodorie. Wien (A. I. P. B.). Die ' vom „Jüdischen Hilfswerk der Agudas Iisroel" ins Leben gerufene Hilfsaktion für das notleidende Deutschland hat bereits große Erfolge zu verzeichnen. Aus Oesterreich und der Tschechoslowakei sind bereits über 1000 Lebensmittelpakete nach Deutschland abgeschickt worden. Ebenso haben die Sammlungen in Bargeld bereits eine ansehnliche Summe erreicht. Die in Wien angelangten Kinder wurden in streng-orthodoren jüdischen Häusern bestens untergebracht und in die Jesaudo Hatauro-Schulen eingereiht. Durch die Unruhen in Deutschland wurde der Abgang der anderen Kindertransporte nach Wien verzögert. Doch ist bereits Donnerstag, den 7. Kislew der zweite Kindertransport, bestehend aus 70 Kindern, in Wien eingelangt. Me heire gegen Judentum und Katholizismus. München, 26. Nov. Bei Einweihung einer neuen Münchener Kirche berührte Kardinal Faulhaber in einer Ansprache die 2lngriffe, die nach dem Zusammenbruch des Ludendorff- Hitler-Putsches von den Nationalsozialisten nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die katholische Kirche und gegen ihn gerichtet wurden. Er sagte, noch niemals sei eine solche Lügenflut dagewesen. In der Zeit der Räterepublik sei er oft mehrfach des Tages an Rotgardisten vorbeigegangen, dabei aber niemals in solcher Art angepöbelt worden, wie zuletzt auf seinen Wegen. Die Studenten hätten von Rom Lebensmittel und andere Unterstützungen bekommen und auch angenommen, heute noch gingen sie, um zu sammeln in die katholischen Pfarrdörser hinaus. Daß dabei zu gleicher Zeit an der Universität eine häßliche Sprache geführt und Haß ohne Maß gesäet werde, das werde Schmach und Schande bleiben für alle Zeiten. vre Uaterländischen in Bayern. München, 25. Nov. Der „Völkische Beobachter", das blindwütige Organ der bayrischen Kampftruppen vom Hitlerschen Geiste überraschte dieser Tage mit einem Leitartikel, der sich in fetten Lettern gegen die 2lusweisung jüdischer Familien wandte. Sah man sich den 2lrtikel an, so erfuhr man alsogleich, worauf das Blatt hinaus wollte Es wendet sich gegen die partielle Lösung der Frage in Form der Ausweisung von einzelnen Familien. Es müsse ganze Arbeit getan werden, und das wäre die Errichtung von Konzentrationslagern für sämtlich deutschen Juden. Trotz Ausnahmeparagraph darf diese gedruckt und verbreitet werden. Sehr stark lebte die Hetze in N o r d b a y e r n auf In Hof marschieren die Hakenkreuzler bewaffnet bis zu den Zähnen in Reih und Glied durch die Straßen Sämtliche Realschüler sind mit Hakenkreuzen geschmückt, ohne daß sie, von der Lehrerschaft oder von dem Rektorat daran gehindert würden. Nach Beniner Muster. Breslau, 21. Nov. Der Ruhm der Berliner Rowdys ließ die Bres lauer nicht schlafen, und so wollten auch sie nicht zu rückstehen. Um die Mitternacht drangen etwa zwei Dutzend Eummiknüppelhelden in das jüdische Hotel „Warschauer Hof" in der Antonienstraße ein und schlugen auf die jüdischen Gäste solange ein, bis auf deren Hilferufe endlich die Schupo erschien und die Ordnung wieder herstellte. Es gelang, den Führer zu verhaften; da aber nunmehr der ganze Troß in bedrohlicher Hak tung mit zur Wache ging, so wurden sie alle in Hast genommen. Sie wurden als Mitglieder einer deutschvölkischen Vereinigung, die ihren Sitz in Breslau hat, ermittelt, die, wenn die Sache von der Staatsanwaltschaft ernst genommen wird, unter Anklage des L a n dfriedensbruches gestellt werden müßten. dieser „Oefsentlichkeit" wurden Juden, die in den Saal wollten, vor der Türe mit Schlagringen und Gummiknüppeln empfangen. Es war erst erklärt worden, daß jedermann Gelegenheit haben werde, seine Meinung zu vertreten, und so kamen denn einige jüdische Fsrontsoldaten, um in friedlicher Weise Verleumdungen zu widerlegen. Einige Juden wurden schwer verletzt. Der Verband der jüdischen Frontsoldaten erläßt eine Erklärung, auf jede weitere Auseinandersetzung mit den Deutschvölkischen zu verzichten. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Segen die antisemitischen Ausschreitungen. Berlin, 26. Nov. Der Zentralverein Deutf-cher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete gestern mehrere große Versammlungen, um gegen die antisemitisch en Ausschreitungen der letzten Wochen zu protestieren. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der ausgesprochen wird, daß die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens sich bewußt sind, mit dem Schicksal ihres deutschen Vaterlandes unlösbar verbunden zu fein und daß sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel anwenden werden für die Einheit des Reiches und für die Wiedererstehung aus harter Bedrängnis zu einstiger Blüte und Größe. vie schlagenden Argumente der veutschvölirischen. Hamburg, 14. Nov. Vor Beginn einer von der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Bremen einberufenen öffentlichen Wahlversammlung kam es zu Angriffen Deutschvölkischer auf Mitglieder des Bundes jüdischer Frontsoldaten, denen der Eintritt zum Versammlungslokal verwehrt wurde. Einige Mitglieder der jüdischen Organisation wurden von den mit Schlagwaffen versehenen Völkischen zum Teil schwer verletzt. Sicherheitspolizei stellte die Ordnung wieder her. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Ortsgruppe Bremen erklärt unter diesen Umständen die weiteren 2luseinandersetzungen mit den Deutschvölkischen abzulehnen und fordert die Wähler auf, die deutschvölkischen Hetzer und Verhetzten unter sich zu lassen, bis sie erklären, daß sie einen geistigen Kampf nicht scheuen. Angriff auf jüdische Frontsoldaten. Bremen, 22. Nov. Ueber den Kampf zwischen Deutschvölkischen und jüdischen Frontsoldaten wird uns noch folgendes berichtet: Die deutschvölkische Freiheitspartei in Bremen hat eine öffentliche Wahlversammlung einberufen. Trotz Antisemitische kxrerre ln vldenvnrg. Oldenburg, 15. Nov. In der letzten Sitzung des Stadtparlaments von Oldenburg brachte der Sozialdemokrat Heitmann die in Oldenburg vorgekommenen Ueberfälle auf jüdische Bürger -ur Sprache. Er erzählte, daß auch Mitglieder des Landestheaters, die' Juden sind oder als Juden angesehen wurden, mißhandelt worden sind. Der demokratische Stadtverordnete Bukoszer ersuchte um Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Bürger. Er bezeichnete die Angriffe als Taten von Feiglingen, die sich nicht einzeln, sondern in Nudeln an das Opfer heranwagten. Stadtv. Bukofzer stellte fest, daß die Ueberfälle von besser gekleideten Leuten ausgeführt worden sind. Der Oberbürgermei st er sagte, es sei eine Schande für Oldenburg, daß solche Dinge oorgekommen seien. Cs handle sich bei den Ueberfällen um Radauantisemiten schlimmster Art und seien alle Maßnahmen zum Schutze der Bürger getroffen. Mllltärfrelhelt der Jesehiwa Baevnrim. Warschau, 18. Nov. Die Militär-Kommission des Sejm hat beschlossen, die Besucher sämtlicher Jeschiwoth vom Heeresdienst zu befreien. polizeiliche Ausschreitungen gegen Juden. Lodz, 28. Nov. Fünfzig Juden wurden hier bei einer polizeilichen Streife widerrechtlich verhaftet Mißhandelt und zur Polizei geschleppt, darunter auch der Rabbiner aus Dombin. Im Sejm ist eine Interpellation über den Vorfall eingebracht worden. In kleinen Orten bei Lublin und Krakau wurden jüdische Läden geplündert. , Lin neues palärtina-llleirsvuev. London, 15. Nov. Ein Weißbuch über Palästina ist soeben veröffentlicht worden. Es enthält die Korrespondenz zwischen dem Kolonialamt und Sir Herbert Samuel wegen der beabsichtigten Errichtung einer „Arabischen Agentur", die arabische Ablehnung und eine Depesche der Regierung, worin erklärt wird, daß nunmehr alle weiteren Versuche, die Mitarbeit der Araber zu gewinnen, eingestellt werden müßten. ver Board ot veputier und die deutschen Judenverfolgungen. London, 26. Nov. In der letzten Sitzung des Board of Deputies berichtete das Joint Forekgn-Committee über die ihm zugegangenen Berichte der deutschen Presse zu den Ausschreitungen in Berlin, die Ausweisungen in München und den antisemitischen Terror in Bayern. Aus Wunsch des Präsidenten wurde jedoch von einer Diskussion Abstand genommen, weil es den deutschen Juden nicht erwünscht wäre und nicht in ihrem Interesse läge, wenn die schmerzlichen Vorkommnisse öffentlich erörtert würden. Man gab der Hoffnung Ausdruck, daß es den beteiligten Regierungen gelingen werde, einer Wiederholung der Ausschreitungen vorzubeugen, und daß man speziell in Bayern die Ausweisungspraris abbauen werde. Jüdische Zcvulttagen. London, 26. Nov. Der Erziehungs-Ausschuß des Kriegs-Erinnerungs-Fonds veröffentlicht Materialien zur Frage der religiösen Erziehung der jüdischen Schuljugend. Die Zutände erheischten dringend die Errichtung eigener j ü d i --