Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1923)
- Date
- 1923-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 48 Der Israelit 29. November 1923 An unsere Abonnenten! Die Wo vemö er-Gebühren für die letzten Wnchstaöen des Alphabets gelangen in den nächsten Fagen znr Erhebung nnd n»ir ersuchen dringend, keine Nachnahme zurückgehen zu lasten, da der Getdentwertungsschaden ohnedies groß genug ist. Die Dezember-Gebühr bitten wir nns mit V2 sdsV wo möglich in wertbeständiger Korm zu übersenden; bei Einsendung von 1 WentenmarK oder Goldmark wird der Aeberschuß auf Abonnements-Konto Januar gutgeschrieben. J-raukfurt a. M, 28. November. Verlag des „Israelit" C.m.d.H. Frankfurt a. M. Zieht die Lichter ein! . . . Schon als Kind tonnte ich nicht ohne Rührung an dem trocken sachlichen Passus in Talmud und Schulchan Aruch vorübergehen: „2n Zeilen der Gefahr bringe man seine Chanuckalichter nicht. draußen an Türe und Fenster, sondern drinnen im Gemache an!" Wie viel haben uns unsre Weisen mit diesem kurzen Satz, ob er auch ursprünglich nur auf die unmittelbare Lebensgefahr der persischen Zeit sich bezog, doch gesagt! Wir erzählen von Heldentaten der Väter, und wir fürchten mit unseren Lichtern die Straße. Wir fürchten die Straße und sind dennoch Helden. Helden drinnen! . . . Denn unser Heldentum hat mit der Straße und ihrem Gewoge nichts zu tun. Es ist von ganz anderer Art. Inneres Heldentum; Macht, die Gewalt überdauert, die Kraft, Kraft zu überwinden . . . Die Gasse mag wieder unser Licht nicht, versteht es nicht — so ziehen wir es ein, lassen es im Innern aufleuchten und warten . . . So, nur so kann man es verstehen, daß stets N22vn des jüdischen Hauses Jnnenlicht am hellsten erstrahlte, daß die Zeit des bittersten Druckes zugleich die der gesteigerten geistigen Produktion in den Jahrhunderten des Das Inhaltsverzeichnis befindet stch am Schluffe des redattionellen Teiles. Mittelalters war, daß in den Tagen, da jüdische Art draußen am meisten verpönt und verlacht war, der jüdische Geist von innen heraus sich zu Werken aufschwang und uns Werte gab, ohne die wir uns heute unseren Geistesschatz schlechthin nicht mehr denken können. Zur Zeit da die Tos so fisten ihre Randglossen zum Talmud und dem Raschi-„kontros" schrieben, brauste der fanatische Blutgesang der wutschnaubenden Kreuzträger durch die engen, schutzlosen Iudengassen der Rheinstädte, Rabbi Meier von Rothenburg lehrt in der Festung zu Ensisheim und Aschert kodifiziert den Talmud zum Teile auf der Flucht von der unwirtlichen deutschen Heimat nach Spanien. In der Atmosphäre von Leid und Laster, wie sie der dreißigjährige Krieg geschaffen, errichtet sich im Innern „ Scheloh" seine Festung der Heiligkeit, lehrte ein Iomtow Lippmann Heller, und was weiß uns ein Iecheskel Landau, ein „Pene Iehoschua" von der Not und der Gärung des achtzehnten Jahrhunderts in seiner ersten Hälfte zu erzählen? Nichts. Ihre Sorgen bewegen sich in ihren Werken um andere ewigbeständige Fragen des jüdischen Lebens und der jüdischen Lehre. In Polen erreichen in dem Halbjahrhundert des zaristischen Druckes, der den jüdischen Massen Luft und Licht verkümmert und den Atem raubt, die Talmudlehrhäuser eine Blüte, die an Sura . und Pumbeditha erinnert, besitzen Wilna und Warschau Druckereien, die jüdische Eeistesschätze an den Tag fördern und die jüdische Welt mit Talmud- und anderen Ausgaben beliefern, wie sie sie in dieser Fülle und Vollständigkeit nie gesehen. Das vermag das jüdische Licht, wenn die Gasse es nicht will und es zwingt, sich ms Innere des jüdischen Hauses zu verziehen. Einmal — es war vor -hundert Jahren — da glaubte man schon frei die Bahn und gefallen die Schranken zwischen außen und innen. Aber die es am meisten glaubten, ließen nicht ihr Licht auf die Straße hinaus leuchten, sondern im Gegenteil das grelle Licht der Straße ins jüdische Haus hineinströmen. Die Folge war Verblendung und Verwirrung. Wer im Wahne des neuen Lichtes sein altes und eigenes auslöschte, steht heute mit irrem, erfrorenem Herzen mitten in öder Finsternis, ohne zu wissen, wo ein noch aus. li-ft'1'? Ml — 1p2 KriN IDIff 1DN Wir haben wieder die Gasse zu fürchten, in München und in Berlin, in Wien, in Warschau, in Bukarest und überall, Handeln wir, die wir unser altes Licht nicht im Strudel verloren, nach Talmud und Dezisoren: Ziehen wirdieLichterein! Lassen wir die Lichter im Innern erstrahlen wie dazumal. Wir können warten! Aber eine kleine Mahnung noch; die Zeitpredigt des Lichtleins! Wenn wir sogar die Lichter nicht auf dre Straße hinaussenden dürfen, die leuchten und wärmen, und die der nichtjüdischen Welt Weihe und Erlösung bringen könnten, um wieviel weniger sollten wir es mit denen tun. die nur glitzern und schimmern, weil sie von falschem, fremdem Feuer sind. Weg vor allem mit den falschen Lichtern von der Straße. Fort mit all dem, was blinkt und blendet und satte Zufriedenheit vortäuscht indeß auf der Straße das Hungergespenst aus fahlen Gesichtern von Frauen und Kindern grinst. Helfet und gebt, was ihr geben könnt, aber hänget auch eure Gabe nicht an die Glocke der großen O öffentlich keit und eure vollen Namen dazu. Denn Haß liest daraus nicht des Iuden Eebefreudigkeit, sondern seine .Gebefähigkeil nur und seine Prunksucht. Hütet euch im Handel und Wandel vor allem, was nur den leisesten Schatten schnöden Eigennutzes auf Kosten notleidenden Volkes an sich hat. Es geht um uns alle! Mischen wir uns nicht in der Parteien Zant und Hader, denn wie wirs auch machen, wird es uns verübelt. Und wenn von rechts gegen die Iuden und von links gegen das „Kapital" gehetzt wird, so meinen doch beide das gleiche! Tun wir unsre selbstverständliche Bürgerpflicht, mit Hand und Herz und ganzer Kraft. Aber schreien wir auch dies nicht — wre es etwa die nationaldeutschen Iuden zum Gaudium der Gegenseite tun — in die Gassen hinaus! Zieht die Lichter ein, denn es ist Gefahr auf den Straßen! Dafür lassen wir die von echtem jüdischem Feuer umso heller erstrahlen — in des Hauses inner st em Innern! Wochenrundschau. Solidarität und Einheitsfront. Der Widerhall, den der zionistische Aufruf zur Bildung einer jüdischen „Einheitsfront" gegenüber dem pogromlüsternen völkischen Iudenhasse in allen anderen jüdischen Lagern gefunden hat, befriedigt die Urheber dieser Fanfare natürlich wenig und man kann Uleines Feuilleton. Diese Lichter . . . 118 VT>1 118 V!\ Und es warwLicht. Diele Male ist es geworden, ist>s aus Nacht, Not und Niedrigkeit geworden . . . Niemals ward Licht ohne vorheriges Dunkel, niemals Leben ohne Tod ... Und es ward immer mehr und mehr Licht und immer strahlender der Glanz, je düsterer der Abend gewesen war, und der Lichter wurden gar viele. Einst werden sie ein Feuer sein. — idiji via noD*» itrnn n:n»3 pirp mroi 'i mp "’wi Noch sind ihrer viele. Israel, der nimmermüde Wanderer, hat hoffnungsheischend nach ihnen die Arme gestreckt. Man sehnt sich nach Lichtschimmer, wenn man jahrein, jahraus, landein, landaus aus Leidensstratzen daherwanken mutz. Von Elend zu Elend, — von Licht zu Licht. . . An den Enden des ewigen Weges ein iDN 13, flackernd und flammend als V8 TiDJJ. — Warum Bangigkeit und Kleinlichkeit? — Sind doch die Schmerzen von gestern nicht kleiner gewesen! Haben wir viel vergessen, so werden wir uns heute erinnern, das ewig-wahre anrt crD'Q begreifen, erfassen und erleben mn ’DD- Mehr als sonst hören wir aus den schlichten Worten: ppH-w urßK N112H Es sind immer diese Lichter gewesen . . . Es werden immer diese Lichter sein . . . I. Raphael. Wissenschaft, Kunst nnd Channcka. Bon Rabb. Dr. B. Cohen in Berlin. 1. »Gebe Gott Weite dem Iefeth, und er wohne in Sems Zelten.' Wenn Gott, dem Iefeth Weite gab, dann durfte Iefeth in Sems Zelten wohnen. Wenn Iefeth sich in Weite ausbreiten konnte, dann nahm Israel lebenden Anteil an Iefeths Gedanken. Wir sprechen nicht von der Ausbreitung des griechischen Weltreiches, sondern von der Erweiterung menschlichen Denkens und seiner Befteiung aus den Fesieln des Götzentums, von dieser Grotztat griechischen Geistes, — von der griechischen Denkerwelt, die im Kampfe gegen den altgriechischen Götterkultu« nicht ermüdete. Griechische Götzenfeinde gab es in der Urzeit, sie wurden Märtyrer ihres Bekennermutes. Opfer götzendienerischer Fanatiker: wenn sie nicht ihr Leben, wie Sokrates hingeben mußten, so wurde ihnen Keinesfalls das Leben leicht gemacht. — Es ist nicht zu verwundern, datz im Reiche Alexanders, des Schülers des Aristoteles, unsere Väter den Griechen freundlich begrüßend entgegenkamen. — daß sie auch bei den Griechen Respekt ernteten für die Erhabenheit unseres Gottesgedankens und seinen schlichten Kultus, — und datz griechisches Denken und Sprechen bei unseren Vätern ein williges Ohr fanden, bei den besten, treusten unserer Väter. — 2. Es gab aber nach wie vor dem Erscheinen jener Weisen Griechenlands verstockte Götzendiener. Diese waren nicht alle so einfälttg. datz sie an die Hilfe und Macht der steinernen Statuen geglaubt hättest. Meist war es auch nicht Hilfe, was man von ihnen erhoffte, sondern poetischen Rausch, — modern gesprochen: Kunstrausch. Dieses Gefühl sich zu beschaffen, an ihm sich, der Welt entrückt, zu erwärmen, ist das Ziel alles Götzentums von griechischer Urzeit bis auf die neueste Kunst. Die Form nicht um des Inhaltes, sondern um ihrer Seelenwirkung willen gepflegt. Das sind nun auch »Griechen » aber Griechen, an denen Noahs Segen nicht in Erfüllung gegangen, denen ein »werter' Geist nicht zuteil geworden ist. Nichts liegt dem Streben einer solchen Seele hinderlicher im Wege als ein »Gesetz.' Nichts mutz dieser absoluten Gemütsreligion ferner liegen, nichts ihr bekämpfenswerter erscheinen als Gottes am hellen Tage geoffenbartes, den Willen vor jeder Auflösung bewahren wollendes Gesetz. Und so mutzte es kommen, datz d i e f e Art Hellenen und Hellenisten dem gesetzestreuen Iudentume den Vernichtungskampf ansagten. Elazar mutzte fallen» wie, unter nicht zu unähnlichen Verhältnissen, Sokrates gestorben war. — Und die Abwehr? 3. Zu allen Zeiten waren Israels Weise an Iefeths Geisteskämpfen nicht ohne lebendige Mitarbeit vorübergegangen. So ist das herrliche Lied i'Nk'l in Byzanz zur Zeit des christlichen Bilderftreits entstanden. Aber auf die Uebergriffe griechischer Kunst, d. h. griechischer Götzenmysterien, hatte Israel nur eine einzige Antwort: Das Schwert des Makkabäers! Wir Heutigen haben keine Abwehr als die geistige. Wir sollten unsere Apologetik, unsere Denk-Kämpfe jedoch nur zur Abwehr der wissenschaftlichen Einwände gegen unsere Lehre ausbieten. Seitdem aber die Wissenschaft nicht mehr zur Stütze des modernen Atheismus taugt und die Traditionsfeinde deshalb zu den modern-heidnischen Gesühlstiraden greisen, bleibt uns zur Rettung unserer denkenden