Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1923)
- Date
- 1923-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 47 22 November 1923 Dulderbilde. Wie das Israel seiner Zeit das Ertrem nach der einen Seite darstellte, nämlich zu weit weg von Gott und übereifrig für das Fremde — ein Charakterzug, der unserem Volke mehr als einmal zum Verhängnis wurde, — so bot am Ende Elia ein Bild des Extrems nach der anderen Seite, nämlich zu weit weg vom Volke und über Gottes Wunsch hinaus für ihn eifernd. Es liegt gewiß viel Größe darin, wie man auch dem späteren Eiferertum eines Simon ben Giora und Johann von Giskala den Zug ins Große nicht absprechen kann. Aber Rabbi Iochanan ben Sakkai hat doch eher gottgemäß gehandelt und in dem verbindenden Weg der Liebe mit größerem Rechte den Fingerzeig des Himmels erblickt. Elia der Eifrige war dem Herrn als sein Bote genehm, Elia der Eiferer nicht mehr. Weshalb ihn Gott anwies, vierzig Tage und vierzig Nächte zum Gottesberg Horeb zu wandern. Das sollte ihn an den Mann erinnern, der vierzig Tage und vierzig Nächte am Horeb für sein Volk ohne Speise und Trank verharrte und von da aus seinen vierzigjährigen Dulderweg antrat; an Moses. Auch damals, am Sinai, ließ der Herr, wie jetzt vor Elia, Sturm und Wetter auffahren, ehe er sich dem Volke offenbarte. Aber nicht im Blitz und Donner war der Herr, wie er jetzt ebenfalls nicht im Sturmwinde war, der die Berge und Felsen zerreißt und zerschmettert, nicht im Erdbeben und nicht in der zerstörenden Macht des Feuers, sondern wie damals in der Moses ruhig antwortenden Stimme, so auch jetzt in der Stimme des gelassenen sanften Säuselns. Elia verstand sehr wohl den Wink und folgte der Abberufung vom Schauplatz seines stürmischen, aber immer nur das Reinste und Beste wollenden Wirkens, um einem anderen, mit sanfteren Mitteln Auftretenden Platz zu machen und um selber fortab dem Israel aller Zeiten als Sinnbild eines tragischen aber auch zugleich gigantischen Schicksals anzugehören. Darin mag vielleicht auch der Grund zu erblicken sein, daß Elia nicht wie alle Menschen und ebenso auch alle Propheten eines üblichen Todes starb, sondern lebend von Gott zu sich genommen wurde. Er wollte vorzeitig sterben, so mußte er überzeitig leben. Er mochte auf Erden nur in Sturm und Drang unter die Menschen kommen, so mußte er, um in den Himmel, den er sich verdiente, einzugehen, im Sturmwinde sich erheben. Er beschwor das Feuer hernieder, so holte es ihn selber im Gespann. Was er auf Erden nicht als die Mittel seiner Sendung anzuwenden vermochte, nämlich durch Sanftmut und Liebe die entfremdeten Herzen zu gewinnen, das sollte er Um wenigstens den Schein eines Rechtsgrundes für die Ausweisungen vorzuspiegeln, werden diese Bedauernswerten „wegen Bereicherung" abgeschobrn. Nun, man muß nur diese abgehärmten, armseligen Gestalten betrachten, ihre düstere Leidensgeschichte hören, um beurteilen zu Können, wie sie sich bereichert haben müssen. Die Katastrophe hat Arm und Reich gleichermaßen betroffen und alle Vermögensunterschiede ausgelöscht; der Eigentümer eines großen Münchner Handlungshauses, der von seinen hakenkreuzlerischen Angestellten aus seinem eigenen Betriebe buchstäblich hinausgeworfen wurde, ist genau so bettelarm wie der fadenscheinige Student, der in München nicht mehr die Hochschule besuchen darf, weil er sich „bereichert" hat. Ein junger Schrifsteller, der sich mühsam eine Existenz als Mitarbeiter eines Verlages geschaffen hatte und jetzt vor den täglichen Drohbriefen und den zarten Anspielungen in Form von Gummiknüttelhieben in eine fremde Stadt fliehen mußte, wo er sein Leben wieder von neuem beginnen soll — der nervöse, blasse junge Mensch bricht plötzlich in einen fassungslosen Weinkramps aus. Vielen Kaufleuten hat man aus dem Besitze von ein paar ausländischen Devisen, die bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmt wurden, einen Strick gedreht. Die Ausweisungen haben zum Teil auch den Zweck, der Münchener Wohnungsnot auf radikale Weise abzuhelfen. Jedem Ausgewiesenen wird nämlich sofort die Wohnung abgenvmmen und durch eine eigene Verfügung ist der Wohnungstausch mit Juden verboten worden. Ihr Barvermögen dürfen die Landesverwiesenen nicht mitnehmen, da es als angebliche Sicherstellung für eventuelle Steuerrückstände zurückbehalten wird. Die Flüchtlinge aber wissen sehr genau, daß diese vorläufige Zurückhaltung ihres Vermögens einer Konfiskation gleich- Der Israelit fortab vom Himmel hernieder steigend tun. Als ewig Lebender, immerdar berufen zu den Leidbedrückten und Bekümmerten hernieder zu schweben und ihnen Tröster zu sein und Helfer. Nicht eine Art Bestrafung sollte das für Elia sein, bewahre, sondern im Gegenteil, eine Anerkennung und ein Beweis der ausgleichenden Gerechtigkeit. Sein sanftes, edles Wollen in hartem Tun auf Erden sollte nach seinem Scheiden von der Erde allen offenbar werden. In seinem Hassen verbarg sich das Lieben, aber erst in der Verklärung seiner Persönlichkeit fiel die rauhe Schale ab und der glorreiche Kern eines der Treuesten, der je gelebt ward, sichtbar. So war Elia und so hebt sich seine Gestalt aus seiner Zeit heraus ab. Als ein scharfer Kontrast seiner Zeit und doch auch als ein Abbild derselben. Die Weisen fassen das zusammen und sagen: „Zwei Wege der Tugend sind gangbar, der Weg des strengen Rechts, gepaart mit Härte und der Weg der Nachsicht, verbunden mit Liebe, Elia steht in der Mitte zwischen beiden" (Midrasch, Seder Zdokoh angeführt i. Ialkut Elieser Bd. 1/70). Er war hart und streng in der Form, aber in der Sache leitete ihn die Liebe. Von der Form bleibt in der Geschichte und Sage großer Männer nur wenig übrig, die Sache aber, die sie leitete, vererbt sich. Und so ist auch von Elia der Gedanke der Liebe für Volk und Glauben des Judentums als Erundzug seines Wesens und Werkes verehrt geblieben, als Mahnung und Verkündigung für alle Folgezeiten. (Schluß folgt.) KsrmpsnSenren * Nachrichten. €ine Konfmnz gereirertteuer vervänür. Frankfurt a. M., 20. Nov. Am 18. November ds. Is. fand auf Veranlassung des Vorsitzenden des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands", des Herrn Rabbiner Dr. Auerbach in Halberstadt, eine gemeinsame Sitzung des Vorstandes der „Freien Vereinigung" mit den Vertretern der übrigen gesetzestreuen Organisationen Deutschlands statt. Außer dem Vorstand der Freien Vereinigung waren Vertreter des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden,. des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer, des orthodoxen Rabbinerverbandes, des Gruppenverbandes der Agudas Jisroel und der Jugendorganisation der Agudas Jisroel anwesend. Auf der Tagesordnung stand die ganze Fülle der praktischen religiösen Ausgaben, deren Lösung die Zeitverhältnisse in Deutschland außerordentlich erschweren. Nach eingehender Besprechung wurden Beschlüsse sowohl hinsichtlich der Mazzosversorgung wie auch hinsichtlich der Versorgung mit Tefillin, Mesusoth, Z i z i t h gefaßt. Außerdem wurde die Frage der Ausbildung von Lehrern, im besonderen von Religionslehrern, sowie der Ausbildung von Motz e l i m eingehend erörtert. Was namentlich die Mazzosversorgung betrifft, soll der Vorstand der Freien Vereinigung gemäß den gefaßten Beschlüssen geeignete Schritte ergreifen, um die Lieferung von Mazzos zu angemessenen Preisen zu bewirken. Eine Zentralisierung der Mazzosversorgung ist für das nächste Jahr ins Auge gefaßt. Von der agudistischen Jugendorganisation sollen Schritte zur Gründung einer Konsumgenossenschaft für Ritualien unternommen werden. Mazroz-Bersorgung. Frankfurt a. M., 20. Nov. Mit Rücksicht auf die zur Zeit in Deutschland herrschende Not erscheint es als unabweislichs Pflicht aller Gemeinden, rechtzeitig festzustellen, welche Familien in ihrer Mitte außerstande sind, die Kosten für Mazzos selbst zrl tragen. Der Vorstand der „Freien Vereinigung" bittet die Herren Rabbiner, Lehrer und Gemeindevorstände, sowie ihre Vertrauensleute um Einsendung von Unterlagen, damit versucht werden kann, eine ergänzende Hilfe zu schaffen, soweit die Gemeinden selber hierzu nicht allein im Stande sein sollten. Kommt. Die Flucht der Juden aus München hat in den letzten Tagen geradezu die Form einer Panik angenommen, da ihnen fortwährend die Einkerke rung in einem oberbayerischen Konzentrationslager angedroht wird. Zahlreiche Christen, die mit jiidifchen Familien befreundet waren, haben in vornehmster Weife auch im Unglück ihren Freunden die Treue gehalten. Mehrere christliche Frauen, die mit Juden verheiratet find, befinden sich unter den Flüchtlingen. Die aus ihrer Heimat Vertriebenen betrachten Wien nur als Dnrchgangsstation. Die meisten von ihnen wollen nach England oder Amerika reisen, wo sie einer freundlichen Ausnahme sicher sind. Sabbat-Anfang und -Ausgang. ntosn row Ort: Änf Uhr rng Min. D 1923 ltum 5684 Ausg. Uhr iMin Frankfurt a. M. 4 05 24. 16. 5 20 Berlin .... — — Nov. Kislew — — München . . . 4 30 5 10 Köln. 4 25 5 25 Stuttgart . . . 4 30 5 20 Breslau.... 4 10 4 40 Nürnberg . . . 4 10 5 09 Hamburg . . . 4 — 5 03 Buna Mischer Asnttoiaatrn. Berlin, 16. Nov. Aus den Kreisen der jüdischen Frontsoldaten wird uns u. a. geschrieben: In den Zeiten der Gefahr und der Not, wie wir sie jetzt durchleben, strömen dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten immer neue Freunde und auch die so heiß ersehnten bitterlich notwendigen „Gaben" zu. Das Eis der Indifferenz bricht,' und es zeigt sich ein lebhaftes Interesse für die Frontsoldaten. Diesen neugewonnenen „Novemberinteressenten" scholl kein abwehrendes „zu spät" entgegen; aber der weitaus größten Zahl unserer Glaubensgenossen mutz noch auseinandergesetzt werden, was der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eigentlich will: Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ist nicht gewillt, die maßlosen Drohungen deutschvölkischer Gegner zur Tat werden zu lassen. Er wird alles aufbieten^ um zu verhindern, daß ruchlose Gesellen sich an jüdischem Leben vergreisen. De- Reichsbund jüdischer Frontsoldaten will die lebende Statistik der jüdischen Frontkämpfer sein. In jeder tunlichen Form stellt er fest, daß die Juden im Weltkriege ihren christlichen Kameraden in nichts an Opfermut und Lebenshingabe nachstanden. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten tritt ttt Wort und Tat in der Großstadt und im Kurort für Schlichtheit und Takt in Kleidung und Auftreten eines, jeden Juden ein. Er hat bereits vielerorts erzieherisch gewirkt. Selbstzucht ist das hohe Ziel des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ist ein Freund der körperlichen Ertüchtigung. Er steht eng zur jüdischen Jugend. Die Jugend steht mit in der Abwehrfront. Sie soll das Rekrutendepot des Frontbundes werden. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat beschlutzgemäß jede Auseinandersetzung über parteipolitische Fragen, über Standpunkte der verschiedenen jüdischen Richtungen verboten. Mit allen jüdischen Organisationen verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis. „ver Plan". München, 10. Nov. Der Wiener „Tag" läßt sich unter dem 5. Nov. aus München berichten: „Die bis jetzt vereinzelten Iudenausweisungen werden nunmehr, besonders unter { dem Einfluß der Nationalsozialisten, gesetzlich geregelt. Die Iudenfrage wird in Bayern grundsätzlich und! gesetzgeberisch aufgerollt werden. Es ist der Plan, sämt-