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Der Israelit · 1923-11-22 · Heft 47 (22.11.1923) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 47 (22.11.1923)
Date
1923-11-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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22. November 1923 Der Israelit Nr. 47 Seite 3 schäften Mit dem Strafgesetze (Wuchergesetz) in Konflikt gekommen sind, in der Hauptsache aber um unbescholtene Familien, deren Verbrechen einzig darin besteht, daß sie durch redliche Arbeit zu Vermögen gekommen sind oder um „Schädlinge", die zum Beispiel vor zehn Jahren einmal ihr Personal an einem Landesfeiertag eine Stunde zu lang beschäftigt und ähnliche Verbrechen begangen haben. Ueber die Schädlinge jüdischer und christlicher Konfession sind wir uns alle einig, und darüber hätten die nationaldeutschen Juden füglich schweigen können. Was aber die Unschuldigen betrifft — darüber hätte der Verband erst recht schweigen sollen, wenn er kein Wort der Teilnahme und der Entrüstung findet. Anwidernd auf alle Fälle ist die auch bei dieser Gelegenheit gegebene Erklärung, beharrlich an den nationalen Aufgaben Mitarbeiten zu wollen. Arbeiten wollen wir wirklich trotz allem und allem, aber ausgerechnet die Münchener Vorgänge zum Gegenstände einer solchen Erklärung zu machen, erscheint uns doch etwas stark. Elia. Hin prophetisches Hyarakterörkd nach Wiöek, Jakvrud und Midrasch. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Attmann in Trier. (Fortsetzung.) Wenn man von jemandem sagen will, wie er ist, so hat man zweierlei im Auge. Erstens: wie er ist für sich selbst und zweitens, wie er ist für andere. Nach dem Hauptgrundsatze der jüdischen Lehre soll man für andere genau so sein wie für sich selbst. Geringe Naturen können das am schwersten über sich bringen, hochstehende Menschen gehen aber darüber noch hinaus. Für sich selber garnichts oder nur wenig, für andere alles. So Hochstehende gehören freilich nicht mehr zu den gewöhnlichen Menschen der realen Welt, sondern ragen schon mehr in die inlelligible Welt des Idealen hinein. Eine solche Persönlichkeit der höchsten Idealität war der in seinem äußeren Auftreten Angst und Schrecken einjagende Elia. Drei Güter sind es, für die der Mensch sich zumeist besonders müht: Leben, Besitz und Familie. Allen dreien entsagte Elia, um nur ganz und gar freie Hand zu haben für den Dienst seines Ideals, nämlich den Glauben der Väter seinen Volksgenossen zu retten. Rührend ist die traurige Einsamkeit seines Lebens. Kein geliebtes Weib waltete ihm für eine traute Häuslichkeit, keines Kindes Trost und Freude labte und erquickte sein verbittertes Gemüt. Gemieden und gefürchtet von allen, gehetzt und verfolgt von den meisten, waren Raben und Wüstentiere seine Genossen, Felsenspalten und Gebirgsgrotten seine Behausung, einmal ein armseliger Ginsterstrauch sein Bett und ein anderesmal ein seichtes Bächlein seine Labung. Für sich selber war er gleichgiltig und hilflos, aber für das Glück anderer, wie wußte er schnell zu helfen. Für sich allein hat er nie das Wunder des Himmels herabbeschworen, aber als es auch für die Witwe zu Zarepta und ihr Kind einzutreten galt, sprang er ein und erwirkte, daß das Mehl im Eimer nicht aufhöre und das Oel im Kruge nicht abnehme. Seine eigene Familienlosigkeit ließ ihn kalt, aber als der armen Witwe, bei der er hauste, das einzige Glück entrissen werden sollte, ihr Söhnchen vom. Tod berührt wurde und sie meinte, er als der verschrieene Unglücksbringer, habe ihr das Unheil ins Haus gebracht, wie geriet er da außer Fassung. Auf die Unglückseligkeit seiner Lebensrolle hinspielend rief er, mehr aufschreiend als flehend zu Gott:' „Herr, läßt Du es auch der Witwe, bei der ich mich aufhalte, so arg ergehen . . .?" und warf sich, Gottes größte Wundermacht, die Totenbelebung herabbeschwörend, auf das entseelte Kind und erwärmte es wieder zum Leben. Nicht minder heroisch mutet seine Verachtung jedes weltlichen Besitzstrebens an. Armut und Entsagung waren ihm zur zweiten Natur geworden. Sein Nasiräertum, dem er sich hingab, war ihm wirkliches Erleben und Wollen, weshalb ihm die scheußliche Besitzgier Achabs mit dem Weinberg Nabots Fluch und Verwünschung entlockte. Am ergreifendsten, wenn auch nicht gerade am bewundernswertesten erscheint er uns in der rein menschlichen Rolle, nämlich in der schwachen Stunde seines Lebensüberdrusses. Auch Elia war nur Mensch, will die Bibel lehren. Aus der Lebensverachtung kann auch bei Hochstehenden Lebensüberdruß werden. Am Höhepunkte seiner Tragik, auf der hastigen, entnervenden, fürchterlichen Flucht durch die Wüste, übermannte ihn die Verzweiflung und er bat: „Es ist genug, Gott, nimm meine Seele . . Bei näherer Betrachtung wird es jedoch klar, daß Elia nicht sterben wollte, weil ihm die irdischen Leiden auf dem Wege seiner Mission lästig zu werden begannen. sondern weil er an dem schließlichen Erfolg seiner mit soviel Eifer vertretenen Sache zu verzweifeln begann. Kurz zuvor hatte er den stärksten Trumpf gegen die Gotteswidersacher ausgespielt. Es war ihm gelungen, Achab und alles Volk von der Nichtigkeit der Götzen und ihrer Vertreter und von der EXistenz Gottes und seiner Alleinigkeil zu überzeugen. Das Geistesturnier auf dem Karmel, wo er sich 450 Baalspriestern als allein übriggebliebener Gottesprophet gegenüberstellte und sie mit beißendem Spotte und vernichtender Satire tötlich blamierte und dann auch tötete, hatte seiner Gotteseiferung den höchsten Triumph verliehen, denn alles Volk fiel nieder und bekannte das, wofür er litt und stritt, nämlich: „Der Ewige ist der wahre Gott.- der Ewige ist der wahre Gott." Aber, siehe da, auch das war vergeblich. Achab und Israel gerieten trotzdem gleich daraus wieder in den verderblichen Bann Jsebels, die in Wirklichkeit allein das Szepter der Regentschaft führte. Elia wurde abermals, mit noch ingrimmigerem Hasse als bisher verfolgt, ohne auch nur von jemandem geschützt und ausgenommen zu werden. Die Hydra des Heidentums erhob nach wie vor ihr Haupt und Elia sah jetzt keinen anderen Ausweg als den Tod. Aber das war das Tragischste in seiner Tragik. Bis jetzt war er nur von den Menschen ausgestoßen und verfolgt, nun zog er sich auch das Mißfallen Gottes, für den er gekämpft und gerungen und alles einsetzte, zu. Den Tod sich wünschen beim eigenen Mißerfolg ist in den Augen Gottes nicht heldenhaft. Es geschieht zumeist dadurch, daß man die Gründe außerhalb sich selber sucht und nicht sich selbst hierfür verantwortlich macht, es unterläßt, den Grund in den eigenen Fehlern zu suchen. Auch in dieser Tragik aller Tragik, in seinem gigantischen Ringen mit Gott, ist er ein getreues Abbild des Judentums geworden. Ein Ringen, das schon mit der Gestalt des Erzvaters Jakob in Erscheinung tritt, da ihm zugerufen ward: ,,-— gekämpft hast du mit Göttlichem und mit Menschen und hast obgesiegt". (Genesis, 32/29.) Israel, das Streitervolk für Gott, verfeindet sich um Gottes willen mit den Menschen aller Welt und verfolgt und ausgestoßen, wird es auch noch von Gott verstoßen und wenn es sterben und untergehen wollte aus Verzweiflung, wird es ihm verargt,' denn „nicht sterben, sondern leben und erzählen die Werke Gottes" fordert Israels Bestimmung in den Psalmen. Nicht sterben, und sich aufgeben, mahnt das Kämpferbild Jakobs, sondern Ringen und obsiegen, gleichsam auch Gott und seinen Zorn besiegen durch zähes Festhalten am Leben als Israel und suchen nach den Fehlern in sich selbst. — Elia war in seinem heiligen Eifer schließlich zu weit gegangen. Er war mehr Eiferer geworden als Eifriger. Er ward als Verfolgter schließlich selber auch ein Verfolger und das war ein Schatten in seinem erhabenen Uleines Feuilleton. Was Münchener Flüchtlinge in Wien erzählen.'' Schauerlich war es vor neun Jahren, als friedliche Menschen, von Haus und Hof verscheucht, mit entsetztem Blick, in dem eine irrsinnige Angst flakkerte, aus den Grenzgebieten nach Wien flohen. Greise, Kinder, schwangere Frauen wanderten wie gehetzt in Nacht und Kälte aus der Landstraße zur nächsten Eisenbahnstatton, und mit scheuer Gebärde sahen sie sich alle paar Minuten zitternd um, ob nicht schon die waffenstarrenden Gestalten feindlicher Soldaten hinter ihnen austauch;en. Schauerlich war es damals. Aber was wir jetzt -erleben, ist weit schauerlicher, denn es ist unnatürlich. Die Flüchtlinge, die mit den Münchner Zügen auf dem Westbahnhose in Wien eintreffen, sprechen die deutsche Muttersprache, haben ihr Leben in Deutschland verbracht. sind durch tausend unzerreißbare Fäden mit Deutschland verwachsen und wurden dennoch von Menschen, die sich Deutsche nennen, aus ihrer deutschen Heimat hinausgepeitscht. Ein unheimliches, mittelalterliches Gespenst, das man im zwanzigsten Jahrhundert eigentlich nur noch im halbzrvilisterten Osten Europas vermutet hätte, geistert jetzt bei hellichtem Tage durch die Straßen einer deutschen Stadt: das Gespenst der Judenverfolgungen. *) Aus der «Neuen Freien Presse" vom 31. Oktober 1923. Spricht man mit den Flüchtlingen, die vor ein paar Tagen in München den Ausweisungsbefehl erhielten. bei den Behörden verzweifelt und vergebens um einen Aufschub flehten, aus ihren Wohnungen auf die Straße geworfen wurden und dann von den Gassenbuben verspottet und vom Pöbel bespien, zum Bahnhof eilten, spricht man diese aus ihrer Heimat Verstoßenen, so staunt man vor allem darüber, daß sie kein Wort der Verbitterung, der Anklage finden. «Deutschland ist schwer krank, es fiebert und weiß nicht, was es tut", sagt ein alter Mann, der sich durch dreißig Jahre kümmerlich genug als Hauslehrer in München fortgebracht hatte und jetzt mit seiner Schwiegertochter (sein Sohn ist im Kriege gefallen) und deren zwei Kindern aus München geflohen ist, weil er jeden Morgen die Tür seiner Wohnung mit der hakenkreuzverzierten Drohung: «Tod den Juden!" besudelt fand. Er bekam anonyme Briese, die ihn als Wuchererund Landesverräter beschimpften. Wucherer? Landesverräter? Er ist ein armer, alter Privatlehrer, sein Sohn ist als deutscher Soldat im Kriege gefallen. Aber er ist ein Jude. «Wie in der Hölle haben wir gelebt," erzählt seine Schwiegertochter mit vor verhaltenem Weinen bebenden Lippen. In den letzten Wochen hat niemand im Hause mit uns ein Wort gesprochen, Leute, mit denen wir früher freundschaftlich verkehrt hatten, sind uns plötzlich ausgewichen, als ob wir Aussätzige wären. Wenn ich für den Haushalt Lebensmittel einkaufen wollte und im Geschäft als Jüdin erkannt wurde, so hat man mir keine Ware gegeben, sondern mich verhöhnt: «Gehen Sie nach Jerusalem!" Oft genug sind wir ohne Mittagessen geblieben, weil ich mich buchstäblich nicht getraut habe, auch nur die nöttgsten Einkäufe zu besorgen. Neulich hat mir : auf der Straße ein junger Mensch von der Hittler- Garde aus Mutwillen eine schallende Ohrfeige gegeben und mich angespuckt, und der Schutzmann, den ich um Hilfe gebeten habe, hat mich ausgelacht. Am ärgsten aber ist es, wie sie die Kinder verhetzen. Meine zwei Kleinen sind Kriegskinder, das Mäderl ist acht, der Bub sieben Jahre alt. In der Schule kümmern sich die Lehrer nicht um sie. Die Mitschüler sagen meinem kleinen Jungen: «Dein Vater war ein Drückeberger" und die Mädchen verspotten mein Töchterchen: «Du willst mit uns spielen? Schau, daß du weiterkommst!" Die Kinder sind eben verhetzt, sie können nichts dafür und wissen nicht, wie sie sich versündigen, aber mir tun diese Demütigungen weh'. Was haben wir denn getan! Mein Mann ist in Flandern gefallen . . . ." Auch die Schicksale der anderen Flüchtlinge sind von tiefer Tragik überschattet. Man glaubt, Geschichten aus der Zeit des finsteren Zarismus zu hören, wenn man von Hausdurchsuchungen in frühester Morgerstunde und von einem Spitzelsystem vernimmt, das sich bestochener Hausgehilfinnen. Agents provogateurs, und des ganzen Arsenals eines Haffes bedient, der um jeden Preis doch wenigstens den Schatten eines Vorwandes für die Vertreibung unschuldiger Menschen vortäuschen will. Die Judenausweisungen haben bisher etwa 170 Familien betroffen. und zwar handelt es sich keineswegs nur um Ostjuden, sondern auch um Juden aus der Czecho-Slowakei, aus Oesterreich, ja sogar aus Preußen und anderen deutschen Staaten. Unter diesen bedauernswerten Menschen, die als «lästtge Ausländer" abgeschoben werden, finden sich solche, die seit mehr als zwei Menschenaltern in München gelebt und dort angesehene Stellungen bekleidet haben.

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