Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1923)
- Date
- 1923-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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22. November 1923 liche Juden als fremde, zum größten Teil feindselige Rasse unter ein besonderes Fremden- oder Ausländerrecht zu stellen, um die schädlichen Einflüsse des Judentums auf das deutsche Volk zu unterdrücken. Den Juden ist es bei Gefahr der sofortigen Ausweisung und Vermögenskonsiskation verboten, sich in die Politik Bayerns hineinzumischen. Kein Jude darf auf das Programm einer nichtjüdischen Partei in irgendwelche staatlichen oder autonomen Aemter und Körperschaften eintreten. Deutsche Zeitungen dürfen nur von Deutschen geschrieben werden. Jüdische Journalisten werden aus Bayernausgewiesen. Bayrische Zeitungen, welche ausländische jüdische Korrespondenten unterhalten, werden verboten. An deutschen Schulen dürfen Juden als Lehrer und Erzieher nicht verwendet werden. Ebenso sind gewisse Berufe, die eine große sittliche Verantwortung voraussetzen, wie Richter, Rechtsanwälte usw., den Juden verschlossen. Im Großen und Ganzen plant man also in Bayern, als dem ersten Land der Erde, die durch das Judentum über das deutsche Volk gebrachte kulturelle, politische und materielle Verseuchung und Vergiftung gesetzgeberisch zu bekämpfen. Diese Behandlung des Judentums im Sinne der antisemitischen Rassenfrage geht vor allem auf den Einfluß der Nationalsozialisten zurück, deren Wahlspruch lautet: „Durch innere Reinheit zur völkischen Freiheit!" Wir glauben, von diesem Plan schon einmal gelesen zu haben. Er hatte damals als Ausstellungsort Petrogad und unterschrieben war er von Jgnatiev oder Stolypin. Jndeß glauben wir doch, hier mehr den Plan des „Tag", als den des Herrn v. Kahr erblicken zu dürfen. OefteVVerch. CtolRiscfter terror an der Wiener Universität. Wien, 19. Nov. Die Wjener Universität und alle Universitätsinstitute wurden heute vom Rektor auf unbestimmte Zeit für gesperrt erklärt. Veranlassung zu dieser Strafmaßnahme gab das gewalttätige Eindringen völkischer Studenten in mehrere Hörsäle, um den bisher erfolglos gebliebenen Versuch zu wiederholen, die Entfernung der Juden und der Sozialdemokraten auf diese Weise zu erzwingen. Studenten und Studentinnen wurden von Hakenkreuzlern tätlich angegriffen, wobei Kundgebungen für Hitler und Ludendorfs veranstaltet wurden. Die sozialdemokratischen Studenten forderten, da sich die Universitätsorgane als zu schwach erwiesen haben, um den Universitätsbetrieb zu sichern — die Autonomie der Hochschule verwehrt nämlich der Polizei das Betreten des akademischen Bodens —, daß hier Wandel geschafft werde. p$lcn. Die jüdische Presse zu den Husweisungcn in Bayern. Warschau, 8. Nov. Die Warschauer jüdische Presse bespricht nach Berichten des I. C. B. eingehend die Ausweisung von Juden aus Bayern. Es wird die Schaffung eines besonderen Komitees jüdischer Aerzte und Kaufleute gefordert, das Maßnahmen zu einem antibayerischen Boykott treffen soll. Es wird angeregt, daß die Aerzte ihren Patienten abraten, bayerische Kurorte aufzusuchen und daß die jüdischen Kaufleute keine Waren aus Bayern beziehen sollen. Dies würde besonders die Uhren- und Spielwaren-Jndustrie Nürnbergs treffen. (Es bedarf keiner weiteren Erörterung, daß wir den Boykott für eine unjüdische Waffe halten, deren wir auch im Abwehrkampfe uns nicht bedienen sollten. Red.) Polen und die Ausweisungen von Juden in Bayern. Warschau, 19. Nov. Aus eine Anfrage des Abgeordneten Reich in der großen Kommission des Sejm betr. die Stellung der polnischen Regierung zu den Ausweisungen jüdischer Staatsangehöriger Polens durch die bayrische Regierung erklärte Minister S e y d a, die polnische Regierung habe in Berlin und München energische Vorstellungen erhoben und sich Repressalien gegenüber den auf polnischem Gebiet lebenden Deutschen Vorbehalten. Der Israelit tiumattimt. Bukarest, 12. Nov. Bekanntlich hat der Völkerbund beschlossen, sich der in Rumänien befindlichen russischen Flüchtlinge anzunehmen. Der damit beauftragte Delegierte des Völkerbunds, Robert B r u n e l, ist hier eingetroffen und verhandelt mit den Ministerien über die besten Methoden der Auswanderung. Wer Verwandte in Rumänien hat, darf im Lande bleiben. Die übrigen erhalten Erleichterungen verschiedener Art, insbesondere freie Eisenbahnfahri. Der rumänische Universitätsantisemitistnus. Jassy, 15. Nov. Im Anschlüsse an die feierliche Eröffnung der Vorlesungen an der Universität in Jassy hielten die c u z i st i s ch e n Studenten, ca. 50 an der Zahl, in der Aula eine Sitzung ab, in welcher sie beschlossen,, die antisemitische Agitation fortzusetzen. Sie redigierten eine in diesem Sinne gehaltene Deklaration, welche noch bei der Feier verlesen werden sollte. Prorektor B a c a l o g l u ließ dies nicht zu, gestattete jedoch, daß seitens der „Nationalisten" ein Redner auftrete und erteilte dem Studenten Lazareanu das Wort. Dieser erinnerte die Studenten an den seinerzeit geleisteten heiligen Eid, den „numerus clausus" zu verwirklichen. Nach der Feier versammelten sich die 50 cuzistischen Studenten neuerlich und beschlossen, keinen Juden auf die Universität zu lassen. Nach diesem feierlichen Beschlüsse begaben sie sich auf die Straße, wo ihnen jedoch der Polizeipräfekt entgegentrat, der sie aufforderte, sich zu zerstreuen. Als Antwort bewarfen sie den Präfekten Mit faulen Eiern. Ein Student wurde verhaftet und zu einer Strafe von 5000 Lei verurteilt. flmcriRatiisclK Einwanderung. Newyork, 10. Nov. Das Staats-Departement macht bekannt, daß Rabbiner, Witwen von Rabbinern und deren Kinder unter 18 Jahren auch dann zur Einwanderung zugelassen werden, wenn die Einwanderungsquote ihres Landes erschöpft ist. Personalien. Ronsdors (Rhld.), 1. Nov. Am Freitag Parschas Lech lecho starb hier nach ganz kurzer Krankheit Frau Johanna Löwenthal. Aus einem arbeitsreichen, schicksalsschweren Leben wurde sie plötzlich abberufen, um eine unausfüllbare, schmerzliche Lücke in unserem kleinen jüdischen Kreise zu hinterlassen. Nach dem frühen Tode ihres Gatten war ihre Lebensaufgabe gewesen, ihre Kinder in jüdischem Sinne zu erziehen, trotz all der Schwierigkeiten, die die an Juden und Judentum so arme Heimat brachte. Aber aufgewachsen in der alten Kehillo Fürth i. Bayern, besaß sie in höchstem Maße die Fähigkeit, diese Aufgabe zu erfüllen, und an der Seite treu helfender Verwandten wirkte sie mit, inmitten einer Wüste von Liberalismus, eine blühende Oase wahren Judentums zu erhalten. Ihre persönlichen Eigenschaften machten sie auch in christlichen Kreisen beliebt wie kaum eine andere. Ihre Selbstlosigkeit, ihr innerer Lebensmut war vorbildlich für jedermann. Mit fast übernatürlicher Ergebung ertrug sie den zweiten, schweren Schicksalsschlag ihres Lebens, als ihr einziger Sohn ein Opfer des Krieges wurde und nun galt ihre ganze Sorge und Liebe ihren drei Töchtern, davon zwei wieder jüdische Häuser gegründet haben und die nun im Kreise der Verwandten den Heimgang der Mutter beweinen. Gott möge die Leidtragenden trösten und das .Andenken an die teure Verstorbene ihnen zBn Segen werden. Zwittau (Mähren), 16. Nov. Herr Rabbiner Dr. Felir Kanter sieht am 1. Dezember d. I. auf eine 25 jährige, gesegnete Amtstätigkeit als Rabbiner der hiesigen Gemeinde zurück. Herr Rabbiner Dr. Kanter, der unseren Lesern wohl bekannt ist, wird auch als Schriftsteller und Verfasser religiös belehrender Werke weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus hochgeschätzt. Die Gemeinde rüstet sich, das Jubiläumsfest würdig zu begehen. Briefkasten. S. Salomon in Strzyzoiv. Betrag erhalten^ Sie schulden uns noch bis 1. 1. 24 eine Goldmark^ Vvo. S. M. M. Nur 30 Frs., n i ch t 40 eingegangen und'Bestimmungsort überliefert. A. I. N. in Preny. Iudäus „Raw" leider vergriffen. Wollen Sie über den Betrag anderweitig verfügen. N. P. in Würzburg. In Ihrem Falle, da es sich um ein schwer erziehbares Kind handelt, empfehlen wir Ihnen sich an Fr. Anna Feuchtwanger-Fürth zu __Nr. 47 Seite 5 wenden. Erfolge in ähnlichen Fällen sind uns von dort bekannt. Familiennachrichten. B armizw o. Willi, Sohn des Herrn Daniel Neumann und Frau Meta geb. Strauß. Würzburg, Bibrastraße 6. frankfurter Berichte. Die Schüleranmekdungen zu Wern 1924. Der Schüleranmeldung für das nächste Schuljahr kommt diesmal im Kreise der Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft" eine ganz besondere Bedeutung zu. Von diesem Zeitpunkt an wird die Geltung des Reichsgrundschulgesetzes auch auf die Realschule und das Lyzeum ausgedehnt; darum müssen ab Ostern die Vorschulklassen abgebaut werden und Schülerausnahmen für die untersten Klassen (Knaben wie Mädchen) dürfen nicht mehr stattfinden. Alle Schüler, so verlangt es das Gesetz — müssen in den ersten vrer Schuljahren die Unterklassen einer Volksschule (Grund schule) besuchen. Hier in Frankfurt erstreckt sich das Gesetz ab Ostern auf alle Schulen. Auch die privaten Lyzeen, die rite noch einige Jahre Zeit zum Abbau hätten, nehmen infolge eines Abkommens mit der Stadt als Gegenleistung für die Gewährung einer Subvention weiterhin keine Schülerinnen für ihre Unterklassen auf und bauen ihre Vorschulen schrittweise ganz ab. Nachdem nun die städtischen Schulbehörden den Termin für die Schulanmeldung aus die Zeit vom 22. bis 27. November festgesetzt haben, werden alle Eltern, deren Kinder im Frühjahr schulpflichtig werden, vor die ernste Frage gestellt, welcher Volksschule sie ihr Kind zuführen sollen. D ie Schule ist wohl eines der festesten Bänder, das die einzelnen Glieder der Religionsgesellschaft seit nun bald siebenzig Jahren mit dem Ganzen verknüpft. Es mutz darum als ein großes Glück bezeichnet werden, daß unter dem Patronat der Religionsgesellschaft und mit großen Opfern aus ihrer Mitte, seit über 40 Jahren die israelitische Volksschule unterhalten wird, die einen vollwertigen Ersatz für die wegfallenden Vorschulklassen bietet, und die fort-an das Fundament der Lehran st alten der Gemeinde bilden wird. Sie steht allen jüdischen Kindern Frankfurts, die nun vier Jahre lang eine Volksschule besuchen müssen, offen, und bewahrt alle diese Kinder davor, am rov die städtischen Schulen besuchen zu müssen, wo sie häufig schon in frühester Jugend der Gefahr eines naw ViV’n ausgesetzt sind. Von frühester Jugend an werden die Schüler wie bisher im Geiste des echten Judentums unterrichtet und erzogen; in der öffentlichen Schule läßt sich der in der zarten Jugend doppelt schädliche Einfluß andersgerichteter, religiöser und kulsiireller Elemente garnicht ausschließen; es^ werden gerade die besten dieser Schulen sein, in denen diese Gefahr am größten ist. Die Schüler erhalten selbstverständlich in der jüdischen Volksschule ein genügendes Maß von hebräischem Unterricht. Da das bisherige profane Jahrpensum der drei Vorschulklassen auf vier Jahre verteilt wird, der Unterrichtsbetrißb, namentlich der moderne, einer Volksschule die in der Vorschule und der bisherigen Serta garnicht zu umgehende häusliche Belastung der Schüler in hohem Maße einschränkt, so bleibt den Schülern viel mehr Zeit als bisher für die Einführung kn das Thora- Lernen. Die israelitische Volksschule wird rechtzeitig Maßnahmen treffen, um allein oder in Verbindung mit anderen Institutionen (z. V. der Thoralehranstalt) diesen nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil im Interesse der Gesamth ei tauszu nützen. Noch eines ist zu beachten. Wenn auch im allgemeinen nicht zu befürchten ist, daß die jüdischen Kinder in den städtischen Volksschulen von Seiten der Lehrer Anfechtungen und Bedrückungen wegen ihres Judentrlms ausgesetzt sein werden, im Gegenteil die Schulbehörden hier sicher jederzeit ihre Pflicht tun, so dürfte die Gesinnung und noch mehr das Tun ihrer Mitschüler angesichts der ungeheuren Verhetzung in den Volksmassen gerade gegenwärtig nicht ohne Bedenken sein. Es ist auch nicht so, daß die Eltern sich die Volksschule für ihre Kinder beliebig wählen können. Sie sind immer an die n ä ch st g e l e g e n e, für jüdische Kinder überhaupt offene Schule gebunden. Selbstverständlich wird die israelitische Volksschule alle Vorkehrungen treffen, um ihren neuen Schülern den Ilebergang nach jeder Richtung zu erleichtern; sie weiß, daß eine so einschneidende Äenderung, man darf sagen, altüberlieferter Zusammengehörigkeit von Haus und Schule, manchen Eltern, die selber die Realschule von Kindheit an besuchten, jetzt nicht ganz leicht fallen wird. Es wird darum gerne vernommen werden, daß aus räumlichen Gründen die neuen Aufnahmeklassen in den alten, gewohnten Räumen des Schulhauses Am Tiergarten 9 untergebracht werden. Der Unterricht der Volksschule ist schon seit mehreren Jahren auf die anerkannt guten Grundsätze der pädagogischen Reformbestrebungen eingestellt und erzielt damit ebenso schöne Erfolge wie die städtischen Volksschulen, die nun schon seit drei Jahren von Schülern aus allen Vevölkerungsschichten besucht werden, da die V o r s ch u l e n i n der S1 a d t s ch o n seit drei Jahren abgebaut s in d. Jedenfalls