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Der Israelit · 1923-11-15 · Heft 46 (15.11.1923) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 46 (15.11.1923)
Date
1923-11-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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15. November 1923 Nr. 46 Seite 7 erblicken. Sie dauerten von Montag Vormittag bis Dienstag nacht mit Unterbrechungen und wechselnder Jntensivität an. Ihren Ausgang nahmen sie Montag Vormittag 11 Uhr vom Arbeitsamt in der Aleranderstraße, wo sich Zehntausende Erwerbslose ansammelten, um ihre Unterstützungen abzuholen. Als erklärt wurde, es sei vorerst kein Geld in der Kasse, waren gleich Agitatoren zur Hand, die dem aufgeregten Volke klar machten, die Galizier in der Grenadierstraße usw. hätten alle Noten eingehamstert und alles wertbeständige Notgeld ausgekauft. Sofort begannen die Plünderungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen, die Verprügelungen und „Entkleidungen" harmloser Passanten. Dies kam alles so plötzlich und überraschend, daß keiner den Laden geschlossen, keiner an Schutzmatzregeln gedacht hatte. Polizei war vorerst nirgends zu sehen. Einige Juden wurden bei diesen Entkleidungsszenen so schwer mißhandelt, datz sie in die Spitäler verbracht werden mutzten. Als gegen 12 Uhr Schupoleute anrückten, fielen von der Menge aus Schüsse. Zunächst beschränkte sich aber die Polizei daraus, sich wehrende Juden zu verhaften. Ein jüdischer Arzt, der bei Ausübung seines Berufes überfallen und dann mit verhaftet wurde, beklagt sich in der „Vossischen Zeitung" über ernstliche Mißhandlungen, die ihm und den andern verhafteten Juden auf dem Kasernenhof vonseiten der Polizei zuteil geworden sind. Am Montag abend erreichten die Ausschreitungen ihren Höhepunkt und hörten auch die ganze Nacht nicht auf. Freilich wurden im Dunkel der Nacht auch viele nichtjüdische Personen überfallen und ausgeplündert. Neben deutschvölkifchen Agitatoren sah man auch kommunistische Hetzer. Die ersteren schrieen: „Schlagt die Juden tot!", die letzteren hetzten gegen „das Kapital" und „die Ausbeuter", im Effekte kam es auf das Gleiche heraus. In den jüdischen Metzgerladen des Herrn Silberberg flüchteten sich einige verfolgte, halbnackte Juden, die dieser in hochherziger, aufopfernder Weise zusammen mit seinem Schwiegersohn zu schützen suchte. Der Mob stürmte nach. Es gab einen Kampf mit Messer und Beil. Als die Polizei an dieser Stelle endlich einschritt, war es bereits geschehen. Silberberg und sein Schwiegersohn waren schwer verletzt. Ersterer ist an dem zweiten Tag seinen Verletzungen erlegen. Einem ähnlichen Schicksal entging noch mit knapper Not der Geschäftsführer der Ortsgruppe des Zentralvereins Grotz-Berlin, der sich gewissermaßen in Erfüllung seiner Berufspflicht an Ort und Stelle begeben wollte. An der Ecke Kaiser Wilhelm- und Hirtenstratze wurde er scheinbar von einem deutschvölkischen Kommandoführer erkannt und vom Trupp sofort zu Boden geschlagen. Zum Glücke kam ein Polizeikommando des Weges, das ihn vor dem sicheren Tode rettete. Trotz Eingreifens der Polizei und scharfer Anordnungen der Regierung, deren Organe Montag abend im preußischen Ministerium Beratungen abhielten, dauerten die Plünderungen am Dienstag fort. Im Scheunenviertel, das in der Hauptsache die Münz-, Dragoner- und Grenadierstraße umfaßt, kam es wieder zu großen Menschenansammlungen und zu ernstlichen Zusammenstößen mit der Polizei, die jetzt, dank dem löblichen Zupacken des Oberst K a u p i s ch , vollauf ihre Pflicht tat. Es kam wieder zu kleineren Plünderungen, die erst dann ein Ende nahmen, als die Polizei Verstärkungen heranzog und das ganze Viertel abriegelte. Einen Juden sah man am Dienstag überhaupt nicht mehr auf der Straße. Der allgemeine Eindruck geht dahin, daß die Ausschreitungen wohl im wesentlichen mehr als Hungerkrawalle, unterstützt vom gewerbsmäßigen Verbrechertum, anzusprechen sind, auf der andern Seite aber den deutschvölkischen Hetzern gelungen ist, die Not und Verzweiflung der Erwerbslosen für ihre Zwecke auszunutzen und auch notorische Verbrecher als Instrument in die Hand zu bekommen und gegen die Juden loszufeuern. Es ist gut, daß auch die Behörden nunmehr die Sache von dieser Seite erkannt haben und den Kampf als ein Kampf gegen Verbrecher auffassen, zu denen in erster Reihe natürlich auch die Agitatoren, völkisch oder kommunistisch, gehören. vre vusschrerrungen uns üer nvwehryerern, Berlin, 8. Nov.; Der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus erläßt einen Aufruf, worin er auf den _Der Israelit_ Zusammenhang der antisemitischen Hetze mit den Plünderungen jüdischer Geschäfte und der Mißhandlung jüdischer Bürger hinweist und betont, daß die Not unseres Volkes nicht gelindert, sondern verschärft wird, wenn die geordnete Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidern und Hausbedarf durch Plünderungen und Verfolgungen aufs schwerste gestört wird. Cr weist ferner auf die Schädigung des deutschen Ansehens im Ausland hin, die eintrete, wenn es nicht gelinge, in dieser Zeit dem Ausland die Ueberzeugung beizubringen, datz es noch das alte Kulturvolk von hoher Sittlichkeit sei. „Wem Ehre und Zukunft des deutschen Volkes ernsthaft am Herzen liegt, der trete ein mit uns gegen Wucher und Verschwendung, Ausbeutung der Not des Volkes, aber auch gegen.jede blindwütige Hetze durch welche die Ehre des deutschen Namens besudelt wird. Jedermann ' trete ein für die wahre Sittlichkeit, aus der die Zukunft des deutschen Volkes beruht!" Die diesen Aufruf Unterzeichneten Vorstandsmitglieder find: Dr. Ing. Gothein, Reichsminister a. D. Dr. H. Fischer (Köln) M. d. R., Rechtsanw. W. Braubach-Berlin, K. Fehrenbach, Reichskanzler a. D., Pastor E. E. Felden-Vremen, Justizrat Dr. Eehrke-Frankfurt a. M., Pastor Graue-Berlin, Rechtsanw. Dr. Herschel M. d. R., Dr. Südekum, Staatsminister a. D. vle Lage ln kMnöelg. Nürnberg, 8. Nov. Dem „Berl. Tageblatt" wird der folgende Brief aus Nürnberg zur Verfügung gestellt: „Die Judenhetze hier in Nürnberg ist unbeschreiblich, kein Mensch besucht mehr den anderen am Abend; es ist unmöglich, daß wir zum Vater gehen könnten, auch wenn wir mit der elektrischen Bahn fahren würden. In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag wurden Plakate an alle Litfaß-Säulen geklebt, daß Judenblut so viel wie möglich fließen soll. Jeder, der dafür etwas tut, wird nicht nur nicht bestraft, sondern für seinen Dienst fürs Vaterland belohnt. Kahr duldet das und der hiesige Polizeikommissar auch. Die Polizei ist angewiesen, sich bei Ileberfällen nicht zu zeigen, nichts dagegen zu tun. Eine Menge von Bekannten wurden in den letzten Abenden von 8.30 bis 11.30 Uhr überfallen, mit Gummiknütteln auf sie eingehauen und gestochen. Der Sohn eines bekannten Arztes vom städtischen - Krankenhaus wurde gestochen, dessen Freund dabei tödlich verletzt. Ein Rechtsanwalt mit seiner Frau zu Boden gehauen, daß er bewußtlos liegen blieb, dasselbe in einem Lokal. Als die Polizei kam, sagte sie, dagegen mache sie nichts. Am Marfeld zwei Bekannte verprügelt, dasselbe passierte einem jungen Mann, der viel bei uns verkehrt, am Bahnhof bis zu seiner Wohnung. Er rief zwei Polizisten, die in der Nähe waren, sie sagten aber, sie mischten sich nicht drein. Ich könnte noch 100 Geschichten mit Namensnennung erzählen. Außerdem kommen hunderte von Ausweisungen. Neulich wurde der Junge eines Rechtsanwalts derart verprügelt, daß er bewußtlos und überall blutend liegen blieb." Die „Voss. Ztg." meldet aus Koburg: „Die Anordnung der bayerischen Regierung, die auch in Koburg eine Reihe von Juden ausweisen will, hat in den Kreisen der undisziplinierten Freischärlerhorden die antisemitische Resonanz gefunden, die einsichtsvolle Leute erwartet und gefürchtet haben. In der Nacht zum Montag hat sich in dem etwa zwei Stunden von Koburg entfernten Dorfe A'ltenhausen ein unerhörter Vorfall zugetragen. Zwanzig bis. dreißig bewaffnete und uniformierte junge Burschen kamen ins. Dorf und umstellten zwei Häuser, in denen jüdische Familien wohnen. Die Fenster und Türen wurden eingeschlagen und die Bewohner herausgeholt. Man stellte sie vor ein Standgericht und verurteilte sie zum Tode durch Erhängen. Schließlich scheinen aber den Leuten doch Bedenken aufgestiegen zu sein, sodaß sie ihre unglücklichen Opfer nur jämmerlich verprügelten. Während der Gerichtskomödie wurden Geld und Wertsachen aus den Wohnungen geraubt. Bisher ist es nicht gelungen, irgendeinen der Rowdies zu ermitteln." lottretsung Ser -luswelrungrpoNMr. München, 13. Nov. Das Generalstaatskommifsariat gibt — wohl zur Beruhigung der Hitler-Leute — bekannt, daß „die Ausweisung lästiger Ausländer, insbesondere bedenklicher ostjüdischer Elemente fortgesetzt wird." Es sieht also nicht danach aus, als ob Herr v. Kahr aus den Erfahrungen der letzten Tage sehr viel Nutzen gezogen habe. Dcimclu Jlficbllingc in Ulfen. Wien, 11. Nov. Wie früher aus Galizien und Rumänien, so flüchten jetzt viele Juden aus Deutschland nach Wien, besonders aus Bayern, aber seit den letzten Ausschreitungen in Berlin sieht man hier auch zahlreiche Flüchtlinge aus der Reichshauptstadt. Einige sind im Besitze von größeren Mitteln, die meisten sind mittellos oder im Besitze von deutschen Marksummen, mit denen sie hier nichts anfangen können. Deutsche Marknoten werden hier bündelweise aus der Straße verschenkt. Die hiesige Presse bringt spaltenlange Artikel über die Berliner Schreckenstage und die Ausweisungen in München. Der größte Teil oer Flüchtlinge bleibt hier nur solange, als die Möglichkeit erlangt ist, nach England oder Amerika weiterzuwandern. Zangwill in Amerika. Newyork, 2. Nov. Zangwills Auftreten als umgekehrter Bileam — er war vom Amerikanisch-Jüdischen Kongreß berufen worden, den Zionismus zu segnen und hat ihn in Grund und Boden verwünscht — erregt die Geister noch immer. Der Kongreß ist in einer Resolution von seinem Festredner feierlich abgerückt und Herr Ilntermeyer, der Präsident des Keren Hajeßod, hat als Zeichen seines Protestes im Komitee des Kongresses demissioniert. Er nennt die Berufung Zangwills höflichcrweisc „dumm und unverzeihlich". Auf der anderen Seite protestieren auch die Vollblut-Amerikaner, Louis Marshall an der Spitze, weil sie von der durch Zangwill empfohlenen jüdischen Politik in Amerika nichts wissen wollen; sie stehen in dieser Hinsicht vollkommen auf dem Standpunkt wie in Deutschland der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Lloyd George hat erklärt, Zangwill sei ein großer Schriftsteller, aber kein großer Diplomat. Zangwill selbst wehrt sich tapfer seiner Haut in Tischreden, Interviews und Versammlungen. Personalien. Berlin, 5. Nov. Am Sonnabend den 3. Nov. beging der seit 35 Jahren an der Adaß Jisroel- Gemeinde amtierende zweite Kantor Osias L e m k y in geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag. Die Gemeinde ließ es sich nicht nehmen, den Jubilar, der weit über die Grenzen seiner Gemeinde hinaus als pflichteifriger und bescheidener Beamter bekannt ist, in mannigfacher Weise zu ehren. Am Sonnabend würdigte der Gemeinderabbiner Herr Dr. Muük im Vormittagsgottesdienst die Verdienste des Jubilars und betonte, daß mit demselben ein Stück Geschichte der Adaß Jisroel verknüpft ist. Ganz besonders würdevoll gestaltete sich aber die Ehrung des Jubilars am Sonntag nachmittag im Sitzungssaals der Gemeinde. Herr Oberkantor Spitz rezitierte eingangs mit seiner. herrlichen Stimme einen Psalm (iviw pns) worauf der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Moritz Knoller, den Jubilar beglückwünschte und ihm eine größere wertbeständige Ehrengabe überreichte. Sodann sprachen S. Ehrw. Herr Rabb. Dr. Munk als geistiges Oberhaupt und Herr Dr. Ed. Biberfeld als Repräsentantenoorsteher der Gemeinde. Der Jubilar dankte mit bewegten Worten, worauf noch der Sohn desselben, der Kantor Lemky aus Stralsund den Dank der Familie abstattete. Mit dem Vortrage des schloß die würdige Feier. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch lange in derselben Frische in seiner Gemeinde zu amtieren. natf D’npsn nrw -w- Nürnberg, 7. Nov. Am 22. Elul hat die hiesige Gemeinde Adaß Jisroel ihren langjährigen allseits sehr beliebten Chason, Adolf Neufeld, zu Grabe getragen. Er war vor 21 Jahren aus Nikolsburg nach Nürnberg gekommen, als die Adaß ihre neue Synagoge Essenweinstraße einweihte und sein Name ist daher mit der Gestaltung des Gottesdienstes in dieser Gemeinde enge verknüpft. Sein großes Thaurowissen, das er sich bei rabbinischen Größen in Eisenstadt, Preßburg und Bonyhad in langjährigem, fleißigem Lernen angeeignet hatte, befähigte ihn, der über' glänzende Stimmittel verfügte, dre ganze Erhabenheit der in den Tesillos enthaltenen Gedanken mit tiefem Empfinden und frommer Andacht so zum Vortrag zu bringen, wie es nur ein Jere Schomaim kann. Er konnte, was nur wenige vermögen: Meaurer sein. Die wunderbaren Melodien in seinem

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