Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1923)
- Date
- 1923-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Seite 6 13. November 1923 den, insofern sie minderjährig sind, und zum Bruder oder zur verheirateten Schwester fahren. Bezüglich der Vorschrift, daß die Reise nach Kanada vom Heimatslande aus eine ununterbrochene sein muh, sind in der Praxis Ausnahmen gemacht worden, so für Frauen und minderjährige Kinder von in Kanada ansässigen Personen, sowie für erfahrene Landarbeiter, welche zu Freunden oder Verwandten, die in Kanada Landarbeit treiben, reisen. Seit Sommer 1920 ist das Immigrationswert der ILA in Kanada von der Iewish- Immigration Aid-Society of Canada (L.-2. A.-S.) übernommen worden, die seitdem in enger Zusammenarbeit mit den Repräsentanten des Kolonisationswertes der JCA in Montreal tätig ist. Die I.-I. A.-S. zentralisiert den gesamten Fürsorgedienst, Empfang und weiteren Schutz der Immigranten. Ihre Adresse ist Iewish-Immigration Aid- Society of Canada (I.-I. A.-S.) Nr. 725, Notre Dame Street West in Montreal. Weitere Büros der Gesellschaft befinden sich in Quebec, St. Iohn, Halifax und Ottawa. Zur Sicherung der Landung der Einwanderer und ihrer Verteilung sind die erforderlichen Dispositionen getroffen. Unter der Herrschaft des die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten von Amerika beschränkenden Gesetzes vom 19. Mai 1921, das von Angehörigen fremder Nationalität nur 3 o/o ihres amerikanischen Bevölkerungsstatus im Iahre 1910 zulieh, sind im Fiskaljahr 1921/22 eingewandert 309 556 Personen: von Nord- und Westeuropa, dessen Quotenziffern 198 082 betrugen, 91862 — 46.4 %; von Süd- und Osteuropa sowie der Asiatischen Türkei, deren Quotenziffern 158 200 betrugen, 150 774 — 95,3 %; aus anderen Gebieten 1317. Was die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten betrifft, die wegen Erschöpfung der Quotenzahl einer Anzahl von Ländern im Laufe des Fiskaljahres teilweise aussetzen muhte, so ist davor zu warnen — wie wir dies schon in der Nummer 1 des Korrespondenzblattes (S. 2 unter Kanada und'Seite 5 unter Mexiko) getan haben —, sich ohne das erforderliche amerikanische Visum nach Cuba, Mexiko oder Kanada einzuschiffen/ um den Versuch zu machen, von diesen Nachbarländern aus nach den Vereinigten Staaten zu gelangen. Durch das Gesetz vom 11. Mai 1922 wird von Ausländern, die aus diesen Gebieten nach den Vereinigten Staaten einwandern wollen, der Nachweis einer dem Einwanderungstermin unmittelbar vorangehenden ununterbrochenen fünfjährigen Aufenthalts- Zeit daselbst gefordert statt der früher vorgeschriebenen einjährigen Frist. Das korrespondierende Büro der ICA, das sich speziell mit dem Schutz der Einwanderer nach den Vereinigten Staaten befahl, ist das Council of Jewish Women of America 799, Broadway, New-York. Die Verhältnisse für jüdische Einwanderung in Meriko sind insbesondere von angesehenen Vertretern der amerikanischen Iuden aus Grund von Erörterungen mit der mexikanischen Regierung über jüdische Kolonisation in Mexiko eingehend geprüft worden. Eine hervorragende jüdisch-amerikanische Organisation hat sich dahin ausgesprochen, dah Mexiko für jüdische Einwanderung zurzeit nicht in Betracht komme, weder was kolonisatorische Arbeit noch die allgemeinen Erwerbsverhältnisse anbetreffe, und sie rät infolgedessen von der Einwanderung nach Mexiko dringend ab. Nach vorliegenden neuen Mitteilungen ist auch die allgemeine wirtschaftliche Lage in Mexiko immer noch schlecht. Das Visum zur Einreise nach Argentinien wird von den argentinischen Konsulaten nur auf Grund behördlicher Führungszeugnisse, die sich auf die letzten 5 Iahre erstrecken, erteilt. Argentinische Konsulate östlich von Deutschland befinden sich in Reval (Estland), Warschau Der Israelit und Danzig. Emigranten, die aus Litauen stammen, können das argentinische Visum beim Konsulat der Vereinigten Staaten von Amerika in Korvno erhalten. Reisende, die aus Nuhland kommen, können wenn sie die erforderlichen Dokumente. Einreiseerlaubnis und Schiffskarte besitzen, in den Einschiffungshäfen. z. B. Hamburg und Amsterdam, durch die dortigen argentinischen Aonsulatsvertretungen das Visum erhalten. (Schluß folgt.) ßldttCY der Aguckas 3i$roel in veutrevland. Agudo — Klerikalismus — Kenessio. Von Dr. Salomo Birnbaum in Hamburg. Es ist ziemlich allgemeine Meinung, dah die beiden letzten Jahrhunderte eine Zeit des absoluten Verfalles für Judentum und Judenheit darstellen. Man weist für den Westen auf die großen Mengen der Abgefallenen und auf die unendliche Zahl der in ihnen verlorenen Geschlechter der Zukunft hin. And in dem Rest sieht man nicht-viel mehr als einen verdorrten Stamm, der entweder unweigerlich seinem baldigen Ende entgegengeht oder nur durch die der Weltanschauung des Betrachters entsprechenden Rezepte gerettet werden kann. Und in Osteuropa. am zentralen Kern des jüdischen Volkes, erkennt man das gleiche Verhängnis, das hier nur aus äußeren und numerischen Gründen, langsamer zwar, aber doch, den analogen Weg nimmt. So lehrt es die Geschichte, die ja die Vorausbestimmung zum eigentlichen Zweck hat. Hierbei ist aber eines nicht zu vergessen: Man muh auch die Möglichkeit haben, die Lehren der Geschichte zu ziehen. Und diese fehlt meistens bei den Feststellern und Vorauskündern des Unterganges. Zwei Dinge sind hierbei maßgebend. Sie kennen die Tatsachen, insbesondere des Ostens, einfach garnicht und lassen sie sich auch garnicht zeigen. Sie bauen sich nach den Erfordernissen ihrer Seelen und den Trieben ihrer Wünsche Theorien zurecht, denen sich die Tatsachen eben fügen müssen. Die Menschen sind nun einmal so. Und die Erkenntnistheorie kann nichts dagegen haben . . . Die Sache darf aber doch nicht auf einen hilflosen Relativismus hinauslaufen. Die Tatsachen müssen doch von objektiverem Gehalt sein. Den können wir finden, wenn wir einen für alle Ansichten gemeinsamen Punkt haben. Und der ergibt sich uns in dem von allen unbezweifelten Faktum, daß die Juden bis zu der fraglichen Epoche das Volk der Thora waren. Da nun dieses Objekt der Untersuchung in dem thoratreu gebliebenen Hauptteil aber auch zugleich Subjekt ist, so kann ihm niemand die Kompetenz absprechen, in allererster Linie über sich auszusagen und seinen Blick auf die Dinge als den der Wirklichkeit gemähesten zu bezeichnen. Und dann kann von der Lehre vom Untergang und den dagegen zu ergreifenden Mitteln nicht viel übrig bleiben. Dann ergibt sich, daß die Katastrophe — diese ist natürlich nicht zu leugnen — eben nur einen Teil des jüdischen Organismus betroffen, der Kern des Volkes aber von der Krankheit viel weniger schwer befallen wurde, ja gar, im Gegenteil, viele große materielle und geistige Schöpfungen hervorgebracht hat, wie z. B. das gewaltige Aufblühen des Chassidismus. Dann wird auch klar, daß sich in den organisatorischen Zusammenfassungen der letzten Jahre das ungebrochene, mächtige Leben des Volkes äußert, und daß die Abwehr gegen die Krankheit hierbei vielleicht nicht einmal die Hauptsache ist. Auch der Misrachismus war ein Zeichen hierfür. Er war Anzeichen, Vorläufer und konnte darum seine Tage noch in verhältnismähiger Ruhe vor den Angriffen der am neuen „Europa" fiebernden linken Schlachtreihen verbringen. Denn Gut und Böse waren in ihm unauflöslich gemischt — und sie beachteten fast nur den ihnen genehmen Teil, der funktionell eben der wichtigste war, und den andern übersahen sie mehr oder weniger. Aber als sich die thoratreue Judenheit einen Mittelpunkt zu schaffen anfing, als die Agudo entstand, und als sie gar in der letzten Zeit so zu wachsen begann, daß sie heute schon unter allen Organisationen jüdischer Individuen numerisch die größte Menge in sich begreift, da ging das nicht mehr. Das stumpfeste Auge muh nun sehen, das härteste Ohr hören, das unwilligste Herz spüren. Und alles, was mit ganzer, halber oder einem Teil seiner Seele zu jenen vom Fieber Vergifteten gehört, zürnt und, wenn es seinem Temperament entspricht, kämpft. Mit welchen Mitteln, ist niederdrückend, zu sehen. Cs ist hier nicht etwa von häßlichen „politischen" Dingen die Rede, sondern vom geistigen Rüstzeug der Angreifer. Der Angriff erfolgt fast nie auf dem Boden weiter, Weltanschauungsmäßig umrissener Schlachtfelder, sondern im wirren Gestrüpp von Einzeldingen, inkommensurabeln Größen, ausgehöhlten Begriffen und leeren Schlagworten. Herr Prof. W. U. ist wohl der Ansicht, in Nr. 97 des„Fcnnilienblattes" objektiv über dieAenefsio Eedaulo gesprochen zu haben. Er verzeihe mir, wenn ich das bestreite und behaupte, daß er garnicht die Möglichkeit dazu hatte. Denn er gehört nicht dem Objekt seiner Untersuchung an. das als bewußter Organismus eben auch Subjekt ist, welchem er es überlassen muß, „die geschichtlichen Gegebenheiten" souverän „zu begreifen". „Demonstrationskongreß"? Lieber Gott, natürlich, ja! Wo Menschen zusammen sind, um irgend eine Einheit zu bilden, handelt es sich immer um „Demonstration", Lebensausdruck, Selbstdarstellung. Etwas anderes gibt es garnicht. Alle übrigen Zwecke und Arbeiten solcher Zusammenkünfte kommen erst in zweiter Reihe und werden durch die Individuen des Kollektivums besorgt. Nichtdemonstrative Ansammlungen, wie etwa Schulklassen, sind dagegen im Wesen nur Summierungen von Individuen für bestimmte Zwecke und führen im allgemeinen nicht zur Entstehung eines Kollektivums. Wenn ich nur wüßte, warum den Verfasser „die stark religiöse Atmosphäre nicht wundernimmt". Eine Versammlung, für welche die Iuden das Volk sind, welchem die Religion Quell und Zielpunkt seines Seins ist — welche Atmosphäre hätte sie in aller Welt denn schaffen sollen?! — „Rabbiniisch orientiert"? Allerdings. da ja die Iuden seit zweitausend Jahren, bis weit in die Reihen der Entfremdung und des Abfalls hinein, fürs eigene Bewußtsein und für die. Wissenschaft, „rabbinistisch" sind . . . — Und an diese Orientierung schließt W. U. gleich die „Sphäre des Klerikalen" an. Was ist das für ein Ding? Müssen denn wirklich immer wieder die Phrasen flachster Freidenkerei verschossen werden? Da es die von dem Wort vorausgesetzte Tatsache — Klerus — bei den Iuden jetzt garnicht gibt, müßte man annehmen, daß mit dem Ausdruck nichts anderes als die durchgehende Herrschaft der Religion kritisiert werden soll, sei's nun aus bewußter Ablehnung oder aus unbewußtem Unbehagen. Auch der „Geist der Trennung" schreitet drohend durch die Zeilen des Berichterstatters. Ls soll hier garnicht die Meinung erwogen werden, ob brandzerfressene Glieder abzuschneiden sind. Aber das Lebensrecht muß - doch dem Zentrum zugebilligt werden, daß es die Forderungen der Peripherie, zu ihr auszuwandern, ablehnt und es ihr überläßt, wenn sie es noch kann und will, seinem Rufe zu folgen und über die volks- und gottesleere Wüste, die dazwischenliegt, zu ihm vorzudringen. Die Kenessio hat nicht „zwei Iudentümer demonstriert", sondern nur das einzige — und die andern haben bloß eine gewisse Gruppe jüdischer Individuen dargestellt.