Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1923)
- Date
- 1923-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 45 Der Israelit 8- November 1923 bezeichnet? Die Medizin steht heute im Brenn-! punkte unserer Kultur. Unzählige Wunden j hat der blutige Krieg geschlagen, den wir erlebt haben. Das Schicksal von Millionen Menschen, man kann sagen, das Schicksal der ganzen kommenden Generation, hängt heute von der Fähigkeit der Medizin und ihrer Vertreter ab. diese Wunden zu heilen. Und noch eine weitere wichtige Aufgabe hat vor allem die Medizin in der Erhaltung der gesamten Volksgesundheit. Ich weise auf die Fragen der Volksernährung hin, ich weise auf die Verhütung der Uebertragungsgefahr von ansteckenden Krankheiten hin, wie sie ja jeder Krieg unausbleiblich mit sich bringt. Wir dürfen getrost sagen, daß unsere Medizin die Probe, die unsere heutige Zeit an sie gestellt hat, bestanden hat. Trotzdem wird die Menschheit nie jener metaphysischen Unterströmung entbehren können. Möge bald die Zeit kommen, wo sie durch göttliche Hilfe von der schweren Krankheit, von der sie jetzt befallen ist, befreit wird! Korrespondenzen « Hach richten Schwere antisemitische Ausschreitungen, Berlin, 6. Nov. Die wilde Agitation der rechtsradikalen Hetzer, die „Stoßtrupps" und „Kampsgarden" heranbildeten und dem Mob sogar Brot und Kartoffeln versprachen, für den Fall, daß er „mitmacht", hat ihre Früchte getragen. Im sogenannten Scheunenviertel fing es gestern mit einer systematischen Plünderung der dort befindlichen jüdischen Geschäfte an. Der Mob beschränkte sich nicht nur darauf, einige Läden zu plündern und ganze Wohnungen auszurauben, sondern jüdisch aussehende Personen wurden aus den Straßen auch schwer mißhandelt und beraubt. Der Polizei ist es bis in die Abendstunden nicht gelungen, der Tumulte Herr zu werden. Die Lage hat sich in den Abendstunden nur noch verschärft. Eine erregte Menge flutete die Straßenzüge in der Umgebung der Münz- und Grenadier st raße und wendete sich immer von neuem gegen jüdisch aussehende Passanten und jüdische Geschäfte, wobei ganz offensichtlich antisemitische Hetzer eine Führerrolle spielten. Personen, die ihrem Aeußeren nach als Juden gelten oder als solche bezeichnet wurden, wurden angehalten, schwer mißhandelt und zum Teil alle Wertgegenstände beraubt. Mehrfach traten sdgar „Entkleidungskommandos" in Tätigkeit, die die Ueberfallenen mit großer Geschwindigkeit vom Kops bis zu den Füßen auskleideten und sie dann unter Johlen und Geschrei laufen ließen. Konfektions- und Tuchgeschäfte wurden ausgeplündert. In einem Falle drang die aufgehetzte Menge in der Mulackstraße in eine Wohnung ein und warf dort Vorgefundene Tuchballen auf die Straße, wo sie sofort verteilt wurden. Ununterbrochen erschallten Rufe wie: „Schlagt die Juden tot!" oder „Zieht die Juden aus!" Die Polizei konnte trotz Einsatzes starker Kräfte wenig ausrichten, da die Menge sich beim Herannahen der Bereitschaftsmannschaften sofort in die dunkelsten Straßen zurückzog, um, wenn die Luft wieder rein war, das Treiben fortzusetzen. Eine Anzahl Personen ist durch Messerstiche und Schläge schwer verletzt worden. Ein völlig nackt Ausgezogener flüchtete sich in das Geschäft des Metzgermeisters S i l b e r b e r g , der ihn gegen die Nachstürmenden mit dem Schlächterbeil in der Faust in Schutz nahm. Es kam zu einem blutigen Handgemenge mit Messern und Beilen, wobei der Schwiegersohn des Silberberg lebensgefährlich verletzt wurde. Berlin, 6. Nov. Am heutigen Tag kam es zu erneuten Ausschreitungen; doch scheint die Polizei jetzt besser gerüstet zu sein. Sie riegelte das Scheunenviertel ab. Nie bayrischen Ausweisungen. München, 4. Nov. Jnr ganzen sind jetzt etwa achtzig Familien aus München ausgewissen, von denen ein großer Teil nicht weiß, wohin sie ihre Schritte lenken sollen. Die ursprünglich auf 14 Tage bemessene Frist ist gegen Bürgschaftsleistung angesehener Münchener Kreise teilweise verlängert worden; auch hat in mehreren Fällen die eingelegte Beschwerde zur Rücknahme des Ausweisungsbefehles geführt. Verschärft ist die Lage jedoch durch die vielfach ausgesprochene Beschlagnahme des Vermögens zur Sicherung von Steueransprüchen. Um Arbeiterrntlassungen zu vermeiden, hat man ferner den Ausgewiesenen die unglaublich klingende Verpflichtung auferlegt, ihre Betriebe durch einen Betriebsleiter weiterführen zu lassen. Kommt jemand dieser Verpflichtung nicht nach, so verfällt sein Vermögen dem Staate und der Betrieb wird zu Gunsten der Staatskasse veräußert! Im Lande ziehen die Hitler-Anhänger von Ort zu Ort und es ist bereits zu Zusammenstößen gekommen, die leider in Thüngen auch ein Todesopfer forderten. Die Juckenausweisungen aus Bayern. > Wien, 3. Nov. Das österreichische Generalkonsulat in München ist in der Frage der Ausweisung österreichischer Juden aus Bayern beim Generalstaatskommissariat vorstellig geworden, welches verfügte, daß alle anhängigen Beschwerden österreichischer Juden über Ausweisungen mit Ausnahme jener, die auch sonst nach allgemeinen Grundsätzen erfolgt wären, einer g ü n st i g e n Erledigung zugeführt werden. Die Münchener Polizeidirektion wurde beauftragt, neue Ausweisungen österreichischer Juden nicht mehr zu verfügen. Eine große Anzahl der Ausgewiesenen hat bereits München und Bayern verlassen. Viele begaben sich nach Genua, um sich dort nach England und Amerika einzuschiffen. Die Judenverfolgungen in Bayern. Nürnberg, 1. Nov. Dem amtlichen Antisemitismus, der sich in rigorosen Ausweisungen äußert, schließen sich Terrorakte, die von .Nationalsozialisten auf eigene Faust unternommen werden. In Nürnberg vergeht kein Tag, an dem nicht Uebersälle nationalistischer Rowdys auf jüdische Mitbürger zu verzeichnen wären. So z. B. wurde ein bekannter Rechtsanwalt und am anderen Tage ein angesehener Geschäftsinhaber überfallen und so übel zugerichtet, daß sie schwere Kopfverletzungen erlitten. In einem anderen Falle wurden zwei jüdische Kausleute durch Messerstiche bedenklich verwundet. In die Wohnung eines sehr bekannten Industriellen drangen vergangene Nacht ungefähr zwanzig Nationalsozialisten ein, um eine dort vermutete jüdische Dame „auszuheben". In der Fürtherstraße und im Innern der Stadt wurden mehreren . Geschäftsinhabern die Auslagen eingeschlagen. An den Plakatsäulen wurde ein Plakat angeklebt, das auffordert, „die Juden wie Hunde totzuschlagen". Das schien doch auch dem Staatskommissar zu viel, er hat heute eine Kundgebung erlassen, in der er die lieb ergriffe bedauert, vor Wiederholungen warnt und strenge Bestrafung der Schuldigen ankündigt. Auch kam es in der heutigen Stadtraissitzung zu einer einmütigen Kundgebung des Stadtrats gegen diese Ausschreitungen und zu scharfen Angriffen gegen die Polizei und Justizverwaltung, die dem Stadtrat und dem Stadtoberhaupt gegen die unglaublichen Anpöbelungen, denen sie täglich in den nationalsozialistischen Organen ausgesetzt sind,, absolut keinen Schutz gewähren. Für Kenner der Lage und der Stimmung bedeuten diese Warnungen und Proteste leider nicht viel. Antisemitismus in Ostpreussen. Königsberg, 29. Okt. Aus Ostpreußen wird der C. V.-Zeitung geschrieben: Ostpreußen hat jetzt die ersten gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Juden zu verzeichnen. In Ortelsburg zogen am Sonnabend, den 13. Oktober, größere Mengen radaulustiger Elemente vor die Geschäfte jüdischer Inhaber und plünderten dort Kleidungsstücke, Schuhe und Zigaretten. Ja selbst Herrenartikel, wie Krawatten und seidene Kragenschoner, hieß man bei diesen angeblichen „Hungerkrawallen" mitgehen. Tatsache ist, daß bei den Unruhen nicht ein einziges christliches Geschäft geplündert wurde und daß die zwischen den Geschäften jüdischer Inhaber liegenden Geschäfte christlicher Besitzer von der Menge vollkommen verschont wurden. Tatsache ist weiter, daß die Ortspolizei gegenüber diesen Plünderungen gänzlich versagt hat und daß sogar teilweise Polizeibeamte dem Treiben munter zugeschaut haben. Ja, ein Postbeamter fuhr auf seinem Dienstrade während der Plünderungen aus und ab und stachelte die Menge dadurch auf, daß er rief: „Hängt die Juden auf, schlagt sie tot und holt euch, was ihr braucht, aus ihren Läden." Die Agitationszentrale für die pogrom-antisemitische Hetze ist Neidenburg, ein Städtchen von 3000 Einwohnern. Hier sitzt der masurische Adolf Hitler, der Apothekenbesitzer K e y d e l, ein Mann, der die schlimmste Hetze gegen die dortigen Juden, aber auch gegen den preußischen Staat betreibt. Nach der Auslösung der Dcutschoölkischen Freiheitspartei hielt er unter Teilnahme einer ganzen Reihe von Beamten des Neidenburger Zollamtes und des Finanzamtes geheime Sitzungen der Partei ab, fodaß gegen ihn vor dem Staatsgerichtshof ein Verfahren wegen Geheimbündelei eingeleitet worden ist. Herr Keydel ließ sich aber dadurch keincswags abschrecken. Er und seine Freunde gründeten nur»* mehr die deutschvölkischen Kampfgewerkschaften, die als wirtschaftliche Organisationen überhaupt nicht angesprochen werden können, sondern lediglich politischen Charakter tragen und neben der Hetze gegen den Staat, die sich unter anderem darin äußerte, daß man den Minister Severing des Hochverrats beschuldigte, auch eine ausgesprochen pogrom-antisemitische Hetze treibe. Es ist in Neidenburg nicht nur vorgekommen, daß jüdische Deutsche auf das schwerste bedroht und' angegriffen worden sind, sondern auch, daß objektiv denkende Christen und christliche Angestellte jüdischer Geschäftsinhaber von den Hakenkreuzlern auf offener Straße am hellen Tage verprügelt worden find. Minderwertige Subjekte aus der Arbeiterschaft hat man betrunken gemacht und sie in jüdische Geschäfte geschickt, wo sie den teilweise betagten Inhabern sagen mußten, daß sie in nächster Zeit totgeschlagen werden würden. Der E.-D. hat dagegen getan, was in seiner Kraft stand. Es hat aber erst erheblicher Anstrengungen der in Frage kommenden Behörden bedurft, um wenigstens in den letzten Tagen einigermaßen Ordnung in Neidenburg zu schaffen. Waren die antisemitischen Exzesse bisher im wesentlichen auf die masurischen Kreise beschränkt, so haben sie in letzter Zeit sich auch auf andere Landkreise Ostpreußens ausgedehnt. Die jüdischen Einwohner der Grenzstadt Eydtkuhnen werden in letzter Zeit durch die Angehörigen des Bundes „Grenzpreußen", einer Organisation, die sich auch nach ihrem Führer Hauptmann Ammon (Tilsit) die „Ammoniter" nennt, in Schrecken gesetzt. In Stallupönen ist ähnliches passiert, im Jnsterburger Kreise hetzen die deutschnationalen Agitatoren die bis jetzt ziemlich ruhige Bevölkerung antisemitisch auf, und auch in andereu Kreisen ziehen die Agitatoren von Ort zu Ort. Reichshwnd Jüdischer Frontsoldaten. Berlin, 23. Oktober. Die am 21. und 22. Oktober 1923 in Berlin tagende Hauptversammlung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, an der Vertreter aus dem ganzen Deutschen Reich einschließlich der besetzten und abgetrennten Gebiete teilgenommen haben, hat einstimmig nachstehende Entschließung angenommen: „Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hält in unverbrüchlicher Treue am Gedanken der Reichseinheit fest und weist alle Sonderbestrebungen zurück. Aus den Berichten der Delegierten hat die Versammlung mit Schmerz und Empörung entnommen, daß die fortgesetzte Agitation gewissenloser Hetzer einen Zustand dringendster Gefahr für Ehre, Gut und Blut der deutschen' Juden geschaffen hat. In letzter Stunde weist der Reichsbund die zuständigen Behörden auf diese offenkundigen, auch die gesamte Staats- und Rechtsordnung gefährdenden Mißstände hin. Der Reichsbund fordert in dem Bewußtsein, daß die deutschen Juden im Krieg und im Frieden ihre staatsbürgerlichen Pflichten stets in jeder Weise erfüllt haben, auch für die deutschen Juden die Gewährleistung und Sicherung der jedem Deutschen zustehenden Rechte mit allen zu Gebote stehenden Mitteln."