Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1923)
- Date
- 1923-11-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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8. November 1923 Nr. 45 Seite 3 Der Israelit keit." Die göttliche Barmherzigkeit besteht hier darin, daß den Menschen beim Auf- und Untergang der Sonne der plötzliche Wechsel von Licht und Finsternis erspart wird. Das Händewaschen vor der Mahlzeit ist religiöse Verpflichtung und wird daher auch Kiddusch jadajim d. h. die Heiligung der Hände genannt. Dah es selbstredend auch hygienische Bedeutung hat, ist klar. Wir müssen uns nun noch die Frage vorlegen, wie stellt sich denn die Gesamtbewertung der Medizin in der jüdischen Auffassung dar?*) Im zweiten Buch Mose Kap. 21 Vers 19 heiht es bei Besprechung der Körperverletzungen: und der Arzt soll ihn heilen. Der Talmud entnimmt aus diesem Verse die gesetzliche Ermächtigung für den Arzt zur Ausübung seines Berufes. Sonderbarerweise knüpft Nachmanides hieran die Bemerkung, dah diese Ermächtigung nur für den Arzt gelte, nicht aber für den Kranken. Er sagt, wenn sich zwei Menschen gestritten haben, und der eine hat den anderen verletzt, sodah eine äuhere Verwundung des Körpers entstanden ist, dann soll der Arzt ihn heilen. Was aber soll der Arzt im Hause dessen, der die Gebote Gottes erfüllt? Heiht es doch: Wenn du hörst auf die Stimme deines Gottes und das tust, was recht ist in Seinen Augen, und dein Ohr Seinen Geboten neigst und alle Seine Gesetze beobachtest, dann werde Ich alle Krankheiten, die Ich Aegypten auferlegt habe, nicht dir auferlegen,' denn Ich, Gott, bin dein Arzt. Auch der Jbn Esra bemerkt zu dem oben zitierten Verse, die Erlaubnis des Arztes zur Heilung bezöge sich nur auf äuhere Erkrankungen des Körpers, nicht aber auf innere. Es scheint also ein Widerspruch in der Auffassung dieses Verses bei den verschiedenen Erklärern vorzuliegen. Vielleicht läht sich dieser Widerspruch dadurch lösen, dah wir auf den Unterschied zwischen den inneren und den chirurgischen Erkrankungen des Körpers Hinweisen, wie dies ja auch Ibn Esra tut. Im Grunde genommen wissen wir doch nicht, wie die inneren Arzneien, die wir unserem Körper einverleiben, wirken. Wir können nur sagen, der Körper ist nach der Einnahme einer Arznei gesund geworden. Ob deshalb die betreffende Arznei auch wirklich die Ursache unseres Erfolges gewesen ist, oder ob der Körper, wie wir zu sagen pflegen, sich selbst geholfen hat, können wir in objektiver Weise nicht feststellen. Ganz anders verhält es sich dagegen mit den äußeren Erkrankungen des Körpers. Wenn wir einen Knochenbruch kunst¬ *) Vergl. zu den folgenden Ausführungen auch den Aufsatz d. Vers, im Jeschurun Bd. III. gerecht zur Heilung gebracht haben, können wir sagen, das ist eine Folge unseres ärztlichen Handelns. Wenn wir einem Patienten mit schwerer Blinddarmentzündung durch Entfernung des Wurmfortsatzes das Leben gerettet haben, können wir sagen, das ist eine Folge unseres Eingreifens. Es ist wohl möglich, daß Nachmanides bei seiner Erklärung des Verses von der Heilermächtigung für den Arzt einen derartigen Unterschied im Auge gehabt hat, zumal er selbst Arzt war. Gerade zur Verhütung der inneren Krankheiten dienen ja die diätetischen Vorschriften, deren Befolgung, wie wir oben auseinandergesetzt haben, religiöse Pflicht ist. Dazu kommen dann die vielen anderen Religionsvorschriften, deren Zweck ja ebenfalls ist, den Menschen zu einem sittlich freien Wesen zu machen und ihn im Leben vor Schaden zu bewahren. Gegen äuhere Schädigungen kann sich der Mensch sehr häufig nicht schützen. Besonders charakteristisch für die jüdische Auffassung ist, daß der Arzt als Sendbote Gottes gilt. Er handelt nach bestem Wissen und Gewissen, die Heilung selbst aber kommt von Gott. Die moderne Medizin spricht hier von der Natur des Patienten, ohne sich darüber klar zu werden, daß auch sie damit einen Begriff einführt, der etwas anerkennt, was auherhalb der menschlichen Beeinflussung steht. Wenn es auch einerseits heiht, dah die Krankheit dem Hause desjenigen, der die Gebote Gottes beobachtet, fern bleiben wird, so haben wir andererseits den Grundsatz: man darf sich nicht auf ein Wunder verlassen. So wird denn ganz allgemein aus dem schon angeführten Satze: „Und der Arzt soll ihn heilen" entnommen, dah jeder Mensch, sobald er erkrankt, auch von seiten der Religion die Verpflichtung hat, zum Arzt zu gehen. Es heiht: Wer den Arzt nicht rufen läßt, wenn er krank wird, verstöht gegen zwei Grundsätze; einmal gegen den schon erwähnten: man darf sich nicht auf ein Wunder verlassen, wenn es sich um Gefahr handelt. Andererseits ist es eine Anmaßung, wenn jemand sagen wollte, ich bin ein so guter Mensch, dah ich mich auf meine Verdienste verlassen kann, die Krankheit muh von selber heilen. Pagel hat das schon zitierte Wort aus dem Pentateuch: „Denn Ich. Gott, bin dein Arzt" eine metaphysische Unterströmung in der Beurteilung der Medizin vom jüdischen Standpunkte aus genannt. Ich glaube, wir können mit dieser metaphysischen Unterströmung ganz zufrieden sein. Was spricht besser für die hohe Bewertung der Medizin und des Arztes im Lichte des Judentums, als dah Gott selbst sich als Arzt daher, dah sie in den Büchern über die praktischen Religionsvorschriften einen so breiten Raum einnehmen. Die gesamten körperlichen Funktionen des Menschen sollen genau geregelt sein, ebenso soll er in seinem Verhalten zur Außenwelt die Erhaltung der Gesundheit des Körpers und die Vermeidung von allem, was diesem schädlich sein könne, beachten. Wir haben hier das wichtige Gebot der Schemirath Haguf. Der beste Beweis für die Stärke und Wichtigkeit dieser Pflicht ist die Erlaubnis, dah so grundlegende Religionsgesetze wie die Sabbatvorschriften, verletzt werden dürfen, wenn es sich um Lebensgefahr und Erhaltung des Körpers handelt. Die Bedeutung der Medizin für die Sabbatgesetzgebung ist ein Kapitel für sich, auf das wir hier nicht näher eingehen können. Wir möchten noch einige diätetische Vorschriften erwähnen. Die Diätetik ist ein Zweig der Medizin, der besonders von den arabischen Aerzten eine weitgehende Ausbildung erfuhr. Wir verstehen daher auch, weshalb sie z. B. in den halachischen Werken des Maimonides sehr ausführlich besprochen wird. Einige Hauptgrundsätze der Diätetik seien angeführt: Man esse nur, wenn man hungrig ist, und trinke nur, wenn man Durst empfindet. Man halte nicht die Notdurft des Körpers an sich, abgesehen davon, dah dieses dem Körper schädlich sein kann, Übertritt man dabei auch das religiöse Verbot: „Ihr sollt Eure Seelen nicht verabscheuungswürdig machen." Wir finden ferner genaue Vorschriften über die einzelnen Speisen, Angaben über ihre Bekömmlichkeit, über die Zeit des Essens, über das Verhalten vor und nach dem Essen. Man soll die Speisen gut kauen, da die Verdauung bereits im Munde beginnt. Schlecht gekaute Speisen verdaut der Magen schlecht. Im Sommer esse man nur zwei Drittel von dem, was man im Winter nötig hat. Ueberhaupt ist Müdigkeit im Essen und Trinken oberster Grundsatz. Wir finden ferner Vorschriften über den Schlaf, über das Baden, über die Beschaffenheit der Wohnung. So heiht es: man wohne an einem Orte, wo die Luft rein und frei ist. Wir finden ferner eine Vorschrift zur Schonung der Augen. Man soll schnellen Wechsel von Licht und Dunkelheit vermeiden. Es ist bekannt, dah sich die Elemente der Netzhaut dem Lichte und der Dunkelheit erst anpassen müssen. In schöner Weise wird als Illustration hierfür darauf hingewiesen, Gott habe die Welt so erschaffen, dah die Sonne allmählich aufgeht und allmählich untergeht. In diesem Sinne heiht es auch im Morgengebete: „Er leuchtet der Erde und ihren Bewohnern mit Barmherzig- Kleines Feuilleton. Wiener Kinder — Kinder nach Wien. Als ich vor wenigen Monaten zuletzt nach Wien fuhr, stieg in Aschaffenburg ein Kindertransport ein. Ein paar Dutzend munterer, rotwangiger Jungens und Mädels mit Fähnchen österreichischer Farbe in der Hand und Liedern österreichischen Klanges im Munde. Es waren Wiener Kinder, die sich ein paar Monate im Bayernlande rote, runde Backen gegessen hatten und nun zurück nach der Donauheimat fuhren. Vorgestern stand ich auf dem Perron vor einem endlosen durchgehenden Wagen, der wiederum österreichische Fähnchen trug, und erlebte manche rührende Abschiedsszene: Kinder nach Wien! Nie trat mir der talmudische Ausspruch vom „Galgal hachoser", vom rollenden Rad der sozialen Geschiüesbildung so augenscheinlich, so handgreiflich entgegen, wie bei diesem Kinderzuge nach Wien. Wiener Kinder! und — Kinder nach Wien! In einer Zeitdistanz von wenigen Monaten. Es ist geradezu ein Symbol für die von der Unnatur der Zeit auf den Kopf gestellten Begriffe und Synthesen. Ungarische Juden flüchten nach Rumänien, wo sie Rechtsschutz suchen und finden, die Warschauer Gemeinde verwendet sich für die Rechte der p o s e n i s ch e n Juden, Flüchtlinge aus Bayern gehen über die Grenze nach Oesterreich und Galizien, und deutsche Kindertransporte gehen nach Wien. Die tleinen Gäste unserer Wiener Glaubens- und Gesinnungsgenossen, aus den besten Mittelslandsfamilien kommend, kennen das Elend nicht. — Weil sie in dasselbe hineingeboren sind . . . Sie können nicht wissen, daß zum Morgenkaffee etwas Milch gehöre, womöglich auch ein weißes Brötchen dazu. Sie können nicht wissen, was wir als Kinder alle wußten, daß man auch außer am Sabbat Fleisch essen kann und daß der Märchenvbgel „Gans" auch zum Genuß Sterblicher dieser Welt bestimmt ist ... Wie können sie es beispielsweise wissen, daß es längliche, grüngelbliche Dinger gibt, die man „Bananen" heißt, und die so schmecken, als läge darin alle Süßigkeit und Fettigkeit der Erde, mit der Isaak seinen Sohn Jakob gesegnet hat? Was werden sie für Augen machen, wenn sie in den Auslagen und auf den Ständen an jeder Straßenecke die blonden und die schwarzen Trauben und die angeschnittenen saftigen und fleischigen Melonen sehen werden! Wirkliches, hartes Geld werden sie auch dort nicht sehen, aber Scheine mit hübschen Frauenköpfen, die nur Hundert- und Tausendzahlen tragen und für die man dennoch „etwas kriegt". Die so hart und häßlich gewordenen Worte Million und Milliarde — in ihrer Abwesenheit kam zu diesen noch die Billion — kommen ihnen ein paar Wochen aus dem kleinen Gedankenkreise ... Sie kennen kein Elend diese Kleinen! In den Häusern, wo sie bei schwarzem, dünnem Kaffee und Wassersuppen „heranblühen", wird nicht viel davon gesprochen, da wird nicht die Not aus die Straße hinausgetragen, sondern ins tiefste Innere versteckt, mit Würde und Humor sogar getragen, sodaß der berechtigte Anspruch aus die kleinen Genüsse des Lebens garnicht aufkommt. Aber es ist ihrem klaren Kindesauge zu gönnen der Blick auf die Welt, wie sie ungefähr sein soll, es ist ihnen zu gönnen die Erfahrung, daß nicht die ganze Welt aus kummervollen, sorgenverzerrten Gesichtern besteht, daß es noch Lachen auf Erden gibt, und andere Gespräche, als „Dollarstand" und „Kartoffelpreis" . . . Und wenn unsere Kleinen dort einmal durch die Zrrkusgajse gehen sollten, so bleiben sie einen Moment vor dem barocken Säulengebäude stehn und lassen sich erzählen, daß da vor wenigen Monaten unsere Besten gesessen und hier die schönsten Worte erklungen sind, die unseres Gedenkens aus Judenmund zu Judenherzen über Judentum gesprochen wurden. Mögen sie mit Verehrung zu dem jetzt leerstehenden Hause heraufsehen, in dem der Geist der jüdischen Gemeinschaft seinen vollsten, hellsten Ausdruck bekam, auch der Geist, aus dem heraus der Gedanke entstanden ist: Kinder nach Wien! Sabbat-Anfang und -Ausgang. mfnn row Ort: Änfang Uhr lamn. “Sri 1923 i ltum 6684 Uhr Sg. Min. Frankfurt a. M. 4 25 10. 2. 5 40 Berlin .... — — Nov. Kislew — — München . . . 4 45 5 25 Köln. 4 40 5 40 Stuttgart . . . 4 30 5 33 Breslau.... 4 30 5 - Nürnberg . . . 4 30 5 22 Hamburg . . . 4 25 5 20