Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1923)
- Date
- 1923-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 45 Der Israelit 8. November 1923 if vi: vt; r; es aber heute ganz offen, datz ich wohl alles, was das jüdische Gesetz für den Sabbat vorschreibt, genau gehalten habe, aber das Gebot von jvourri/ du sollst ruhen am siebenten Tage, habe ich außer Acht gelassen." Heitzt das ein Ruhen, wenn die Jugend die wochentägige Beschäftigung, die sie für den künftigen bürgerlichen Beruf und Existenzkampf vorbereitet, am Sabbat fortsetzt? Die orthodoxe Jugend, die am Sabbat die Schule besucht, hält sich wohl vom Schreiben zurück; aber die ganze geistige Arbeit der Woche geht ununterbrochen weiter. Der Schüler mutz darauf achten, was der Lehrer an der Tafel schreibt, was er vorzeichnet und vormalt. Worin unterscheidet sich für den Schüler der Sabbat von der Woche? Erfüllt der Schüler mit seiner wochentäglichen Arbeit den prophetischen Ausspruch über Sabbat nn-ipi uiVrmw'?—du sollst den Sabbat eine Wonne nennen? Hat Israel die seelische Erholung und die geistige Stärkung, die sich aus der Grundanschauung über Sabbat ergibt, als eine besondere Wohltat Gottes jederzeit empfunden, so zwingt heute der einfache Selbsterhaltungstrieb, von Zeit zu Zeit sich von allem profanen Denken und Sinnen abzuwenden, damit der Mensch nicht in die Wirrnis der Zeiten versinke, damit besonders der Iehudi, wegen des schweren täglichen Brotkampfes den eigentlichen Beruf als Gottesdiener nicht vergesse. Nur das Heranwachsende Geschlecht, die Äugend, überlätzt man dem Zufall, überantwortet sie dem eignen Schicksal! Nur der Jugend entzieht man den nav nur der Jugend lätzt man die mrv nnm des Sabbat nicht zustatten kommen. Wer die heutige Jugend kennt, weiß, wie auch sie schon von der Woge der Zeit ergriffen ist. Wie das Heranwachsende Geschlecht nur von Tageswerten. die stündlich wechseln, berauscht ist, kann man überall vernehmen. Der unschuldige, jugendliche Sinn weicht überall vor der materialistischen Weltanschauung. Die einzige Rettung gewährt der Sabbat mit seiner Abkehr von allem wochentägigen Denken und Tun. Und diese einzige Rettung, diese einzige Heilung wird der Jugend geraubt, indem man sie am Sabbat zur Schule schickt. Kann man dies Vorgehen vor Gott, der uns den Sabbat als mit) runa geschenkt hat, verantworten? (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Zum 11. November. Der Tag, der zum fünften Mal die Erinnerung an das Ende des großen Mafsenwürgens bringt, der Tag des Waffenstillstands, der doch eigentlich als ein Symbol wiedergewonnenen Friedensglückes durch die Geschichte der Menschheit strahlen sollte, wird in Deutschland und nicht zuletzt auch bei Deutschlands Juden wieder einmal im Gefühle tiefster Bitterkeit begangen werden. Das Wort „Friede" klingt wie Hohn; von nutzen in seinem Bestände bedroht, im Innern durch Bruderkampf, Glaubenshatz und Rassen- und Klassenfeindschaft zerrissen, blutet Deutschland, das Herz Mitteleuropas, aus tausend Wunden, von denen das Schicksal der deutschen Juden nicht dir kleinste und ungefährlichste ist. Im Ausland kann man den Tag in etwas rosigerer Stimmung begehen und es ist darum erfreulich, daß trotzdem an manchen Stellen der Blick über das eigene, unmittelbare Wohlergehen hinausreicht und sich der Solidarität der Menschheit bewutzt bleibt. In dieser Hinsicht ist die Rede, die General Smuts, der südafrikanische Premier, letzte Woche in London gehalten hat, ein Denkmal edler und weitschauender Menschlichkeit, für das wir als Deutsche wie als Juden dankbar sein müssen. Registriert werden müssen in diesem Zusammenhang auch die schönen Worte, mit denen anläßlich der vom englischen Chief-Rabbi in den Synagogen angeordneten Waffenstillstandsfeier „Jewish Chronicle" für den wahren „Stillstand der Waffen" die Geister zu wecken sucht. „Etwas mehr ist nötig, als Gebet, Freude und Predigt. Es ziemt jedem Juden, aus Herz und Seele den letzten Rest internationalen Hasses zu entfernen und den Feinden von ehemals zu vergeben — —. Und mit diesem besseren Geiste, mit ihm allein wird Europas Rettung aus seiner jetzigen gefahrvollen und unheilverkündenden Lage möglich sein." Zwar wissen wir sehr wohl, datz den Juden in allen Ländern auch die Pflege dieses Geistes verstehender Menschenliebe als Verbrechen angerechnet und die Erbschaft der Propheten als „vaterlandsloser Internationalismus" verschrien wird. Allein das darf uns nicht beirren. Es wird doch dieses Prinzip der Völkerverbrüderung sein, das Sieger bleibt im Ringkampf der Geschichte und nie war es nötiger als heute, sich dieser uns in Schrifttum und Tradition verbrieften Tatsache über alle Irrungen hinaus bewutzt zu bleiben. „Es spielt keine Rolle . . ♦" „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode". Das Hamlet-Wort behält recht. Selbst das Hitlersche wüste Treiben entbehrt nicht der Methode. Er zeigt sie uns jetzt selbst, diese Methode, in einer Sammlung einiger seiner Reden, mit der ein gewisser Adolf Viktor v. Korber als Herausgeber die Welt beglückt. Sie enthalten unter vielem konfusem Gerede über Raffe, Kaste, Nationalismus und Marxismus ein Bekenntnis seiner Weltanschauung, und zu den B e h a u p t u'n g e n, mit denen er alles „beweist", gehört auch zum Erempel diese: „Der Arier saßt Arbeit auf als Grundlage zur Erhaltung der Volksgemeinschaft unter sich, der Jude als Mittel zur Ausbeutung anderer Völker. Er arbeitet niemals als produktiv Schaffender, ohne die große Aussicht, Herrschender zu werden. Er arbeitet unproduktiv als Venützer und Genießer anderer Leute Arbeit. Der Jude zerstört und er muß zerstören, weil ihm der Begriff der Gemeinschaft bildender Arbeit vollkommen fehlt. Es spielt dann keine Rolle, ob dieser Jude im einzelnen „anständig" ist oder nicht. Er trägt seinen Charakter zur Ansicht, den ihm die Naturr verliehen, und er kann ihn niemals lassen. Uns ist er schädlich." Es spielt für Herrn Hitler keine Nolle, ob anständig oder nicht. Er verkündet sogar an anderer Stelle: „Die sogenannten anständigen und „alt eingesessenen" Juden sind, um diese Sentimentalität auszuschalten, zuerst mit aller Schärfe zu bekämpfen." Man hörte oft in letzterer Zeit von einem latenten oder offenen Gegensätze zwischen Kahr und K n i.l l i n g auf der einen und Hitler auf der anderen Seite. Worin der Gegensatz besteht, steint nun ganz klar: Kahr-Knilling jagen die anständigen Iuö en ausländischer Abstammung aus Haus und Höf. Hitler wünscht, datz die anständigen, alteingesessenen Juden zuerst mit aller Schärfe bekämpft werden. Die Gegensätze sind nicht allzugrotz! Die Bedeutung der Medizin im jüdischen Leben. Von Dr. med. Willy Hofmann in Frankfurt a. M. (Schlutz.) Es heitzt in den Gesetzescodices, datz es im Sinne der religiösen göttlichen Vorschriften ist, wenn der Körper des Menschen gesund ist, denn nur ein gesunder Körper ist imstande, seinen Pflichten gegen Gott und die Menschen gerecht zu werden. Alle Vorschriften, die zur Gesunderhaltung des Körpers dienen, haben daher auch religiöse Verpflichtungskraft, und wir verstehen Kurze Bemerkungen zum ersten Buche der Thora? Von Rabbiner Dr. Jetts Kanter, Zrvittau (Mähren). (Fortsetzung.) „Und Abram ging, wie der Herr zu ihm gesprochen hat, und es ging mit ihm Lot; und Abram war fünfundsiebzig Jahre, als er auszog aus Charan." Die genaue Angabe des Alters von Abram scheint an dieser Stelle deplaziert zu sein. Sie ist es in Wirklichkeitlnicht. Die heilige Schrift will uns.'vielmehr die Beweggrüde für den Auszug Abrams und Lots kurz andeuten. Abram zpg weg „weil es ihm Gott besohlen hat": Lot zog (deshalb) mit ihm mit, „weil Abram 75 Jahre alt war", als er Charan verließ. Abram befand sich bereits im vorgrrückten Alter und hatte keinen leiblichen Erben. *) Nach „Jalkul Hadrusch". i. Teil. Deshalb schloß sich ihm Lot an. Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe. „Und er (Abram) verkündete den Namen Gottes." Dazu bemerkt der Midrasch (Hohelied): ^5 mn*S' □"i*o dpiv '*o nt* nnw omaa nr D'iJhPn na nnaiatP- „Wir haben eine kleine Schwester — darunter ist Abram gemeint, denn er hat alle Menschen vereinigt, wie einer (ein Schneider), der verschiedene Stücke zusammenhestet." Diese Bemerkung scheint ebenso gleichgültig, als nichtssagend zu sein und stützt sich offenbar aus die Analogie von mna (Schwester) und nrnis* (nähen, heften). In Wahrheit enthält dieser Ausspruch des Midrasch eine tiefe Weisheit und kann überhaupt als klassisches Beispiel gelten, wie selbst die scheinbar unbedeutendste Bemerkung der Midraschweisen von Wichtigkeit und Bedeutung ist. Zweimal wird in unserem Wochenabschnitt von Abraham berichtet, "l DEQ; Abraham hat demnach wiederholt und öfters den Namen des Einig-Einzigen verkündet. Zu welchem Zwecke und mit welchem Erfolge? Dazu bemerkt der Midrasch: Abraham verfuhr bei der Verbreitung der Erkenntnis von der Einheit Gottes wie einer (ein Schneider), der verschiedene Stücke zusammennäht und zusammenheftet. Der Schneider, der neue Kleider verfertigt, verfährt dabei nach einer bestimmten Methode; er arbeitet sozusagen handwerksmäßig und schablonenhaft. Wer aber zerrissene Teile (D^p) verschiedener Gewänder zusammenheften will, um aus ihnen ein Gewand zu verfertigen, muß dabei ganz anders verfahren; er muß vor allem daraus achten, daß ein Stück zum andern passe und ein Teil den andern ergänze. So individuell verfuhr — nach dem Midrasch — auch Abraham. Er lebte in einer Welt von lauter Heiden, die bekanntlich verschiedene Götter und Gottheiten anbeteten und verehrten. Um den verschiedenen Bekennern verschiedener Gottheiten den Namen des Einig-Einzigen zu verkünden, so meint mit Recht der Midrasch, sah sich Abraham genötigt, nicht nach einer (bestimmten) Methode oder Schablone zu verfahren, sondern er mutzte dabei ganz individuell Vorgehen, wie einer, der verschiedene Stücke verschiedener Gewänder zusammenheftet." Daher das wiederholte Verkünden des Namens Gottes. Und der Erfolg, den er erzielte? Nun, das Zusammennähen und Zusammenhesten zerrissener Stücke geschieht häufig zu dem Zwecke, daß sie — nicht noch mehr reißen und '.schließlich ganz zerreißen. Konnte es Abraham nicht gelingen, alle Heiden zum wahren Glauben zu bekehren, so verhinderte er wenigstens das Weiterreißen, die weitere Verbreitung heidnischer Irr- und Wahnlehren. Der Erfolg schien äußerlich klein und unbedeutend (map vb NlNtt), und doch gebührt ihm allein das große Verdienst, die heidnische Welt dem wahren Glauben um ein Bedeutendes näher gebracht zu haben. ..Und (Pharao) sprach: Warum hast B du mir nicht gesagt, datz sie dein Weib sei; warum B sprachest du. sie sei meine Schwester?" Zwei Fragen B und zweierlei Vorwürfe. Erstens, so sprach Pharao, B hättest du doch mir, dem König, sagen sollen, daß B sie dein Weib sei («ui 'b rnin $b bnbl und dann, B warum sagtest du, sie sei deine Schwester? Wäre B sie eine Namenlose. eine Hergelaufene, dann, so meinte der König, hielte er es unter seiner Würde, sie zu seinem Weibe zu nehmen. Da Abraham sie als seine Schwester bezeichnete, deshalb hielt er sich für berechtigt, sie zu seinem Weibe zu nehmen..