Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 44 1. November 1923 Der Israelit eine Anfrage der jüdischen Sektion wurde die Erklärung gegeben, es handle sich nicht um einen religiösen Akt, sondern um eine medizinische Operation. Lanada und die ukrainischen Flüchtlinge. London, 26. Okt. Ein Telegramm aus Montreal meldet, daß die Canadische Regierung 6000 russischen Flüchtlingen in Betzarabien die Niederlassung in Canada gestattet hat. Die Flüchtlinge dürfen in wöchentlichen Gruppen auf Grund ärztlicher Untersuchung landen. Die zchZchtlrsge i» England. London, 26. Okt. Die dem englischen Unterhaus vorliegende Tierschutz- Bill sieht für das Schlachten Vetäubungszwang vor. Der „Board of Deputies" hat sich nun mit dem Antragsteller auf folgende Klausel zur Aufrechterhaltung des Schlachtens nach jüdischem Ritus geeinigt: „Die Vorschriften dieses Gesetzes finden keine Anwendung auf ein Mitglied der jüdischen Glaubensgemeinschaft, das ein Zeugnis des jeweiligen Präsidenten des „Board of Deputies" der britischen Juden über seine Befähigung zum Schächter besitzt, sobald er sich mit dem Schlachten von Tieren nach jüdischer Methode zur Ernährung von Juden beschäftigt, und sofern keine unnötige Qual damit verknüpft ist." Durch die Uebertragung der Befugnis auf den Präsidenten des Board statt auf den Ehief-Rabbi soll den übrigen Rabbinen, insbesondere auch den ostjüdischen, ihr Recht zur Erteilung von n^Dp gewahrt bleiben. Die Schlußklausel ist mit Recht stark angefochten worden, denn sie öffnet Schikanen, namentlich hinsichtlich des Niederlegens, Tür und Tor. Schließlich verläßt man sich dabei auf die Objektivität der englischen Rechtsprechung im gegebenen Falle. Emigranten in England. London, 21. Oktober. Angesichts der Zustände auf der „Träneninsel" Ellis Island, der Einwanderungsstation von Newyork, über die wir wiederholt berichtet haben, dürste es interessieren, zu hören, wie es auf der englischen Auswandererstation Atlantic Park zugeht, die von den großen Dampferlinien, der „Eanadian Pacific", der „Eunard" und der „White Star Line" in Eastleigh eingerichtet wurde. Ein Vertreter des „Daily Telegraph" hat sie kürzlich besucht. An dem Tage, an dem er in Eastleigh ankam, beherbergte das Heim 550 Gäste, doch gibt es auch Tage, an denen über 1000 Personen dort logieren. Gewöhnlich dauert der Aufenthalt der Durchreisenden nicht lange, dafür aber ist das Völkergemisch umso bunter, das sich dort sammelt. Ganz besondere Aufmerksamkeit wird den jüdischen Passagieren zugewandt, die ein großes Kontingent der Auswanderer stellen. In einer besonderen Küche werden von einem jüdischen Koch die Mahlzeiten nach streng ritueller Vorschrift zubereitet und wird auch sonst alles getan, um der Eigenart der ostjüdischen Einwanderer gerecht zu werden und ihnen das Leben zu erleichtern. ntnitSnten. Der König gegen KocSsehuiamiscmiiismus. Jassy, 17. Oktober. Bei einem Besuch der landwirtschaftlichen Ausstellung in Jassy hielt König Ferdinand von Rumänien eine Rede, in der er sich scharf und entjchieden gegen die Ruhestörer an den Universitäten aussprach. Der König wünschte aus vollem Herzen, daß endlich einmal der ruhige Betrieb auf den Universitäten beginne und zu den anwesenden Professoren der Jassyer Universität gewandt, sagte der Monarch: „Die chaotischen Universitätsverhältnisse schaden nicht nur im Inland, sondern schaden uns auch im Ausland. Wir brauchen Harmonie auf den Universitäten. Die Agitationen müssen aufhören. Es dürfen keine Kämpfe zwischen den Elementen desselben Volkes stattfinden." Die Rede machte einen tiefen Eindruck. Es steht fest, daß der König wie der Ministerpräsident B r a t i a n u die antisemitische Studentenbewegüng verdammen und dennoch kann man von einem regelmäßigen ungestörten Hochschulbetrieb nicht reden. Hauptschuld hieran mißt man dem Unterrichtsmini st er bei, der es trotz dem Widerstand der Professoren versucht hat, den Numerus clausus einzuführen. Man muß nun abwarten, wie der Unterrichtsminister Anghelescu des Königs Wort respektieren wird. Galmudstudium in Amerika. Newyork, 21. Okt. Die Reorganisierung der aus den Namen des Rabbi Jizchok Elchonon seit langem hier begründeten Jeschiwoh berechtigt zu den besten Hoffnungen. An der Spitze der Thorainsiitution stehen Männer von großem jüdischen Wissen. In der Verwaltung macht sich Herr Dr. R e w a l im Kreise anderer tatkräftigen Persönlichkeiten sehr verdient und man darf sich der Hoffnung hingeben, daß das amerikanische Judentum es als seine Ehrenpflicht erachten würde, speziell diese Jeschiwoh zu einem Zentrum des amerikanischen Thoralernens auszubauen. Personalien. Waööirrer Ar. Sinai Schiffer y'sjj. Karlsruhe, 28. Okt. Einem furchtbaren Schicksal ist unser verehrter Rabbiner, Dr. S. Schiffer, im siebenzigsten Lebensjahre nach dem unerforschlichen Ratschlüsse des Höchsten anheimgefallen; auf dem Wege zum Frühgottesdienst infolge nebligen Wetters von einem Straßenbahnwagen zu Boden geworfen, hauchte er noch am gleichen Abend seine reine Seele aus, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Noch am Freitag Nachmittag, kurz vor Eintritt des Sabbatfriedens, haben auch seine irdischen Reste, von einer unübersehbaren Menge geleitet, ihre Ruhestätte gesunden. Rabb. Dr. S. Schiffer hat zu den hervorragendsten Talmide Chachomim gehört, deren sich die rabbinische Welt Deutschlands erfreuen durfte. Mit Recht pflegte man seinen Namen neben denen Hoffmanns, Feilchenfelds und weniger diesen Männern Ebenbürtiger zu nennen. Schon in jungen Jahren als Studierender aus Ungarn nach Deutschland gekommen, besuchte er das Berliner Rabbinerseminar, promovierte mit einer gründlichen Arbeit über „Koheleth" und wirkte dann kurze Zeit als Stiftsrabbiner in Hannover, bis ihn das Vertrauen der Karlsruher Religionsgesellschaft an die Stätte berief, die durch das Andenken des p“lp und seiner Nachfolger geweiht war. Ganz der Wirksamkeit für seine Gemeinde, insbesondere dem Lehren und Lernen hingegeben, in bescheidener Zurückhaltung nur selten und ungern ins öffentliche Leben hinaustretend, hat er zur inneren Stärkung der kleinen, aber für das ganze badische Judentum vorbildlichen Gemeinde Großes beigetragen. Aber weit darüber hinaus leuchtete der Strahl seiner Thora-Weisheit. Zu jedem wichtigen halachischen Zeitproblem hat der Heimgegangene das Wort ergriffen und mit sicherem Takt, an der Hand eines reichen, gründlichen Wissens, den Maßstab des göttlichen Gesetzes an die immer neuer sich erhebenden Fragen der Gegenwart gelegt. An selbständigen Abhandlungen in Buchform erschienen so sein Gutachten über |pTn seine geistesscharse kritische Besprechung der M e z i z a -Frage, sein Referat zur Feuerbestattung sowie unzählige Responsen in den verschiedenen halachischen Zeitschriften der letzten Jahrzehnte, zu deren fleißigsten Mitarbeitern er gehörte. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, seine drucksertigen im Druck erscheinen zu sehen; es wäre zu wünschen, daß dies wenigstens jetzt nach seinem Heimgang recht bald nachgeholt werde. Einem harmonischen, glücklichen Familienleben ist der greise Thoragelehrte entrissen worden; möchte seiner Gattin und seinen Kindern wie der jüdischen Gesamtheit, von der es in diesem Falle mit Fug und Recht heißen muß: 'pmip n“n, fc« Trost aus Himmelshöhen werden, dessen unser armes Geschlecht so sehr bedarf. n'P^n Euskirchen, 22. Okt. Am Sabbat j-|3 'p feierte unser Vorsteher, Herr Selig Hanauer, seinen 80. Geburtstag. Die Gemeinde machte diesen Tag zu einem Ehrentag für den Jubilar, dessen Verdienste um die Gemeinde in Ansprachen von Vertretern der Gemeinde heroorgehoben wurden. Dem Jubilar wurde von jSr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Wolf, Köln, der verliehen und gleichzeitig die Gratulation des „Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands" überbracht, dessen Mitbegründer Herr Hanauer gewesen ist. Königsbach in Baden, 23. Okt. Herr Abraham S r o g, Chasan und Schochet der hiesigen Gemeinde, begeht am 1. November 1923 sein 25. Dienstjubiläum. Vermischtes. Hamburg, 25. Okt. Wie die Cunard-Linie mitteilt, hat sie jetzt auf ihren sämtlichen Dampfern alle Vorkehrungen getroffen zur Abhaltung von Gottesdiensten der verschiedenen Konfessionen. Aus ihrem neuen Schnelldampfer „Franconia" wurde aus einer der letzten Reisen nicht weniger als 22 mal Gottesdienst abgehalten. Wiesbaden, 19. Oktober. Nach verschiedenen Zeitungsberichten hat die Besahungsbehörde einem von der Wiesbadener Aguda angesagten Vortragsabend, an dem Redakteur S. Schachnowitz, Frankfurt a. M., ein Referat über die Kenessio Gedaulo halten sollte, verboten. Mannheim, 16. Okt. Herr Mar Goldschmidt, der langjährige Vorsitzende des hiesigen Synagogenrats, ist zum allgemeinen Bedauern infolge beruflicher Inanspruchnahme von seinem Amte zurückgetreten. Herr Goldschmidt hat sein Amt in vorbildlich-objektiver Weise verwaltet, und obgleich er einer nichtorthodoren Familie entstammte und auch persönlich nicht orthodox ist, hat er doch die Interessen des orthodoren Judentums stets mit Wärme vertreten. Er war, wie er es des öfteren betonte, der Ueberzeugung, daß die Orthodorie das Rückgrat des Judentums bilde und daß deshalb ihre Förderung eine unbedingte Pflicht sei. Ihm ist es in erster Linie zu verdanken, daß nach dem Tode des Stadtrabbiners Dr. Steckelmacher eine Neuordnung der Rabbinatsverhältnisse erfolgte, daß man dabei dem orthodoren Rabbiner die Gleichberechtigung gab und ihm die Aussicht über die rituellen Einrichtungen der Gemeinde übertrug. Die altehrwürdige Klausstiftung hatte sich stets des besonderen Wohlwollens Goldschmidts zu erfreuen. Auch im Oberrat der Israeliten hat Eoldschmj^t eine sehr ersprießliche Wirksamkeit entfaltet und durch seine Sachkenntnis, seinen Arbeitseifer und feine Objektivität der Landessynagoge große Dienste geleistet. Der Synagogenrat hat der Anerkennung seiner Verdienste dadurch Ausdruck verliehen, daß er ihn zum Ehrenvorsitzenden ernannte und dabei die Hoffnung aussprach, daß Herr Eoldschmidt seine ausgezeichneten Eigenschaften auch fernerhin nach Möglichkeit in den Dienst der Gemeinde stellen werde. Zum Nachfolger wurde Herr Dr. Moses gewählt, der dem Synagogenrat schon lange angehört und dessen bisherige Tätigkeit eine Gewähr dafür bietet, daß er ebenfalls im Sinne seines Vorgängers wirken wird. Sprechsaal. Iie tzsrogimpreise. Wir leben in einem siedenden Kessel. Und es brandet und es braust und es zischt. Von Tag zu Tag entwertet sichre Papiermark, und damit ziehen die Preise aller Waren entsprechend an. Daß von dieser Preissteigerung in erster Linie die mit aus dem Auslande bezogenen Waren betroffen werden, darf daher nicht wunder nehmen. Eine solche Auslandsware ist auch unser Esrog und Lulow, welche den Hauptbestandteil unseres Feststraußes bilden. Wir können es daher wohl begreiflich finden, daß diese beiden Gegenstände in diesen Jahren bei dem Tiefstände unserer Valuta zu fabelhaft teuren Preisen verkauft wurden. Man kann es auch dem Händler nachfühlen. wenn er gleich anderen Geschäftsleuten die Situation zur Erringung großer Gewinne ausnutzt. Denn der Esrogimhändler ist auch ein Mensch von Fleisch und Blut, und die Gelegenheit zur Erzielung größerer Gewinne bietet sich für ihn nur einmal im Jahre. Jedoch darf der Handel mit diesen Mizwaus nicht in Wucher ausarten — leider mutz es öffentlich ausgesprochen werden, daß das Giftkraut sich auch in den Esrogimhandel eingeschlichen. Diese Tatsache scheint nach den zuverlässigen Berichten einwandfreier Bezieher und auch nach meinen Erfahrungen festzustehen. Nach den Richtpreisen der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums sollte eine Garnitur geringer Qualität für 25 Lire, mittlerer Qualität für ca. 30—32 und Primaware für den Höchstpreis von 40 Lire geliefert werden. Die Aguda Jisroel Gruppe stellte sogar ihren Mitgliedern eine Garnitur zum Gesamtpreise von 12 Lire zur Verfügung. Es war also den Händlern wohl möglich, die Esrogim zu den von der Freien Vereinigung vorgezeichneten Richtpreisen zu liefern Wie läßt sich's nun rechtfertigen, daß einzelne Händler sich 1 bezw. 2 Tage vor Eintritt des Laubhüttenfestes unter Ausnützung der Verlegenheit der Reflektanten Preise zahlen ließen, die nach dem damaligen Stande der Lire den zwei und dreifachen Betrag der Richtpreise der Freien Vereinigung bezw. den sechsfachen der Agudat Jisroel erreichte. Das ist kein legitimer Handel mehr, das ist Wucher im reinsten Sinne des Wortes. Gegen diese Uebervorteilung der Bezieher mutz um so energischer Front gemacht werden, da es dem Mittelstände und den Unbemittelten nicht mehr möglich sein wird, diese wichtige Mizwo weiterhin auszuüben. Mir selbst erging es folgendermaßen: Nach dem Lirestande vom 7. August mußte damals mit einem Markpreise von ca. 2 Millionen gerechnet werden. Ich sende meine Tochter zu einem Buchhändler, den ich für vertrauenswürdig hielt und offeriere ihm ll/a Millionen Anzahlung. Er verlangt jedoch den ganzen Kaufpreis. Eine Woche später bringt meine Tochter 3'/- Millionen; auch dieser Betrag wird als unzureichend zurückgewiesen. Unter größten Schwierigkeiten gelingt es mir sodann, weitere 12 Millionen flüssig zu machen. Nun stelle ich am 28. August dem Buchhändler 12x/2 Millionen für eine Garnitur zur Verfügung. Er gibt wieder 8X/s Millionen zurück und hält nach dem damaligen Stande der Lire 7 Millionen für vollständig ausreichend. In der mir zugegangenen Rechnung wird