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Der Israelit · 1923-11-01 · Heft 44 (1.11.1923) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 44 (1.11.1923)
Date
1923-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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1. November 1923 Der Israelit Nr. 44 Seite 5 (1899) wurde Prof. Hoffmann Rektor und blieb dies bis zu seinem Tode (1921). An Stelle der anderen inzwischen verstorbenen Dozenten traten die Herren Dr. Josef Wohlgemuth (bereits 1394), sowie Dr. S. Erünberg, Rabb. A. Kaplan und Dr. Moses Auerbach. Aus der Anstalt sind viele Hunderte Rabbiner und Lehrer hervorgegangen, die nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern Europas, z. T. auch in Amerika tätig sind. Die Feier wurde in schlichter Weise in der Anstaltssynagoge durch Reden des Dozenten Dr. Wohlgemuth, Vertreter ehemaliger und gegenwärtiger Hörer und des Kuratoriums, abgehalten. Staats-Vorschüsse für Gemeinden. Berlin, 30. Okt. Aus dem Büro des „Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden" (Sitz Halber st ad t) wird uns mitgeteilt: 1. Auf Grund eines Erlasses des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vvM 29. Oktober 1923 (Akt.-Zeichen: G I Nr. 3101, E II) betr. Vorschüsse auf die Kirchensteuereingänge für die Novemberzahlungen sollen mit Rücksicht auf den Umstand, daß § 60 Ziffer 9 des Finanzausgleichsgesehes noch nicht zur Ausführung gelangt ist, die Kirchen- und Synagogen gemeinden für den Besoldungsbedarf des Monats November Vorschüsse nach demselben erleichterten Verfahren wie für die Monate September und Oktober erhalten. Wir empfehlen den Synagogengemeinden, sich zu diesem Behufs schleunigst mit dem zuständigen Regierungspräsidenten in Verbindung zu setzen. Zu näheren Auskünften sind wir gern bereit. Sollte sich in Ausnahmsfällen die Notwendigkeit einer direkten Verhandlung mit dem Ministerium ergeben, wolle man sich unmittelbar an unseren Berliner Vertreter, Herrn Rabbiner Dr. E. Munk, Artilleriestraße 31, wenden. 2. Ein weiterer Erlaß des Ministers vom 25. Oktober, der u. a. an die beiden Landesverbände der Synagogengemeinden gerichtet ist, gibt Anweisungen zur Heranziehung der nicht reichseinkommensteuerpflichtigen Lohnempfänger zur K u l t u s st e u e r. (Wir veröffentlichen den Erlaß in nächster Nummer. Red.). Die bayrischen Juden-Jlusweisungen. München, 26. Oktober. Um der Hetze der Nationalsozialisten Taten folgen zu lassen, hat die Regierung die Ausweisung von vorerst 50 jüdischen Familien ausländischer Staatsangehörigkeit verfügt. Unter diesen sind auch solche, die in Preußen naturalisiert sind und deren Söhne im bayrischen Heere mit Auszeichnung Kriegsdienst getan haben. Fast alle wohnen seit vielen Jahrzehnten in München und haben sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Es wird ihnen zur Last gelegt, daß sie besitzlos nach Bayern gekommen wären und hier zu Vermögen gelangt seien; daß dieses Vermögen auf unredliche Weise erworben ist, wird garnicht behauptet. Die Ausweisung ist kurzfristig und ist über die Wohnungen der Ausgewiesenen bereits verfügt. Die rechtsstehenden Zeitungen versprechen, daß weitere Ausweisungen bald folgen werden. München, 28. Okt. Es sind jetzt etwa 200 jüdische Familien von dem Ausweisungsbefehl getroffen worden. Die Ausweisung einzelner Juden reichsdeutscher Nationalität ist zurückgenommen; dagegen hat man jede Intervention zu Gunsten der unglücklichen Ostjuden bisher in der entschiedensten Form zurückgewiesen. Es scheint also die Schmach einer bayrischen Juden-Austreibung Wirklichkeit werden zu sollen. Die n i ch t i g st e n Kleinigkeiten werden als „Begründung" vorgeschoben. Hierüber schreibt die „Münchener Post": „Die hier angewendeten Verwaltungsmarimen ,ind dem geistigen Arsenal der Hakenkreuzlerbewegung entnommen. Gegen die Entfernung wirtschaftlicher Schädlinge hat niemand etwas einzuwenden, wenn gegen alle vorgegangen wird, gleichviel welchen Bekenntnisses sie sind. Aber gegen die Vertreibung von Leuten, denen keine Verfehlung nachgewicsen werden kann, muß vom Standpunkt des in der Verfassung niedergelegten Rechts Einspruch erhoben werden. Bayern muß in den Ruf der allerschlimmsten kulturellen Rückständigkeit kommen, wenn Mitbürger nur deshalb für vogelfrei erklärt werden, weil sie jüdischen Glaubens sind. Die uns über die Begründung der einzelnen Ausweisungen gewordenen Mitteilungen lassen erkennen, daß hier wegen absoluter Nichtigkeiten wirtschaftliche Existenzen ruiniert werden. In einer Begründung heißt es: „Er ist ein Schädling des deutschen Volkslebens". Warum? Es ist ihm nichts anderes nachgewiesen, als daß es ihm in jahrzehntelanger Arbeit gelang, sich einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten. Ist das nicht auch von vielen Tausenden waschecht christlicher Zeitgenossen zu berichten? Ein anderer wird als „politisch nicht ganz zuverlässig" erklärt. Er weiß selbst nicht, wie er zu der Ehre kommt, als politische Persönlichkeit gewertet zu werden. Ein dritter „war seinerzeit bei der Rauferei mit den Nationalsozialisten im Deutschen Theater-Eafe beteiligt". Bekanntlich sind die Nationalsozialisten damals dort eingebrochen, haben die Gäste belästigt und alles kurz und klein geschlagen. Einem ihrer Opfer wird jetzt daraus ein Vorwurf gemacht! Einem anderen wurde nachgesagt, daß er wegen „Körperverletzung" bestraft sei. Der Tatbestand? Er hatte vor einer Reihe von Jahren einem anderen eine Ohrfeige verabreicht, die mit der Strafe von — 5 Mark gesühnt worden war! Was für einen Eindruck eine solche Begründung rigoroser Maßnahmen gegen Mitbürger in der Außenwelt machen muß, haben sich ihre Urheber, die damit offenbar bei der Hitlerbewegung einen Stein im Brett erlangen wollen, wohl kaum überlegt. Berlin, 28. Okt. Die Nachrichten über die Massenausweisungen von Ostjuden aus München machen in hiesigen jüdischen Kreisen einen erschütternden Eindruck, zumal er durch Privatberichte über den furchtbaren Terror, unter dem unsre Glaubensgenossen in München, Nürnberg u. a. O. leben, verstärkt wird. Das „Tageblatt" berichtet u. a. aus München: „In den mir bekanntgewordenen Fällen handelt es sich ausschließlich um Juden, und zwar mit einer Ausnahme um jüdische Geschäftsleute. Der 60jährige Inhaber einer Kleiderfirma, die 300 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, wurde mit seiner 63jährigen Frau ausgewiesen, weil er sich „an der Not des Volkes" bereichert habe. Das Ehepaar ist seit 40 Jahren in München ansässig. Die beiden Söhne können bleiben, da sie als Soldaten im Felde gestanden haben. In einem anderen Falle wurde dem ausgewiesenen Inhaber eines großen Modehauses, der seit einem Vierteljahrhundert in München ansässig ist, vorgeworfen, daß er bei der österreichischen Hilfsaktion im Kriege auch Leute unterstützt habe, die sich später als Rotgardisten betätigten. Die Wohnung und die bei ihm Vorgefundenen Devisen wurden trotz Devisenscheins beschlagnahmt." £iiaueu. Böse Umtriebe ln Eitauen. Kowno, 19. Oktober. In Kowno häufen sich faszistische Ueberfälle auf jüdische Passanten in den Straßen. In Poniewesch haben die dortigen Faszisten die Stadtsynagoge und das Gebäude der jüdischen Arbeiterbank in Brand gesteckt. Die erste Sitzung der neugewählten Kehnia-Uerwaltung* Kowno, 26. Okt. Samstag nacht trat die neugewählte Gemeindeverwaltung zu einer Vollsitzung zusammen. Es lagen Erklärungen vor von den I u n g z i o n i st e n , die mit der bisherigen Führung der Autonomie nicht zufrieden sind. Die Handwerker beklagen sich über die Diktatur der Mehrheilspartei. Die Poale Zion warnen vor dem Geiste des allweltlichen Imperialismus. Eine Erklärung der Kleinhändler bittet um bessere Berücksichtigung der ökonomischen Interessen des Mittelstandes. Dann gibt Herr David L e w i n eine Erklärung im Namen des Achduth ab. Die Kehilla müsse der Bevölkerung in all ihren Nöten beistehen, ihre materiellen, wie geistigen Interessen wahren. Nach Verlesung der vielen Erklärungen setzt gleich ein Kampf ein zwischen Zionisten und Achduth. Erstere überraschen die Versammlung mit einer Begrüßungsresolution für die demnächst zusammentretenden sogenannte Nationale Versammlung. Die Vertreter des Achduth protestieren dagegen mit dem Hinweis, daß die nationale Versammlung eine Parteisache sei, und außerdem die Begrüßung nicht auf der Tagesordnung stehe. Die Resolution wird angenommen. Achduth hatte sich der Abstimmung enthalten. Ein zweiter Streit entsteht bei der Wahl des Präsidiums. Die Zionisten verlangen einen Präsidenten, Achduth dagegen ein dreigliedriges Präsidium. Die Absicht der Zionisten ist sehr durchsichtig: sie wollen eine zionistische Zentralgewalt in der Gestalt eines zionistischen Präsidenten. Kleinhändler und Handwerker schließen sich der Meinung des Achduth an. Unter diesen wenig günstigen Umständen hielt es die Leitung für ratsam, die erste Sitzung zu schließen, ohne die Wahl und die Abstimmung vornehmen zu lassen. eine niederträchtige Verleumdung. Genf, 18. Oktober. In der letzten Zeit veröffentlichte die polnische antisemitische Presse die Nachricht, daß während der letzten Tagung des Völkerbundes in Genf Vertreter der nationalen Minderheiten ein Memorandum über die Unterdrückung der nationalen Minderheiten in Polen eingebracht haben. Unter anderem wurde behauptet, daß dieses Memorandum auch von Vertretern der polnischen Judenheit unterfertigt wurde. Der gegenwärtig in Genf weilende Korrespondent des Warschauer „Nasz Przeglad" meldet nun seinem Blatte, daß ihm von der polnischen Delegation beim Völkerbund erklärt wurde, daß die in der polnisch-antisemitischen Presse mitgeteilte Denkschrift der Juden an den Völkerbund ein Falsifikat sei. Bei der gegenwärtigen Session des Völkerbundes wurde jüdischerseits kein Memorandum überreicht. An der Konferenz der Minderheiten in Genf habe kein Jude teilgenommen und in dem von dieser Konferenz publizierten Memorandum ist auch keine Rede von den Juden. Der Tert dieser Dokumente befinde sich bereits im Besitz des Warschauer Außenministeriums. Der Korrespondent fordert den polnischen Vertreter beim Völkerbund, S k i r m u n t, auf, die Lügen der antisemitischen Presse offiziell zu dementieren. Die Kopie der fraglichen Resolution der Minoritätenvertreter an den Völkerbund, vom 25. Dez. 1922 ist nach Mitteilung der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" dem sie vom Vertreter des „Nasz Przeglad" zur Einsicht vorgelegt wurde, nur von folgenden Minoritätenvertretern unterzeichnet und zwar von Prof. Dr. L o z y n s k i, Delegierter des ukrainischen Nationalrates, V. L a st a u s k i, Erministerpräsident der Republik Weißrußland, Prof. Dr. M. R e i n y s, Erpräsident der litauischen kulturellen Vereinigung „Rytas" in Wilna und von Dr. K. Jahn, Delegierter der Vereinigung der aus Polen vertriebenen Deutschen. Die Juden Polens haben mit diesem Dokument absolut nichts zu tun. Einschreiten gegen antisemitische Hetzer. Riga, 19. Oktober. Nachdem der Innenminister Lettlands» B i r s e n e k, die jüdischen Sejmdeputierten empfangen und strengste Maßnahmen gegen den das Land schändenden antisemitischen Faszismus versprochen hatte, verfügte er aus administrativem Wege eine zweimonatige Haft für den Redakteur der antisemitischen Zeitung „Latvias Sorgs", Karl Polis, wegen gefährlicher antijüdischer Hetze. (JCB.) ..Der Wiirores." Moskau, 21. Okt. Infolge der neuen Parole in der antireligiösen Propaganda, daß an die Stelle des offenen Kampfes eine vertieftere Propaganda treten solle, erschien dieser Tage in Kiew die erste Nummer einer neuen Zeitschrift in jüdischer Sprache „Der Apikores" (Ketzer). Ferner erschien eine antireligiöse Broschüre „Jom Kippur". In Kasan haben die kommunistischen Poale Zionisten aus Anlaß einer Knabengeburt in der Familie eines ihrer Kollegen einen „roten Briß" gefeiert. Auf

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