Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 44 Der Israelit 1. November 1923 larisierung aufgesundener Melodien machte. Es gab da manche Liedchen, die sich wie ein Lauffeuer über das Land verbreiteten, wenn sie erst von einer Anzahl von Leuten gehört wurden. Andere wieder wollten sich durchaus nicht einbürgern lassen, so sehr er sich auch Mühe gab. Im Allgemeinen ist der palästinensische Jude nur für kürzeste Formen aufnahmsfähig, für die Liedform, allenfalls noch die Rondo- und Varianonenform. Klaviermusik oder Orchestermusik von europäischem Schnitt bleibt wirkungslos. Das Lieblingsinstrument ist die Geige. Mehrstimmigkeit findet sich in bescheidenem Matze ein, die Terz wird noch nicht allgemein als harmonisches Intervall empfunden. Die Neigung zum Erfinden, zur Improvisation ist grotz, und dies lätzt erwarten, daß eine spätere Generation, die aller Einflüsse Europas ledig ist, im Geist der Sprache des Landes denkt und in seiner Atmosphäre fühlt, eine Kunst aufbaut, die das ererbte Vätergut an musikalischen Schätzen zu neuen Kunstformen verarbeitet. Datz dies auch in Europa geschehen könnte, daran dürfen wir wohl nicht denken. Es käme bestenfalls zu koloristischen Beeinflussungen der abendländischen Musik, wie wir deren genügend kennen, oder zu der gewissen Art von „Bearbeitungen", die inan lieber nicht kennen sollte. Hier führt nur ein Weg zum Ziele. Der Weg zur jüdischen Musik — so meint Idelsohn — führt einzig nur über das Land. Die Bedeutung der Medizin im jüdischen Leben. Von Dr. med. Willy Hofmann in Frankfurt a. M. (Fortsetzung). Aus dem Gebiete der Chirurgie müssen wir vor allem die Wundbehandlung hervorheben. In der biblischen Zeit besteht diese in dem Ausdrücken der Wunde, dem Verbände und dem Bestreichen mit Oel. Sehr wichtig ist eine Lehre des Talmuds in Aboda zara, die davor wary^, die Wunde mit den Händen zu berühren, da die Hand Entzündungen macht. Man glaubt, eine Lehre aus der neuesten Zeit der Antisepsis zu hören. Es ist noch nicht so lange her, datz man als die gefährlichste Quelle des Wundfiebers die Hände des Operateurs erkannt hat, an denen besonders viele Bakterien, die Erreger der Wundinfektion, haften. Bei unseren heutigen Operationen laufen alle unsere Bestrebungen darauf hinaus, unsere Hände möglichst keimarm zu machen. Diesen Zweck verfolgt das gründliche Waschen und Desinfizieren der Hände vor jeder Operation, ferner das Tragen von Gummihandschuhen, endlich vermeiden wir möglichst jede Berührung der Wunde. Schon damals hat man diese Erkenntnis gehabt, obwohl man noch nichts von Bakterien wutzte. Zur Wundbehandlung gehört ferner die Regelung der Diät. Auch wir wissen heute, datz die allgemeine Stärkung des Körpers das beste Mittel im Kampfe gegen Wundfieber und Infektionen ist. Von einzelnen Operationen möchte ich nur zwei erwähnen, die prinzipielle Bedeutung haben: einmal einen Fall von Luftröhrenschnitt bei einem Schafe. Man schnitt dem Tiere ein Stück aus der Luftröhre in Form eines Fensters heraus und verschloß die Wunde mit Schilfrohr. Das Tier blieb am Leben. In semitischen , Quellen haben wir hier die älteste Erwähnung des Luftröhrenschnittes. Ferner sei eine Bauchoperation angeführt, die an Rabbi Eleasar vorgenommen wurde. Rabbi Eleasar und Rabbi Ismael waren so fett, datz, wie der Talmud sagt, unter ihren Bäuchen ein Ioch Ochsen hindurchgehen konnte. — Den Rabbi Eleasar versetzte man durch einen Schlaftrank in Narkose, brachte ihn in ein Marmorhaus, spaltete seinen Bauch und entfernte viele Körbe Fett. Auch in unseren Tagen hat man den Gedanken an diese etwas heroische Entfettungskur wieder aufgenommen. Wir hatten zu Eingang unserer Ausführungen gesehen, aus welchen Gründen wir die Bedeutung der Medizin im jüdischen Leben zunächst von der historischen Seite erfassen mutzten. Wir wollen im folgenden den Gesichtswinkel unserer Betrachtungen insofern verschieben, als wir nunmehr die praktisch-religiöse Seite mehr ins Auge fassen. Eine strenge Trennung liefe sich ja ohnedies nicht durchführen. Wir besprechen dabei zugleich eines der wichtigsten medizinischen Kapitel, die Hygiene und Diätetik, also die Lehre von der Gesunderhaltung des Körpers. Hier mutz nun vor allem eine grotze Einschränkung vorausgeschickt werden. Man hat immer wieder versucht, eine ganze Reihe von religiösen Vorschriften wie die Beschneidung, die ehelichen Reinheitsgesetze, die Gesetze über die Absonderung und Reinigung der mit Zoraathkrankheit Behafteten und viele andere vom hygienischen Standpunkte aus aufzufassen. Man hat in diesem Sinne Moses als den grötzten hygienischen Gesetzgeber aller Zeiten hingestellt. Es soll nicht geleugnet werden, datz alle diese Gesetze für die, die sie befolgen, auch hygienische Vorteile mit sich bringen — so wird ja allgemein die Reinheit des jüdischen Familienlebens, die natürlich eine Folge der Beachtung der Reinheitsgesetze ist, als vorbildlich hingestellt — doch ist der hygienische Gesichtspunkt bei der Erfassung der Bedeutung dieser Gesetze nicht der maßgebende. Es handelt sich in erster Linie um rein religiöse Vorschriften. Man hat grotze Statistiken über die gesundheitlichen Folgen der Veschneidung aufgestellt und nachgewiesen, datz gewisse Krankheiten hix den Juden seltener sind als bei Unbeschnittenen. Zweck und Ziel der Beschneidung bleibt aber immer die Zugehörigkeit zum Abrahamsbund und die bindende Verpflichtungskraft, die aus dieser Zugehörigkeit entspringt. Was die Zoraathkrankheit anbetrifft, von der im Pentateuch so ausführlich die Rede ist, so wird das Wort Zoraath gewöhnlich mit Aussatz übersetzt. Eine stattliche Literatur hat sich allmählich angesammelt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat zu ergründen, um welche Krankheit es sich dabei handelt. Die Bibelkritik hat den Text hier in allerlei Weise abändern wollen, man hat alle möglichen Vermutungen ausgestellt, welche der uns bekannten Krankheiten mit Zoraath identisch sei. Eine befriedigende Antwort hat noch keiner gefunden. Preutz sagt inbezug auf diesen Punft kategorisch: „Ich unterscheide mich von allen meinen Vorgängern darin, - datz ich zahlreiche Einzelheiten des Zoraathkapitels nicht verstehe, datz ich von manchen sogar glaube, datz sie uns Aufgabe^ stellen» die überhaupt nicht lösbar sind." Wir müssen gerade hier wieder betonen, daß es nicht die Absicht des Gesetzes ist, uns ein Krankheitsbild zu beschreiben, es will uns nur sagen, wann Unreinheit eintritt und wann der Kranke rein ist. Es handelt sich dabei nicht um die körperliche, sondern um eine geistige Unreinheit, die Hirsch in wunderbarer Weise als eine sittliche Unfreiheit hinstellt. Ich verweise auf seine Ausführungen in seinem Pentateuch-Kommentar und in den gesammelten Schriften. Datz die Thora nicht in erster Reihe den hygienischen Standpunkt bei den Matzregeln gegen den Aussätzigen im Auge hat, lätzt sich auch daraus dartun, daß auf den Nichtjuden die Zoraathgesetze keine Anwendung finden. Wenn es sich wirklich um die Verhütung der Ansteckung bei der Isolierung des Aussätzigen handelte, warum soll der Aussatz des Nichtjuden weniger gefährlich sein? Man hat zwar in der neuesten Zeit bei den Bakierien, den Erregern der Infektionskrankheiten. alle möglichen biologischen Eigenschaften nachgewiesen, konnte aber noch nicht entdecken, datz sie auch mit der Fähigkeit der Unterscheidung von Konfessionen ausgerüstet wären. Im allgemeinen hat man angenommen, daß die Lepra, eine Infektionskrankheit, die in verschiedenen Formen auftritt, mit Zoraath identisch sei. Es gibt auch heute noch für solche Kranke besondere Heime; die Leproserien. Bekanntlich hat das Gutachten des Priesters bei der Entscheidung, ob ein Fall von Aussatz rein sei oder nicht, ausschlaggebende Bedeutung. Man hat daraus den Schluß ziehen wollen, daß auch die alten jüdischen Priester, ähnlich wie die ägyptischen, im Nebenberuf Aerzte waren. Pagel sagt von der Heilkunde in ihren ersten Anfängen: „Ihre ältesten Vertreter sind sowohl bei den rohen Naturvölkern wie noch bei den zu einer höheren Stufe der Kultur gelangten Völkern des Orients die Priester. Sie sind die Lehrer und Vertreter des Volkes in allen „geistigen" Angelegenheiten, zu denen auch die ärztliche Kunst neben der Ausübung der religiösen Bräuche und der Rechtsprechung gehörte." Dieser Auffassung von der Bedeutung der jüdischen Priester mutz aufs schärfste entgegengetreten werden. Wir finden im Gegenteil im Talmud mehrfach erwähnt, datz die Priester bei Erkrankungen Aerzte hinzuzogen. Ihre Tätigkeit bei der Begutachtung der Zoraath kranken war eine reine Formsache, wenn sie sich auch naturgemäß, um zu einem Urteil zu gelangen, diagnostische Fähigkeiten inbezug auf solche Hauterkrankungen aneignen mutzten. Der Priester war der Vertreter der absoluten göttlichen Tempelreinheit. Da diese durch eine Erkrankung an Zoraath oder ähnlichen Dingen im Sinne der schon erwähnten geistig-sittlichen Unfreiheit des Menschen verletzt war, mutzte auch der Priester bei der Feststellung eines solchen Zustandes eine entscheidende Rolle spielen, ebenso auch wenn der Kranke nach dem Aufhören der Krankheit durch ein Reinigungsopfer entsühnt wurde. (Schluß folgt.) Gruppenverband der Agudas Jisroel in Deutschland. Das Soziale Hilfswerk der Agudas Jisroel in Wien hat dem Gruvpenverband in Halberstadt mitgeteilt, datz Kinder aus Deutschland in orthodoxen Familien in Deutsch-Oesterreich auf zunächst vier Wochen aufgenommen werden. Bevorzugt werden Kinder von Lehrern, Kultusbeamten etc., doch soll an dieser Beschränkung nicht starr festgehalten werden. Zunächst sollen fünfzig Kinder im Alter von 6—14 Jahren zusammengestellt und nach Wien geleitet werden. Meldungen an den Gruppenverband der Agudas Iisroel, Halber st adt, schleunigst erbeten. korresponaenre« « nacbricbten. Heidi. (Jubiläum aer Rabbinerseminars. Berlin, 19. Oktober. Das Rabbinerseminar zu Berlin konnte am 11. Okt. d. I. (1. Marcheschwan) aus 50 Jahre seines Bestehens zurüäbliäen. Von dem verstorbenen Dr. Israel Hildesheimer begründet, hat es sich zur Aufgabe gestellt, Studenten, die sich den Rabbinerstudien widmen wollen, mit allen für einen solchen erforderlichen Kenntnissen aus traditionell-gesetzestreuer Basis auszustatten. Von Anbeginn an wurde der größte Teil der Studienzeit auf Talmud und Decisoren verwendet, ferner Bibelexegese und biblische Grammatik, jüdische Geschichte, Religionsphilosophie usw. gelehrt. Das erste Lehrerkollegium bestand außer dem Rektor und Begründer aus den Professoren Hosfmann, Barth, Berliner und Dr. Hirsch Hildesheimer. Nach dem Tode Israel Hildesheimers