Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. November 1923 Nr. 44 Seite 3 Der Israelit Verräter in den Augen des polnischen Volkes dahinstellen wollte. Wahr ist, daß Polens Inden kein Hehl aus ihrer Unzufriedenheit mit ihrer Behandlung machen, und dieser Unzufriedenheit am richtigen Platze Ausdruck zu geben wissen: im Sejm, im Senate und bei der Regierung. Wahr ist, daß das jüdische Ausland von den polnischen Juden ersucht wurde, von seiner Absicht, auf diplomatischem Wege für die jüdischen Rechte in Polen etwas zu erreichen, abzusehen, da die Juden Polens vorerst Manns genug sind, innerhalb der ihnen von der Verfassung gezogenen Grenzen für ihre Rechte einzustehen. Wenn Organe des Völkerbundes, oder, wie es in letzterer Zeit geschehen ist, der französische Ministerpräsident sich gegen die Taktik polnischer Minister aussprechen, den völkerrechtlich unzulässigen Numerus clausus auf Umwegen de facto an den polnischen Universitäten einzuführen, so ist es gewiß nicht die Schuld der Juden, wie es überhaupt nicht ihre Schuld ist, datz eine unehrliche Negierungspolitik polen um den letzten Kredit in Europa bringt. Dafür sollte sich die polnische Regierung vielmehr bei den gleichen Elementen bedanken, die heute ausstreuen, die Juden schädigten durch Schaustellung ihrer Entrechtung den guten Ruf Polens. Gibt es eine jüdische Musik? Von Chordirigent Mar Weltmann in AranKfurt. Wir werden in kurzer Zeit auf eine wichtige Frage die Antwort haben, auf eine Frage, die mit den unzulänglichen Mitteln unseres Wissens bisher nicht entschieden werden konnte, die aber längst den Gegenstand unzähliger privater und öffentlicher Diskussionen gebildet hat. Die Frage lautet: „Gibt es eine jüdische Musik oder nicht?" Angesichts der neueren Bestrebungen, die auf Sammlung und Pflege der ostjüdischen Volksmusik gerichtet sind, hat man es oft als Selbstverständlichkeit angesehen, datz diesen Melodien ein musikalisches Spezifikum innewohne, das sie 311 ausgesprochen nationalen Erzeugnissen stempelt. Ebenso oft aber hat man sie als Milchprodukte slawischer, deutscher, magyarischer und jüdischer Eigenart für untauglich erachtet, die Basis für wissenschaftliche Forschung abzugeben. Den wahren jüdischen Wesenskern herauszuschälen, gelang nicht. Die gefühlsmäßig abgegebenen Urteile aber, mit denen man den einzelnen Weisen ihre Nationalität zuzuordnen versuchte, wurden von Verständigen niemals ernst genommen. Das von vielfachen Volksstromungen erfüllte Becken des ostjüdischen Siedlungsgebietes konnte auch eine etwa vorhandene Eigenart der Musik nicht rein bewahren. Man mutzte wohl zu höheren Quellen emporsteigen, wenn man die jüdische Musik von fremden Beimischungen unberührt erfassen wollte. Diesen Weg nun ging vor ungefähr fünfzehn Jahren A. Z. Jdelsohn. ein Musiker, der an den Wiener und Leipziger Hochschulen die wissenschaftliche Methode und das Rüstzeug für seine Forschungen gewann, als deren Ergebnis nun die Antwort auf die große Hauptfrage nach der Existenz einer jüdischen Musik fallen soll. In Europa — das mutzte sich der Forscher sagen — gab es keine Möglichkeit, das Problem zu lösen. Er wählte Jerusalem zu seinem Wohnsitz, und dort, in stetiger Berührung mit dem orientalischen Judentum aller Stämme, unternahm er es, in mühevoller Sammelarbeit zunächst ein möglichst lückenloses Archiv der traditionellen, im Volke lebenden Weisen anzulegen. Er wandte bei der Prüfung dieses Materials die einzig und allein zu wissenschaftlich einwandfreien Ergebnissen führende Methode der vergleichenden Forschung an, und als er endlich daran ging, die vielen Tausends von phonographisch und gehörmätzig aufgenommenen Weisen auf ihre nationale Eigenart zu untersuchen und sie mit der Musik anderer orientalischer Völker verglich, gelangte er zu dem Ergebnis: Es gibt eine jüdische Mussik. Diese These, mag sie in ihren praktischen Auswirkungen auch wenig bedeutungsvoll sein, ist ein Fundamentalschritt vorwärts, ist die Begründung einer neuen Wissenschaft: sie wird von der jüdischen Welt nicht ohne Erschütterung vernommen werden. Jdelsohn ist nach Europa gekommen, um uns diese Botschaft zu bringen. Er überwacht in Deutschland die Drucklegung seiner Arbeiten, die von der jüdischen Gelehrtenschaft ebenso wie von allen Musikfreunden mit grötzter Spannung erwartet werden. Der zweite Band seines Hauptwerkes: „Hebräisch-orientalischer Melodienschatz" ist eben im Erscheinen begriffen. Er umfaßt die Gesänge der babylonischen Juden und enthält das wichtigste Material für unsere Frage, da die babylonischen Gemeinden, dank ihrem hohen Alter und ihrer Abgeschlossenheit, als die treuesten Bewahrer der alten Tradition zu gelten haben. Seit acht Jahren ist dieser Band abgeschlossen, und ebensolange hatte Jdelsohn Gelegenheit, in steter Nachprüfung die Notierung der Gesangsweisen auf das exakteste festzulegen. Was die Jdelsohnsschen Arbeiten, und hauptsächlich dieser Band, uns lehren werden, ist, daß die hebräische Musik sich als Zweig eines allgemein semitischen Musiktypus repräsentiert und mit jener der Araber die nächste Verwandtschaft besitzt. Die historische Trennung dieser Gattung ist von ihm genau festgekegt worden, ebenso ihre wesenhaften Kennzeichen, die in der Verwertung gewisser Tonskalen und bestimmter Jntervallschritte zu suchen sind. Dabei kommt der Verfasser des öfteren zu ganz anderen Ergebnissen als die bisher geübte „gefühlsmätzige" Klassifizierung und weist bei mancher bisher als jüdisch geltenden Eigenschaft den fremden Ursprung nach. Diesem Bande werden sich weitere anschlietzen, die sich mit der Musik der verschiedenen Siedlungszentren befassen. Die persischen und marokkanischen Juden und in Europa hauptsächlich Italien, Spanien und Litauen liefern dazu das wertvollste Material. Wenn das eben genannte Quellenwerk für die Allgemeinheit schwer zu durchdringen sein dürfte, so wird Jdelsohns „Geschichte der jüdischen Musik" weiteren Kreisen das Verständnis für die neuen Probleme eröffnen. Sie erscheint zunächst in hebräischer und vermutlich bald auch in deutscher Sprache und wird von nicht zu unterschätzender Bedeutung auch für die Gesamtgeschichte der Musik sein. Das, was wir als jüdische Musik zu betrachten haben, ist, in europäischem Sinne gesprochen, eine primitive Kunst. Cs ist, als ob ein Forscher plötzlich einen unbekannten Volksstamm entdeckte, der auf einer Kulturstufe lebt, die wir uns früher nur aus Denkmälern mühsam konstruieren tonnten. Wir finden die jüdische Musik an einer Stelle der Entwickelung, die die allgemeine Musik längst überschritten hat. Welche Bedeutung dies für die Musikhistorie hat, kann man leicht ermessen, und es ist verständlich, datz zum Beispiel die wissenschaftlichen Vertreter der katholischen Kirchenmusik den Forschungen Jdelsohns das größte Interesse entgegenbringen. Die dunkle Frage der Rhythmik des Chorals scheint hier der Lösung entgegenzusehen. Mit den Ergebnissen der neuen Studien bereitet sich der Weg zur exakteren Definierung des Jüdischen in der Musik. Wir werden in der Lage sein, in der Fülle noch nicht untersuchten Materials das Artgemätze sicher zu erkennen und die Entwickelung dieser Art von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart genau nachzuzeichnen. Für die positive Arbeit, die praktische Kunstübung und Kunstförderung, sind gleichfalls neue Möglichkeiten geschaffen. Aber hier wird es notwendig sein, die vorliegenden Möglichkeiten nicht zu überschätzen. Jdelsohn erzählt von den interessanten Versuchen, die er mit der Popu- Kleines Feuilleton. Die Agudas Jsroel-Konferenz in Palästina. H. Rabbiner Pfennig st ein erstattet Bericht über die Tätigkeit der Agudas Jisroel in Jaffa. Das dortige Büro, das geschlossen war, wurde aus Einwirkung der Jerusalemer Zentrale vor etwa sieben Monaten wieder geöffnet. Der Jaffaer Aguda gehören 160 zahlende Mitglieder an, abgesehen von den vielen Nichtorganisierten Agudisten. Rabbiner S. Slonim berichtet, daß in Liberias über 100 Mitglieder ihren Beitrag an die Aguda zahlen. In Saffed beträgt die Mitgliederzahl, nach dem Berichte des Rabbi Schap i r o , 150. „ I e s o d Hamalah" hat 10 Mitglieder. Die jüdische Erziehung ist dort die Hauptsorge der Aguda. Rabbiner Jadler schildert die religiöse Lage in den von ihm bereisten Kolonien. Mit der Religion, besonders mit dem Sabbat, steht es dort sehr im Argen. Viele Kolonien besitzen weder Schochet noch Mikwah. Dem llebel könnte abgeholfen werden durch Entsendung von Jeschiwajüngern in die Kolonien, die dort in religiöser Beziehung nach dem Rechten sehen. Schwierigkeiten bietet die Wohnungsnot. Die zionistischen Verwaltungen schaffen bereitwillig Platz für „Beth Am", Bibliotheken usw., aber nicht für Rabbonim und Schochtim. Die Rabbiner Blau und E n d e r sind dafür, daß man hinsichtlich dieser Geistesnot an die breite Oeffentlichkeit appelliere. Rabbi Epstein wünscht die Entsendung einer Kommission zur Prüfung der Verhältnisse. Rabbiner I. B. Horovicz empfiehlt, sich erst mit den geistigen Führern der Aguda über die Sache zu beraten. Die beiden letzteren Vorschläge werden auch angenommen. Es wird vorgeschlagen, in der „Kenessio Gedaulo" die Bildung eines diplomatisch informationellen Rates anzuregen, der die Presse des Auslandes mit Nachrichten über Palästina versieht. Der Rat, bezw. die ernannte Preßstelle müßte als offiziell gelten. Rabbiner E n d e r schlägt die Anstellung wenigstens eines besoldeten Sekretärs vor. Rabbiner Jadler setzt sich für die Herstellung einfacher Häuser ein. Rabbiner E n d e r möchte eine Propaganda dahin entfalten, daß jeder Jehudi mindestens ein Pfund für den Häuserbau spende. Die Anregungen werden mit großem Beifall ausgenommen und wird an Ort und Stelle ein größerer Betrag für den Aufbau des Viertels „Neve Israel" gesammelt. Rabbiner Jungreis wünscht noch eine größere Propaganda, Herr Lederberg die Gründung einer orthodoxen Tageszeitung in Jerusalem. In das nun gebildete Permanenzkomitee werden gewählt die Rabbiner I. V. Horovicz, S. Jung reis, B. Z. Jadler, M. Blau, S. Ender, sowie die Delegierten aus der Provinz und als Sekretär Herr Schächter. Familiennachrichte». B armizwo: Heinrich, Sohn des Herrn Dir. Jul. Gans, Bleichstratze 62. Synagoge Börneplatz. *n 10. November. Sabbat-Anfang und -Ausgang. mtp "n nnw s Ort: Anfang Datum Äusg. Uhr 1923 I 5684 Uhr Min. Frankfurt a. M. 4 33 3. 24. 5 60 Berlin .... Nov. Mar- München . . . 4 45 chefchwau 5 35 Köln ..... 4 50 5 60 Stuttgart . . . 4 45 5 44 Breslau.... 4 40 5 10 Nürnberg . . . 4 40 5 32 Hamburg . . . 4 35 5 33 Znweii dnngen für den Lubawitzer «pp und seine 3 in Russland und Palästina nimmt entgegen Philipp Wolfff Frankfurt a. NI. Schwanenstrasse 6 Postscheck-Konto 55043.