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Der Israelit · 1923-11-01 · Heft 44 (1.11.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 44 (1.11.1923)
Date
1923-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 44 Der Israelit 1. November 1923 blutende Welt? nvn rrx, und die Antwort lautet: ui nVwV; eine wohlbekannte Antwort, ein bewährtes Mittel, das die Midraschweisen schon kannten und vielleicht darum in einen pivs Hineinlesen, weil es ebenso beständig und für alle Zeiten erprobt ist wie die heiligen Thorasätze selbst. Auch das kennen wir! Juden haben sich um Politik und Wissenschaft, um Kunst und Rechtsleben verdient gemacht, andere haben in schwerer Zeit soziale Werke geschaffen, die den Gedanken der Menscheneinheit über die Meere trugen. Das waren eben Menschen, bestenfalls I u d e.n. Einzelne haben aber zu unserem Leidwesen wie Unzählige aller anderen Konfessionen aus Volksnot, Hochkonjunktur gemacht — das sind die Juden! Auch das ist wenig neu. Midrasch dürfte daran gedacht haben, als er dem Satze rixi xb nsxn bie Bemerkung anfügte: ]K2a *jwn nrwn p^'12» pm® »pyn nbw p’Vnnatp. Abraham, dem sich mit nnran pn rvni die Fernsicht in die ro^n in die finsteren Schrecken des Gokus auftat, sah u. a. auch, daß «jwn nbis; der „Aufschwung", die jüdischen Handlungen, so sie nach oben weisen geteilt und getrennt vom Ganzen, als Einzelerscheinungen bewertet werden, wie bei *pisrn Kopf vom Rumpfe getrennt wird. Dagegen *jwn rmvn,wo man auf Sünden und Verfehlungen von Juden Hinweisen kann, diese als jüdische Sünden und Verfehlungen schlechthin behandelt werden. Bei *ymn rmvn bleibt Kopf unzertrennlicher Teil des Rumpfes und alle Teile miteinander verbunden. Und bei alldem hoch den Kopf und frei den Blick! Wir sollten heute nur einen Hatz kennen, den Hatz gegen alles, was unser Leben schändet und herabwürdigt, den H a tz g e g e n den >Hatz; wir sollten nur einen Kampf kämpfen, den Kampf gegen die Rot, wo und wie sie uns aus Familien und Gemeinden, aus sozialen, humanitären und Thorainstitutionen entgegenschreit. Aber diesen mit allen Mitteln und allen Waffen, die uns die Arsenale unserer Geschichte, unseres Gesetzes und unserer Tradition bieten. Kämpfen wir gegen das Gewölk so lange an, bis der Berg sichtbar ist! Wochenrundschau. Der „Gerusch" aus München. Auf dem Sumpfboden des bayrischen Antisemitismus ist die erste Frucht gereift: Juden¬ Kurze Bemerkungen zu den ersten Blättern der Thora? Don Rabbiner Dr. Kekir Kanter, Amilian (Mähren). (Fortsetzung.) „And es hörte auf der Regen vom Himmel." (□*>Dwn p Dt20n JOTi). Dieser Ausdruck ötoi) kommt — nach der Masiora — nur noch ein zweites Mal vor: oyn 8^1 („das Volk hört auf — die Spenden — zu bringen." Diese beiden Verse stehen in einem gewissen Zusammenhänge mit einander. Im Talmud (Iebamot 78 a) heißt es, daß die Hungersnot häufig eine Folge des Versagens der n^irL-Pflicht ist faunu orw ... mx (u.1 pa „Der Regen hört aus," wert „das Volk aushört" seine Spenden darzubringen (die npirr-Pflicht zu erfüllen). *) Nach „Jalkul Hadrusch". i. Teil. austreibungen:ein Ein Zweihundert jüdische Familien, zum Teil seit vielen Jahrzehnten in Bayern und München ansässig, mit ihrem Gut und Blut dem bayrischen Staate und dem Deutschen Reiche dienend, erhalten ihre kurzfristigen Ausweisungen, —' weil sie Juden sind, weil sie ausländischer Staatsangehörigkeit sind, weil sie endlich Vermögen besitzen oder besitzen sollen. Heinrich Heine nennt in zynischem Sarkasmus kranke Juden, doppelt krank: krank und Jude ... In Bayern ist ein vermögender ausländischer Jude dreifach verloren: Jude, Ausländer und vermögend . . . Daß im Bayern der Herrn Kahr und Knilling, wo ein psychopathischer Hordenführer wie Hitler das öffentliche und Geistesleben beherrschen, „Jude" keine besondere Empfehlung ist, daran hat man sich schon nachgerade gewöhnt. Auch „ Ausländer " ist hier kein Kompliment, und „Ausländer" ist jeder, der von jenseits der weißblauen Grenzpfähle gekommen ist, jenseits des militärischen Machtbereiches des Herrn von Lossow. So traf denn in der Tat die Ausweisung zuerst auch solche jüdische Familien, die längst im Besitz der preußischen Staatsangehörigkeit waren und als Deutsche ihre Söhne mit bayrischen Regimentern ins Feld schickten, von wo sie mit Ehrenauszeichnungen oder überhaupt nicht mehr heimkamen. Das ist alles soweit vom Standpunkte der bayrischen Nationalsozialisten in Ordnung. Was hätte auch ein Ausnahmezustand für einen Sinn, wenn er nicht allsogleich diejenigen träfe, die man ohnehin unter Ausnahmegesetz zu stellen bemüht ist? Was man aber selbst unter dem engen bayrischen Gesichtswinkel nicht begreift, das ist die Begründung der Austreibung mit dem „Vermögen" der Ausgetriebenen. Wenn es Sünde ist, im Leben aus eigener Kraft es zu etwas zu bringen, wenn es Verbrechen ist, aus kleinen Anfängen seine Sache in die Höhe zu fördern, dann müßte gar mancher Großindustrielle als Verbrecher dahingestellt und ausgewiesen werden, und die Kommunisten hätten dann recht, im Vermögen an sich, oder richtiger, in der Tatsache, daß das Vermögen Anderen undnicht ihnen gehört, eine Unregelmäßigkeit der Weltenwallung zu sehen, die ihrer Ausgleichsarbeit harrt . . . La propriete c’est le vol — das scheint jetzt bayrische Staatsmarime zu sein. Das Vermögen soll „auf Kosten" der einheimischen Bayern erworben worden sein. Haben sich die Statistiker des Herrn Knilling die Mühe genommen, festzustellen, wieviel brave, einheimische Bayern von diesen Leuten, die es duzch redliche Arbeit und unermüdlichen Fleiß zu etwas gebracht haben, ihr Brot hatten? In Spanien sagte man vor vierhundert Jahren zu den Juden: Ihr seid Juden, ergo müßt ihr hinaus,- ihr seid Juden, darum wird euer Vermögen konfisziert; ihr seid Juden, folglich fallen eure Häuser guten Christen anheim! Die bayrischen Austreibungspolitiker in der Kulturmaske des zwanzigsten Jahrhunderts sind weniger offen, aber im Effekte kommt es auf das Gleiche hinaus: Sie müssen hinaus, weil sie Juden und Ausländer sind und Vermögen besitzen, und ihre Häuser und Wohnungen sind bereits denen zugeteilt, die keine Ausländer und keine Juden sind. Man hat bis jetzt in Bayern in Presse und Versammlungen gehetzt und verleumdet. Nun kommt die Regierung, die Bauern gern als Drdnungszelle im Reiche ausgibt, und setzt der Hetzkampagne die Krone auf mit einer Regierungshandlung, die das ganze Treiben sanktioniert und darüber hinaus dem Lande und den Gesinnungsverwandten in den Nachbarländern sagt: „Ihr habt Recht! So sind die Juden und so verfahren wir mit ihnen! Wir, als Hüter des Gesetzes berufen, fangen mit den Ausländern an. Ihr aber, die ihr freie Hand habt! . . ." Wer den Jubel der bayrischen Presse vom Geiste der Miesbacher ob dieses ersten Anlaufes der Regierung sich ansieht, merkt gleich, daß man hier den Sinn der Verfügung ohne weiteres verstanden hat. Die zweihundert ausgetriebenen Familien, denen, wie die Zeitungen versprechen, bald mehr folgen werden, werden, ohne ein Wort sprechen zu müssen, den Ruhm Bayerns über die Meere hinaustragen. Dann werden natürlich wieder die Juden schuld daran sein, datz der moralische Kredit des größten süddeutschen Staates so tief steht, datz er nicht mehr tiefer sinken kann. Verleumdungen. Die Rechtsparteien in Polen haben kein gutes Gewissen, wenn sie in letzterer Zeit in Wort und Schrift ausstreuten, die Juden hätten sich in einem Memorandum an den Völkerbund in Genf über die Beschneidung der Minoritätsrechte und speziell über die Behandlung der Juden in Polen beklagt. Zu klagen hätten die Juden in Polen, wie aller Welt bekannt ist, gerade genug, aber den Gang nach Genf haben sie nicht unternommen. Es ist, wie jetzt von zuständiger Seite erklärt wird, eine böswillige Verleumdung, mit der man die Juden als Denunzianten und Landes-f Viermal kommt nach der Masiora der Ausdruck "p?Pl (gehen) in der Thora vor. In unserem Wochenabschnitt kommt dieser Ausdruck zweimal vor: "nom “pin . . . “p^n. Ferner heißt es -pSl yiDil und In der Tat: ein Lebensbild Israels in vier kurzen Sätzen entworfen. Als nämlich Israel immer größer OnüT “pbn) und stärker wurde, büßte es sehr viel von seiner Glaubensgräße und -Stärke ein (Tcni "pbn) — nach der bekannten Regel tsyrri P">12" pBi. Dies hatte zur Folge, daß es, von seinem Lande vertrieben, den Wanderstab ergreifen mußte (zpLUl “pbn). um in der Fremde eine Ruhestätte zu suchen, die es bis jetzt nirgends fand. Erst wenn es zu seinem Gotte in Buße und Reue (mEi -ppn) zurückkehren wird, wird es auch in seine Heimat zurückkehren. „Den Regenbogen gab ich in die Wolke etc." Im Talmund (Traktat Ketubot 77 a) wird erzählt: R. Simon ben Jochai fragte einst R. Josua ben Lewi, ob bei seinen Lebzeiten ein Regenbogen sichtbar war oder nicht. Als R. Josua daraus zur Antwort gab, daß bei seinen Lebzeiten der Regenbogen zu sehen war, sprach R. Simon; dann bist du offenbar nicht der berühmte Mann, als welchen ich dich preisen hörte, (nna pa .. . -pDU) rTO rinai:) Wib 13). Im Zeitalter wahrhaft großer und stommer Männer, so bemerkt Raschi z. St., ist der Regenbogen nicht sichtbar. Die Schwierigkeit der zitierten Talmudstelle liegt ja aus der Hand. Der Regenbogen ist doch eine von Gott erschaffene Naturerscheinung; wie sollte sie denn plötzlich gänzlich ausgeschaltet werden und vollständig verschwinden (unsichtbar werden)? Allein es ist ebenso ein allbekanntes Naturgesetz, daß ber Nacht niemals ein Regenbogen zu sehen ist, (was ja in der Naturerscheinung des Kap. 26, 4) '»nD3l □DV2 □D'iDtw „Ich werde euch Regen geben zu e u r e r Zeit", d. h. zu einer Zeit, die euch als die beste und geeigneteste erscheint. Diese geeignete Zeit, so bemerken unsere Weisen, ist die Nacht von Freitag und Mittwoch (lym 761 natsr ^), an welchen Abenden sich ieder zuhause befindet. Der Regen zu dieser (bestimmten Abend-)Zeit wird als Lohn verheißen für dieBesolgung der göttlichen Gesetze und Gebote (. .. -Q^n 'Dpm Da ^nrtt'i). Im Zeitalter wahrhaft frommer und gottesfürchtiger Männer fällt demnach der Regen zur Zeit", d. h. an bestimmten Abenden. Am Abend ist der Regenbogen aber niemals sichtbar. Demnach ist die oben angeführte Frage m dem Sinne zu verstehen: war der Regenbogen bei deinen Lebzeiten sichtbar, d. h. hat es nur an den bestimmten Abenden geregnet oder auch zu andern Zeiten (des Tages), was gegen die göttliche Verheißung ist? 131 nD’’P "a nsn. Dazu bemerken unsere Weyen: pl nö^ bw miETSi „Die Schönheiten des Jephet (der profanen Wissenschaften) sollen verpflanzt werden in die Lehrhäuser Sems (Israels). Die jüdische Religion ist nie bildungsseindlich gewesen; ein alter Grundsatz unserer Lehrer lautet: "Ul HDan na wd in,, man bekenne sich rückhaltlos zur Wahrheit, ohne Rücksicht aus denjenigen, der sie verbreitet." Hauptsache aber ist und bleibt DWpnaa «DEm; die Grundlage müssen aber, die „Zelte Sems". Israels Lehr- und Gotteshäuser, bilden. (Fortsetzung folgt.)

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