Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 39-40 (24.9.1923)
- Date
- 1923-09-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Teuilleton Beilage Der Israelit nr.39/40 IW Die vier Elemente. °> Eine wundersame Geschichte. Bon S« Hormon. I. Als Tarphon nach zehnjähriger glücklicher Ehe mit seiner Mirjam, nachdem er längst die Hoffnung auf Vaterfreuden aufgegeben hatte, sein neugeborenes Knäblein im Arm hielt, benahm er sich wie besessen vor Freude. In seinem Rausche sprach er von einem Kaddisch, das ihm der liebe Gott geschenkt hatte, was sich aber seine Mirjam vom Kindbette aus mit leiser Stimme sehr verbat. Sie wollte in den ersten Stunden des Mutterglückes nicht an Tod und Kaddisch erinnert sein. Tarphon galt als steinreicher Mann. Er hatte Felder und Wiesen, die sich an fliehenden Bächen weit ausdehnten, Knechte und Mägde in großer Zahl. Nun ward sein Glück nach langem Hoffen und Harren mit der Geburt eines männ ■ lichen Erben vollkommen. Kein Wunder eben, daß ihm diese Glücksfülle im ersten Momente beinahe die Sinne raubte. „Höre Mirjam," sprach er, nachdem sich die Frau ein wenig beruhigt hatte, „ich halte es für richtig, als Andenken an die Geburt unseres Sohnes der Gemeinde ein Denkmal zu stiften, das den Segen dieser Stunde bis in die spätesten Zeiten hinausträgt." Mirjam schlug vor: „Wenn ich mich mit Gottes Beistand wieder erholt habe, dann werde ich mit Hilfe meiner Schwester eine seidene Decke für das Thorapult in der Synagoge sticken." „Seidene Decken verschleißen mit der Zeit Auch halte ich eine solche Gabe nicht für angemessen," warf der Mann ein. „Dann wollen wir einen goldenen Kidduschbecher bestellen," meinte die Frau. „Goldene Becher werden leicht gestohlen," gab der Mann seinen Bedenken Ausdruck. „Uebrigens steht mein Plan längst fest. Ich hörte erzählen, daß der berühmte Szaufer Beinisch heute eine Thorarolle zu Ende geschrieben hat, ein Prachtstück der Schreibkunst, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Er verlangt einen ungewöhnlich hohen Preis. Aber was machts? Die Ernte war gut, unsere Einkünfte mehr wie sonst. Ich bringe das Opfer und lasse die heilige Rolle nicht in andere Hfind<: kommen." Am folgenden Tage besuchte Tarphon den Thoraschreiber in seiner bescheidenen Behausung. Dieser war gerade dabei, alte Pergamente auszubessern. Tarphon teilte gleich den Zweck seines Kommens mit. Aber Beinisch erwiderte: „Das Sefer ist bereits so gut wie verkauft. Die Gemeinde Wilna bietet zweitausend Rubel." „Dann zahle ich einhalb tausend mehr," erbot sich Tarphon. Der Thoraschreiber nickte und holte das heilige Exemplar aus dem Schreine, um es dem Käufer, der es nur vom Hörensagen kannte, zu zeigen. Die Rolle war nicht besonders groß und auch nicht schwer. Die Schrift war aber so regelmäßig schön und lichtvoll, wie sie Tarphon noch nie im Leben gesehen hatte. *) Aus dem Englischen. Wie funkelnde schwarze Perlen auf weißem Grunde reihten sich die Buchstaben aneinander/ Mit leuchtendem Auge erläuterte Beinisch die Vorzüge des Sefers. „Zehn volle Jahre habe ich daran gear beitet. Tag für Tag. Jeder Schnörkel, jedes Zeichen ist wohl durchdacht, die Zwischenräume wohl gemessen aufs Haar. Und dann das Olivenholz der Griffe, die kostbare Seide des Mäntelchens, die Edelarbeit des Silberbehanges mit den hellklingenden Glöcklein . . „Dieser Schmuck," fügte Beinisch mit Vaterstolz hinzu, „ist die Arbeit meines Sohnes, der Silberschmied ist. Es gibt weit und breit keine schönere ThorarollMes sei denn die, aus welcher die Erzväter am Sabbat den Wochenabschnitt im Gau Eden lesen . . . Zahle dreitausend und sie ist Dein Eigen." Tarphon war wie geblendet von all der Pracht und Heiligkeit und zahlte den abverlangten Betrag, ohne wegen der kleinen Ueberforderung zu feilschen. Ueberglücklich eilte er nach Hause und indem er Mirjam von dem guten Aauf erzählte, fügte er noch hinzu: „Morgens um achte erblickte unser Kind das Licht der Welt. Und just um diese Zeit, auf die Minute, so sagte mir Beinisch, hatte er, nachdem er die ganze Nacht daran gearbeitet hatte, das Sefer zu Ende geschrieben. Kind und Sefer sind in gleicher Minute geboren. Ist das nicht ein wunderbares, unb e g reiflich es Zusamm entreffen?" „Unbegreiflich wohl nicht," gab die Frau zur Antwort. „Verwundern darf uns eine Fügung der allmögenden Gotteshand nie. Aber ein gutes Omen für unser Kind ist es allenfalls, daß seine Eeburtsstunde mit der der heiligen Rolle zusammenfällt." ----- Dann küßte Tarphon sein Kind und sprach: „Möge Deine Seele Gott so viel wert und teuer sein wie Deine Zwillingsschwester, die heilige Thora." ' i Am achten Tage wurde die Veschneidung mit einer Festlichkeit begangen, von der die Stad noch lange sprach. Was von den langen Tafeln abgetragen wurde, hätte leicht für zwei gut bürgerliche Hochzeiten ausgereicht.« Was in der Stadt irgend mitzählte, war bei der Tafel zugegen. Sogar der alte Rabbi, Reb Leserte, der den Ruf eines großen Kabbalisten hatte, ein blinder Greis, der in vollkommener Weltabgeschiedenheit lebte und von dem man sich erzählte, daß der Prophet Elijah zu seinen Haus genossen gehörte, war da und saß an der Spitze der Gäste. Nur ein Mann vom Ansehen des Tarphon durfte es wagen, an diesen Heiligen heranzutreten. Dieser Rabbi wußte außer den Eltern allein um das Geheimnis der gemeinsamen Geburtstunde von Kind und Thorarolle. Als er vor der Beschneidung seine dürren Hände über das Haupt des Kindes ausbreitete, um es zu segnen, /lästerte er einige Worte, die nur die Nächststehenden zu hören glaubte.n. Was sie verstanden, war etwa folgendes: „Da Ihr in gleicher Stunde geboren seid, so sei Euer Schicksal miteinander verbunden. Was der Einen widerfährt, widerfährt auch dem Anderen. Die vier Elemente sind in Bewegung. Besteht die gemeinsame Seele den Kampf gegen sie, dann werde die ihr bemessene Zahl der Tage voll . . ." Die Hörer staunten und verstanden den Sinn des Segens nicht. Keiner vermochte die rätselhaften Worte zu deuten. Aber der Rabbi selber konnte keinen Bescheid geben, denn er starb, als er von der Beschneidung auf dem Wege nach Hause war. n. Am Tage nach der Beschneidung wurde die prachtvolle Thorarolle unter großen Festlichkeiten, an denen die ganze Gemeinde teilnahm, in die Synagoge gebracht. Tarphon selbst führte den Festzug an, das neue Sefer an die Brust gepreßt, hinter ihm die Vorsteher mit den anderen Thorarollen im Arm. Im vollgefüllten Gotteshaus herrschte Jubel und Freude. Die Vornehmsten der Gemeinde wurden herangezogen, die noch hohlen einzelnen Buchstaben auszufüllen. Tarphon selbst suchte sich die Buchstaben zusammen, die den Namen seines Kindes Efrajim ben Tarphon ergaben. Mit nicht weniger Pomp wurde nach dreißig Tagen die Auslösung gefeiert, wobei Tarphon sämtliche Kohanim der Gemeinde mit der vorgeschriebenen Gebühr beschenkte und ihnen wie der Gemeinde ein großes Fest gab. Zuweilen mischte sich in des Vaters Freude der Gedanke an den mysteriösen Segen des Rabbi. Dunkel blieb der Sinn, doch soviel stand fest: ein ganz besonderes Los war seinem Kinde beschieden, im Guten oder auch, was verhütet werden mußte, im Bösen. Indes war Efrajim von erster Kindheit an eine Quelle ungeahnter Freuden für die Eltern. Mit zwei fahren konnte er das „Olef Bes" hin und zurück hersagen, mit drei Jahren las er fließend aus Gebetbuch und Pentateuch. In diesem Kindesalter wäre aber dem jungen, hoffnungsreichen Leben um ejn Haar ein jähes Ende gesetzt worden. In der Nähe des Bettchens, wo das Kind schlief, stand nämlich ein älterer Mfeu. Als eines Tages das Aind allein im Haufe schlief, fing der Dfen infolge eines Defektes am Schornstein an zu rauchen und starke Gase zu entwickeln. Zum Glück kam noch Mirjam rechtzeitig ins Haus und fand das Kind bewußtlos und halb erstickt daliegen. Es gelang mit vieler Mühe es soweit zum Leben zu wecken, daß es im Freien wieder frische Luft einatmen konnte. .Efrajim mußte eine ganze Woche das Bett hüten und konnte am Sabbat nicht wie sonst mit dem Vater in.die Synagoge gehen. Es war dies doppelt schmerzlich »für ihn und die Familie, als er gerade lan diesem Sabbat die neu angefertigte kostbare Wimpel ins Gotteshaus tragen und mit eigener Hand um seine Thora wickeln sollte. Auch dieser Anlaß sollte ein Fest werden und nun ward fürs erste nichts daraus. Aber noch etwas «anderes regte an diesem Sabbat die Beter in der Synagoge ungewöhnlich auf. Als Naftali, der Vorleser, aus Tarphons Thora vorleiente, da hielt er mitten im Satze inne. Er setzte idie Hornbrille auf, sah und suchte herum, aber er las nicht weiter. Auch Tarphon selbst, der oben stand, spähte. Es war nicht zu übersehen: ein Fehler im Sefer. Ein kleines Wort von drei Buchstaben, nämlich Rüach" fehlte ganz, -sodaß der ganze Satz zusammenhangslos war. Unbegreiflich, wie man drei Jahre lang diesen Fehler übersehen konnte, aber es war 'so. Auch Beinisch, der Thorachreiber, war wie >vor den Kopf geschlagen, als er den.Fehler wahrnahm. Er hatte mit olcher Sorgfalt, mit;solch peinlicher Genauigkeit das Sefer -bis aufs letzte Iota geschrieben und korrigiert, daß das Verschwinden des Wörtchens einfach unbegreiflich war. Er besserte tags darauf den Fehler, mit Meisterhand so aus, daß nicht die geringste Spur davon blieb. Aber im Herzen Tarphons blieb der Rest eines brennenden Schmerzes, der erst dann wich, als er, nach Hause gekommen, sah, wie sich nun sein Kind vollkommen wieder erholt hatte. III. Je älter Efrajim wurde, umso mehr verbrach er mit seinem Fleiße und seiner Begabung. Mit sieben Jahren lernte er bereits den Tal-