Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 39-40 (24.9.1923)
- Date
- 1923-09-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 39/40 Der Israelit 24. September 1923 Schuldner, der daher selbst eine durch nv'aw erlassene Schuld als freiwillige Leistung erstattet, bandelt nur im wahren Sinn des Gesetzes." -uarn nrm waan nrni Daß bei alldem die Hillelsche Maßnahme sich auf die Tatsache stützt, daß W2V2 nv'aw damals schon nur pa*ma noch in Kraft war. spricht * Maimonides ausdrücklich im „Jod hachasokoh", Absch. 9 bai'i nv'vv mabn Halacha 17 aus: Barman pKi 'iai |prn VVn nmro amsio nma nrnv nin jara tpsoa nv^a^a rrbrr na ^-»sna Barman pa .rnn bv ntrat^ Der positive Charakter des Prusbul, als einer Stütze des naffn erhellt auch aus Talmud „Gittin" Folio 36. Dort wird die Frage aufgeworfen, ob die Einrichtung nur für die Hillelsche oder für alle Zeiten getroffen sei. Auf die Gegenfrage nra xpaj 'mb erfolgt die Antwort: rrtwa^, d. h. die Feststellung ist wichtig für den Fall, daß man Prusbul wieder abschaffen wollte. Handelte es sich nur um eine zeitliche, durch die damaligen eigenen Umstände gebotene Maßnahme, so könnte man sie später ohne weiteres außer Kraft setzen, war aber die Einrichtung auch für spätere Zeiten gedacht, dann würde eine eventuelle Aufhebung nur durch ein Besdin erfolgen können, das das Hillelsche an Bedeutung überragt, ‘td' Y'a px 7^aai naana nam 2"xx man Y'a man Vaa1? d. h. de facto nie und niemals. Die Gemoro nimmt also hier Prusbul als positive Schutzmaßnahme und wendet dabei das bvib bia*’ pnmva 7'N an. wäre aber Prusbul. wie von der anderen Seite mißverstanden wird, nur eine Erleichterung, Milderung oder gar Aufhebung eines Thoragebotes gewesen, es stände dann einem anderen auch minderbedeutenden Besdin gewiß nicht im Wege, die Milderung zurückzunehmen und das Gebot in seiner alten Form und Strenge wieder herberzustellen. Das b ö a b bi2' Y'a j'8 käme hierbei nicht im Geringsten in Betracht. Umsomehr als in rvmaa ■»rn, wo der Grundsatz npa.n pn rra npsn gilt, das bvab bia' Y'a f'n überhaupt nicht angeht. (Siehe hierüber Tausfaus Iebamoth, 79). Ist aber Prusbul ein nninb pd, eine Stütze des Zedokohgebotes und der Verwarnung des naff.n, auf daß der dritte Weltgrundpfeiler n"a:n nicht von einer pann mxa, wie sie rnta v'ava ntraw darstellt, erschüttert werde, dann dürfte sich in der Tat, vorausgesetzt, daß die Einrichtung KaVsn rnnb gedacht war, kein späteres Besdin einfallen lassen, sie kurzerhand wieder abzuschaffen. Dem träte dann, wie bei jeder anderen positiven Takonoh, das pK naana uam a“m man Y'a man bvab bia' Y'a p^aai entgegen. So weit über das Wesen des Hillelschen Prusbul. Ob und inwieweit die Einrichtung auch heute noch, also im Lauf dieses Jahres - *poa xbx naa^a mn* n’ipaw - für Lrez Iisroel und niäglicherweife als nar und ninrnn ^n^a auch für uns in der Diaspora noch aktuell ist, darüber lassen wir das Wort den kompetenten mia nxYinm nmn.n nisav Die Bedeutung der Medizin im jüdischen Leben. ’> Von Dr. meb. Willy Hofmann in Frankfurt a. M. Wenn wir die Bedeutung der Medizin für das jüdische Leben erfassen wollen, so wird der gegebene Weg hierfür der sein, daß wir vor allem das jüdische Schrifttum aus seinen medizinischen Inhalt hin durchforschen. Das jüdische Leben ist durch die Vorschriften des Religionsgesetzes in jeder Richtung hin festgelegt, „jüdisch" leben heißt: sein Leben der Befolgung des Gottesgesetzes weihen. Es wird daher unsere Aufgabe sein, die Quellen des jüdischen Religionsgesetzes. in erster Reihe also Bibel und Talmud, vom medizinischen Standpunkte aus zu beleuchten. Damit ist ohne weiteres gesagt. daß unsere Betrachtungsweise zunächst eine historische sein muß. Bevor wir uns aber zu diesem Spezialthema wenden, möchte ich versuchen, in einigen knappen Sätzen eine Einführung in das Gebiet der medizinischen Geschichte überhaupt zu geben, da diese immerhin einen Wissenszweig darstellt, der selbst unter den Fachgelehrten noch nicht die genügende Anerkennung findet, geschweige denn, daß er einem größeren Kreise bekannt sein dürfte. Die Geschichte der Medizin ist ein Stück der allgemeinen Kulturgeschichte. Es wird sich demgemäß der Stand der Medizin bei den einzelnen Völkern nach der Höhe ihrer Kultur im allgemeinen richten. In der Entwicklung der Heilkunde haben wir zwei Faktoren zu unterscheiden: die Volksmedizin und die Gelehrtenmedizin. Die Volksmedizin ist die ältere, sie fußt unmittelbar auf dem natürlichen Heilungsbestreben des Menschen. Dieses selbst ist wieder etwas Angeborenes, Instinktives, denn wir sehen, daß auch bei den Tieren ein Streben nach Heilung vorhanden ist, denken wir nur einmal an das Belecken der Wunden. In diesem Sinne ist somit die Medizin so alt wie die Menschheit selbst, so lange es Krankheiten gibt, gibt es auch Bemühungen, sie zu bekämpfen und zu heilen. In naiver Weise legt ein Autor namens Albertiz, der übrigens auch eine Schrift über die Medizin der Juden geschrieben hatH, dar, wie die Eesamtkenntnisse in der Medizin, die von den ersten Menschen herrührten, sich nach der Sündflut zunächst auf Noah vererbten. Dieser überlieferte sie wieder seinem Sohne Cham, und von ihm kamen sie - wieder auf dessen Nachkommen, die Aegypter. So wird erklärt, daß gerade dieses Volk in der Heilkunde besondere Leistungen aufzuweisen hat. Der bekannte, vor einigen Jahren verstorbene, medizinische Geschichtsforscher Pagel bemerkt in seinem „Grundriß eines Systems der medizinischen Kulturgeschichte": Die Heilkunde ist in ihren ersten Anfängen keine Wissenschaft, sondern eine auf regellosem Probieren beruhende Kunst." Allmählich sammelten sich die Menschen Erfahrungen in der Krankheitsbehandlung, und so kommen wir zu der sogenannten empirischen oder Erfahrungsmedizin, die wir auch als Volksmedizin bezeichnen können. Sie ist im wesentlichen dadurch charakterisiert, daß jeder aus dem Volke diese medizinischen Erfahrungen besitzt, — es gibt also noch keinen besonderen Stand, dem diese Kenntnisse zü eigen wären — ferner dadurch, daß ihre Bestrebungen fast nur auf die Heilung der Krankbeiten gerichtet sind. lieber den Verlauf oder gar über deren Ursache macht man sich keine oder allenfalls sehr naive Vorstellungen. Daneben findet sich allerdings fast bei allen Völkern der Glaube an Krankheitsdämonen, überirdische Wesen, die dem Menschen schaden und die Krankheiten Hervorrufen. Jedenfalls ist die Volksmedizin in erster Reihe eine therapeutische, d. h. heilungssuchende, auch die Beschwörungsformeln gegen die Dämonen sind hierher zu rechnen. Ganz anders steht es mit der Gelehrtenmedizin. Hier sind die H'eilkenntnisse allmählich zum Besitz eines bestimmten Standes geworden, zuweilen sogar das Vorrecht einer Kaste, wie es in Aegypten bei den Priestern der Fall war. Die Grundfragen, die sie bewegen, sind nicht nur Heilung und Beschwörung von Dämonen, sondern man sucht vor allem nach' einer natürlichen Ursache, beobachtet genau den Verlauf der Erkrankung und lernt bestimmte Krankheitszeichen erforschen und beurteilen. Wenn wir sonst irgend ein medizingeschichtliches Thema in Angriff nehmen würden, sagen wir die Medizin der Inder, oder Araber oder Griechen, so ist dies nicht schwer. Wir haben aenügend medizinische Bücher, die uns als Quellen dienen können, und die genau wie unsere heutigen medizinischen Werke systematisch' das für *) Vergl. W. Hofmann: Die Medizin der Juden nach der Vorstellung des Anton German von Albertiz. Frankfurt a. M. 1917. uns Wissenswerte aus den einzelnen Gebieten enthalten. Ganz anders aber liegen die Dinge, wenn wir uns zur jüdischen Medizin, sei es in Bibel. Talmud, SchulchanAruch usw. wenden. Es gibt keine Bücher, die uns hier vom rein medizinischen Standpunkte aus Aufschluß geben könnten. Die wenigen, die es gab, und die im Tempel zu Jerusalem noch aus der Zeit Salomos aufbewahrt wurden, ließ König Hiskijah verbrennen, damit sie nicht dem Götzendienst Vorschub leisteten. Die Quellen, auf die wir somit angewiesen sind, sind eben Bibel und Talmud selbst. Diese aber sind, ein Gesichtspunkt, der immer wieder betont werden muß, in erster Reihe zu religiösen Zwecken bestimmt, sie wollen -rein religiöse Gesetzesvorschriften geben und nicht medizinisch-wissenschaftliche Lehren. Die Hauptsache in allen Disputationen des Talmuds ist die Ergründung des Dins, der praktischen Gesetzesvorschrift, oder die lehrhafte Erzählung irr seinem agadischen Teil, auch diese verfolgt letzten Endes einen praktischen Zweck. Wenn wir somit auch reiche Belehrung über alle Kulturzweige aus dem Talmud schöpfen können, so bleibt das Ziel doch immer ein religiöses. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit, daß wir bei jedem andern Gesichtspunkte, unter dem wir an den Talmud und überhaupt an das jüdische Schrifttum Herangehen, in - seiner konsequenten Durchführung auf Schwierigkeiten stoßen müssen, aus demeinfachen Grunde, weil das Profane stets unzertrennlich mit dem Religiösen verknüpft ist. Wir sehen hieraus ohne weiteres, daß wir die zu Eingang unserer Darlegungen aufgestellte Forderung, die Quellen des jüdischen Religionsgesetzes vom medizinischen Standpunkte aus zu beleuchten, nur mit einer gewissen Einschränkung durchführen können. Wir erkennen ferner, daß nur derjenige berufen sein kann, allen Schwierigkeiten, die ihm auf diesem Gebiete begegnen, zu lösen, der in beiden Wissenszweigen, sowohl in dem des Thoralernens wie auch auf dem der Medizin, und zwar der alten wie der neuen, in gleicher Weise bewandert ist. Endlich sehen wir ein, daß sich die vorhin angeführte Trennung von Gelehrten- und Laienmedizin im Talmud nicht aufrecht erhalten läßt, vielmehr sind darin beide aufs innigste verwoben. Wir finden zwar auch Krankheiten, die man als direkte Schickung Gottes ansah, und solche, die man auf natürliche Ursachen bezog, z. B. die Erkältung: Eine genaue Trennung ist jedoch nicht möglich, worauf wir später noch zurückkommen werden. Viele Bücher sind über jüdische Medizin geschrieben worden, besonders gibt es eine reiche Literatur über die Medizin in Bibel und Talmud, nicht nur von jüdischen, sondern auch von christlichen Gelehrten, so scheint man sich namentlich um die Mitte des 18. Jahrhunderts viel mit diesem Gegenstand befaßt zu haben: denn es erschienen, über ihn mehrere Dissertationen an verschiedenen deutschen Universitäten. Keine von allen diesen Schriften erfüllte die oben aufgestellte Forderung von einer gleichen Durchbildung in dem religiösen wie in dem profanen Fache. So kann man es denn als einen Markstein in der Geschichte der biblisch-talmudischen Medizin bezeichnen, als im Jahre 1911 das bekannte Werk von Julius Preuß über biblischtalmudische Medizin erschien. Preuß sagt selbst in der Vorrede: „Die vorliegende Arbeit ist die erste über das Gesamtgebiet der biblisch-talmudkschen Medizin, die von einem Arzte verfaßt und unmittelbar aus den Quellen geschöpft ist." Es ist heutzutage nicht mehr möglich. in irgendwelchem Zusammenhangs über Medizin und Judentum zu reden, ohne auf dem Preußischen Buche zu fußen. Gerade in unsern Kreisen dürfte es ein Akt der Pietät und Dankbarkeit gegen Preuß sein, wenn wir ganz besonders auf die Bedeutung seines Werkes und die großen Verdienste, die er sich dadurch erworben hat. immer wieder von neuem Hinweisen. (Fortsetzung folgt.) 9 Nach einem Vortrage.