Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1923)
- Date
- 1923-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450272--70777-2528078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
- Wrocław 1× ep/1002369
OCR text
Seite 4 Nr. 38 -Der Israelit 17. September 1923 .unmöglich ist es allerdings, daß die Tatsache, daß manche jüdische Kreise 'am Sabbat ihr Wahlrecht ausübten, obwohl auch noch der Sonntag zur Verfügung stand, die behördlichen Instanzen zu dieser abermaligen Nichtachtung des Sabbat ermutigt hat. Nichtsdestoweniger muß von jüdischer Seite gegen diese Nichtberücksichtigung der jüdischen Religion Verwahrung eingelegt werden. Das Minderheitsstatut des Völkerbundes verbietet dem Wortlaut wie dem Sinne nach die Ansetzung von Wahlen und Volkszählungen an Ruhetagen der Minoritäten. Ästfjlanfc« Russland und die Religion. Riga, 9. Sept. Der elfte Kongreß der Kommunisten in Sowjetrußland wandte sich mit einem Rundschreiben an die Sowjetkommissare, Beleidigungen und Verletzungen religiöser Gefühle zu unterlassen. Auch die „Pravda" tritt mit einem scharfen Artikel gegen die fanatischen Genossen hervor, die sich in ihrem Eifer gegen die Religionsübungen der Konfessionen gar nicht genug tun können. Trotz all dieser Einsicht hört man noch täglich von Störungen jüdischer Gottesdienste und Schulbetriebe in der Hauptstadt sowohl wie noch mehr in der Provinz. Deujalm-Botsebaft des Präsidenten der vereinigten Staaten. NewPork, 2. Sept. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Calvin C o o I i d g e, hat durch Vermittlung des JCB der amerikanischen Judenheit seine Glückwünsche zu dem nahenden jüdischen Neujahrsfest übersandt. Das Schreiben des Präsidenten lautet: „Die Wiederkehr des Rosch- Ha-schonoh, des jüdischen Neujahrs, das in diesem Jahre auf den 11. September fällt, ist immer eine Erinnerung an die Schuld, die die moderne Welt gegenüber dem jüdischen Volke und seiner wundervollen nationalen Kultur abzutragen hat. Dieses Ereignis ist von Bedeutung nicht nur für die Bevölkerung des jüdischen Glaubens und der jüdischen Rasse, sondern auch für alle diejenigen, die etwas von den glänzenden geistigen Schätzen des Judentums übernommen haben und die der Dienste teilhaftig wurden, die die Juden der Welt zum Wohle aller erwiesen haben." Der O&erkommissar und die flguda. Jerusalem, 31. Aug. Der Jerusalemer „Kol Jisroel" berichtet nach englischen Zeitungen ausführlich über eine Audienz, die Mitglieder der englischen Agudazentrale beini Oberkommissar Herbert Samuel hatten und glossiert seine Aeußerungen im einzelnen. Vorausgesetzt, daß die Angaben der Londoner Blätter zutreffen, bleibe manches darin unverständlich. Er soll geäußert haben, daß er mit der Bestätigung des „Waad haleumi" als alleiniges Gemeindeorgan die Schaffung einer jüdischen Einheit, ähnlich der griechischen und lateinischen beabsichtige. Dabei spricht er es aber selber aus, daß es eine griechische und eine lateinische und noch viele andere Gemeinschaften mit autonomem Recht innerhalb der Christenheit in Palästina gibt. Soll das, was den Armeniern, Kopten usw. als Recht zuerkannt wird, den orthodoxen Juden, die in Palästina das Rückgrat des Judentums bilden, als Unrecht ausgelegt werden? Es stimmt auch nicht, daß der Waad hoaschkenasi eine verschwindend kleine Sabbat-Anfang und -Ausgang. Ort: Uns Uhr ang Min. Dc 1923 ltum 5684 Ausg. Uhr!Min. Frankfurt a. M. 5 55 22. 12. 7 10 Berlin .... ,6 44 Sept. Tischri 7 24 München . . . 6 — 7 22 Köln. 6 — 7 15 Stuttgart . . . 6 45 7 34 Breslau.... — — — — Nürnberg . . . 6 25 7 26 Hamburg . . . 5 55 7 04 Zahl von Mitgliedern umfasse. Aber hätte er nicht selbst dann allen Anspruch aus die verbürgten Minoritätsrechte? Nicht ohne Reiz ist die Mitteilung des Oberkommissars, daß er bei seinen Verhandlungen mit der zionistischen Organisation betreffs der Anteilnahme der Agudas Jisroel an der „Jewish Agency" von ersterer gefragt wurde: „Wieviel Geld gedenkt die Aguda zum Aufbau Palästinas zu leisten?" Wenn schon das Ganze zu einer Geldsache gemacht wird, . dann vergesse man nicht der Opfer der Begründer des alten Jischuw und der namhaften Beiträge, die Orthodoxe nur deshalb dem „Keren Hajessod" beigesteuert haben, weil die orthodoxe Organisation noch ihrer Konstituierung und der Möglichkeit zur Betätigung in Erez Jisroel harrte. Auswanderung aus Palästina. Jerusalem, 7. Sept. Wir lesen im „Doar Hajaum": Zur gleichen Zeit, da den ankommenden Schiffen hunderte Chaluzim entsteigen, deren einziges Vermögen die Hoffnung ist, ein Stückchen trockenes Brot im Lande ihrer Träume zu erwerben, zur gleichen Zeit führen die ausfahrenden Schiffe Männer, Frauen und Kinder aus dem Lande zunr Teil sogar mit namhaften Summen, die eben mit auswandern. Der Ersatz, der durch die Neuangekommenen geboten wird, besteht aus Neulingen, die viele Jahre brauchen werden, um sich ein wenig zu akklimatisieren und sich den Verhältnissen anzupassen. Die Auswanderer bildeten aber das eingesessene Element, das unsere Position im Lande verstärkte. Dabei ist die Einwanderung in Amerika sehr eingeschränkt. Was soll aus Palästina werden, so fragt „Doar Hajaum", wenn Amerika seine Pforten den Emigranten ganz öffnet? Schlägerei bei Tel Joseph. Jaffa, 3. Sept. Die von verschiedenen Zeitungen und Pressebüros berichteten Vorfälle bei Beisan waren, wie aus den nunmehr bereits vorliegenden palästinensischen Zeitungen hervorgeh.t, tatsächlich eine rein lokale Schlägerei, wie solche überall häufig Vorkommen. Danach wurde am Sonnabend nachmittag ein jüdisches Mädchen, das auf dem Wege von Tel Joseph nach Ein Charud unterwegs war, von einer Schar arabischer Burschen überfallen. Dem Mädchen gelang es nach Kampf, sich den Händen den Belästiger zu entwinden und nach Tel Joseph zu entkommen. Einige jüdische Jünglinge begaben sich daraufhin an den Ort des Ueberfalles, wo sich inzwischen gegen 150 Araber, die zum Teil auch bewaffnet waren, angesammelt hatten, die die jüdischen Jünglinge mit Steinen bewarfen und mit Stöcken schlugen. Der Uebermacht mußten die Juden weichen, wobei einige auch Verletzungen davontrugen. Einer der Jünglinge, Tobia Carno, wurde am Fuße schwer verwundet und in das Hadassa-Spital in Jerusalem überführt. Die anderen Verletzten befinden sich in Tel Joseph. Personalien. Gladenbach (b. Marburg), 3. Sept. Schon wieder ist der Besten einer aus unserem Stande dahingegangen. Lehrer Rosenzweig in Gladenbach bei Marburg wurde am 'sy, als er im Begriff war, sich zum Freitagabend-Gottesdienst zu begeben, durch einen raschen, sanften Tod im gesegneten Alter von 76 Jahren seiner Familie, seiner Gemeinde entrissen. 53 Jahre hatte er sich seinem Berufe gewidmet, darunter 40 Jahre in Gladenbach. Ein bleibendes Denkmal hat er sich in seiner Gemeinde dadurch gesetzt, daß er den Umbau der alten Synagoge zu einem prächtigen Gotteshause bewerkstelligte, dessen Kosten durch ihn in mühevoller Werbearbeit aufgebracht wurden. Mehrere Generationen saßen zu seinen Füßen, wurden durch ihn in der Eotteslehre unterwiesen. Ein gottbegnadeter Sänger — Schüler des von ihm begeistert verehrten Altmeisters Sulzer — hat er durch seinen würdevollen, formvollendeten Vortrag seine Gemeinde zur Andacht gestimmt. In seinen von tiefstem Verständnis der talmudischen Wissenschaft zeugenden Lehrvorträgen zeigte er sich als ein Meister des Wortes. Den. Armen war er ein Helfer, den Trauernden ein Tröster, den Witwen und Waisen ein Annehmer. Ein großes Leichenbegängnis zeugte von seiner Beliebtheit und Wertschätzung, die er in allen Kreisen der Bevölkerung genoß. An der Bahre sprachen Herr Provinzialrabb. Dr. Cohn, Marburg, dann Herr Lehrer Isaak, Limburg — der Schwiegersohn des Verstorbenen — im Namen der Familie und Herr Dr. msd. Artur Grünstein für die ehemaligen Schüler ergreifende Worte der Dankbarkeit und Liebe. So lange es eine jüdische Gemeinde Gladenbach gibt, so lange wird der Name Lehrer Rosenzweig unvergessen bleiben! NDDDd p’HÜ “IDT Würzburg, 15. Sept. Ihr 40 jähriges Lehrer-- Jubiläum begingen im Hotel Goldschmidt dahier die Lehrer: Ehrenreich. - Langenselbold, ~ Fröhlich- Gießen, Goldstein -Würzburg, Klein -Gießen, Levi- Burgpreppach, Rau -Hirschaidt, R o s e n t h a l -Worms, Schloß -Langen, Stern -Echzell, Strauß -Gelnhau»- sen, Weichselbaum -Adelsberg. Gleichzeitig übergaben sie dem hiesigen israelitischen Seminare ein ansehnliches Geschenk. Von den 15 Absolventen des Jahrganges 1883 sind leider drei mit Tod abgegangen und einer in einer Nervenanstalt untergebracht. Altwiedcrum b. Hanau, 2. Sept. Am roTtf n-jy NüD "Ü hauchte Joses Adler seine reine Seele aus. Der Verstorbene zählte zu den angesehensten Mitgliedern der hiesigen kleinen Gemeinde. Im Verein mit seiner ihm gleichgesinnten Gattin Johanna geb. Katz führte er ein jüdisches Haus. Insbesondere rühmte man allerorten seine Biederkeit und Reellität in geschäftlichen Angelegenheiten. Von der allseitigen Beliebtheit desleider zu früh Entschlafenen zeugt das Leichenbegängnis. Ein unübersehbarer Zug von Freunden und Bekannten gab dem verblichenen Freunde das letzte Geleite. Herr Lehrer Halberstadt-Büdingen hielt eine ergreifende Grabrede. Bei der heutigen antisemitischen Hochflut berührte es doppelt angenehm, daß die gesamte christliche Bevölkerung des Ortes sich an dem Leichenbegängnis beteiligte. Adler ist ein neues Opfer des unglückseligen Krieges. Als 47 jähriger Mann mußte er noch in die Schützengräben gehen. In diesem Alter war sein Körper den ungeheuren Strapazen des Feldlebens nicht mehr gewachsen. Krank und siech kehrte er bei Kriegsende zu seiner Familie zurück. Aerztliche Kunst vermochte den sichtlich immer näher kommenden Tod nicht mehr zu bannen. Möge der zu früh Entschlafene im Jenseits den reichen Lohn ernten, der ihm für sein vorbildliches irdisches Wirken gebührt. n"D5£Jn Fürth i. B. Am D“iV verschied hier eine selten fromme, edle Frau, eine;*in im vollsten Sinne des Wortes, Frau Sandor Lövy, geb. B erlin g e r. An eben demselben Tage, an dem sie vor 28 Jahren ein heiliges Familienzelt errichtet, zog sie aus demselben, die während ihres ganzen Lebens das S;-)ND Hin unserer Stammutter zur Richtschnur ihres Handelns fnahm. und “piy mit Herz und Hand waren die Leitsterne ihrer Lebensarbeit, als hehres Beispiel herzinniger Frömmigkeit stand sie, die Traditionen einer echtjüdischen Vergangenheit — sie war das achte Glied in der Eeschlechtsnachfolge des^>"^"T “jD — hochhaltend, im Leben. Leid und Leiden mit selbstverständlichem tragend, war es ihr letzter Wunsch, etwas von dem Tische, den sie zum nDTD gemacht, auf dem seit Jahrzehnten zu ihrer Herzensfreude fast täglich bis spät in die Nacht gelernt wurde, mit ins Grab zu bekommen, ein Wunsch, dem auch willfahrt wurde. Nur einen Stolz kannte sie, den Stolz der jüdischen Frau, der min eine Ruhe- und Pflanzstätte in ihrem Hause zu schaffen. Kein Wunder, daß ihr Hinscheiden tiefe Trauer über die zahlreich an der ‘t^ Teilnehmenden und insbesondere über die Familie senkte, eine Trauer, der Herr Rabbiner Dr. Breslauer beredten Ausdruck gab. Möge ihr niDT unsallen beistehen und ihr pniDD im Leben Trost den Hinterbliebenen sein. n"D23D* Vermischtes. Berlin, 10. Sept. In Berlin wurde in der letzte Woche die erste allgemeine Konferenz für jüdischen Gesundheitsschutz unter der Führung der Gesellschaft „O z e" abgehalten. Anwesend waren 70 Delegierte ausallen Ländern der Welt sowie Vertreter zahlreicher jüdischer Organisationen. Drei Gesellschaften aus Palästina, „Hadassah", „Waad Hibriuth", „Krankenkasse" waren durch Delegierte vertreten. Prof. L. Nosenthal (Berlin) eröfsnete die Tagung. Die große Notlage der Judenheit Rußlands zwinge die Berliner Gruppe der ehemaligen Mitarbeiter der „Oze" in Rußland, die Arbeit zu erneuern und fortzuführen. Hierauf wurde Prof. Albert E i n st e i n durch Zuruf zum Ehrenpräsidenten der Tagung gewählt. Die Versammlung bereitete Einstein eine stürmische Ovation. Prof. Einstein dankte für die ihm erwiesene Ehrung. Dann erstattete Dr. M. Schwarzmann das erste Referat über:- „Die Aufgaben des jüdischen Gesundheitsschutzes als nationales Problem." Er sprach von den typischjüdischen Krankheitsveranlagungen und über den jüdischen physischen und geistigen Typus. Er gab der Befürchtung Ausdruck, daß die ungeheuren Leiden der Ostjudenheit zur vollen Degeneration des Judentums führen könnten. Die Zwangsevakuierungen nn Kriege, der Bürgerkrieg und die Hungersnot haben den jüdischen Volksorganismus aufs schwerste erschüttert. In der zweiten Eeschäftssitzung berichtete der Sekretär Friedmann über die Organisation. In Rußland und in der Ukraine wurden 83 medizinische Anstalten und Kindersanatorien eingerichtet. Das Budget beläuft sich auf 20 000 Dollar inonatlich. ■ Die Arbeit wird an 28 Stellen geleistet in einem Gebiet mit 200 000 jüdischen Einwohnern (hauptsächlich im Gouvernement Jekaterinoslaw). Dr. M. Gran schilderte, unter