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Der Israelit · 1923-09-17 · Heft 38 (17.9.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 38 (17.9.1923)
Date
1923-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 38 ständigung gebietet von Mensch zu Mensch, von Volt zu Volt." Nur ein Tag echten Iomtippurgeistes von Abend bis Abend und die Welt kann genesen, sie erwacht, von einem göttlichen Solachti geweckt, zu neuem Leben, zu neuem gesegnetem Tun. Als Ben A s a i in der letzten Mischna von „Ioma" die Gewißheit ausspricht: Gott vergibt uns eine gegen den Menschen begangene Sünde nicht eher, als bis wir uns mit diesem ausgesöhnt, fällt Rabbi Akiba begeistert ein.'ll^l'^ Die Tatsache, daß Gott die Brüderlichkeit erheischt, belehrt R. Akiba über das Wesen dieser Brüderlichkeit, sie resultiert aus der Erkenntnis der Gotteskindschaft aller, aus dem Bewußtsein, daß p'38 'ODi? P1122, und er jubelt: — Seil Luch, Israel! ^riEn — Ist diese Auffassung von Gottesliebe und Menschenpflicht einmal über den jüdischen Kreis hinausgewachsen und Gemeingut aller geworden, dann hat auch die Welt einenTagder Versöhnung und ihr erklingt das DD’nttW- Heil der Welt, heil den Menschen, die sich läutern vor ihrem Vater im Himmel! —- Die Savbatfrage auf der Kenessio Gedaulo. In der großen Fülle von Problemen, welche die Tagesordnung der ersten Kenessio der Agudas Iisroel bildeten, nahm die Sabbatfrage eine wichtige Rolle ein. Es ist jedem thoratreuen ' Juden selbstverständlich, daß der Sabbat den Grundstein des jüdischen Lebens bildet. Der Sabbat ist ein untrüglicher Gradmesser des jüdischen Lebens. Wo er heiliggehalten wird, dort ist das jüdische Leben gesund. Wo der Sabbat entweiht wird, dort ist der jüdische Volkskörper von schweren Krankheiten gefährdet. An der Kenessio wurde das Sabbatproblem von drei Referenten, von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus, behandelt. Rabbiner Dr. Jung, Newyork, befaßte sich mit der Sabbatfrage in ihren Beziehungen zu den Staaten- Der moderne Staat führt überall die Sonntagsruhe ein. Die Sonntagsruhe legt aber den sabbathaltenden Juden schwere, fast unerträgliche Lasten auf. Der Kampf um die Existenz drängt einen Großteil der jüdische Kaufleute, Fabrikanten und Arbeiter, den Sabbattag preiszugeben. Der moderne Staat zwingt mit seiner Sonntagsruhe den Juden zur Verleugnung seiner angestammten Religion. Dieser Zwang ist demnach ein histori- Der Israelit sches Unrecht, denen gegenüber, die den Sabbatgedanken der modernen Menschheit gegeben haben. Dieser Zwang des modernen Staates ist aber nicht nur Unrecht, er ist auch ein Fehler sich selbst gegenüber. Der Jude, der zur Verleugnung seiner Religion gezwungen wird, wird leicht ein Spielball, erst der religiösen, dann aber auch der sozialen Destruktion. ^Der moderne Staat würde sozial gerecht und politisch klug handeln, falls er den jüdischen produktiven Kräften, die Möglichkeit geben würde, den Sabbattag heilig zu halten. In diesem Sinne wurden die Resolutionen abgefaßt, in denen man die Aufmerksamkeit der Parlamente und Staatenlenker auf dieses brennende Problem des jüdischen Volkes aufmerksam gemacht hat. Oberrabbiner S ch a p i r a behandelte die Sabbatfrage vom Standpunkte des Chisuk Hadaß aus. Es ist unleugbar, daß eine Förderung des religiösen Lebens eine Stärkung der religiösen Gefühle ohne Hebung des Sabbattages schlechthin unmöglich ist. Mehr als bei dem modernen Staat ist selbst bei dem modernen Juden zu erreichen durch Aufklärung und Belehrung. Es sollen populäre Schriften abgefatzt werden, in denen die Bedeutung des Sabbattages für die Fortexistenz des jüdischen Volkes und die Stellung des Sabbattages im jüdischen Volke und in seiner Vergangenheit dargelegt werden sollen. Diese Propaganda und Aufklärung soll erreichen, daß die Gleichgesinnten sich zusammenschließen und über den Rahmen einzelner Städte und Provinzen hinaus, durch Selbsthilfe, die schweren Schäden des modernen Wirtschaftslebens, soweit sie den Sabbattag betreffen, wettzumachen trachten. Die Vertreter der Arbeiter und Angestellten behandelten die Sabbatfrage vom Standpunkte der Arbeitnehmer. Unter stürmischem Beifall der Kenessio lehnte der temperamentvolle Arbeiterführer Ackermann aus Lodz die Bevorzugung der orthodoxen Arbeiter vor anderen Arbeitern ab. Dies würde nur zu Unstimmigkeit und fortwährenden Reibereien unter den Arbeitern führen. Hingegen stellte er die Forderung auf, daß die jüdischen Unternehmungen und Fabrikanten ihre Betriebe am Sabbattage ruhen lassen sollen, denn wenn diese Betriebe am Sabbattage arbeiten, so ist es für den sabbathaltenden Arbeiter unmöglich, selbst bei guter Qualifikation, eine Arbeitsstelle zu finden. Also nicht einen Vorzug vor den anderen Arbeitern verlangen die thoratreuen Arbeiter, sondern eine Möglichkeit, unter gleichen Bedingungen Arbeit zu finden. Wenn man auf den schweren finanziellen Schaden hinweist, den die 17. September 1923 Unternehmer bei Stillegung ihror Betriebe an Sabbattagen erleiden müßten, so haben die Arbeiter darauf hinzuweisen, daß, wenn sie ihre wenigen, schwer erworbenen Pfennige opfern müssen, um Sabbat zu halten, es kein ungerechtes Verlangen ist, wenn man von den - schweren Kapitalisten dieses Opfer verlangt, ohne welches man. kein vollwertiger Jude sein kann. Mit einem Freimut, der an Klarheit nichts zu wünschen übrig ließ, haben die Arbeiter darauf hingewiesen, daß selbst die orthodoxen Unternehmer, vor allem Kapitalisten sind und nachher erst thoratreue Juden. Mit derselben Entschiedenheit haben aber die Vertreter der Arbeiter erklärt, daß sie keinen Klassenkamvf in die Reihen der thoratreuen Iudenheit hineinzutragen beabsichtigen. Sie glauben, daß im Geiste der Thora die Gegensätze zwischen den Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer voll auszugleichen sind, man soll nur den Geist der Thora respektieren. Es ist zu hoffen, daß die neue Leitung der Agudas Iisroel diese Anregungen nicht nur verwerten, sondern daß sie mit kraftvoller Energie dazu beitragen wird, daß die Arbeit für die Heilighaltung des Sabbattages, dessen religiöse, soziale und politische Bedeutung so gewaltig ist, den gebührenden Platz in der künftigen Agudatätigkeit einnehmen soll. Korrespondenzen « Dacbricbten. Deutsches Mietet*. €$rosim*Prei$e. Frankfurt a. M., 13. Sept. Wir erhalten folgende Zuschrift: Die Endesunterzeichneten bitten nachstehende Zeilen als Erwiderung betreffs Esrogim und Lulostm in Ihrem gesch. Blatte auszunehmen. Die Unterfertigten haben mit dem Vertreter der Freien Vereinigung den Preis von 24 Lire nicht für Mittelware festgesetzt, sondern aus ausdrücklichen Hinweis für die geringste Qualität; ferner den Preis von 35 Lire nicht für die feinste Qualität, sondern sollten die Preise für diese Qualität zwischen Händlern und Publikum Vorbehalten bleiben. mm. Aktuelles aus Jesaja. Von Rabb. Dr. B. Cohen in Berlin. (Fortsetzung.) So schien zwar das „Wandeln in einigen der Wege Gottes" erfüllt, aber die Grenzen dieser Ilebereinstimmung wurden von den Gläubigen des neuen Glaubens als so obligatorisch betrachtet, daß sie uns als die ganz in jenen Wegen wandelnden Mitmenschen nicht neben sich dulden zu dürfen meinten, wodurch sie bewiesen, daß die messianische Reife ihrer Gesinnung noch kommen sollte; und sie soll ja noch immer kommen! Nur der innerste Geistesinhalt unserer Lehre, — Gottes Einzigkeit und Reinheitsforderung, — sind den Menschen bekannt geworden; irgendwelche Verwirklichung von Idealen, die aus dieser hehren, hohen Denkweise abzuleiten sind, hat noch immer kein Teil der Menschheit ernstlich durchgesührt, — und mag es sich auch um die viel beredete „Liebe zur einen Menschheit des einen Gottes" handeln. Nur auf Moria hin, den Berg des Symbols der Lehre, blicken die Völker; Zion aber, das ist: Israels im Gottesgesetze geregeltes stilles Gemeinschaftsleben, die verwirklichte Gotteslehre, verlieren sie aus den Augen. Erst wenn nicht mehr nur der Tempelberg Moria, sondern auch der Berg des Königtums Zion, also nicht mehr nur die religiösen Gedanken, sondern auch die allumfassende Lebensregelung der Gotteslehre, die „weltliche" Seite des Judentums zum Ausgangsort der Weltkultur wird, erst dann hat „Stadt und Burg Jerusalem" ihren Dienst für „des Allgütigen Wort" getan. Nicht nur prophetische Hymnen, sondern auch Gesetze des Wirklichkeitslebens muß unserer Thora die Welt ablauschen. — 4. „Er wird zwischen den Nationen richten und vielen Völkern die Wege weisen, und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen stumpfen und ihre Lanzen zu Winzermessern; nicht mehr wird eine Nation gegen die Andere ein Schwert erheben, und nicht werden sie noch Krieg lernen." Verwirklicht ist das Recht als Prinzip bisher nur zwischen den einzelnen Menschen, wohingegen zwischen den einander ftemden Nationen noch heute mehr oder minder schamlose Gewalt das Recht spricht. Als ich vor wenigen Jahren, wohl zu Beginn des Krieges, einen Rechtsphilosophen dozieren hörte» der moderne Rechtsbegriff unterscheide sich vom altrömischen dadurch, daß es heutzutage auch ein Völkerrecht von allgemein anerkannter Geltung gebe, da glaubte ich, der Mann spreche ironisch; — was aber gar nicht feine Absicht war. Noch ist aus absehbare Zeit hinaus der über den Raffen und Staaten stehende Weltgerichtshos leider, leider ein fernes Ziel der Geschichte; ihm die Menschheit näherzubringen, mutz wie jedes edlen Menschen, so erst recht jedes echten Juden Wunsch und Streben sein. An strengster in unserem Kreise zu übender Gerechtigkeit. an völlig aus unserem Bereiche zu bannender Gewalt und Ränken müssen hierzu die Völker eiu Vorbild sehen. Wenn bisher ein Volk nach beendeten Kriegswirren zum Schiedsrichter der kriegsmüden Rivalen ausersehen wurde, konnte es hierin die Anerkennung seiner Gewalt als Großmacht erblicken. Israel will nur seine Gotteslehre als Rechtsprinzip anerkannt sehen und will erst dann Schiedsrichter der Völker werden, wenn diese überhaupt vom Prinzip und von den Mitteln der Gewalt sich abgewendet haben werden. Das beste Mittel, die Herrschaft der Gewalt aus Erden zu brechen, ist es, ihren Stolz auf ihre Abzeichen mit Verachtung zu strafen. So heißt es, in Anlehnung an den hier zu besprechenden Satz des Jesaja, in der Mischna Sabbat VI. 4, Waffen seien nicht Schmuck, sondern Schande des Mannes; und in Peßachim 2 b wird selbst ihr Gebrauch zur Notwehr als etwas nur selten Zulässiges dargetan, — von den strengen Vorschriften gegen Ueberschreitung der Notwehr in Sanhedrin ganz abgesehen. — Eine wahrhaft jüdische Erziehung kann also, besonders in einer vom Kriege so heimgesuchten Zeit wie der unsrigen, nicht die Abzeichen und Nachbildungen der Knegswaffen als Spielwerk für unsere Kinder dulden. Ein wirkliches, und nicht blos der Phrase nach prophetisches Judentum wird nicht seine Jugend zu frischftöhlichem Draufgängertum erziehen wollen. Zwar wird es kein Mittel der Stärkung des Körpers zum Dienste des Schöpfers, wie es die Zeit hervorbringt, von der Schwelle weisen; dafür aber wird es Sorge tragen, daß nie mit der Kraft des Körpers auch ein Bewußtsein der Gewalt mit auswächst, welches dem Frieden der Menschheit durch Recht hinderlich wäre.

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