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Der Israelit · 1923-09-07 · Heft 36-37 (7.9.1923) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 36-37 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 Seite 13 7. September 1923 Alle beten, seufzen, schreien auf. ^Vater im Himmel!" schluchzt jemand in der Ecke. Oben in der Weiberschul weinen dünne Stimmen abgebrochene Gebeiworte. Die Buchstaben im Gebetbuch sind verschwommen und das Auge ist von Tränen verschleiert. Feurig ringen sich die Worte aus dem Herzen des Vaters. Er betet aus dem Sohar: „Herr der Welten, wir flehen Dich an, -tue es um der Schechina wegen, die im Eolus seufzt, Lue es, wir bitten Dich und alle, die sitzen im obersten Rate . . Geheimnisvolle Worte kommen aus des Vaters Mund. Ich verstehe sie nicht alle. Aber ich sehe in den offenen Himmel, und sehe den obersten Rat vor den aufgeschlagenen Büchern, den Büchern des Lebens und des Todes . . . Und auf den langen Tischen schweben und schwirren die Seelen um die langen Wachskerzen in den Sandkisten. Himmlische Gebete vermengen sich mit irdischen, den unsrigen und ziehen sie mit Gewalt nach oben.. . . Stille. Alle erheben sich. Der Raw, Rabbi Zechiel, steigt zur heiligen Lade, er von der einen, der schneeweiße Reb Baruch Hirsch von der anderen Seite. Beide Türen der Lade gehen auf. Zwei Thorarollen in weißseidenen Mäntelchen werden ausgehoben und zum Vorbeterpulte getragen. Zwischen den zwei heiligen Rollen steht der alte Chasan Reb Meier Elie, den Talis über den Kopf gezogen. „Mit Wissen Gottes und mit Wissen der Gemeinde . . ." sprechen drei Stimmen zugleich, daß sich Schauer ergießt durch aller Herzen. Ein Lied ohne Worte hebt und senkt sich minutenlang, wie Frage und Antwort zwischen Himmel und Erde. Dann . . . „Stol nidre! . . ." Die Töne steigen, wachsen, ringen sich empor zur Schatzkammer der Seelen, wohin die Lichter blinken ... Leise flüstern die Menschen mit, haschen, greifen nach den Worten wie nach himmlischen' Perlen, daß keine verloren gehe . . . „Von diesem Iomkippur bis zum Iomkippur . . ." erschallt es trostspendend aus des Vorbeters Mund. Und die Sänger fallen in frohem Chore ein: „Der uns kommt zum Guten! . . „Zum Guten! . . schließt ein hundertstimmiges leises Echo. „Schehechejonu . . ." trällert der Chasan. Jemand weint und schaut nach den Lichtern . . . Neue Seelenlichter sind dieses Jahr hinzugekommen. Von den Kerzen tropft geschmolzenes Wachs in die Sandkiste. Und es sieht aus, als würden die Seelenlichter weinen . . . Morgengebet. Der „Jom hadin" ist in? vollen Gange. Schon in aller Frühe ist die „Schul" vollgefüllt. Es fehlen noch die „Großen", die „Aufgeklärten", der „Doktor", der Apotheker, ein paar „Kezinim", Veresin, der große Holzhändler und Wittenberg, der Heereslieferant. Sie werden aber noch kommen. Es ist ja Jomkippur ... Ich stehe neben dem Vater und bete mit großer Andacht. Ich muß andächtig sein. Ich wollte sogar fasten, aber Vater sagte: „erst nächstes Jahr, wenn du die Zwölf überschritten und die Eemoro Bobo kamo ausgelernt hast. ." Und die Großmutter küßte mich morgens und sagte, ich sollte auch für sie beten, Kindergebete finden Erhörung. Also habe ich Aufträge und bete andächtig ... Ich betone Wort für Wort und denke an deren Sinn. Aber, welch Unglück, es stellen sich keine Tränen ein. Alle weinen, ächzen, seufzen, schlagen mit den Händen aus, ich kann nicht weinen . . . „Von Deiner Stätte erscheine uns, unser König! . . ." betet der Chasan. Vater weint. Der Israelit Auch ich möchte es erleben, möchte mit Augen erschauen sein Reich . . . Aber weinen kann ich nicht. Die heilige Lade ist geöffnet. Wie die weißen heiligen Rollen aneinandergelehnt drinnen im dunklen Raume stehen! Wie Kinder, deren Mutter gegangen ist, Schutz beieinander suchen, wenn finster wird im Hause . . . Man sagt „Owinu malkenu". „Tue es um Willen der Getöteten für Deinen heiligen Namen ..." Und ich denke der Erzählungen von Pogromen, von gepeinigten Kindern . . . Sehe ich zu den Rollen hin, fallen mir die Geschichten ein von zerrissenen und geschändeten Thorarollen .... Und die heiligen Rollen sind erschrocken, klammern sich schutzsuchend aneinander. Es reißt mir das Herz ab. Jetzt weine ich . . . ^Jch sage Owinu malkenu und die Tränen fließen. Die Gemeinde betet: „Gott, o Gott, ein Gott des Erbarmens und der Gnade . . ." Und ich weiß es ganz bestimmt: Gott der Allerbarmer steht in der Schul, hört auf jedes Wort, das Israel unter Schluchzen an ihn richtet und weint mit den Betern . . . Wer jetzt das richtige^ Wort gefunden, der hats gewonnen ... Hilel Michael lei ent. Elie Mordechai hat „Kohen" gekauft. Er hatte bisher all feine Kinder begraben. Nun weint er über den Tod der Söhne Ahrons . . . Ein Rabbi hat es ihm geraten ... In der Weiberschul schluchzt jemand ganz laut. Es ist die unglückliche Mutter, Riwko, die Frau Elie Mordechais. Alle weinen ein wenig in sich. Väter ziehen wie in stille'r, ahnungsschwerer Angst ihre Kinder an sich ... Und Hilel Michael leient: „Damit trete Ahron ins Heiligtum . . . Einen Linnenrock, einen heiligen lege er an . . ." „Rein komme manins heilige Haus, die Neschomo rein, das Herz rein, die Hände rein, alles rein . . ." flüstert der Vater. Und ich nehme mir vor, alles in mir rein zu bewahren, ein großer Gelehrter, ein Frommer und Heiliger zu werden, wie der Rabbi, Reb Jechiel . . . Man leient vom „Bocke des Asosel". Ein Schauer durchrieselt mich ... Ich sehe in die weite Wüste, wo sich ein steiler, spitzer Felsen erhebt. Asosel jagt dem Bocke nach . . . Er will Israel ein Leides antun und erhascht nur Israels Sünden, die der Bock auf sich trägt . . . Mit zerrissenen Gliedern liegt das Tier da, Israels Sünden sind in alle Winde zerstreut . . . Cs ist mir da manches nicht klar. Das weiße Zieglein dauert mich ein wenig . . . Aber am Ende ist es doch schön, sich für ganz Israel zu opfern ... Ich möchte einiges Vater fragen. Da wird er gerade zur Thora ausgerufen . . Ukussaf ... Meier Elie sagt: „Hinein ..." Mit süßer Stimme fleht er: „Hier bin ich, arm an Taten . . ." Und alle hinter ihm sind arm. klein, elend und ganz verloren, daß sie nicht wissen, wo ein, wo aus . . . Und Meier Elie, der Führer, weiß selber nicht den Weg. Und Satan steht vor dem Throne des Gerichtes und klagt an ... Da wird es stille . . . man hört nur Meier Elie's Stöhnen, Seufzen . . . Es leuchten die Kerzenflammen in den hellen Herbstmittag und zitternde Seufzer ersterben in der Stille . . . Und der Vorbeter schreit aus der Stille> auf: „Darum bitte ich Dich, Gott Abrahams Jzchoks und Jakobs! . . . Schadai, Chaim v'nauro! ... Er weint wieder still das „Hinein" zu Sude. Jüdische Heraldik. Von Ludwig Krauß in Bern. *) Wann ist unser Nationalabzeichen, das Mögen David, entstanden? Wie alt ist es? Welch äußerer Anlaß hat es geschaffen? Warum heißt es Mögen David? Was bedeutet das Bild desselben? Die ersten Fragen sind ohne Zweifel von fundamentaler Bedeutung. Sie sind Bestandteile derjenigen Wissenschaft, die man Heraldik nennt. Und sofern es eine jüdische Heraldik gibt, die im Folgenden im altjüdischen Schrifttum aufgezeigt werden soll, kann unsere Nationalität durch keinerlei Kathedersophistik wegdisputiert werden. Weniger glücklich und wissenschaftlich von Belang ist es aber, wenn die Frage nach dem Bilde des Mögen David mit breitspuriger Behaglichkeit erörtert, zur Hauptfrage gemacht und von ihr aus die Lösung aller Fragen versucht wird. Warum der Mögen Dovid-Stern gerade in sechs Spitzen ausstrahlt, mag immerhin besprochen, soll aber nicht zum Angelpunkt der Forschung gemacht werden.. Sonst kommt es, wie ■es in der Tat in diesem Streite gekommen ist: Die Forschung gleitet von der Hauptfrage ab, das Nebensächliche wächst zur ungebührlichen Wichtigkeit an, verdunkelt die eigentlichen Kern- und Wurzelsragen und, indem man unabhängig von diesen das Bild zu erklären sucht und dieses fast unqualifizierbar Hexagramm nennt, verliert sich die flügge gewordene Phantasie, suggeriert durch das erotische Wort und das — wie wir sehen werden — fälschlich vorgestellte erotische Bild in das unbegrenzte Feld der Mystik und zimmert eine Theorie, die ber simplen Sachlichkeit, worin das Mögen Dovid wie jedes andere Wappen zunächst gründet, vollständig fremd ist. Was ist denn ein Wappen, ein Reichs-, ein Bolkswappen?^ Es ist das Banner, um das das Volk sich schart; die Fahne, die dem Heere vorangetragen wird; es ist die Kriegsfahne. Kein gut organisiertes Heer kann eines solchen Abzeichens entraten. Es gibt Straffheit, Ordnung, Disziplin, schafft Mut, suggeriert die Zusammengehörigkeit und kittet sie zur untrennbaren Einheit. Schon die frühe Jugendzeit unseres nationalen Zusammenschlusses ist durch solch ein äußeres Zeichen ausgezeichnet. Das zweite Kapitel des vierten Buches Moses schreibt vier Fahnen vor, unter welche sich je drei Stämme des in zwölf Stämme eingeteilten Volkes zu stellen hatten.- Um die Stiftshütte und das Levitische Lager als Zentrum formierten sich diese zwölf Stämme im quadratischen Viereck in der Weise, daß jede der vier Fronten aus drei Stämmen gebildet wurde. Einer dieser drei Stämme hatte die Führerschaft über seine Front. Nach ihm wurde sie benannt und er gab auch der Fahne seiner Front seinen Namen. Jehuda, Neuben, Ephraim und Dan waren diese bevorzugten Führerstämme und: „Degel-machaneh Jehuda, Degelmachaneh Reuben, Degel-machaneh Ephraim, Degelmachaneh Dan" heißen Front und Fahne. Ueber die Form der Fahnen berichtet eine reiche Midrasch-Literatur. Ich folg? hier der Darstellung des Targum „Jonathan ben Usiel": „Jede dieser vier Fahnen", so heißt es zur Stelle lV. B. M. E. 2, V 3 ff war dreifarbig und trug die Namen der drei ihr unterstellten Stämme. Jeder Stamm hatte seine eigens ausgezeichnete Farbe. Die Normal- und Musterfarbs eines jeden Stammes trug der Hohepriester auf der Brust in der Form eines Brustschildes — „Choschen" genannt. Dieses Choschen war besetzt von zwölf Edelsteinen, die in vier Reihen geordnet waren. Jeder Stein von anderem Farbenglanz, mit anderem Namen und in jedem Stein saß die Gravüre eines Stammes. So hatte jeder Stamm seine festgesetzte ursprüngliche Signalfarbe, die in der Feldsahne sich wiederholte. Während die drei Namen, die (wie Midrasch Ta'nchumah ergänzend hinzusügt) in der Form eines Dreiecks angebracht waren, schmückten das hierdurch gebildete Mittelfeld der Fahne die Insignien des oben erwähnten führenden Stammes, nach welchen die Front und Fahne benannt wurde. Auch ein bezüglicher Thoraspruch zierte dieses Mittelfeld. So haben die vier - Standarten ausgesehen, die Israel durch die vierzigjährige Wüstenwanderung begleiteten. Mit der Besitznahme des Landes, die nach wirtschaftlichen, strategischen und politischen Gesichtspunkten Israel in alle Himmelsrichtungen verteilte, ist dieses Vier-Fahnen-System illusorisch geworden. Solange die oben beschriebene Viereinheit der Lager- und Marschordnung bestand, war das Vier-Fahnen-System zweckentsprechend und nützlich. Es hat die vier Fronten, zunächst jede für sich, zusammengehalten, dann alle vier zusammen zu einer Phalanr *) geschmiedet — einem Kriegsinstrument von mächtiger Stoßkraft. Zweck- und sinnlos, verhängnisvoll sogar hätte jetzt eine Vierteilung des Volkes, eine Gruppierung desselben werden können. Sie hätte der ohnedies allzubald einsetzenden Spaltung Vorschub geleistet. Jetzt galt es vielmehr zu sammeln; die in die Lande Zerstreuten zur Einheit anzuhalten, das Bewußtsein derselben ihnen eindringlich zu machen. *) Siehe „Israelit" Nr. 31 und 33 über die Frage des Mögen Dovid. *) Die Phalanr ist nicht, wie in Geschichtsbüchern zu lesen steht, eine Erfindung griechischer Kriegskunst. Wer sein Chumesch aufmerksam liest, hat dieselbe schon dort an der in Frage stehenden stelle entdeckt.

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