Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 36-37 (7.9.1923)
- Date
- 1923-09-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 36 Die vierfache Gruppierung mußte fallen. Die vier Fahnen mußten in eine Einheitsfahne übergehen. Diese Einheitsfahne hatte an bildlicher Darstellung und gedanklichem Inhalte das zu leisten, was die vier zusammen dargeboten. Sie hatte die Namen der zwölf Stämme zu verzeichnen, ihre Farben zu zeigen und den Namen des obersten Führers zu nennen. Wie die Frontfahne nach dem Frontführer, so wurde die Einheitsfahne nach dem jeweiligen Herrscher benannt. Sehen wir uns jetzt unsere Mogendovid-Zeichnung an: Sie zeigt zwei Dreiecke, die wohl sehr einfach, aber doch so geschickt konstruiert sind, daß sie im Umkreise zwölf Felder ergeben, Platz für die Namen der zwölf Stämme und ihre Farben, während das Mittelfeld einen Raum abgibt für den Namen des jeweiligen Herrschers, um den Israel sich schart, und einen Thoraspruch, der die Einzigkeit Gottes kündet. Das uns bekannte Mogendovid also ist noch nicht das Wappenschild. Es ist bloß der Grundriß, der Zeichenriß desselben. Im sechszehnten Jahrhundert*), da von allen Seiten her, von "der Religion, Kunst, Kultur und Wissenschaft es so mächtig erscholl: „Zurück zum Altertum", mochte ein Künstler diesen Grundriß aus der literarischen Verschreibung unseres alten Schrifttums rekonstruiert haben, wie wir es eben getan. Das Wappenschild selbst, das in den zwölffachen Edelfarben der Choschensteine, in der Pracht der orientalischen Wirk- und Webekunst, einen schillernden Stern darstellte, muß von faszinierender Schönheit gewesen sein. Es darf nicht wunder nehmen, wenn Rabbi Akiba bei seinem Erscheinen in dem Heereslager des Barkochba diesen mit keinen andern als mit den prophetischpoetischen Worten des heidnischen Dichters: 'rp-j npjhD „Es schreitet ein Stern aus Jakob" begrüßte. Dieser Stern entflammte eben die Viermalhunderttausend Krieger zum Abwehrkampf; und diesem mochte auch Simon Kosiba den Ehrentitel „Barkochbah" Sternensohn, zu danken haben. *) Als die Umrißlinien unseres Nationalbanners haben wir also das Mogendovid zu denken — harrend d er Ausfüllung, der Erfüllung! Soll ich noch ein Wort darüber verlieren: Warum wir dieses Schild gerade nach dem Namen „Dovid" nennen? Wir, hier im Ealuth, mit unserem Sehnen, unserer täglichen Bitte, unserer Inbrunst, geheftet an „Moschiach ben Dovid", wie anders sollte das Wappenschild heißen als Mogendovid? N. Auf der Träneninsel. Wir lesen im New-Porker „Vorwärts": Tagtäglich fahren neue Schiffe im New-Porker Hafen ein. Unzählige harren auf der Landungsinsel dem erlösenden Momente entgegen, daß sie zum „Verhöre" gerufen werden. In den letzten Tagen waren die Quoten von neun Ländern bereits überschritten und Emigranten dieser Länder werden entweder zurückgeschickt oder auf dem Schiffe festgehalten bis zum kommenden Monat. Es sind dies die Länder Südafrika, Albanien, Fiume, Griechenland, Palästina, Syrien, Türkei und Sizilien. Dem an Emigrantenelend gewohnten Berichterstatter boten sich Bilder dar, die ihm das Herz erschütterten. Eltern trafen mit Kindern zusammen, die sie längst verloren gaben, Brüder und Schwestern reichten sich durch die Gitter unter lautem Schluchzen die Hände, Männer erwarteten ihre Frauen, aber eine Schranke war dazwischen, die die Vereinigung nach langem Harren und Hoffen verhinderte. „Wo ist Mirle?" fragt ein blasser Mann eine Frau, die auf der anderen Seite hinter der Draht- *) Archäologen behaupten, daß vor dem sechszehnten Jahrhundert das s. g. Mogendovid unbekannt gewesen. *) Barkochbah war, wie geschichtlich feststeht, ein Sohn der in Ehr. 4, 22 erwähnten Familie Kosiba und hieß eigentlich: Barkosiba. (S. Javez Tauldaus Jisroel B. 6, S. 116. Anmerk.) _Der Israelit wand mit einem zehnjährigen Knaben an der Hand stand. Statt der Worte kommen heiße Tränen aus den Augen der Frau. Mirle war nicht mehr, es war gestorben und verdorben. Und der Vater in Amerika wußte es nicht und wartete auf der Landustgsinsel seines Weibes und beider Kinder. Im Büro der „Hajas" haben sie alle Hände voll zu tun. Alte Juden, Frauen, junge Männer kommen, schreien und flehen, daß man ihnen wenigstens einige Minuten Zusammensein mit den angekommenen Angehörigen verschaffe. Alles vergebens. Die amerikanischen Gesetze sind streng und vor dem „Verhör" wird keiner ins Land gelassen und keiner von außen auf die Insel. Eine Frau fällt in Ohnmacht und Aerzte bemühen sich um sie. Als sie nach vieler Anstrengung endlich zum Leben geweckt ist, erzählt sie mit leiser Stimme eine höchst traurige Geschichte. Ihre Tochter ist mit einem Kinde aus Rußland hier eingetroffen. Deren Mann ist beim Pogrom umgekommen. - Die Tochter hatte die Alte seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, das Enkelchen noch nie. Nun sind sie da, auf der Landungsinsel, und man läßt sie nicht zu ihr, da das „Verhör" noch nicht stattgefunden hatte, dieses wird aber von Tag zu Tag verschoben. Das sind Bilder, die man täglich im Hafen des freiesten Landes der Welt erleben kann, die für die Beamten und Angestellten zu den täglichen Erscheinungen gehören. Kinderecke. Wie sollen wir uns kleiden? Don Ar. Iekir Werttzeimer-Düssekdorf. Daß die heilige Schrift so viel Sorgfalt auf die Bekleidung der Priester und besonders des Hohenpriesters verwendet, ist sehr auffallend. Mehrere ganze Kapitel der Tauroh enthalten Vorschriften darüber. Wie großartig und imponierend muß der Hohepriester in seinem vollen Ornate sich ausgenommen haben! Sollte Gott, der nur auf das Herz sieht, auf äußerlichen Glanz so viel Wert legen? Gewiß nicht! Aber Gott wollte, daß diejenige Person, welche den heiligen Dienst im Gotteshaus versieht, auch äußerlich würdig erscheine, wodurch das Volk zur Andacht durch heilige Scheu mehr geweckt werde, denn der Weg zum Herzen führt durch das Auge, durch äußeren Anstand steigert sich die innere Achtung, ein feierlicher Gottesdienst erhöht die Andacht, somit soll die Kleidung des Hohenpriesters als Mittel zum heiligen Zwecke dienen. Daraus ergibt sich auch für uns die Lehre, daß zu einem noch so kernhaften Inhalte auch eine gefällige äußere Form notwendig ist, beide zusammen gehören, zur Vollkommenheit: daher werden die priesterlichen Gewänder in der Schrift: "vnp '122" „Heilige Kleider" genannt, weil sie einen heiligen Zweck hatten, zur Ehre Gottes dienten, und die Andacht fördern sollten. Nach dem Talmud hatten sogar die Kleider der Priester eine sühnende Kraft, so lautet der Ausspruch hierüber: "ä’isd» .12112 '122 ö'isd» nmij? ns" „Wie die Opfer, so wirken auch die Priesterkleider versöhnend". (Sewochim 88, 2). Manches Interessante findet sich in Bibel und Talmud in sittlich-religiöser Beziehung über die Bekleidung im Allgemeinen. Die Würdigung des Kleides beginnt in der Bibel sehr früh und wird als Frucht des erwachten menschlichen Bewußtseins und seiner Würde, sich aus dem Zustande der Niedrigkeit zu erheben, dargestellt. Gleich von den ersten Menschen wird in der Schöpfungsgeschichte erzählt: „Es wurden die Augen beider geöffnet, sie erkannten, daß sie nackt sind und machten sich Schürzen." (1. B. M. 3, 7.) Als Grundsatz gilt der Spruch des weisen Salomon: "d’in^'ynn t\t ns? V22" „Zu jeder Zeit sollen deine Kleider rein sein." (Koheles 9, 8). Die Kleidung soll nicht die Eitelkeit fördern, sondern der Würde gemäß entsprechen. Der Talmud lehrt hierüber: vnzb" "mznn kV „Kleide dich, daß du nicht zu Schanden wirst (Schabb. 77), das heißt, kleide dich deinem Stande gemäß, mache dich nicht lächerlich. Rabbi Iochanan nannte sein Kleid: "Knn22a" „seine Ehre". (Schabb. 113.) Ein schöner Spruch lautet: "&niM dik '22 um &ik '22 D'jjVk ii.i" „Die Zierde Gottes sind die Menschen, und ' __7. September 1923 die Zierde der Menschen ist ihre Kleidung." (D. Erez 10.) Der Mensch kleide sich also zur Ehre Gottes, aber nicht aus Gefallsucht, aus Eitelkeit. Es galt daher als stehende Regel, zweierlei Kleidung zu" haben für Wochen- Schabbos- und Iomtowtage, "7i2L? '122" und '122* * "Vin Schabbos- und Wochenanzüge. (Schabb. 113.) Rabbi Simlai empfahl in einem Vortrage die Beachtung dieser Vorschrift, da riefen ihm weinend die Armen entgegen: Meister! wir haben nur eine Hülle für Schabbos- und Werktage. „Trotzdem," entgegnete er ihnen, „könnt ihr dieser Pflicht Nachkommen, durch kleine Veränderungen." (Ierusch. Peoh 8, 7.) In unserer Zeit kann man die Beobachtung machen, daß sich der Unterschied im Tragen von Schabbos- und Wochentagskleidern auf dem Lande mehr ausprägt als in der Stadt, wo man sich oft besonders am Freitag Abend nicht für Schabbos besonders umzieht und gar im Winter denkt, daß unter dem Ueberzieher alles gut genug sei. Man sollte auch darauf halten, am Sonntag nicht das Schabboskleid anzulegen. Auch bei den Parteien, die vor dem Richter erschienen, spielte die Bekleidung eine nicht unbedeutende Rolle, und wir erkennen daraus die unparteiische Gerechtigkeitsliebe unserer alten Schriftgelehrten. So lautet eine Stelle im Talmud: „Wenn zwei vor Gericht kommen, der eine in vornehmer Kleidung, der andere in einer ärmlichen Hülle, so sagte man zu dem Vornehmen: "“jniaD irwdVn irr ini»2 tfidV" <£nU weder kleide dich wie dieser Arme oder bekleide ihn dir gleich. (Schew. 31.) Eine ernste Mahnung für das tägliche Leben in heutiger Zeit, wo die Anschaffung von Kleidern für manchen schon nicht mehr möglich ist!! Auch über die Reinigung der Kleider, die täglich vorgenommen werden soll, kommen verschiedene Vorschriften im Talmud vor. Aus all diesen ist deutlich zu ersehen, daß der Körper des Menschen als Kleid der Seele betrachtet wird, und auf die Pflege des Körpers alle Sorgfalt verwendet werden muß, wie auch auf die Kleider, welche dem Körper und zugleich dem Geiste als Zierde dienen. In diesem Sinne sind die Gewänder des Menschen, wie die der Priester *vnp '122" „Heilige Kleider". Man kleide sich rein, standesgemäß, nicht aus Eitelkeit, sondern würdevoll zur Ehre Gottes: denn auch hier gilt das Wort: ä'dff dtt?V i'.i' T^s?» Vdv Preise, meine Seele, den Herrn. Von Michael Sachs. Allgegenwärtig in dem Leibe waltet Die Seele, wie im All der Ewige schaltet, Wie alles ist von Ihm im All erfüllt. So rings der Leib vom ewigen Geistgebild. So preise du, die in dem Leibe wohnt, Den Gott, der überall im Glanze thront! Wie Gott die Welten trägt mit ew'ger Kraft, So ist die Seele ihres Körpers Schaft. Drum preise, die den Körper hält und tragt. Ihn, der in sichrer Hand die Welten wägt! — Gott dauert fort, wenn Welten auch verderben. Die Seele lebt, wenn auch der Leib muß sterben. So preise den, der unvergänglich dauert, ° Unsterbliche, die nicht vor'm Tode schauert. Allein und einig Gott die Welt regiert,. Allein die Seel' im Leib das Szepter führt. So soll das Lob dem einen unter allen Von dir, der Ein'gen jubelvoll erschallen. Unsichtbar thronet Gott, kein Aug' hat ihn erblickt, Doch alles schaut sein Aug', vor ihm ist nichts entrückt. Und so im Leibe thront die Seele unsichtbar, Doch schaut ihr Aug' so licht, ihr Blick so klar. Der Tiefverhüllten — ihn, dem sich das All enthüllt, O preis und lobe du, — o du sein Ebenbild!