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Der Israelit · 1923-09-07 · Heft 36-37 (7.9.1923) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 36-37 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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SST Der Israelit “'S gfe*C>. fL*l Der Schofar. Von I. L. Perez. „Was tragt Ihr für einen Schatz unter dem Arm, Reb Schimejn? Mit zitternder Hand drückt Ihr ihn ans Herz und die Freude strahlt Euch aus den Augen!" „Ach!" antwortet Reb Schimejn mit verlegenem Lächeln. „Es ist nur mein Schofar, mein Feiertagsschofar!" „Ein Feiertagsschofar?" „Das ist bei mir einmal so: an Wochentagen im Elul blase ich einen gewöhnlichen Schofar. Dieser aber ist ein teurer, schön gearbeiteter Feiertagsschofar!" Er nimmt ihn in die Hand und betrachtet ihn mit großer Liebe. Es ist ein kleiner, dünner, aschgrauer, aber zierlicher Schofar ... Er ist gekrümmt wie jeder andere, doch anmutig wie das Lächeln eines Kindes . . . Und er streichelt ihn mit zitternden Fingern und hebt ihn bis an den Bart, so daß die langen, feinen, silbernen Haare ihn liebkosen. Die beiden Heiligtümer — der heilige aschgraue Schofar und der heilige silbergraue Bart berühren sich, und aus den alten Augen leuchtet eine kindliche Freude . . . „Liebt Ihr den Schofar?" „Wie das Leben! Denn ich liebe das Schofarblasen über alles! . . . Mein Vater, er ruhe in Frieden^ war Pächter, wir lebten in einem Dorfe, uns als kleiner Junge beneidete ich immer den Schafhirten um seine Flöte . . . Er pfeift, und die Schafe sammeln sich um ihn und blicken ihm in die Augen . . . Ein Schofar ist aber yoch mehr: er sammelt die Seelen, jüdische Seelen, wie sie sich einst um den Berg Sinai drängten . . . Und die Seelen lauschen ihm! Ich liebe das Schofarblasen über alles . . . Aber nicht jedes Schofarblasen!" fügt Reb Schimejn hinzu. „Die lange Tkio am Iom- Kippurabend liebe ich zum Beispiel nicht . . . Wenn ich den Schofar an den Mund führe, liegen fast alle Leute schon unter den Bänken. Wenn ich mich umschaue, sehe ich ein Aehrenfeld im Sturme, die Aehren neigen sich zu Boden . .. Und da muß ich Schofar blasen! Es ist garnicht schön! Auch den ganzen Elul macht mir das Schofarblasen keine rechte Freude . . . Die Gemeinde ist wie an Wochentagen klein und zerstreut: Der eine kommt, der andere geht . . . Durch die offenen Fenster dringt der Lärm des Marktes herein . . . Schreie von jüdischen Frauen und Bauern, sie seien voneinander wohl unterschieden! ... Auf dem Schulhofe trompeten die Gassenjungen ... Ich blase und sie blasen . . . Ganz verwirrt bin ich jedesmal! Es ist nichts! Am Rosch-Haschono ist es ganz anders! Die Betenden stehen in ihren Gebetmänteln mit den funkelnden Besätzen wie Königssöhne da . . . Sie wiegen sich wie frische grüne Aehren auf einem von Gott gesegneten Felde. Alles rauscht wie ein Wald, wie ein Fluß ..." „Ihr denkt wohl noch immer an Euer Dorf, Reb Schimejn?!" „Ja, das waren schöne Zeiten . . . Meine Iugenderinnerungen . . . Wald und Fluß, und eine alte Mühle stand am Fluß ... Und wenn ein Wind ging und der Wald und der Fluß rauschten, dachte sich der dumme Junge, daß sie einen Psalm sprechen und daß der Himmel gleich Schofar blasen wird . . . Ach ja, die alte Zeit..." „Und wie ist es jetzt, Reb Schimejn?" „Jetzt? Wenn ich jetzt vor Pessach ins Dorf fahre, um die Mühle zu kaschern, und wieder den Wald und Fluß rauschen höre, so ist es mir, als ob sie mir zürnten . . . Sie brummen: Man hat dich doch von hier vertrieben, was hast du hier noch zu suchen?! Wenn ich aber, an der heiligen Stätte stehe und die Gemeinde sich im Gebet wiegt und rauscht, so sehe ich den alten guten Wald wieder vor mir und den alten guten Fluß . . . Und er rauscht immer lauter und lauter, bis er schließlich entwurzelt umfällt! Viele Flammen, ein Flammenmeer steigt hinauf, 'steigt durch die Decke und durch die Wände zum Himmel empor, wie ein brennender, glühender Psalm! . . . Und plötzlich ist alles verschwunden... Es ist still . . . ganz still. . die Gemeinde hält den Atem an . . . Man hört nur die Lichter auf dem Vorbeterpult in heiliger Hitze knistern .'. . - Die Gemeinde wartet auf mein Gebet, auf meinen Segensspruch! Nun führe ich den Schofar an die Lippen . . . Der Dajen sagt mir vor, und ich blase Tkio. Truoh, Schworim . . . Die Töne klar und rein wie kristallklares Wasser . . ." In seinen Augen leuchtet wieder eine kindliche Freude. Daß Ihr es in Euerem Alter noch fertig bringt, Reb Schimejn!" „Ach", antwortet er und verzieht das Gesicht. „Sonst bin ich ja schwach wie eine Fliege." „Und beim Schofarblasen seid Ihr ein Löwe?" „Es ist kein Vergleich, aber ich bin wirklich wie ein Löwe!" „Und es gelingt Euch immer?" „Rein, nicht immer . . . Zuweilen habe ich mit Schwierigkeiten zu kämpfen . . ." „Wenn der Satan in den Schofar hineinkriecht und die Oeffnung verstopft?" „Ach, es gibt ärgere Dinge! Gegen den Satan habe ich meide Mittel . . . Sichere, altbewährte Mittel ... „Was gibt es denn sonst?" „Was es sonst noch alles gibt? Manchmal befällt mich mein Husten . . . Mein alter Husten ... Er stammt noch von Taschlich . . . Vierzig Jahre sind es wohl her . . . Was den Menschen nicht alles einfällt! Der Pristaw erließ einmal ein Gesetz, daß die Juden nicht mehr zum Stadtbach gehen dürfen um ihre Sünden abzuschütteln! . .. Mit den Krümmeln, die wir aus den Taschen schütteln, wird das Wasser verunreinigt . . . In Jerusalem, sagt er, werdet ihr es tun dürfen ... Nun geht man natürlich heimlich hin ... Ein jeder geht für sich zum Fluß, und unten treffen sich alle. Die Polizei merkt es und treibt uns fort. Wir rennen, was wir können, wir erhitzen uns und laufen vor Schweiß triefend, in die Mikwe, um uns abzukühlen . . . Ich war aber immer schwächlich und bekam davon eine Lungenentzündung. Mit Gottes Hilfe wurde ich gesund, aber ein Andenken blieb mir zurück: Mein Husten . . . Wenn er mich heimsucht, bin ich an allen Gliedern zerschlagen. Es kommt auch vor, daß er mich gleich nach dem Segensspruch befällt! Was soll ich tun?! Der Schojfer zittert in meiner Hand, wie ein Fisch im Wasser, und ich kann ihn nicht an die Lippen bringen . . . Bringe ich ihn an den Mund, so klopft er an die Zähne . . . Aber ich habe auch ganz andere Geschichten erlebt! . . ." „Auch Störungen?" „Und ob! Dem Gotteshause gegenüber wohnt Iwan und er hält sich einen Hund. Und dieser Hund bellt, sobald es ihm paßt . . . Und wenn er bellt, muß ich mit dem Blasen warten . . . Manchmal bellte er eine ganze Stunde und auch zwei Stunden, wie wenn er einen bösen Geist aus sich herausstoßen wollte, und ich mußte solange warten ... Am Rosch-Haschono werden bei uns die Manöver abgehalten. Es kommt vor, daß das Militär mit Musik durch die Stadt zieht . . . Die Messingtrompeten dröhnen, die Erde zittert. Die Häuser beben, die Fensterscheiben klirren, — und da soll einer Schojfer blasen! Vor einigen Jahren gab es just um diese Zeit einen Brand in der Hintergasse. Ich mutz gerade Truoh blasen, — sie gelingt mir sehr gut! Da fährt aber die Feuerwehr mit ihrem Getute mitten hinein! . . . Vor drei Jahren habe ich aber etwas viel Aergeres erlebt! ... Ich muß gerade Schworim blasen, es kommt so schön trillernd aus dem Schojfer und bebt vor lauter Gottesfurcht . . . Plötzlich ertönt draußen ein. Pfeifen, ein Johlen, ein Klirren — die Pogrombande ist auf dem Markte erschienen! . Schöpfer der Welt,das gab einen Schrecken . . . Die Leute wollten davonlaufen, sie drängten sich zu der Türe und zu den Fenstern. Damals lebte auch noch der alte Raw, sein Andenken zum Segen . . . Ein kleines, dürres Männchen, aber doch stark. Er sprang auf eine Bank und schrie: „Bleibt", und die Gemeinde blieb stehen. „Schließt die Türe und die Fenster!" Und man folgte ihm! Es war so finster . . . Nur wenige Lichter brannten auf dem Tisch und schreckliche Schatten bewegten sich an den Wänden . Ein Grauen befiel alle, nur der „Zaddik" allein blieb ruhig! „Blase!" befiehlt er mir. Und ich blies! Meine ganze Seele legte ich hinein! Den Satan habe ich vielleicht vertrieben," fügt er mit einem traurigen Lächeln hinzu, „aber die Pogrombande nicht! Ein Trümmerhaufen blieb vom Städtchen übrig! Wer kann auch mit ihnen fertig werden? Wer kann sie vertreiben? Höchstens der Schojfer des Messias!" Jomkippur im litauischen Städtchen. Aus kindlichen Erinnerungen. Kol nidre-Abend. Die Synagoge ist gesteckt voll. Die scheidende Sonne vergoldet mit ihren letzten Strahlen die oberen Fensterteile. Große gelbe mysteriöse Kerzen flackern in langen Reihen und zittern. Man weiß, die abgeschiedenen Seelen flattern um diese Flämmchen, die Seelen, die gekommen sind, daß sich ihre himmlischen Gebete einen mit den unsrigen, den irdischen, am Kol nidre-Abend ... Gern hätte ich es erfahren, aus welchem Lichte die Seele meiner Mutter flackere. Keiner weiß es, keiner darf es wissen . . . Der Vater beugt sich zu mir herab und schlägt mir im Machsor die „T'filoh Sacko" auf. Alle sagen TPloh Sacko, und auch ich will es tun. „Herr der Welt" . . . Rund herum stehen viele Menschen, jung und alt, in weißen Mänteln, eingehüllt in Tallis. Und Licht, überall, vor mir, neben mir und über mir nichts wie Licht ... Und jetzt wird es nächtlicher im Raum, und die Lichter nehmen von ihm ganz Besitz.

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