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Der Israelit · 1923-09-07 · Heft 36-37 (7.9.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 36-37 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Seite 4 Nr. 36 7. September 1923 solutorium stimmte. Wir brachten in dem verantwortungsvollen Augenblick als einzige Parier den Mut zur Klarheit auf: Wir standen zu userer Idee und unserem Prinzip und das gab unserm Auftreten inmitten der kleinen Prestige- und Kompromißpolitik der anderen Parteien und Landsmannschaften den Zug von Größe. Ein Jeder fühlte, daß hier eine gewaltige Weltanschauung zum Kampf gerüstet steht, ein Jeder fühlte, daß unser Glaube uns in diesem Augenblick die Kraft zur äußer st en Konsequenz, zu schwerster Entscheidung gab, ein Jeder auch fühlte, daß nicht nr die von den siebzig Delegierten vertretenen Misrachisten, daß die ganze Masse des thoratreuen Judentms hinter uns stand, daß die jahrtausendjährige Geschichte. unseres Volkes selbst das vernichtende Votum sprach." Wo „die ganze Masse des thoralreuen Judentums" steht, das haben die Wiener Tage gezeigt, und sie zeigten auch, was ihre berufenen Vertreter von Misrachi erwarten: nämlich, daß er erwache und die Kraft aufbringe, deren er sich rühmt, die Kraft zur äußersten Konsequenz . . . Rausch Haschonoh in den Psalmen. Von Willy Wolf in Köln. Es ist an sich bemerkenswert, daß uns im Psalmbuche Verse begegnen, in denen die Bedeutung des Rausch Haschonoh zum Ausdruck gelangt. Unsre Aufmerksamkeit wird aber in besonderem Maße durch drei Stellen gefesselt, die in der Ueberlieferung durch wichtige Angaben ausgezeichnet sind und deren gemeinsamer Gedanke, wie es scheiß, Anfang und Ende der Geschichte Israels und der Menschheit berührt. In der Reihe dieser Psalmen erscheint zuerst der dreiunddreißigste. Ihm entlehnt die Mischnah (Rausch Haschonoh I, 2) einen Vers zum Beweise, daß am Rausch Haschonoh die ganze Menschheit vor Gott gleichsam wie eine Herde Schafe vorüberzieht. Es heißt nämlich in diesem Kapitel: „Der gemeinsam bildet ihr Herz, schaut aus alle ihre Taten" — ein. Vers, der die Wahrheit in sich birgt, daß Gott, der Schöpfer der Menschheit, zugleich ihr Richter ist. Wir erneuen daraus am Beginne des Jahres die Erkenntnis, daß die ganze Menschheit um ihres göttlichen Ursprungs willen für ihr Tun und Lassen Gott gegenüber die Verantwortung trägt. Daran schließt sich der Reihenfolge und dem Sinne entsprechend der einundachtzigste Psalm. Es ist der klassische Rausch Haschonoh-Psalm, den im Tempel die Leviten an diesem Feste sangen (Rausch Haschonoh 30 b). Er spricht von der Schauforpflicht des Rausch Haschonoh, die „ein Gesetz für Israel" darstellt, und ein Angebinde, daß' der „Gott Jacobs sein Volk richtet". Dann schildert er die grundlegende Bedeutung der Erlösung aus Aegypten und legt uns mithin am Jahresanfang den Gedanken nahe, daß Israel als Volk eine besondere, unmittelbare Schöpfung Gottes und infolgedessen Seinem im Schauforklange versinnbildlichten Worte in besonderer Weise verpflichtet ist. Wie aber diese Psalmen auf den Moment zurückgreifen, in welchem die Menschheit im allgemeinen und Israel im besonderen ins Dasein traten, so faßt der achtundneunzigste Psalm, der letzte unsrer Betrachtung, das Ende der Zeiten ins Auge. Er scheint aus zwei Teilen zu bestehen, von denen der erste die messianische Zeit feiert und sich dahers als ein „volles neues Lied" ankündigt, wie es nach der Lehre der Weisen nur dieser Zeit der Vollendung geziemt. „Gott hat Wunderbares vollbracht, seine Hilfe bekundet, vor den Augen der Völker seine Gerechtigkeit offenbart. Er hat seine Liebe und Treue dem Hause Israels gedacht, — geschaut haben alle Enden der Erde die Hilfe unsres Gottes." Israel ist für immer vom Galuth befreit. Diese Tatsache ist auf weitem Erdenrunde für alle Völker zu einem Erlebnis geworden, um dessentwillen sie der Psalmist zu sangesfroher Gotteshuldigung begeistern möchte. „Singet Gott mit der Harfe-—. Mit Trompeten und Schauforklang wecket Huldigung vor dem König, Gott!" Dann folgt die zweite Hälfte des Psalms. „Das Meer stürmt, die Welt und ihre Bewohner sind in Wallung, Ströme und Berge bezeugen ihre Freude, weil Gott einzieht, die Erdwelt zu richten — — —". Welch ein Gegensatz zwischen beiden Teilen unsres Psalmliedes! Dort die Vollkommenheit der messianischen Zeit nach beendigtem Galuthleide, hier die Vorbereitung auf das erst hereinbrechende Weltgericht! Ist das nicht die Zeit, in welcher Israel sein Ziel gefunden, während die Menschheit noch ihrer Läuterung zu wahrer Vollendung harrt? Der Vers aber, welchen die Ueberlieferung aus unserm Psalm mit Rausch Haschonoh verwoben, ist der bereits erwähnte: „Mit Trompeten und Schauforklang wecket Huldigung vor dem König, Gott." Mit diesem Verse hat es folgende Bewandtnis^ Während der Schaufor durch göttliche Vorschrift .für alle Zeiten dem Rausch Haschonoh gewidmet ist, galt die Trompete in gewissem Sinne als Merkmal des Fasttages. Indes im Tempel ertönten sowohl am Rausch Haschonoh als auch am Fasttage beide Instrumente zugleich, weil es in unserm Verse heißt: „Vor dem König, d. h. im Tempel, an der Statte, an welcher Gottes unumschränkte Herrschaft vorbildlich waltet, huldiget Ihm mit Trompeten und Schauforklang." Nur diese einzige ragende Stätte war dem Ideale angepaßt. das aus dem Zusammenklang der beiden Instrumente zu uns spricht. Da trat am Rausch Haschonoh der Gedanke hervor: die ganze Menschheit steht heute vor Gott, aus seinen Händen erbittet Israel Glück und Gedeihen und sieht gleichzeitig mit vollem Ernste der Tatsache ins Auge, wenn je im Ablaufe des Jahres durch Israels Unzulänglichkeit einmal das Gegenteil eintreten und der Feiertag sich daher in Fasttag verwandeln sollte, so ist Israel schon heute mit vollem Bewußtsein darauf vorbereitet und dessen eingedenk, daß das Glück nur im Gehorsam gegen Gottes Gesetz wurzelt. Und wenn ein solcher aus Not geborener Fasttag Wirklichkeit würde, so käme in der Verbindung von Trompete und Schaufor die trostreiche Wahrheit zum Ausdruck, daß das Mißgeschick kein Spiel des Zufalls, sondern durch Israels Abkehr vom göttlichen Willen verursacht ist und von Gott bereits am Rausch Haschonoh vorausbestimmt wurde, und wie sich im Tempel in voller Darstellung des Ideals am Rausch Haschonoh mit der Freude und Freiheit des Schaufor der Ernst dem Trompete vereinigt, so ertönt am Fasttage mit der schmetternden Trompete zugleich die bessere Zukunft verheißende Zuversicht des Schaufor. Der Vers jedoch, dem unsre Weisen (Rausch Haschonoh III, 3 u. 4) die Zusammengehörigkeit der beiden Instrumente im Heiligtum entnommen, ist der Ausklang der ersten Hälfte unsres Psalms. Gott hat in der Befreiung Israels aus jahrtausendelangem Galuth in solchem Maße seine Allmacht gezeigt, daß der Psalmist den Völkern der Erde, die sie insgesamt geschaut, zuruft: „Nun huldiget dem absoluten König, dem Schöpfer und Erhalter der Welt, mit Trompeten und Schauforklang!" Und diese weltgeschichtliche göttliche Allmachtstat der Befreiung Israels, der Beginn der messianischen Zeit, hat auf die allgemeine Menschheit einen solch tiefen Eindruck ausgeübt, daß sie im Geiste den: Rufe von Trompete und Schaufor Folge leistet, daß sie im Verein mit der gesamten Erdwelt in froher Erwartung das göttliche Weltgericht herbeisehnt, aus welchem auch ihr der ewige Friede und das wahre Glück erblühen werde. Es ist der große Rausch Haschonoh, den die Menschheit erwartet, der große Tag, zu welchem der alljährliche Rausch Haschonoh in all den Jahrtausenden die Vorstufe gebildet. Es Was reden noch? Was soll der Menschlein Wort? Der Heilige wird neu die Schöpfung formen Ein Iahrbeginn, ein Zeitbeginn wird wieder- Wir warten, Gott, wir warten, warten, warten- Wiener Aufnahmen. Die gute Donaustadt ist immer noch gut, trotz allem Gegenteiligen, das auch in diesen Blättern über sie gesagt wurde. Die Menschen, wenigstens in der Leopoldstadt, sind alle gut und freundlich und erteilen erbetene Auskunft mit größter Umständlichkeit und gesprächiger Höflichkeit. Eine Woche lang und mehr sah man Gestalten durch die Straßen wallen, die durch Art und Kleidung selbst in Warschau und Jerusalem Aufsehen erregen müßten, ohne daß sie je auf eine Belästigung oder nur ein gehässiges Wort gestoßen wären. Der Wachmann, der vor dem Saale über die Ordnung wacht, sagt: „Bitte schön die Herren, nicht drängen!", oder gar: „Bitte zurück die Gnädige!" . . Man hat das Gefühl, er würde selbst, wenn er einen Renitenten am Kragen packt, immer noch sagen: „Ich habe die Ehre!" . . . Die Cafehäuser sind vom Morgen bis zum Abend und fast auch von abends bis morgens überfüllt. Wien ist die Stadt der Cafes und in den Verkehrsstraßen der Leopoldstadt ist jedes dritte Haus — fein Cafe. Da ergibt es sich von selbst, daß sich auch jüngere Agudisten des Westens in den Zwischenpausen in dem einen oder anderen Cafe treffen, das somit in das Zeichen der Kenessio gestellt wird. Sieht man sich unter den Wienern um, so gewahrt man überall ruhige, zufriedene Gesichter, obwohl man auch hie und da ein Bild des Elends und des Hungers sieht. Die 5000 Kronen für den Tee imponieren nur dem Deutschen, der sie im Gedankensluge mit „siebenzig" umrechnet. Der Wiener nimmt es ruhig hin, als wäre es immer so gewesen. Man hört hier die Menschen kaum klagen, und auch noch von anderen Dingen sprechen als von Dollar und Geschäft. Es dürste kaum eine Stadt in Europa geben, die sich mit der Lage so abgefunden hat wie Wien. Die Preise sind hoch, aber sie rücken nicht mehr höher, die Krone ist tief, aber sie sinkt nicht mehr tiefer. Es ist die Stadt des wertbeständigen Elends ... Vor dem Kongreßsaal ist immer großes Gedränge. Besonders am Sonntag nachmittag sieht man da Viele, die nicht hineingehören, und auch nicht hinein können, denn die Postenkette der Ordner ist so lückenlos, wie einstmals an der Grenze nach dem heiligen Rußland. Man sieht auch viele Nichtjuden, die aus den anderen Bezirken gekommen sind, um sich den „Judenkongreß" anzusehen . . . Man spricht das Wort ohne Haß und Verachtung aus, höchstens mit einiger Neugierde. Fährt ein Auto oder ein Wagen an, dem eine östliche Größe entsteigt, so drängt sich alles vor, und der Name geht von Mund zu Mund. In Wien find Langröcke und Langbärte keine erotischen Erscheinungen ... Am P r e s s e t i s ch geht es immer sehr lebhaft zu. Wir werden zuweilen von oben „die erste Großmacht" genannt. Aber großmächtig sehen die Potentaten der Feder nicht gerade alle aus. Es sind im Gegenteil zumeist kleine Gestalten, denen dichterische Wehen und Tarifsorgen ein etwas in sich gekehrtes Wesen verliehen ... Aber es sind auch gutgenährte Amerikaner und steile, eckige, schnurrbartlose Engländer dabei. Prcssetische sind in allen Parlamenten und auf allen Kongressen nebenbei auch Tummelplätze für allerlei Abenteurer und Kongreßbummler; für Ehrengäste, deren Ehrenplatz schon besetzt ist, und auch andere weniger ehrenvolle Gäste, die sich sogar gern mit fremden Federn schmücken — die Federn auf dem Tische sind von Sitzung zu Sitzung zumeist verschwunden . . . -g- Aber das Eros der hier sitzenden Männer ist doch mit Leib und Geist dabei, ist seelisch an den Vorgängen vielleicht mehr interessiert, als für die sachliche Berufsübung nützlich ist. Und manch einer von ihnen vergißt, von einer Sturzwelle der Begeisterung gepackt, im entscheidenden Moment das Notieren . . . Nicht leicht haben es die nichtjüdischen Kollegen, die über eine ihnen wildfremde Materie auf Grund ihnen unverständlicher Dialektworte ihren Zeitungen berichten sollen. Sie verstehen nur wenig und dieses Wenige mißverstehen sie. Aber auch sie sind zuweilen mitgerissen. Sie stehen wie alle Anderen auf, wenn der „Gerer" in den Saal tritt, und am Eröffnungsabend borgte sich mein blondes Gegenüber mit dem gewaltigen Schnauzbarte bei mir ein Käppchen aus — als der Chofez Chajim die Tribüne bestieg . . . Familiermachrichten. Goldene Hochzeit. Umgeben von seinen Kindern und Enkeln, feierte in seltener Frische Herr Salomon Schuhmann und Frau das Fest der goldenen Hochzeit. Zuwe nduegeii für den Lubawitzer und seine 3 D'O'1!#'1!v Russland und Palästina nimmt entgegen Philipp Wolff, Frankfurt a. ftä* Sclvvvanenstrasse 6 Postscheck-Konto 55043.

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